Deutschland hat sich in der Vergangenheit als Einwanderungs- und Migrationsland herausgebildet. Der Anteil der Staatsbürger mit Migrationshintergrund liegt bei 18% und ist somit ausschlaggebend für die Heterogenisierung und Pluralisierung unserer Gesellschaft. Charakteristisch für diese Heterogenität ist die Anwesenheit unterschiedlicher natio-ethno-kultureller Gruppen und Gruppierungen.
Prognosen gehen davon aus, dass in zehn Jahren jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund besitzen wird. Kulturelle, nationale und ethnische Pluralität stellen nicht nur eine Herausforderung an die Gesellschaft und ihre Strukturen dar, sondern ebenso eine weit komplexere Herausforderung an das deutsche Schulsystem.
Die Schule, als gesellschaftliche Institution, hat nicht ausschließlich den pädagogischen Auftrag Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, ferner ist sie der Auslese verpflichtet. Durch den Selektionsauftrag, dem die Schule unterliegt, trägt sie weiterhin zur Reproduktion der gesellschaftlichen Sozialstruktur bei. Ein qualifizierender Schulabschluss entscheidet unter anderem über die Teilhabe an den sozialen Ressourcen und Prozessen einer Gesellschaft.
Inwieweit das dreigliedrige und hoch selektive Schulsystem Deutschlands hierin Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund ausschließt und diskriminiert, liegt im Fokus der vorliegenden Ausarbeitung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Migrationshintergrund
3. Migrationshintergrund und Schullaufbahn
4. Selektives Schulsystem in Deutschland
5. Institutionelle Diskriminierung
6. Institutionelle Diskriminierung im deutschen Schulsystem
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das deutsche Schulsystem hinsichtlich der strukturellen Ausschließungs- und Diskriminierungsmechanismen, denen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund aufgrund der selektiven Ausgestaltung des Bildungswesens ausgesetzt sind.
- Strukturelle Merkmale des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland
- Einfluss des Migrationshintergrunds auf den schulischen Bildungserfolg
- Formen der direkten und indirekten institutionellen Diskriminierung
- Rolle von Selektionsentscheidungen an Übergangsschwellen
- Notwendigkeit einer Pädagogik der Vielfalt gegenüber der Orientierung an Homogenität
Auszug aus dem Buch
4. Selektives Schulsystem in Deutschland
Das deutsche Schulsystem ist vertikal und wird allgemein als dreigliedrig bezeichnet. Diese Bezeichnung ist seit der Einführung der Gesamtschulen, die zwei Glieder der Sekundarstufe I vereinigt, demnach nicht ganz korrekt. Zudem stellen, wie die Gesamtschulen auch, Sonder bzw. Förderschulen streng genommen ein weiteres „Glied“ im System dar.
Sozial repräsentativ ist die vierjährige Grundschule. An ihr sind Kinder aller sozialen Schichten, Positionen oder kultureller Hintergründe gleichermaßen vertreten. Selektiv hingegen wird das Schulsystem mit dem Übergang auf die weiterführenden Schulformen; dort sind einzelne soziale Gruppen überrepräsentiert.7
Die Selektion am Ende der vierten Klasse 8 stellt eine frühe Leistungsselektion dar. Unterschiedlich soziale Eingangsvoraussetzungen in das Bildungswesen werden als schulische Differenzen gewertet und das Schulsystem fungiert als die „zentrale Dirigierstelle sozialer Schicksale.“ 9
Das Bildungswesen verfügt über Instrumente der sozialen und ethnischen Auslese durch selektive Maßnahmen zur Homogenisierung im deutschen Schulsystem. Die früheste dieser Maßnahmen greift noch vor dem ersten Schulbesuch. 12% aller Kinder genügen nicht den Anforderungen zum Eintritt in die Grundschule. Davon betroffen sind überwiegend Migrantenkinder z.B. aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft durch Migration und stellt die Forschungsfrage zur Rolle des selektiven Schulsystems bei der Diskriminierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
2. Migrationshintergrund: Dieses Kapitel definiert den Migrationshintergrund als statistisches Ordnungskriterium und diskutiert die damit einhergehende soziale Konstruktion von Differenz und Fremdheit.
3. Migrationshintergrund und Schullaufbahn: Es wird analysiert, wie das deutsche Schulsystem Differenz als Störung begreift und durch die Ausrichtung auf Leistungshomogenität die Bildungsungleichheit verstärkt.
4. Selektives Schulsystem in Deutschland: Das Kapitel erläutert die verschiedenen Selektionsmechanismen des vertikalen Schulsystems, wie die frühe Leistungsselektion und das Sitzenbleiben, und deren diskriminierende Wirkung.
5. Institutionelle Diskriminierung: Hier wird der theoretische Rahmen für institutionelle Diskriminierung geschaffen und zwischen direkten und indirekten Formen der Benachteiligung in Organisationen differenziert.
6. Institutionelle Diskriminierung im deutschen Schulsystem: Die Ausführungen zeigen auf, wie organisatorische Abläufe und Strukturen der Schule als institutionelle Barrieren wirken und ethnische Zugehörigkeit als Selektionskriterium nutzen.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem nur durch eine Abkehr von der Orientierung an Homogenität und die Anerkennung von Diversität erreicht werden kann.
Schlüsselwörter
Migrationshintergrund, deutsches Schulsystem, institutionelle Diskriminierung, Bildungsungleichheit, Selektion, soziale Herkunft, Homogenisierung, Migrationspädagogik, Chancengleichheit, Differenz, Leistungsauslese, Interkulturelle Pädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem und untersucht, wie strukturelle Gegebenheiten zu einer institutionellen Diskriminierung beitragen.
Welche zentralen Themenfelder werden in dem Text behandelt?
Die zentralen Themen sind das dreigliedrige Schulsystem, die Definition und Auswirkungen des Migrationshintergrunds auf den Schulerfolg sowie die theoretischen Grundlagen institutioneller Diskriminierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit das selektive deutsche Schulsystem Kinder mit Migrationshintergrund durch seine organisatorischen Strukturen ausschließt und diskriminiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender bildungswissenschaftlicher und soziologischer Konzepte sowie auf Erkenntnisse der PISA-Studien, um die institutionellen Ursachen für Bildungsungleichheit darzulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die konkreten Mechanismen der sozialen und ethnischen Auslese an Übergangsschwellen des Schulsystems sowie die Anwendung direkter und indirekter Diskriminierungspraktiken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird durch Begriffe wie institutionelle Diskriminierung, Selektion, Bildungschancen, Heterogenität und soziale Herkunft maßgeblich bestimmt.
Welche Bedeutung hat die "frühe Leistungsselektion" für Kinder mit Migrationshintergrund?
Die frühe Selektion fungiert laut Text als "zentrale Dirigierstelle sozialer Schicksale", bei der unterschiedliche soziale Eingangsvoraussetzungen zu früh als schulische Defizite gewertet werden, was besonders Migrantenkinder benachteiligt.
Warum bezeichnet die Autorin die "homogene Lerngruppe" als Fiktion?
Die Autorin beruft sich hierbei auf Tillmann, da die Versuche, durch Selektionsinstrumente Homogenität herzustellen, in der Praxis scheitern und stattdessen soziale Selektion vorantreiben.
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- Sandra Urban (Author), 2011, Institutionelle Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312491