"Ich tue mich schwer damit“. Homosexuelle Fortpflanzung und das Kindeswohl


Hausarbeit, 2015
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Homosexuelle Fortpflanzung und Kindeswohl
2.1 Homosexuelle Familiengründung
2.2 Regenbogenkinder im Kreuzfeuer der öffentlichen Diskussion

3. Regenbogenfamilien in der Forschung
3.1 Kritische Stimmen
3.2 Positive Forschungsergebnisse und Regenbogenfamilien als Chance für das Kind
3.2.1 Nationale Forschung als Fixpunkt in der Debatte um Regenbogenfamilien
3.2.2 Internationale Forschung – ACHESS und positive Kindheitsentwicklung

4. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Ich tue mich schwer damit“ lautete die Antwort der Bundeskanzlerin Merkel auf die Frage, ob sie für oder gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtlich lebende Ehepaare sei (Merkel in ARD-Wahlarena, 0:49). Die Frage wurde einige Tage vor den Bundestagswahlen 2013 im Rahmen des ARD-TV-Formats „Wahlarena“ von einem homosexuellen Mann aus dem Publikum an die sich mitten im Wahlkampf befindende Bundeskanzlerin gerichtet. Die verhaltene Reaktion Merkels sowie ihre evidente Unsicherheit und beinahe verzweifelte Suche nach Worten, spiegelt exakt jene Brisanz der gleichgeschlechtlichen Familiengründung wider, die diese äußerst sensible, aber in ihrer Aktualität unbestreitbare Thematik in der Gesellschaft nach wie vor hat.

Als der Mann, der laut eigenen Aussagen seit zehn Jahren mit seinem Partner zusammenlebt (ebd., 0:06), Frau Merkel nach den Gründen fragt, weshalb sie der Meinung sei, dass Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften nicht genauso gut aufwachsen würden wie in Paaren aus Männern und Frauen (ebd., 1:40), antwortet Merkel prompt, dass es sich um eine kontroverse Diskussion (ebd., 1:51) handle und es um die Frage des Kindeswohls in „solchen“ Beziehungen gehe (ebd., 1:56). Als kontrovers erweist sich dabei nicht nur die Diskussion um homosexuelle Fortpflanzung und Familiengründung, sondern die Stellungnahme der Kanzlerin selbst: Beteuert sie auf die Frage nach dem Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare zuallererst, dass sie gegen Diskriminierung sei (ebd., 0:36) und sehr wohl wisse, dass in den Partnerschaften dieselben Werte gelebt werden wie in heterosexuellen Beziehungen (ebd., 0.41), lehnt sie aber unter Berufung auf das Kindeswohl die völlige Gleichstellung Homosexueller ab und stellt so – es sei der schwule Diskussionspartner zitiert – „ihr Familienbild und das Familienbild der CDU über den Gleichheitsgrundsatz“ (ebd., 2:44).

Die dargestellte Diskussion steht exemplarisch für die ambivalente Haltung gegenüber Homosexualität in der Gesellschaft, die es aus politischer Korrektheit als Lebensform zwar zu tolerieren gilt, aber sobald Kinder ins Spiel kommen, großes Unbehagen evoziert, da solche Familienformen nicht dem klassischen und in der Gesellschaft nach wie vor tief verankerten Vater-Mutter-Kind-Modell entsprechen (Irle 2014, S. 20). In Anbetracht der sich stark verändernden Familienkonstellationen – von alleinerziehenden Müttern und Vätern bis hin zur umfangreichen Patchworkfamilie – stellt sich die Frage, inwiefern die Legitimierung durch die klassische Kernfamilie als Garant für das Kindeswohl noch Geltung besitzen kann. Ziel dieser Untersuchung ist es demnach, das Argument für Familie schlechthin – das Kindeswohl[1] – welches gleichzeitig oft als Argument gegen schwule und lesbische Familienbildung fungiert, bei Kindern aus und in Regenbogenfamilien zu untersuchen. Da eine eigene Forschung zum Thema Kindeswohl von Regenbogenkindern den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werde ich mich auf bereits durchgeführte Studien beziehen, um so den Forschungsstand nachzuzeichnen und eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die für mich zentrale Frage „Haben Kinder aus respektive in homosexuellen Partnerschaften dieselben Voraussetzungen und Chancen auf eine glückliche Entwicklung wie Kinder aus heterosexuellen Beziehungen?“ herauszuarbeiten.

2. Homosexuelle Fortpflanzung und Kindeswohl

2.1 Homosexuelle Familiengründung

Homosexuelle Elternschaft ist kein „neues“ Phänomen, auch wenn es vielen durch die zunehmende Sichtbarkeit von Regenbogenfamilien als solches erscheint. War Homosexualität früher gleichbedeutend mit „Kinderlosigkeit“ (Irle 2014, S. 43ff), beanspruchen heutzutage auch Schwule und Lesben das Recht auf Familie für sich. Zwar gab es immer schon homosexuelle Eltern, jedoch entstand der Großteil der heute in Deutschland lebenden Regenbogenfamilien dadurch, dass Schwule und Lesben die Kinder aus früheren heterosexuellen Beziehungen mit in die gleichgeschlechtliche Beziehung brachten. Was allerdings „neu“ ist, ist die heranwachsende Generation von in die gleichgeschlechtliche Partnerschaft hineingeborenen Regenbogenkindern. So wurden laut einer Studie, die vom Bundesjustizministerium 2009 in Auftrag gegeben worden ist, bereits 42 Prozent in die gleichgeschlechtliche Partnerschaft hineingeboren. Diese Entwicklung führt Irle auf die steigende Akzeptanz Homosexueller in der Gesellschaft zurück, wodurch sie sich schneller outen und so der „Umweg“ über die heterosexuelle Beziehung wegfällt. Insbesondere das im Jahre 2001 erlassene Lebenspartnerschaftsgesetz hat zu einem rasanten Anstieg der Zahl von Regenbogenfamilien geführt, was in Schwulen- und Lesbenverbänden als „Gayby-Boom“ in den Großstädten bezeichnet wird.

2.2 Regenbogenkinder im Kreuzfeuer der öffentlichen Diskussion

Regenbogenkinder sind demnach Teil der sozialen Alltagsrealität und selbst wenn sie rein quantitativ ein Randphänomen darstellen (Irle 2012, S. 23), stehen sie im Fokus der öffentlichen Debatte um die Gleichstellung beim Adoptionsrecht für Schwule und Lesben. Worin liegt nun der Grund, dass die Regenbogenfamilie für eine derartige Kontroverse sorgt und sich nach wie vor viele Menschen mit der Vorstellung homosexueller Fortpflanzung und Familiengründung „schwer tun“? Die Ursache für die ungeheure Brisanz dieser Familienform ist, dass sie der einen, als „richtig“ empfundenen Familienform, nämlich der Familie mit zwei Elternteilen des entgegengesetzten Geschlechts, nicht entspricht. Dieser Familienkonstellation wird als einziger zugesprochen, dass sie dem Kind ein gutes Umfeld und die Voraussetzungen für eine „gesunde“ Entwicklung bietet. Je weiter sich die Familie von der traditionellen heterosexuellen Paarbeziehung entfernt, umso größer ist das Risiko für das Kind (Golombok 2000, zit. nach Hočevar 2014, S. 85): „The two-parent heterosexual family is promoted as the ideal type of family, the norm from which the deviation is measured, the point from which “the Other“ is identified“ (Hočevar 2014, S. 84). Regenbogenfamilien stellen in dieser Logik eine Abweichung von der heterosexuellen Norm dar und können somit nicht für eine gesunde und optimale Entwicklung des Kindes garantieren. Obwohl zahlreiche Studien – wie im Folgenden dargelegt werden soll – gezeigt haben, dass Kinder aus homosexuellen Lebenspartnerschaften in der Erziehung keine Nachteile gegenüber Kindern aus heterosexuellen Familien erfahren und sogar manche Vorteile genießen, gründet die Abneigung gegen diese Familienform insbesondere in ihrer Außerkraftsetzung des Vater-Mutter-Dualismus in der Kindererziehung sowie ihrer vorgelebten Botschaft, dass Kinder nicht unbedingt Vater und Mutter brauchen, um glücklich und gesund aufzuwachsen (Irle 2012, S. 21ff). Ein weiterer Punkt, der mit dem traditionellen Familienbild bricht, ist die Tatsache, dass Regenbogenfamilien durch ihre biologischen Voraussetzungen nicht auf dem klassischen, natürlichen Wege zum Kind kommen, sondern dies in vielen Fällen mithilfe der Reproduktionsmedizin realisiert wird. Diese Entkopplung von Sexualität und Elternschaft ruft bei vielen Menschen ethische, religiöse sowie politische Bedenken hervor.

Um der Frage auf den Grund zu gehen, ob Kinder aus respektive in homosexuellen Partnerschaften dieselben Voraussetzungen und Chancen auf eine glückliche Entwicklung wie Kinder aus heterosexuellen Beziehungen haben, soll nun in einem ersten Schritt die Forschung, die dem Kindeswohl in homosexuellen Beziehungen kritisch gegenüber steht, zu Wort kommen, um sie in einem zweiten Schritt durch positive Studienergebnisse von hoher wissenschaftlicher Authentizität zu entkräften.

3. Regenbogenfamilien in der Forschung

3.1 Kritische Stimmen

Regenbogenfamilien spalten nicht nur die Nation, sie spalten auch die Wissenschaft. Ein einschlägiges Exempel für eine explizit negative Haltung gegenüber homosexueller Fortpflanzung stellt Amendts Aufsatz Kultur, Kindeswohl und homosexuelle Fortpflanzung aus dem Jahre 2002 dar, der für einen normativen Imperativ plädiert, der die „Phantasie homosexueller Fortpflanzung“ im Interesse des Kindeswohls bändigen soll (Amendt 2002, S. 173). Somit ist die kritische und heteronorme Haltung Amendts Forschung offensichtlich: Er empfindet das von Homosexuellen beanspruchte Recht auf Fortpflanzung und Elternschaft als legitimationsbedürftig und als keineswegs disponibles Element einer spaßgesellschaftlich interpretierten Kultur (ebd., S. 165). Ferner argumentiert er, dass sich vor allem Lesben und Schwule der ethischen Begründungspflicht der Reproduktionsmedizin sowie dem Diskurs des Kindeswohls entziehen. Durch seine Gleichsetzung der homosexuellen Fortpflanzung mit der Einverleibung und Ausscheidung eines Big Macs, diskriminiert er Homosexuelle (Schölper/ Gärtner 2002, S. 566) und verweist auf die lebenslangen intergenerationellen Auswirkungen derartiger „subkultureller Freizeitgestaltung“, die von den Kindern der Folgegenerationen zu tragen sein werden (Amendt 2002, S. 166). Amendt sieht im homosexuellen Fortpflanzungsbegehren einen fundamentalen Eingriff in die menschheitsgeschichtlich tradierte Eltern-Kind-Beziehung, die somit einer Kulturfolgenabschätzung bedarf. Er macht den Kinderwunsch von gleichgeschlechtlichen Paaren lächerlich, indem er ihn als „spontan getroffene individuelle Freizeitpräferenzen“ (ebd.) abtut. Gerade bei der Frage des Kindeswohls setzt Amendt den Wunsch Homosexueller nach Kindern mit dem Wunsch Pädophiler nach sexuellen Handlungen mit Kindern gleich und beschuldigt sie der Absenz jeglichen Einfühlvermögens, da sie sich der Verwirrungen, denen sie ihre Kindern aussetzen, nicht bewusst sind (ebd., S. 167). Da es in der vorliegenden Arbeit um das Kindeswohl von Regenbogenkindern geht, sollen nun seine einschlägigsten Kritikpunkte an homosexueller Fortpflanzung und deren Einfluss auf das Kindeswohl angeführt und meinerseits kritisch reflektiert werden.

Unter Berufung auf das allgemeine Totschlagargument homosexueller Elternschaft – traditionelle Elternschaft meine eine Beziehung aus Mann und Frau, die „in einem essenzialistisch polarisierten sexuellen Spannungsverhältnis zu einander stehen“ (ebd., S. 168) – veranschaulicht Amendt die Unterschiede zwischen einer Lesbe, die durch Besamung schwanger wird und einer heterosexuellen Frau, die von einem Mann geschwängert wird. Der signifikanteste Unterschied ist dabei, dass eine heterosexuelle Frau schwanger wird, weil sie mit einem Mann Sex hatte, ihn demnach fähig ist zu begehren. Die homosexuelle Frau habe hingegen einem Mann sein Sperma weggenommen, da sie es sich nicht schenken lassen wollte. Ein Junge, der aus einer derartigen „Zelltransplantation“ (ebd.) stammt, wird nun dazu verdammt sein, mit einer Frau aufzuwachsen, die eine unbewusste Angst vor dem Männlichen und seinem Körper inklusive Penis hat (ebd., S. 169). Der Sohn wird so zur Verkörperung von all jenem, was sie ablehnt und durch Besamung umgehen wollte. Für Amendt ist daher eine empathische Beziehung zwischen Mutter und Sohn nahezu unmöglich. Er führt zwar an, dass auch heterosexuelle Frauen Probleme mit ihren Söhnen haben, aber sie können diese überwinden, da sie ihre Fähigkeit, Männer zu begehren, dazu befähigt (ebd., S. 170). Er spricht der lesbischen Mutter die Kompetenz einfühlenden Verstehens ab und verweist auf das Faktum, dass mangelnde elterliche Einfühlsamkeit maßgeblich zur Entstehung von psychischen Störungen beiträgt.

[...]


[1] Die rechtlichen Implikationen des Kindeswohls werden im Folgenden nicht näher berücksichtigt. Als Kindeswohl werden hier stark verallgemeinernd das allgemeine Wohlergehen und die gesunde Entwicklung von Kindern aufgefasst. Primär geht es demnach darum, das Kindeswohl als Zustand der Kinder und nicht als Rechtsbegriff zu untersuchen.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Ich tue mich schwer damit“. Homosexuelle Fortpflanzung und das Kindeswohl
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Soziologie)
Veranstaltung
Neue Familienforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V312112
ISBN (eBook)
9783668109520
ISBN (Buch)
9783668109537
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regenbogenfamilie, homosexuelle Fortpflanzung;, Kindeswohl, gender studies
Arbeit zitieren
Barbara Spögler (Autor), 2015, "Ich tue mich schwer damit“. Homosexuelle Fortpflanzung und das Kindeswohl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312112

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