Wenn MÜNKLER für die derzeitige postheroische Gesellschaft feststellt, „Früher [seien] die Helden heldenhafter, die Kämpfe gewaltiger und die Siege größer“ gewesen, stellen sich die Fragen, was machte diese Helden heldenhafter und was macht eine literarische Figur oder einen Menschen überhaupt erst zum Helden. Die nachfolgende Untersuchung von Heldenbildern zeigt, dass eine universelle Typisierung der Heldenfigur nur schwer möglich ist, da es sich bei dieser um ein kulturelles Konstrukt handelt. Die Vorstellung von dem Heroischen einer Figur, ändert sich in Abhängigkeit vom Kultur- und Zeitraum, sodass das Erscheinungsbild des Helden einen großen Variationsreichtum aufweist. Dennoch kann als universales Eigenschaft literarischer Darstellungen herausgestellt werden, dass sich in Heldenbildern „die Ambivalenz von Stärke und Schwäche, Größe und Kleinheit, von Allmacht und Ohnmacht, […] widerspiegelt und von ihnen transportiert wird.“ Darin liegt auch die zentrale Bedeutung von Helden für die Sozialisation von Kindern begründet. Als „nicht-angeleitete Orientierung“ unterstützen Heldenbilder die Identitätsbildung des Kindes, das lernt sowohl eigene Schwächen zu akzeptieren also auch die Potentiale seines Handelns zu erkennen. Zudem decken sie Missstände einer Gesellschaft auf und machen Veränderungspotential sichtbar.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, herauszustellen welche Eigenschaften den literarischen Kinderhelden auszeichnen und wie sich Heldenbilder in der Zeit zwischen dem späten 19. und dem frühen 21. Jahrhundert verändert haben. Hierzu sollen die Heldenfiguren der Werke Trotzkopf (Emmy von Rhoden), Pippi Langstrumpf (Astrid Lindgren) und Tintenherz (Cornelia Funke) untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ZUM BEGRIFF DES HELDEN
2.1. VOM HELDEN UND HELDISCHEN – DER VERSUCH EINER TYPOGLISIERUNG
2.2. DER HELD ALS TRANSZENDENZENTWURF UNSERES SELBST – ZUR WIRKUNG UND FUNKTION DER HELDENFIGUR
2.3. DER DICHTER UND SEIN HELD – LITERARISCHE FIGURATIONEN DES HEROISCHEN
3. ANALYSE DER HELDENFIGUREN
3.1. DER TROTZKOPF
3.1.1. REZEPTIONSHISTORISCHER HINTERGRUND
3.1.2. FIGURENANALYSE ZUM TROTZKOPF
3.1.2.1. VOM WILDFANG ZUM KLEINEN, ZAHMEN VOGEL – ZUR NATÜRLICHKEIT ALS KENNZEICHNENDES MERKMAL DER ILSE MACKET
3.1.2.2. DER HELD UND SEINE ÜBERNATÜRLICHEN HELFER – ZUR ÜBERWINDUNG DES TROTZES UND DER ROLLE VON NELLIE GREY UND FRÄULEIN GÜSSOW
3.1.2.3. ALTER TROTZKOPF: NATURKIND UND KULTURELLES PRODUKT – ZUR GESTALTUNG DES EXZEPTIONELLEN
3.1.3. FAZIT DER FIGURENANALYSE ZU DER TROTZKOPF
3.2. PIPPI LANGSTRUMPF
3.2.1. REZEPTIONSHISTORISCHER HINTERGRUND
3.2.2. FIGURENANALYSE ZU PIPPI LANGSTRUMPF
3.2.2.1. EIN KLEINER ÜBERMENSCH IN KINDLICHER GESTALT – ZUR GESTALTUNG DES EXZEPTIONELLEN
3.2.2.2. MACHT [ÜBER] DIE WELT, WIE SIE IHR GEFÄLLT – ZUR KONSTRUKTION VON MACHTVERHÄLTNISSEN
3.2.2.3. EIN MERKWÜRDIGES KIND – ZUM ASPEKT DES AUSSENSEITER ALS GRENZGÄNGER
3.2.3. FAZIT DER FIGURENANALYSE ZU PIPPI LANGSTRUMPF
3.3. TINTENHERZ
3.3.1. REZEPTIONSHISTORISCHER HINTERGRUND
3.3.2. FIGURENANALYSE ZUM TINTENHERZ
3.3.2.1. „ES LIEGT ALSO IN DER FAMILIE“ – ZUR GESTALTUNG UND FUNKTION DER FAMILIE ALS AKTIONSRAUM DES HELDEN
3.3.2.2. KINDER SIND DIE BESSEREN ERZIEHER
3.3.3. FAZIT DER FIGURENANALYSE ZU TINTENHERZ
4. VERGLEICHENDE SCHLUSSBETRACHTUNG DER KINDERLITERARISCHEN HELDENFIGUREN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Wandel kinderliterarischer Heldenfiguren im Zeitraum vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert. Das primäre Ziel besteht darin, die für literarische Kinderhelden charakteristischen Eigenschaften zu identifizieren und die Funktionen sowie Wirkungsweisen dieser Figuren zu analysieren, wobei der Fokus auf der Konstruktion junger Heldinnen in ausgewählten Werken liegt.
- Analyse des Begriffs der literarischen Heldenfigur und ihrer Typisierung.
- Untersuchung der Heldenreise als Entwicklungsprozess bei Emmy von Rhodens Trotzkopf.
- Betrachtung von Pippi Langstrumpf (Astrid Lindgren) als exzeptionelle Heldenfigur und Grenzgängerin.
- Analyse der familiären Konstruktion und Selbstständigkeit in Cornelia Funkes Tintenherz.
- Vergleichende Betrachtung der entwickelten Heldenkonzepte vor ihrem jeweiligen historischen Hintergrund.
Auszug aus dem Buch
3.1.2.1. Vom Wildfang zum kleinen, zahmen Vogel – Zur Natürlichkeit als kennzeichnendes Merkmal der Ilse Macket
Wenn Herr Macket in liebevoller, kosender Absicht von seinem „kleinen Wildfang“ spricht, wird mit dem Determinativkompositum ein Feld spezifischer Aussehens- und Verhaltensmerkmale eröffnet. Als Beispiele seien Spontaneität, Gedankenlosigkeit, Lebhaftigkeit etc. genannt. Gemäß dem Deutschen Wörterbuch bezeichnet der Begriff Wildfang ein „wild gefangenes thier“; übertragen auf den Menschen wird damit ein „wilder, unbändiger oder wenigstens eigensinniger mensch, ein taugenichts“ benannt. Während die Personenbezeichnung Wildfang ursprünglich als Schimpfwort Verwendung fand, ist es „in der neueren sprache völlig harmlos geworden“ und „fast nur von jungen leuten und kindern gebraucht in der bedeutung ‚gedankenloser, leichtsinniger, lebhafter mensch‘, aber auch als kosewort.“ Dennoch kommt in der kosenden Verwendung von Wildfang auch eine kritische Bewertung der bezeichneten Person Ilse Macket zum Ausdruck. Im DWB heißt es, die Bezeichnung umfasse „besonders häufig […] lebend gefangene falken oder habicht[e], die dann gezähmt […] wurden.“ Durch die Übertragung der Deontik von lebend gefangenen Falken oder Habichten, wird mit dem Kosewort eine entsprechende Notwendigkeit für die Figur Ilse Macket formuliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und definiert die Zielsetzung, die Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen der Untersuchung.
2. ZUM BEGRIFF DES HELDEN: Hier werden theoretische Grundlagen zu den Konzepten des Heldentums, der Typisierung sowie der Funktion von Heldenfiguren in der Literatur erarbeitet.
3. ANALYSE DER HELDENFIGUREN: Dies ist der Hauptteil der Arbeit, der die Heldenfiguren aus Trotzkopf, Pippi Langstrumpf und Tintenherz jeweils einzeln hinsichtlich ihres historischen Hintergrunds und ihrer spezifischen Charakteristika untersucht.
4. VERGLEICHENDE SCHLUSSBETRACHTUNG DER KINDERLITERARISCHEN HELDENFIGUREN: In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der Einzelanalysen zusammengeführt, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der untersuchten Heldenfiguren in ihren jeweiligen historischen Kontexten herauszuarbeiten.
Schlüsselwörter
Kinderliteratur, Heldenfigur, Historischer Wandel, Emmy von Rhoden, Trotzkopf, Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf, Cornelia Funke, Tintenherz, Heldentum, Exzeptionell, Geschlechterrollen, Kindheitskonzepte, Heldenreise, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und dem Wandel von Heldenfiguren in der Kinderliteratur von Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konstruktion junger weiblicher Helden, die Entwicklung von Kindheitsidealen, die Funktion von Heldenreisen und die Bedeutung kultureller Einflüsse auf die Darstellung von Heldentum.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die universellen Merkmale literarischer Helden zu erfassen und zu untersuchen, wie sich die Konzepte junger Heldinnen in den gewählten Werken über die Zeit verändert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen des Heldentums mit figurenanalytischen Untersuchungen an den Primärtexten kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Abschnitte, die jeweils die Werke Trotzkopf, Pippi Langstrumpf und Tintenherz hinsichtlich ihres zeitgeschichtlichen Hintergrunds und ihrer figurenspezifischen Konstruktion detailliert analysieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kinderliteratur, Heldenfigur, historischer Wandel, Pippi Langstrumpf, Trotzkopf und Tintenherz.
Wie unterscheidet sich die Heldenreise von Ilse Macket von der von Meggie in Tintenherz?
Während bei Ilse Macket der Sozialisationsprozess und das „Zähmen“ ihres unbändigen Wesens im Vordergrund stehen, ist Meggies Entwicklung stärker mit einer familiären Identitätssuche und einem exzeptionellen Umgang mit Büchern verknüpft.
Welche Rolle spielen „übernatürliche Helfer“ bei der Charakterisierung von Ilse Macket?
Sie dienen dazu, ihren Trotz zu überwinden und ihr eine normkonforme Entwicklung zur Ehefrau und Mutter zu ermöglichen, wobei sie gleichzeitig als Identifikationsfiguren agieren.
Inwiefern kann Pippi Langstrumpf als Grenzgängerin bezeichnet werden?
Pippi überschreitet ständig gesellschaftliche Grenzen und Normen, indem sie eine eigene, verkehrte Ordnung in der Villa Kunterbunt etabliert und dadurch die Welt der Erwachsenen aus einer rebellischen Außenperspektive herausfordert.
- Arbeit zitieren
- Helena Drewa (Autor:in), 2015, Historischer Wandel kinderliterarischer Heldenfiguren. Emmy von Rhodens "Trotzkopf", Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" und Cornelia Funkes "Tintenherz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312118