Die Legende der Jeanne d'Arc ist bis heute eine beliebte Inspirationsquelle für Schriftsteller, Dichter und Filmemacher. Noch zu Lebzeiten begann ihre Glorifizierung, die noch immer anhält und sich weder auf ihr Herkunftsland Frankreich, noch auf bestimmte Kunstgattungen beschränkt. Doch obwohl alle Adaptionen im Kern auf einer realen Person basieren, sozusagen dem historischen Prototyp, und gewisse inhaltliche Grundmuster stets erkennbar bleiben, hat jeder Künstler den Johanna-Stoff auf seine eigene Art und Weise variiert, bearbeitet und mit ideologischen Absichten aufgeladen.
Auch Bertolt Brecht hat sich mit „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in die lange Liste dieser Neugestaltungen eingereiht. Bei der Lektüre seines Dramas wird allerdings deutlich, dass die historische Vorlage für Brecht nur eine Inspirationsquelle unter vielen war. Stattdessen findet man eine Vielzahl von Anlehnungen an Werke anderer Autoren, allen voran Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“. Die beiden Dramen sind ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich die Bearbeitungen des Stoffes voneinander unterscheiden, dass sie mitunter auch Bezug aufeinander nehmen – und dass sie in manchen Fällen komplett gegensätzliche Johanna-Figuren entwerfen.
Genauso wie Schillers Johanna durchläuft auch die Protagonistin bei Brecht eine Wandlung, an deren Ende allerdings ein anderes Ergebnis steht und dass „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zum Gegenentwurf von Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ macht. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Verhältnis der Johanna-Figuren zur Gewalt. Die vorliegende Arbeit wird sich genauer mit diesem Aspekt befassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung der Johanna-Figur
2.1 Die historische Gestalt
2.2 „Die Jungfrau von Orleans“
2.3 „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“
3. Einstellung zur Gewalt
3.1 Schillers „Amazone“
3.2 Brechts Pazifistin
4. Warum wählt Brecht Johanna?
5. Brechts Schiller-Parodien
5.1 Die Erkennungsszene
5.2 Die Schluss-Apotheose
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis der Johanna-Figuren in Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ und Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zur Gewalt, um aufzuzeigen, wie Brecht sein Werk gezielt als Gegenentwurf konzipiert hat.
- Vergleich der unterschiedlichen Johanna-Darstellungen
- Analyse der Einstellung der Protagonistinnen zur Gewalt
- Untersuchung der Motive Brechts zur Wahl des Johanna-Stoffes
- Parodistische Kontraste zwischen Schiller und Brecht
- Kritik am klassisch-idealistischen Menschenbild
Auszug aus dem Buch
3.1 Schillers „Amazone“
Das Verstörende an Schillers Johanna ist die Mischung aus klassizistischen Idealen und Schönheit sowie der Lust an Gewalt, die die Titelfigur in sich vereint. Schon ihr früheres Leben, bevor sie ihren Auftrag erhalten hat, ist kein gewaltloses. Als Hirtin kämpft sie gegen einen Tigerwolf und rettet so ein Lamm, das „er im blutgen Rachen schon davontrug.“ Dann erhält sie ihren göttlichen Auftrag und wird sozusagen zu „Frankreichs Hirtin“, die ihr Land gegen den „Tigerwolf England“ verteidigen muss. Sie zweifelt zu keinem Zeitpunkt daran, dass ihr Kampf ein gerechtfertigter ist und betont immer wieder, dass Gott auf der Seite ihres Landes stehe und sie zu diesem Krieg berufen habe, da die Briten widerrechtlich in Frankreich eingefallen seien.
Das Motiv der Hirtin wird an dieser Stelle allerdings umgekehrt. Anstatt die Lämmer zu schützen, will die Jungfrau sie mit Gottes Unterstützung vor sich herjagen. In dem anschließenden Monolog ergänzt sie: „Zerstreuet euch, ihr Lämmer auf der Heiden, / Ihr seid jetzt eine hirtenlose Schar, / Denn eine andre Herde muss ich weiden, / Dort auf dem blut’gen Felde der Gefahr, / So ist des Geistes Ruf an mich ergangen.“
Karl S. Guthke schreibt, dass Johanna, die „Amazone mit Christuskomplex“, so wirke, als würde sie ihren Glauben vorschieben, um ihren rabiaten Chauvinismus rechtfertigen zu können. Sie weise ein „unbezweifelbare[s] Miteinander von Sendungspathos, brutalem Machtwillen und blutrünstigem Patriotismus“ auf. Man könne den Übergang der Hirtin zur „männermordenden Amazone“ aber auch als „Übergang von einem poetischen oder theaterwirksamen Motiv zu einem anderen“ sehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Johanna-Legende ein und skizziert die Fragestellung, wie Brecht sein Werk als kritischen Gegenentwurf zu Schiller nutzt.
2. Darstellung der Johanna-Figur: Hier werden die historische Jeanne d’Arc und ihre literarischen Transformationen bei Schiller und Brecht gegenübergestellt.
3. Einstellung zur Gewalt: Dieses Kapitel arbeitet den zentralen Unterschied heraus: Während Schillers Heldin kämpft, ist Brechts Johanna eine Pazifistin, die erst zu spät die Notwendigkeit von Gewalt erkennt.
4. Warum wählt Brecht Johanna?: Brechts gezielte Wahl des Johanna-Motivs wird als direkte Kritik an Schillers kantianisch geprägter Dramatik und dem idealistischen Menschenbild interpretiert.
5. Brechts Schiller-Parodien: Anhand der Erkennungsszene und der Schluss-Apotheose wird verdeutlicht, wie Brecht durch parodistische Kontraste das Scheitern des humanitären Versöhnungsgedankens entlarvt.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass beide Johanna-Figuren an ihrer Aufgabe scheitern, Brechts Heldin jedoch als Instrument des Ausbeutersystems fungiert, was die radikale Distanz zu Schiller verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Johanna von Orleans, Heilige Johanna der Schlachthöfe, Bertolt Brecht, Friedrich Schiller, Gewalt, Pazifismus, Gegenentwurf, Klassik, Parodie, Klassenkampf, Adaption, Schuld, Ideologie, Drama, Humanität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Bertolt Brecht sein Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ als bewussten Gegenentwurf zu Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ gestaltet hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Unterschiede in der Charakterisierung der Titelfigur, die philosophischen Hintergründe des jeweiligen Werkes sowie die Einstellung der Figuren zur Gewalt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Brecht durch die gezielte Parodie von Schillers Motiven sein eigenes gesellschaftspolitisches Anliegen und seine Kritik am bürgerlichen Humanismus vermittelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Vergleichsanalyse, bei der Zitate und Szenen aus beiden Werken einander gegenübergestellt und im Hinblick auf ihre ideologische Funktion interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Johanna-Figuren, den direkten Vergleich ihrer Gewaltauffassungen sowie eine formale und inhaltliche Analyse von Brechts Schiller-Parodien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Johanna von Orleans, Gewalt, Brecht, Schiller, Gegenentwurf, Pazifismus, Parodie und gesellschaftliche Systemkritik.
Inwiefern unterscheidet sich die Gewaltauffassung der beiden Heldinnen?
Während Schillers Johanna als kriegerische Kämpferin auftritt, die Gewalt für eine höhere Sache legitimiert, ist Brechts Johanna eine Pazifistin, deren konsequente Gewaltablehnung im kapitalistischen System zum Scheitern führt.
Was ist die Funktion der „Schluss-Apotheose“ in der Brechtschen Parodie?
Die Parodie der Schluss-Apotheose bei Brecht dient dazu, die Idealisierung und Heiligsprechung durch die Fleischhändler als Instrument zur Verschleierung kapitalistischer Missstände zu entlarven.
- Citar trabajo
- Michael Verfürden (Autor), 2015, Wie steht Johanna zur Gewalt? Bertolt Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ und Friedrich Schillers „Johanna von Orléans“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312261