Das Konzept "Mensch" in der Krise. Der Cyborg zwischen Kybernetik und Bio-Macht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Bio-Macht
2.2 Kybernetik

3. Analyse
3.1 Schnittstellen
3.2 Mensch in der Krise
3.3 Der Cyborg zwischen Kybernetik und Bio-Macht

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Im Laufe der Vergangenheit sah sich die Menschheit immer wieder mit wissenschaftlichen Entdeckungen konfrontiert, die ihr Selbstbild gründlich durcheinander brachten. Sigmund Freud formulierte 1917 die drei „Kränkungen der Menschheit“: Die kosmologische Kränkung, die mit der Entdeckung einherging, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Weltalls steht; die biologische Kränkung, nämlich dass der Mensch sich aus der Tierwelt entwickelte; die psychologische Kränkung, dass das „Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus“.

In den 1930er Jahren begannen sich, auch wenn sie damals noch nicht so genannt wurden, die ersten kybernetischen Diskurse zu formieren, die sich in den folgenden zwei Jahrzehnten zusammenschlossen und die immens populäre Wissenschaft Kybernetik bildeten. Die in ihr enthaltenen Ideen waren teils revolutionär und durchaus geeignet, einen Umbruch Freud'schen Ausmaßes einzuleiten. Ab den 1970er, 1980er Jahren wurde es still um die Kybernetik. Ungefähr zur dieser Zeit1, am 17. März 1976, stand der Soziologe, Philosoph und Historiker Michel Foucault vor seinen Studenten im Collège de France und hielt seine Abschlussveranstaltung der Vorlesungsreihe „In Verteidigung der Gesellschaft“. Er führte an diesem Tag den Begriff der Bio- Macht ein und dozierte unter anderem darüber, wie sich die Ausrichtung von Machtmechanismen im Laufe der Jahrhunderte im Wandel befanden.

Im folgenden wird analysiert werden, ob und inwiefern Parallelen zwischen der Machtanalytik Foucaults und der Steuerung und Regelung von dynamischen Systemen der Kybernetik existieren. Die These lautet, dass sich das Konzept Mensch in einer tiefen Krise befindet. Schnittstellen zwischen Kybernetik und Bio-Macht, sollten sie existieren, stellen bestehende Konzepte und Vorstellungen davon, was der Mensch ist, infrage. Die Benennung des Cyborgs2, eines Hybriden aus Mensch und Maschine, bestätigt die Krise insofern, als dass sie Ausdruck der Suche nach neuen Identifikationsmöglichkeiten darstellt. Einen Ausweg bietet die Identität des Cyborgs. Damit wohnt ihm ein hohes Potential zu sozialer, politischer und gesellschaftlicher Veränderung inne. Wie und inwiefern das der Fall ist, soll in dieser Hausarbeit beantwortet werden.

Zunächst wird eine definitorische Grundlage geschaffen. Es werden für die Bearbeitung der These relevante Facetten der Bio-Macht und Diskurs-Stränge der Kybernetik, vor allem der 30er und 40er Jahre, erläutert. Anschließend werden mögliche Schnittstellen beider Bereiche überprüft und schließlich, im Kapitel 3.3 - Cyborg zwischen Kybernetik und Bio-Macht - die aufgestellte These befragt und die Relevanz des Cyborg-Konzepts näher beleuchtet. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse der Arbeit kurz zusammengefasst, die aufgestellte These überprüft und ein Ausblick auf weitere Implikationen des Themenfeldes oder mögliche Forschungsthemen gegeben.

2. Grundlagen

2.1 Bio-Macht

Der Begriff der „Bio-Macht“ wurde von Michel Foucault geprägt. Er stellt die Bio-Macht in eine Reihe von Machttypen, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und abgelöst beziehungsweise ergänzt haben. Zunächst beschreibt er die Souveränitätsmacht, die von der Disziplinarmacht abgelöst wurde. Aus der Disziplinarmacht wiederum entwickelt sich die Bio- Macht, deren Grundzüge in diesem Kapitel skizziert werden. Zum einen, um Foucaults Logik nachzuvollziehen, zum anderen um festzustellen, wann das Leben in das Blickfeld politischen Denkens zu rücken beginnt, soll die Entwicklung bis hin zur Bio-Macht kurz nachgezeichnet werden.

Den Anfangspunkt souveräner Macht sieht Foucault im patria potestas. Demnach hatten römische Familienväter das Recht, über das Leben ihrer Kinder wie über das Leben ihrer Sklavinnen/Sklaven zu bestimmen. Allgemein wird in der klassischen Theorie das charakteristischste Privileg souveräner Macht als „Recht über Leben und Tod“ (Foucault 1976, 277.) bezeichnet. Foucault wandelt diese Formulierung etwas ab. In Wirklichkeit handele es sich um das Recht, „sterben zu machen und leben zu lassen“ (ebd.). Mit der Zeit durchläuft die Macht eine Transformation. Das ursprüngliche Recht werde nicht ersetzt, sondern vielmehr durch ein neues Recht durchdrungen und in in sein Gegenteil verändert. Diese neue Macht sei „die Macht, leben zu 'machen' und sterben zu 'lassen'“ (Foucault 1976, 278).

Ab dem 17. Jahrhundert entstehen neue Machttechniken, die sich auf die Disziplinierung des individuellen Körpers ausrichten. Ein Paradigmenwechsel findet statt: weg von einer ausbeutenden Macht, hin zu einer produktiven, hervorbringenden Macht, die die Nutzkraft von Körpern mithilfe von Drill, Übung, Dressur verbessern soll. Zeichen dieser neuen Macht sind unter anderem deutlich vertikale Hierarchien, Überwachung und Kontrolle (ebd.). Diese Disziplinartechnologien werden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch etwas Neues umfasst und ergänzt, das Foucault als „Bio-Macht“ bezeichnet (1976, 279). Die Machtausübung richtet sich neu aus: Wo früher vor allem der individuelle Körper auf einer Mikro-Ebene adressiert wurde, wird nun die Bevölkerung Ziel von Machtinterventionen. Das Leben wird zunehmend im Hinblick auf Geburten- und Sterberaten, biologische Gesamtprozesse, Fruchtbarkeit und demographische Entwicklungen betrachtet, also auf einer Makro-Ebene. Es geht nun nicht länger darum, den Körper durch Machteinwirkung produktiv zu machen, sondern regulativ auf das Leben einzuwirken, wie es als Bevölkerung für Machttechnologie adressierbar wird.

Es soll hier nicht näher auf mögliche Gründe für die Entwicklung der neuen Machttechnologie eingegangen oder Umschlagzeitpunkte von Disziplinar- zu Bio-Macht diskutiert werden. Vor allem zwei Bereiche von Foucaults Ausführungen sollen hier Beachtung finden, da sie für das Thema der Arbeit besonders interessant erscheinen.

Zunächst die Neuausrichtung von Disziplinarmacht zu Bio-Macht: Der sich vollziehende Paradigmenwechsel ist bemerkenswert und gewissermaßen paradox. Indem sich das Machtwirken zunehmend auf das Leben ausrichtet, beginnt ein Vorgang der Rationalisierung. Indem die Gesellschaft durch einen, wie Foucault es nennt, „multiple[n] Körper mit multiple[n] Köpfen“ ersetzt wird, findet eine Abstraktion statt. Leben und Lebensqualität werden qualitativ wie quantitativ messbare Einheiten mit verschiedenen Variablen und, was für den Erfolg des Bevölkerungsdiskurses sicher wichtig war, sie werden darstellbar. Durch statistische Erhebungen und ihre Visualisierung ist es überhaupt erst möglich, Bevölkerung als einen Gegenstand mit eigener Dynamik zu begreifen (Etzemüller 2007, 23). „Verborgenes gewann in Statistiken Evidenz und wurde in einer spezifischen Form sichtbar“ (ebd.). Die Aufdeckung und Darstellung von bislang Verborgenem durch statistische Erhebungen präformiere zudem Handlungsoptionen, so Etzemüller (ebd.). Hier kommt ins Spiel, was Foucault „Bio-Politik“ nennt: Nicht nur ein wahlloses Wirken von (Bio-)Macht, sondern die gezielte Intervention auf Variablen der Bevölkerung (siehe oben) zur effektiven Steuerung von Staaten.

Der nächste wesentliche Punkt ist eine Vergrößerung des Blickwinkels von individuellen auf kollektive Mechanismen: Es handelt sich bei Geburten- und Sterberaten, Fertilität, demographischen Entwicklungen et cetera um „kollektive Phänomene, die in ihren ökonomischen und politischen Wirkungen erst auf der Ebene der Masse in Erscheinung treten und bedeutsam werden“ (Foucault 1976, 283). Wie Foucault bemerkt, sind sie auf individueller Ebene unvorhersehbar und zufällig - niemand kann zum Beispiel im Alter von 20 Jahren wissen, wie alt er/sie werden wird - auf kollektiver Ebene ist es mit der Erfassung einer durchschnittlichen Lebenserwartung jedoch möglich, Konstanten auszumachen (ebd.). Zudem spricht Foucault von ihnen als „serielle Phänomene“ (ebd.). Im Wesentlichen entfalten sich diese, die Bevölkerung konstituierenden, Phänomene in der Dauer. Bio-Politik kann also die Bevölkerung adressieren, weil diese zum einen qualitativ wie quantitativ messbar gemacht wurde und zum anderen als zeitliche Erstreckung erfasst werden kann.

Auf dieser Grundlage - dem Umgang mit Bevölkerung als statistische Grundgesamtheit, die durch verschiedene Variablen adressiert werden kann, und an der aufgrund ihrer Lesweise als zeitliche Erstreckung Wirkungen abgelesen werden können - geht es laut Foucault in der nächsten Stufe darum, „Regulationsmechanismen einzuführen, die in dieser globalen Bevölkerung mit ihrem Zufallsfaktor ein Gleichgewicht herstellen, ein Mittelmaß wahren, eine Art Homöostase etablieren und einen Ausgleich garantieren [zu] können“.

Die Wahrung des Mittelmaß' ist nicht mit der Wahrung eines Status Quo zu verwechseln. Es geht vielmehr darum, die Möglichkeit der Erfassung und Steuerung von Regelmäßigkeiten zu gewährleisten, indem Störfaktoren, wie zum Beispiel frühzeitiges Ableben, minimiert werden. Um das zu gewährleisten, sind Maximen der Bio-Politik die Verbesserung der Lebensstandards, Vermeidung von Unfällen oder die Überwindung körperlicher Mängel (Foucault 1976, 292). Das individuelle Risiko, an Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben, ist deutlich geringer, wenn eine Person regelmäßig Sport treibt, sich gesund ernährt und wenig/keinem Stress ausgesetzt ist. Angelegte Sicherheitsgurte und Fußgängerairbags verringern die Mortalitätsrate bei Autounfällen, Herzschrittmacher ersetzen gestörte Sinusknoten, Kontaktlinsen kompensieren Sehschwächen, Hygienemaßnahmen verringern die Gefahr von Infektionen. Diese Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

[...]


1 Die zeitliche Nähe der Vorlesung soll keine Kausalität andeuten. Es ist vermutlich möglich Zusammenhänge zu finden, die Suche danach soll aber nicht Gegenstand dieser Arbeit sein.

2 In dieser Arbeit wird von dem Cyborg und nicht wie bei Donna Haraway von der Cyborg gesprochen. Dies geschieht in Anlehnung an die Wortzusammensetzung „cybernetic organism“, also dem kybernetischen Organismus, und völlig geschlechterunabhängig.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Konzept "Mensch" in der Krise. Der Cyborg zwischen Kybernetik und Bio-Macht
Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig  (Institut für Medienforschung)
Veranstaltung
Seminar (Master): Kybernetik - Steuern, Regeln, Loslassen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V312469
ISBN (eBook)
9783668167056
ISBN (Buch)
9783668167063
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kybernetik, Bio-Macht, Foucault, Cyborg, Mensch, Krise, Wiener, Hausarbeit, Master, Medienwissenschaften
Arbeit zitieren
Ben Grippenkoven (Autor), 2015, Das Konzept "Mensch" in der Krise. Der Cyborg zwischen Kybernetik und Bio-Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312469

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