Einkommensverteilung und Armut im Wohlfahrtsstaat Deutschland. Determinanten, Beschaffenheit, Ausprägung


Seminararbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abgrenzung der Begrifflichkeiten
2.1. Der Wohlfahrtsstaat
2.2. Reichhaltiger Armutsbegriff

3. Armes Deutschland?
3.1. Gelingt die Umverteilung?
3.2. Die Ärmsten der Armen
3.3. Arbeit und kein Geld

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Bloß eine Klasse der Gesellschaft denkt mehr über das Geld nach als der Reiche, und das ist der Arme. Der Arme kann sonst nichts denken. Und dies ist das Elend der Armen.“ (Oscar Wilde, 1854 – 1900)

Der populäre irische Schriftsteller Oscar Wilde umschrieb bereits vor über einem Jahrhundert ein elementares sowie facettenreiches Problemfeld der Sozialpolitik, das bis heute kaum an Brisanz verloren hat. Eine allgegenwärtige Abhängigkeit von monetären Einkommen in der deutschen Gesellschaft führt, unter Berücksichtigung der Verfügbarkeit von Ressourcen wie Bildung oder Beruf, zu sozialer Ungleichheit und sozialer Benachteiligung, welche letzten Endes ein Leben in Armut bedingen.

Ein kontrovers geführter Armutsdiskurs besitzt in Deutschland lange Tradition und ist spätestens auf die Anfänge des Bürgertums zu datieren. Seit einigen Jahren kann eine Zuspitzung der Debatte beobachtet werden, wobei die Auseinandersetzung schon bei der Frage ansetzt, ob Armut in Deutschland überhaupt existiert. Im Allgemeinen gelten mindestens diejenigen als arm, die über so geringes Einkommen verfügen, dass bei ihnen ein Anspruch auf öffentliche Leistungen zur Armutsbekämpfung besteht. Demgegenüber argumentiert eine Reihe von Finanz- und Sozialpolitikern, dass die Empfänger von Sozialleistungen nicht als arm angesehen werden dürfen, da deren Armut mittels einer großen Menge von Steuergeldern bekämpft wird. Ein weiterer Bestandteil des Armutsdiskurses betrifft die Entwicklungstendenz. Während das überwiegend ökonomisch und liberal geprägte Lager die Meinung vertritt, das Fortschreiten von Armut würde dramatisiert werden und hätte seit den 1990er Jahren wenig zugenommen, pocht die zumeist sozialdemokratisch sowie links ausgerichtete Opposition auf eine Ausbreitung sozialer Ungleichheit bei gleichzeitiger Verfestigung der Armut (Hradil, 2010).

Nach einer Abgrenzung der Begrifflichkeiten des Wohlfahrtsstaates sowie der Armut in Kapitel 2, zielt die Seminararbeit darauf ab, die Determinanten, die Beschaffenheit sowie die Ausprägungen von Armutsverhältnissen in Deutschland anschaulich zu machen. Hierzu werden in Kapitel 3 die Ergebnisse von drei empirischen Studien vorgestellt. Den Abschluss bildet ein zusammenfassendes Fazit, welches zugleich einzelne Lösungsvorschläge, wohlfahrtsstaatliche Armut betreffend, unterbreitet.

Es stellt sich somit, in Anlehnung an Wilde, die Frage, welches Elend die Armen in Deutschland tatsächlich erleiden müssen und ob Geld bzw. Einkommen wirklich ihre Gedanken bzw. ihr Leben beherrschen.

2. Abgrenzung der Begrifflichkeiten

Woraus bezieht der Wohlfahrtsstaat seine Daseinsberechtigung? Ziele, Mittel der Zielerreichung sowie Unterschiede in wohlfahrtsstaatlichen Systemen sollen dargelegt werden. Darüber hinaus widmet sich Kapitel 2 der Abgrenzung des Begriffs Armut. Wo gilt es die Trennlinie zwischen Bedürftigkeit im Wohlfahrtsstaat und wirklichem Elend zu ziehen?

2.1. Der Wohlfahrtsstaat

Die Reduktion sozialer Ungleichheit bildet neben der Schaffung sozialer Sicherheit eines der zentralen Ziele von Sozialpolitik. Der Wohlfahrtsstaat kombiniert eine Vielzahl von Umverteilungsmaßnahmen um diese sozialpolitischen Zielsetzungen zu verwirklichen und das Wohlergehen seiner Bürger zu steigern. Umfang und Ausgestaltung der Umverteilungsmaßnahmen differieren zwischen den Nationalstaaten, wird die Umverteilung doch von der historischen Entwicklung, kulturellen Gepflogenheiten sowie der nationalpolitischen Geisteshaltung beeinflusst und gesteuert.

Der dänische Sozialwissenschaftler Gøsta Esping-Andersen erarbeitete eine Klassifizierung von OECD-Ländern, um den Funktionsweisen der verschiedenen Wohlfahrtsstaaten auf den Grund zu gehen. Dabei bildete er drei wesentliche Analysekriterien aus: Kommodifizierung, Stratifikation sowie die Betonung der Familie, des Staates oder des Marktes (Esping-Andersen, 1990).

Kommodifizierung beschreibt den Grad, in dem soziale Sicherheit unabhängig vom Arbeitsmarkt erreicht werden kann. Werden Arbeit und soziale Sicherung als Güter angesehen, die auf dem Markt gehandelt und über private Anbieter nachgefragt werden, ist die Kommodifizierung sehr ausgeprägt. Werden Einkommensausfälle hingegen durch ein steuerfinanziertes, staatliches Gesundheitssystem aufgefangen, liegt eine niedrige Kommodifizierung vor.

Stratifikation bezeichnet das Ausmaß, in dem Systeme der sozialen Sicherung die Strukturierung bzw. Schichtung der Gesellschaft bedingen. Indikatoren der Stratifikation wären beispielsweise der Anteil an Sozialausgaben, der für Transferzahlungen an Arbeitslose aufgewendet wird, oder der Anteil des Bruttoinlandsproduktes, der in die Rentenversicherung von Beschäftigten im öffentlichen Dienst fließt.

Die Bedeutung der Familie, des Staates oder des Marktes bei der Erzeugung sozialer Sicherheit stellt einen weiteren Faktor zur Analyse dar. Die heterogene Beschaffenheit der Wohlfahrtsstaaten misst den einzelnen Institutionen, bei der Schaffung von sozialer Sicherheit sowie bei der Reduzierung sozialer Ungleichheit, ein unterschiedliches Gewicht bei.

Esping-Andersen konzipierte, anhand der Ausprägungen der drei Analysekriterien, drei Typen von Wohlfahrtsstaaten: einen liberalen Typ, einen konservativen Typ sowie einen sozialdemokratischen Typ (Esping-Andersen, 1990).

Schaubild 1 soll die Unterscheidung der Typen von Wohlfahrtsstaaten erläutern. Die Indikatoren bzw. Analysekriterien sind dabei in der ersten Spalte aufgeführt, die drei Typen des Wohlfahrtsstaates werden in der ersten Zeile benannt.

Schaubild 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Opielka, 2004

Der deutsche Wohlfahrtsstaat wird dem konservativen Typus zugerechnet. Dementsprechend ist der Grad an Kommodifizierung für Erwerbstätige eher schwach ausgeprägt. Ferner liegt ein hohes Ausmaß an Stratifikation vor, wohingegen die Gleichheit staatlicher Umverteilungsleistungen niedrig ausfällt. Als primäre Institution sozialer Sicherheit tritt die Familie in Erscheinung.

2.2. Reichhaltiger Armutsbegriff

"Armut, ein relativer Begriff, kennt verschiedene Abstufungen. In jeder Epoche bedeutet Armut etwas anderes, wobei die Unterschiede aus dem jeweiligen kulturellen und wirtschaftlichen Niveau der Gesellschaft resultieren; die Formen der individuellen Armut ergaben sich aus der gesellschaftlichen Stellung und der Herkunft des Betroffenen." (Mollat, 1987)

Ein Versuch den Begriff Armut zu definieren, geht einher mit der Frage, wie Güter und Ressourcen in einer Vergesellschaftung verteilt sind und wie diese verteilt sein sollten. Im Zuge von sozialer Differenzierung und Urbanisierung ist eine ungleiche Ressourcenverteilung, die zur Bedürftigkeit führt, bereits in der Antike sowie in den vorchristlichen Hochkulturen des Orients zu beobachten. In der historischen Armutsforschung wird Armut vordergründig als ein soziales Phänomen qualitativer Natur verstanden. In diesem Kontext wird der Terminus benutzt, um den materiellen Mangel einer Person, unabhängig von ihrem Status, zu beschreiben. Eine soziale Schichtung wird nicht impliziert, da es sowohl den armen Ritter als auch die arme Bauersfrau gab. Eine wertende Komponente erhält der Ausdruck durch den Umstand, dass arme Personen innerhalb ihrer Gruppe meist über einen geminderten Sozialstatus verfügten (Lutz, 2007).

In der heutigen Zeit ist Armut ein überaus wertbehaftetes und moralisches Wort. Die Relativität des Begriffs, wie durch Mollat dargelegt, dient nicht nur seiner Abgrenzung. Vielmehr ist der relationale Aspekt der Armut zu einem Bestandteil der Begrifflichkeit der vorherrschenden Definition geworden, wie sie u.a. durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales vertreten wird (www.bmas.de). Demzufolge differenziert man zwischen einem relativen und einem absoluten Armutskonzept.

Absolute Armut bezeichnet den Mangel an Grundbedarfsgütern. Menschen die unter der Abwesenheit von ausreichender Nahrung, dem Fehlen einer elementaren Gesundheitsversorgung sowie unter dem Verzicht einer festen Behausung leiden, leben weit unter dem Existenzminimum und gelten als absolut arm. Hunger und Verelendung stellen große Probleme in den Entwicklungsländern dar. Die Leiden fordern ihren Tribut in Form zahlloser Toter. In den fortschrittlichen Industrienationen ist absolute Armut jedoch eine Ausnahmeerscheinung und wenig relevant. Zur Untersuchung der Thematik erfolgt eine weitestgehende Beschränkung auf das relative Armutskonzept.

Relative Armut tritt auf, wenn Personen nicht über ausreichende Mittel zur Erreichung des minimalen Lebensstandards, der in einem Land Gültigkeit hat, verfügen. Diese Personen werden nicht durch den Hungertod bedroht, sehen sich allerdings der Gefahr der sozialen Ausgrenzung ausgesetzt. Neben der Einbuße von Ressourcen sind sie zudem mit dem Makel des Armseins behaftet, der ihre Verwirklichungschancen zusätzlich schmälert. Eine wichtige Größe zur Messung relativer Armut bildet der durchschnittliche Lebensstandard eines Landes, obwohl die Armutsgrenze noch weit unter diesem Durchschnitt zu verorten ist (Hauser, 2007).

Eine Möglichkeit zur Feststellung relativer Armut wäre die Messung der Lebenslagen von Personen. Die Lebenslage eines Menschen wird bestimmt durch die Lebenschancen, die an eine Menge von Faktoren geknüpft sind. Die Verfügbarkeit materieller Ressourcen (Kleidung, Wohnung, etc.), der Zugang zu Bildung (Schule, Beruf, etc.) oder die Absicherung gegen Risiken (Gesundheit, Alter) repräsentieren nur einige wenige Bausteine der Lebenslage (Meulemann, 2006). Zur Messung der einzelnen Bausteine oder Dimensionen existieren zahlreiche soziale Indikatoren, doch gestaltet sich die Festsetzung eines Mindeststandards ebenso kompliziert wie die Kombination der einzelnen Dimensionen. Einzelne Personen verfügen über individuelle Präferenzen, die die Ausgestaltung ihrer Lebenslage betreffen. Daher ist es höchst problematisch einen allgemeingültigen Mindeststandard zu bestimmen. Außerdem müsste geklärt werden, inwieweit das Unterschreiten des Mindeststandards einer Dimension durch das Überschreiten eines Mindeststandards einer anderen Dimension zu kompensieren wäre. Diese Problemstellungen können umgangen werden, indem die Konzentration auf eine spezielle Dimension ausgerichtet wird (Hauser, 2007).

Der Ressourcenansatz setzt die Armutsgrenze in Relation zu dem Durchschnittseinkommen der Bevölkerung. Diese eindimensionale Definition des Armutsbegriffs unterstellt den übrigen Dimensionen der Lebenslage geringere Relevanz zur Messung von Armut, da soziale Marktwirtschaft und Wohlfahrtsstaat die Aufgabe der Förderung von Lebenschancen gewährleisten sollen. Fußend auf diesem Ansatz beziffert die Europäische Union die Armutsrisikogrenze auf 60% des Medians des äquivalenzgewichteten Nettoeinkommens (Hauser, 2007).

Die Vielschichtigkeit des Armutsbegriffs lässt eine exakte Definition kaum zu. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll die Armutsrisikogrenze von 60% des mittleren Äquivalenzeinkommens in Deutschland die Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Thematik bilden.

3. Armes Deutschland?

Nachdem in Kapitel 2 das theoretische Fundament geschaffen wurde, ist es der Anspruch des nächsten Textabschnitts, das Auftreten von Armut in Deutschland mit empirischen Daten zu unterfüttern. Des Weiteren werden Erscheinungsformen und Ausprägungen der Armut charakterisiert.

3.1. Gelingt die Umverteilung?

Im Jahr 2003 machten die Ausgaben für Sozialleistungen in der Bundesrepublik Deutschland 29,1% des Bruttoinlandsprodukts aus. Der durchschnittliche Anteil des Sozialbudgets am Bruttoinlandsprodukt aller EU-Mitgliedsstaaten lag in diesem Jahr mit 26,9% unter diesem Wert. Das deutsche Sozialbudget im Jahr 2005 belief sich auf 30,8% des Bruttoinlandsprodukts, was in absoluten Zahlen 692,8 Milliarden Euro entspricht. Die Gelder wurden in erster Linie eingesetzt, um alte Menschen, Familien, die Gesundheitsversorgung sowie die Beschäftigten zu unterstützen (Hauser, 2007).

Die schwindelerregende Höhe von Sozialaufwendungen gibt jedoch keinerlei Auskunft darüber, wie sich die Einkommensverteilung verändert. Ob sich relative Armutsverhältnisse durch das Steuer- und Transfersystem dem Lebensstandard Besserverdienender angleichen, bleibt zu hinterfragen. Zu diesem Zweck bietet sich ein Vergleich der Einkommensverteilung vor und nach der Leistung von Transferzahlungen an. Die Verteilungsforscher Richard Hauser und Irene Becker setzten, in einer Studie aus dem Jahr 2005, drei Arten der Einkommensverteilung in Beziehung zueinander und prüften diese auf ihr Ausmaß an Ungleichheit.

Lohneinkommen aus unselbstständiger Beschäftigung bilden die wichtigste Einkommensquelle in Deutschland. Die Verteilung der Bruttolöhne und Gehälter auf die jeweiligen Bezieher dient somit als erste Vergleichseinheit, welche gleichzeitig als Bezugsgröße für das Marktäquivalenzeinkommen und das Nettoäquivalenzeinkommen fungiert.

Das Marktäquivalenzeinkommen bezeichnet die fiktive Verteilung aller äquivalenzgewichteten Markteinkommen vor Abzug von Steuern und Sozialabgaben und vor Hinzukommen aller staatlichen Transferzahlungen auf jedes Haushaltsmitglied. Neben Lohn- und Gehaltseinkommen bezieht das Marktäquivalenzeinkommen Kapitalerträge, Mieteinnahmen oder Einkommen von Selbstständigen mit ein. Die Äquivalenzgewichtung wird vorgenommen, indem man das Haushaltsmarkteinkommen durch die Summe der Äquivalenzgewichte der Haushaltmitglieder dividiert. Basis der Gewichtung ist die alte OECD-Skala mit den Faktoren 1,0 für den ersten Erwachsenen eines Haushalts, 0,7 für weitere Haushaltsmitglieder, die älter als 14 Jahre sind, und 0,5 für jüngere Kinder. Hintergrund dieses Vorgehens ist die Simulation der Ermöglichung des gleichen Lebensstandards, der innerhalb des Haushalts gegeben ist, für Haushaltsmitglieder, die das Erwachsenenalter erreichen und alleine leben würden.

Das äquivalenzgewichtete Nettoeinkommen (Äquivalenzgewichtung entsprechend dem Marktäquivalenzeinkommen) spiegelt die Einkommensverteilung nach der Zahlung von Steuern und Abgaben sowie nach dem Erhalt von Transferzahlungen wider (Becker & Hauser, 2005).

Die Daten der Studie wurden den Einkommensstatistiken des Statistischen Bundesamtes für die Jahre 1973 bis 2003 entnommen (siehe auch www.destatis.de). Um die ungleiche Einkommensverteilung besser veranschaulichen zu können, wurden die Befunde mit dem Gini-Koeffizienten, der als zusammenfassendes Verteilungsmaß Aussagen über ungleichmäßige Verteilungen trifft, aufbereitet. Der Gini-Koeffizient nimmt einen Wert zwischen 0 und 1 an, wobei ein hoher Wert ein hohes Ausmaß an Ungleichheit bedeutet.

Schaubild 2 illustriert die Werte des Gini-Koeffizienten für die drei Arten der Einkommensverteilung während der angeführten Dekaden. Die Zuordnung der dargestellten Kurven ist der Legende zu entnehmen.

Schaubild 2

Quelle: Becker & Hauser, 2005

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch die grafische Darstellung wird ersichtlich, dass die Ungleichheit der Lohneinkommen (gestrichelte Linie) zwischen den Jahren 1973 und 1993 nur in moderatem Maß angewachsen ist. Für den starken Anstieg seit 1993 können verschiedene Gegebenheiten zur Erklärung herangezogen werden. Zum einen muss berücksichtigt werden, dass bis 1993 nur Daten aus Westdeutschland in die Analyse einbezogen wurden. Überdies sind die in Deutschland lebenden Ausländerhaushalte nur für den Zeitraum von 1998 bis 2003 Bestandteil der Auswertung. Weitere wichtige Erklärungsursachen formen die kontinuierliche Zunahme der Arbeitslosigkeit sowie die Ausweitung der Halbtagsbeschäftigungen seit Beginn der 1990er Jahre (Becker & Hauser, 2005).

Die ungleiche Verteilung der Marktäquivalenzeinkommen (dunkele Linie) ist für den gesamten Zeitablauf seit 1973 größer als die Ungleichheit der Lohneinkommen. Ein stetiger Anstieg der Ungleichheit der Marktäquivalenzeinkommen kann festgestellt werden, größere Sprünge im Verlauf der Kurve bleiben aus. Daher ist für die letzten 10 Jahre eine Annäherung der benannten Kurven zu konstatieren. Wichtige Rollen für die Höhe des Ausmaßes der Ungleichmäßigkeit der Marktäquivalenzeinkommen spielen sowohl die Alterung der Gesellschaft als auch die Höhe der Arbeitslosenzahlen. Dies ist dadurch zu begründen, dass Renteneinkommen sowie Einkommen aus Transferleistungen und Arbeitslosengeldern in diese Darstellung nicht einfließen (Becker & Hauser, 2005).

Die Ausprägung der Ungleichheit der Nettoäquivalenzeinkommen (helle Linie) bleibt in der betrachten Periode nahezu konstant und ist keinen größeren Schwankungen unterworfen. Vergleicht man nun die Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen mit den bisherigen Ergebnissen, kann ein stark ausgleichender Effekt der wohlfahrtsstaatlichen Umverteilung beobachtet werden, der in der Folge der Jahre immer größer wird. Eine Ursache für den Erfolg der Umverteilung bilden die, durch das progressive Steuersystem finanzierten, Transferleistungen. Zudem kann in dem deutschen System der sozialen Sicherung, mit seinen Sozialabgaben und –leistungen, ein noch schwerwiegenderer Erfolgsgarant identifiziert werden (Becker & Hauser, 2005).

Eine Kompensation der ungleichen Einkommensverteilung in Deutschland konnte somit im Rahmen der Studie belegt werden. Dennoch darf man zwei wesentliche Aspekte der Untersuchung nicht übersehen. Einstweilen ist der Gini-Koeffizient ein zusammenfassendes Verteilungsmaß, das keine Rückschlüsse auf Veränderungen in den einzelnen Einkommensschichten zulässt. Hinzukommend erscheint der starke Anstieg der Ungleichheit der Lohneinkommen seit Beginn der 1990er Jahre besorgniserregend und sollte näher beleuchtet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Einkommensverteilung und Armut im Wohlfahrtsstaat Deutschland. Determinanten, Beschaffenheit, Ausprägung
Hochschule
Universität zu Köln  (Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie des Wohlfahrtsstaates
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V312127
ISBN (eBook)
9783668129283
ISBN (Buch)
9783668129290
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einkommensverteilung, Armut, Wohlfahrtsstaat, Einkommen
Arbeit zitieren
Christopher Morsbach (Autor), 2012, Einkommensverteilung und Armut im Wohlfahrtsstaat Deutschland. Determinanten, Beschaffenheit, Ausprägung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312127

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