Was versteht man unter Humanismus - oder unter Humanismus im Kontext der deutschen Nachkriegszeit? Wie wurde, der Begriff, in der unmittelbaren Nachkriegszeit verwendet? In welchen Zonen, von welchen Gruppen wurde der Begriff zu einem Leitmotiv erhoben und wie wurde dies umgesetzt?
Ich möchte mich dabei auf die Verwendung des Begriffes Humanismus in den Ostzonen und der DDR konzentrieren. Nicht nur, um dem Umfang durch eine Spezialisierung gerecht zu werden, sondern besonders wegen der Kritik des Schriftstellers Günter Grass (geb.1927). Er tadelte 1982, dass der "ostdeutsche Humanismus" zu wenig beachtet werde, weil der westliche Bilderkanon zu stark dominiere. Weiters ist die von der SED seit ihrer Gründung 1946, besondere politische Verwendung des Begriffes hochinteressant und unterscheidet sich zur Verwendung in den Westzonen bzw. im späteren "Westblock" sehr stark.
Der Begriff Humanismus diente als besonderer "sozialistischer Humanismus" der kulturellen Legitimation der DDR. Intellektuelle Zeitgenossen waren erstaunt über das Engagement deutscher Literaten den Humanismus mit dem Kommunismus bzw. dem Sozialismus zu verschmelzen. Unmittelbar nach dem Krieg arbeitete die sowjetische Besatzungsmacht daran den Humanitätsbegriff als Gegenbegriff zum Faschismus zu präsentieren. Diese eigenwillige Konnotation von Humanismus löste sicherlich einige Verwunderung bei den deutschen Zuhörern dieser Zeit aus, war doch erst im Aufbau des Sozialismus eine größere Nähe zur Begriffsgeschichte hergestellt worden.
Später in der DDR wurde der Begriff Humanismus in seiner Funktion und Aussagekraft so gewandelt wie es das Parteiprogramm der SED verlangte. Es wurde vermutlich in keinem Land der Welt so intensiv und hochpolitisch diskutiert, der Begriff in der breiten Bevölkerung "verankert" und so mannigfaltig verwendet wie in der DDR.
Der vormals eher elitär genutzte Begriff Humanismus, seine Verbreitung im Bürgertum und seine praktische Anwendung in den Humanistischen Gymnasien sollte eine Wandlung erfahren. Die "rein geistige Bewegung, vorwiegend einer dünnen hochgebildeten Schicht" sollte in der Arbeiterklasse verankert werden. Dieser Prozess soll im Weiteren nachgezeichnet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen
3. Begriffsgeschichte
4. Unterbegriffe
5. Anwendbarkeit auf die beiden deutschen Teilstaaten
5.1 Die Entstehung des Sowjethumanismus
5.2 Der Sozialistische Humanismus
5.3 Humanistischer Demokratismus
5.4 Humanismus in der SBZ
5.5 Der echte Humanismus – Marxistischer Humanismus
5.6 Der Kulturbund
5.7 Humanismus und Sozialismus
5.8 Humanismus in der Verfassung
5.9 Humanismus in der Schulpolitik
5.10 DDR – Kulturpolitik und Humanismus
5.11 Der Mauerbau als "humanistische Tat"
6. Gegenwartsbezüge
7. Zusammenfassung
8. Quellen/ Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verwendung des Begriffs "Humanismus" in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sowie in der DDR als politisches Leitmotiv und Schlagwort. Ziel der Untersuchung ist es, die ideologische Umdeutung und Instrumentalisierung des Humanismusbegriffs durch die SED zur kulturellen Legitimation des Staates im Kontext des Kalten Krieges und im Vergleich zur westdeutschen Wahrnehmung aufzuzeigen.
- Historische Genese und Definition des Humanismusbegriffs im 20. Jahrhundert
- Ideologische Differenzen zwischen "sozialistischem Humanismus" und westlicher Tradition
- Rolle des Kulturbundes als parteipolitisches Instrument der SED
- Verankerung humanistischer Ziele in Schulpolitik und Verfassung der DDR
- Instrumentalisierung kulturpolitischer Leitbilder zur staatlichen Abgrenzung
Auszug aus dem Buch
5.1 Die Entstehung des Sowjethumanismus
Das Thema Humanismus wurde von außerhalb, aus dem Westen, provoziert durch den Pariser Kulturkongress 1935, durch deutsche Emigranten nach Moskau gebracht. Als übersetzende Hauptperson kann der intellektuelle Parteifunktionär Alfred Kurella angesehen werden. In der in Moskau erscheinenden Kulturzeitschrift "Das Wort" und "Internationale Literatur (IL)" wurde das Thema aufgegriffen. 34 Hugo Huppert meinte dazu: "Die I.L. ist international im Sinne der neuen Humanität, die getragen ist vom Lebens- und Friedenswillen der werktätigen Schichten aller Völker" 35 In einem Leitartikel der Prawda vom 21.Juni 1935, zum Anlass der Eröffnung des Pariser Kongresses, wird zum Sowjethumanismus Stellung bezogen. Alfred Kurella stellt in seiner deutschen Übersetzung eine Erklärung voran, um den ungewöhnlichen Gegenstand besser darstellen zu können:" Der Aufsatz bringt in knapper Form die Ideen des Sowjethumanismus zum Ausdruck, die sich auf die große Lehre von Marx-Engels-Lenin-Stalin gründen." 36 Der Sowjethumanismus stellt grundsätzlich die Vorzüge und die Überlegenheit der Sowjetunion in das Rampenlicht. Die wichtigste Botschaft dabei ist jedoch, dass Humanismus kein revisionistischer Begriff ist und der wahre Humanismus nur unter der Führung der Partei und ihrem Personal möglich ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Humanismusverwendung in der DDR-Geschichte und Begründung der Themenwahl aufgrund der Vernachlässigung ostdeutscher Diskurse.
2. Definitionen: Klärung der Begriffe "Leitmotiv" und "Schlagwort" sowie Definition des Humanismus im historischen und politischen Kontext.
3. Begriffsgeschichte: Darstellung der Entwicklung des Humanismusbegriffs von der Renaissance über den Neuhumanismus bis hin zur Interpretation durch Marxisten und die SED.
4. Unterbegriffe: Analyse der Begriffe "Humanität" und "Unmenschlichkeit" und deren Bedeutung im Bildungsdiskurs der Nachkriegszeit.
5. Anwendbarkeit auf die beiden deutschen Teilstaaten: Untersuchung des Humanismusverständnisses in SBZ und DDR, inklusive spezifischer Teilaspekte wie Kulturpolitik, Schulwesen und Verfassungsdebatten.
6. Gegenwartsbezüge: Kurzer Ausblick auf moderne Diskurse wie Transhumanismus und Posthumanismus im Vergleich zur historischen Begriffsverwendung.
7. Zusammenfassung: Synthese der Forschungsergebnisse über die Instrumentalisierung des Humanismus als politisches Werkzeug der SED bis zur Gründung der DDR.
8. Quellen/ Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Literatur für die wissenschaftliche Untersuchung.
Schlüsselwörter
Humanismus, DDR, SBZ, Sozialismus, SED, Kulturpolitik, Marxistischer Humanismus, Sowjethumanismus, Ideologie, Bildungsreform, Einheitsschule, Arbeiterklasse, Antifaschismus, Sozialistischer Realismus, Realer Humanismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert, wie der Begriff "Humanismus" in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR als ideologisches Leitmotiv und politisches Schlagwort verwendet wurde, um den sozialistischen Staat kulturell zu legitimieren.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Arbeit behandelt die Begriffsgeschichte, die Abgrenzung zum westlichen Humanismusverständnis, die Rolle des Kulturbundes sowie die Implementierung humanistischer Ideale in der DDR-Schulpolitik und Verfassung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die SED den Humanismusbegriff instrumentalisierte, um eine neue gesellschaftliche Identität zu schaffen und sich vom "christlich-abendländischen" Humanismus der Westzonen abzugrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse historischer Dokumente, Parteizeitschriften, Reden von SED-Funktionären und zeitgenössischer Literatur, um die ideologische Entwicklung des Begriffs nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Unterkapitel, die den Einfluss der sowjetischen Ideologie, die Rolle der Intellektuellen im Kulturbund sowie konkrete kultur- und schulpolitische Maßnahmen der SED beleuchten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Humanismus, DDR, Ideologie, Sozialismus, Kulturbund und Marxistischer Humanismus präzise beschreiben.
Wie unterschied sich das Humanismusverständnis in der DDR von dem im Westen?
Während im Westen der Begriff oft religiös geprägt mit dem "christlich-abendländischen" Erbe verknüpft war, interpretierte die DDR den Humanismus als "realen" oder "sozialistischen Humanismus", der untrennbar mit der Lehre von Marx und dem Klassenkampf verbunden war.
Welche Bedeutung hatte der Kulturbund für die DDR?
Der Kulturbund diente zunächst als offenes Sammelbecken für Intellektuelle, wurde jedoch ab 1947 zunehmend von der SED parteipolitisch okkupiert und zu einer Institution zur ideologischen Umerziehung umgeformt.
Warum wird der Mauerbau im Buch als "humanistische Tat" bezeichnet?
Die SED legitimierte den Mauerbau propagandistisch als Schutzmaßnahme für den Frieden und als Akt, der den "Humanismus" der DDR vor einer vermeintlichen Bedrohung bewahren sollte, um den Machterhalt zu sichern.
Welche Rolle spielte die Bildungspolitik bei der Etablierung des Humanismusbegriffs?
Die Schule wurde als Ort der "humanistischen Bildung" instrumentalisiert, wobei insbesondere die Einführung der Einheitsschule dazu dienen sollte, die Jugend im Geiste des Sozialismus zu erziehen und ein neues, kollektives Bewusstsein zu schaffen.
- Quote paper
- Markus Wawruschka (Author), 2015, Humanismus als Schlagwort und Leitmotiv der deutschen Nachkriegsgeschichte 1945 – 1949, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312085