Macht und Gewalt. Anwendung der Theorie Hannah Arendts auf die Revolution in Ägypten 2011


Hausarbeit, 2015

19 Seiten, Note: 2,0

Kristin Kuhn (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Macht versus Gewalt gleich Revolution? Begrifflichkeiten nach Hannah Arendt
2.1 Macht - Alle gegen Einen oder Einer gegen Alle?
2.2 Gewalt - der Schlüssel einer erfolgreichen Herrschaft?
2.3 Revolutionen - ein Gefecht aus Macht und Gewalt?

3. Anwendung der Arendt’schen Theorie. Revolution in Ägypten
3.1 Wer hat hier welche Macht? Räumung des Tahrir-Platzes in Kairo
3.2 Welle der Gewalt- Ägypten am Abgrund? Blutbad auf dem Rabaa-Platz

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetquellen

1. Einleitung

Der Begriff Macht als solcher ist nur schwer zu fassen, weshalb laut Arendt viele große Denker die Begriffe Macht und Gewalt miteinander vermischen und sie nicht klar voneinander abgrenzen.1 Während Max Weber Macht als die Durchsetzung der eigenen Interessen auch gegen Widerstände anderer begreift und Macht als solche auch einzelnen Personen zugesteht, sieht Hannah Arendt Macht nur als gegenseitiges Einverständnis einer Gruppe. Weber setzt im Gegenteil zu Arendt ein zu erreichendes Ziel bereits voraus, während für Arendt Macht nie ein Einzelner besitzen kann - im Gegenteil - Macht ist für sie nur solange existent wie eine Gruppe zusammenhält.

Hannah Arendt ist eine politische Theoretikerin gewesen, deren Werke von politischen Katastrophen und kritischen Konfrontationen der Philosophie des 20.Jahrhunderts entstanden sind.2 Arendt erfährt in der Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten die Einwirkung von Macht und Gewalt, wovon ihr späteres Denken und Handeln geprägt sind. Die Bücher » Ü ber die Revolution « und » Macht und Gewalt « sollen für die Bearbeitung dieser Hausarbeit dienen. In » Ü ber die Revolution « analysiert, interpretiert und vergleicht Arendt die Französische und Amerikanische Revolution, wodurch Arendt zu ihrem Revolutionsbegriff gelangt. In » Macht und Gewalt « kritisiert sie die fehlende Abgrenzung der Begriffe Macht und Gewalt voneinander und definiert sie mit handfesten Unterscheidungsmerkmalen nach ihrem eigenen Verständnis neu. Dementsprechend sind Macht und Gewalt für Arendt eigenständige Begriffe.

Versucht man Macht zu definieren oder zu deuten, muss man feststellen, dass es zahlreiche Theorien von Macht gibt, die von willkürlichen über effektive und kommunikative Interpretationen reichen. In dieser Hausarbeit soll versucht werden, das theoretische Machtkonzept von Hannah Arendt zu beschreiben und zu analysieren. Die Begriffe Macht, Gewalt und Revolution auf dem Verständnis von Arendt sollen definiert werden. Ebenso stellt sich die Frage inwiefern Arendts Definitionen in Hinblick auf andere Theorien unterschieden und abgegrenzt werden können. Diese Frage ist insofern interessant, weil Hannah Arendt von einem produktiven und kommunikativen Machtbegriff ausgeht; Macht und Gewalt voneinander abgrenzt und damit gegen repressive, bereits existierende Machtbegriffe wie zum Beispiel die von Max Weber geht.

In der Hausarbeit sollen die theoretischen Erkenntnisse auf zwei reelle Beispiele aus dem aktuellen Konflikt in Ägypten (2011) angewendet werden. Hierbei kommt die interessante Frage auf, was passiert, wenn während einer Revolution Macht und Gewalt direkt aufeinandertreffen und sich der Herrschende durch Gewalt Macht verschaffen will?

Nach der Analyse sollen am Ende die Begriffe Macht und Gewalt erneut zusammengetragen werden und zeigen, ob Arendts Überlegungen zutreffen, Lücken vorhanden sind und Widersprüche gefunden werden können. Anschließend werden in einem Fazit alle zentralen Erkenntnisse zusammengefasst, Arendts Machtbegriff bewertet und noch offene Fragen aufgezeigt.

2. Macht versus Gewalt gleich Revolution? Begrifflichkeiten nach Hannah Arendt

In diesem Abschnitt werden die zentralen Begriffe Macht, Gewalt und Revolution nach Hannah Arendt definiert und analysiert. Sie grenzt die Begriffe im Vergleich zu anderen Theoretikern wie Max Weber und Voltaire, aber auch der Politikwissenschaft klar voneinander ab und macht dadurch eine Unterscheidung erst möglich. Laut Arendt kommt die Gleichsetzung der beiden Begriffe Macht und Gewalt daher zustande, weil die Politik nur mit Herrschaft in Verbindung gebracht wird.3 Dadurch entsteht laut Arendt ein falscher Eindruck, der es ermöglicht Macht und Gewalt gleichzusetzen.4

2.1 Macht - Alle gegen Einen oder Einer gegen Alle?

„Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält.“5

Hannah Arendt setzt mit diesen Worten die produktive Funktion des Machtbegriffs voraus. Das Entstehen von Macht ist folglich nur möglich, wenn gemeinschaftliches Handeln von Menschen entsteht. Ohne Zusammenarbeiten von Menschen, gibt es auch keine Macht. Ebenso ist Macht keine Basis und kann aus diesem Grund nicht auf gesellschaftlichen Rückhalt verzichten. Zu der Zeit Arendts wurde der Machtbegriff mit dem eines Besitztums definiert. Dieses Phänomen „Macht eines Individuums“ sei laut Arendt darauf zurückzuführen, weil „er von einer besti. mmten Anzahl von Menschen ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln […] potestas in populo“6. Ihr eigenes Verständnis von Macht geht auf einen Begriff zurück, „dessen Wesen nicht auf dem Verhältnis zwischen Befehlenden und Gehorchenden beruht […].“7 Sie verweist als Beispiel das „Antike Rom“ mit seiner „res publica“ und auf die Polis im antiken Griechenland. Die Polis schaffe den Raum, in dem die Menschen frei und gleich miteinandersprechen und handeln können. Beide Beispiele zeigen auf, dass Macht kein Besitztum ist, sondern ein kollektives und gemeinschaftliches Handeln der Bürger. „Macht besitzt eigentlich niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen.“8 Mit diesem Modell unterscheidet sich Arendt klar von ihren Vorgängern.

Max Weber definiert Macht als „eine Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“.9 Auch Voltaire geht wie Weber von einem instrumentellen Machtbegriff aus: „Macht besteht darin, andere zu veranlassen, so zu handeln, wie es mir beliebt.“10 Arendt hingegen sieht Macht als eine weltbildende Fähigkeit des Individuums an, der gemeinsam versucht durch Geben und Einhalten von Versprechen, Kooperationen zwischen Menschen aufzubauen . Arendt sagt, „Macht wird stabilisiert und in der Existenz gehalten durch die mannigfaltigen Formen des Sich-einander-Bindens, durch die Versprechen und Bünde und Verfassungen. Wo immer es Menschen gelingt, die Macht, die sich zwischen ihnen im Verlauf einer bestimmten Unternehmung gebildet hat, intakt zu halten, sind sie bereits im Prozess des Gründens begriffen.“11 Weber hingegen ist der Meinung, dass Menschen aufgrund von Macht ihre persönlichen Interessen und Absichten auch gegen den Widerstand anderer Individuen verwirklichen können. Für ihn ist Macht eine „Verfügungsgewalt über Mittel, die die Einflussnahme auf den Willen eines anderen gestatten.“12 Demnach sind Sanktionsmaßnahmen, physische Kräfte etc. Beispiele dafür, dass das Individuum seine Absichten, Ziele sowie Interessen durchsetzen und letztlich erreichen kann.13 Dieses Phänomen bezeichnet Hannah Arendt als Gewalt.

Um Unklarheiten gar nicht erst entstehen zu lassen, hat Arendt zusätzlich den Begriff „Autorität“ von Macht abgetrennt. Dies ist ihr insofern wichtig, da dem Wort Autorität viele verschiedene Bedeutungen zukommen. Autorität ist für sie „das begrifflich am schwersten zu fassende Phänomen und daher das am meisten mißbrauchte Wort.“14 So unterscheidet Arendt die Autorität einzelner Individuen wie die der Lehrer und der Schüler und Schülerinnen oder die der Eltern und ihren Kindern. Als Beispiel führt Arendt auch die herrschende Autorität des Senatsamtes im antiken Rom auf. „Ihr Kennzeichen ist die fraglose Anerkennung seitens derer, denen Gehorsam abverlangt wird. Sie bedarf weder des Zwanges noch der Überredung.“15 Gerade dieses Zitat ist ausschlaggebend für die notwendige Abtrennung der beiden Begriffe Autorität und Macht, da für Arendt Macht nur dort entstehen kann, wo ein freiwilliges Zusammenkommen von Menschen stattfindet, die ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Über Arendts Verständnis des Machtbegriffs lässt sich sagen, dass für sie niemals ein einzelnes Individuum an Macht verfügt, sondern nur, wenn das Individuum von anderen Individuen dazu befugt wird. Demnach dient Macht lediglich einem Selbstzweck und kann nur aufgrund des Zusammenschließens und im Einvernehmen der Menschen gemeinsam zu handeln, existieren. Macht ist demzufolge nur solange existent, wie die Gruppe zusammenhält.16 „Alle gegen einen“ ist für Arendt „der Extremfall der Macht“ und letztlich die schlechteste Konstellation.17 „Einer gegen Alle“ ist dagegen „der Extremfall der Gewalt“.18

2.2 Gewalt - der Schlüssel einer erfolgreichen Herrschaft?

Hannah Arendt kritisiert einerseits, dass es keine klare Abgrenzung zwischen Macht und Gewalt gibt und, dass der Begriff Gewalt in der Vergangenheit nicht angemessen wissenschaftlich untersucht worden ist. Ersteres ist der Grund dafür, weshalb Arendt Theorien von ihren Vorgängern bemängelt, da diese Macht mit Gewalt gleichsetzen und Gewalt somit „die eklatanteste Manifestation von Macht“19 sei. „Alle Politik ist Kampf um die Macht; aufs höchste gesteigerte Macht ist Gewalt.“20 Arendt bezweifelt den Zusammenhang. Für sie entspricht die politische Macht nur dann der organisierten Staatsgewalt, wenn der Staat lediglich Mittel zum Zweck ist. Sprich, wenn die Herrschenden den Staat als Mittel zur Unterdrückung missbrauchen. Max Weber definiert den Staat als „ein auf das Mittel der legitimen (das heißt: als legitim angesehenen) Gewaltsamkeit gestütztes Herrschafts verhältnis von Menschen über Menschen“21 und für ihn wird jeder Staat auf Gewalt gegründet.22 Karl Marx sieht Gewalt als „Geburtshelferin der Geschichte“23 an, die er vor allem in Hinblick auf Revolutionen verknüpft. Marx aber sagt auch, dass der Auslöser einer Revolution in den Widersprüchen einer Gesellschaft und nicht bei der Gewalt an sich liegt.

Laut Arendt hängt die Macht immer von Zahlen ab „während die Gewalt bis zu einem gewissen Grade von Zahlen unabhängig ist, weil sie sich auf Werkzeuge verlässt[sic].“24 Eine einfache mit Macht versetzte Mehrheitsherrschaft kann so Minderheiten ohne jegliche Gewaltanwendung unterdrücken.

[...]


1 Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S 36f.

2 Vgl. Arendt, Hannah: Fernsehgespräch mit Günter Gaus (1964). In: Arendt, Hannah: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk. Hrsg. von Ursula Ludz. München 1996. S.44

3 Arendt, Macht und Gewalt S.45

4 Ebd. S.

5 Arendt, Macht und Gewalt, S.45

6 Ebd.

7 Ebd. S.41

8 Arendt, Hannah: Vita Activa oder Vom tätigen Leben, 5.Aufl., München 1981, S.194

9 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Grundriss d. verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage, Studienausgabe, 14.-18.Tausend, Tübingen: Mohr 1980, S.28

10 zit. nach Arendt, Macht und Gewalt, S.37

11 Arendt, Hannah: Über die Revolution, München 1963, S.227

12 Habermas, Jürgen: Philosophisch-politische Profile, 1984, S.229

13 Vgl. ebd.

14 Arendt, Macht und Gewalt, S.46

15 Ebd.

16 Vgl. Arendt, Macht und Gewalt, S.45

17 Vgl. ebd. S.43

18 Ebd.

19 Ebd. S.36

20 Ebd. zitiert C.Wright Mills: The Power Elite, New York 1956, S.171

21 Ebd. zit. Max Weber: Politik als Beruf, 1921

22 Vgl. Arendt, Macht und Gewalt, S.36

23 Marx, Karl/Engels, Friedrich: Werke, Band 20, Berlin 1975, S.171

24 Arendt, Macht und Gewalt, S.43

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Macht und Gewalt. Anwendung der Theorie Hannah Arendts auf die Revolution in Ägypten 2011
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V311912
ISBN (eBook)
9783668113510
ISBN (Buch)
9783668113527
Dateigröße
926 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht und Gewalt, Revolution, Ägypten, Hannah Arendt, Macht, Gewalt
Arbeit zitieren
Kristin Kuhn (Autor), 2015, Macht und Gewalt. Anwendung der Theorie Hannah Arendts auf die Revolution in Ägypten 2011, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311912

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