Die Prototypensemantik. Die Standardversion, die Kritik an ihr und die erweiterte Prototypentheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

12 Seiten, Note: 2,0

Natascha Schneider (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ALLGEMEIN

2. DIE STANDARDVERSION DER PROTOTYPENSEMANTIK
2.1 Der Prototyp
2.2 Graduelle Zugehörigkeit und unscharfe Grenzen
2.3 Heckenausdrücke/Hedges
2.4 Familienähnlichkeit
2.5 Ähnlichkeit zum Prototyp und cue validitiy
2.6 Die interkategorielle hierarchische Struktur

3. KRITIK AN DER STANDARDVERSION

4. DIE ERWEITERTE PROTOTYPENTHEORIE.

5. ZUSAMMENFASSUNG

6. LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: KATEGORIE FORTBEWEGUNGSMITTEL

ABBILDUNG 2: FAMILIENÄHNLICHKEIT

ABBILDUNG 3: DAS BASISEBENENKONZEPT

1. Allgemein

Menschen haben die Fähigkeit Dinge aus ihrer Umwelt in verschiedene Kategorien einzuordnen. Dies geschieht bei allen Handlungen, die wir ausüben. Ohne die Kategorisierungsfähigkeit müsste unser Gehirn jede Information, die wir erhalten, neu wahrnehmen. Das würde zu einer Unstrukturiertheit führen. »Es ist schwer vorstellbar, wie unser Verhalten in unserer Umgebung sowohl in psychischer als auch in sozialer und intellektueller Hinsicht aussähe ohne die Existenz von Kategorien, wenn also jede irgendwie wahrgenommene Entität einzigartig bliebe.«1 Interessant ist in diesem Zusammenhang zu erfahren, nach welchen Kriterien der Kategorisierungsprozess erfolgt, beziehungsweise nach welchen Prinzipien verschiedene Entitäten zusammen mit anderen einer Kategorie zugeordnet werden. Bei der Annäherung an diese Fragen, spielt die Entwicklung der Prototypentheorie eine entscheidende Rolle. Die Standardversion der Prototypentheorie, die in den 1970er Jahren von Eleanor Rosch und einigen Mitarbeitern entwickelt wurde, versucht anhand empirischer Befunde Aufschluss über die menschliche Kognition zu geben. Ausgangspunkt dieser Theorie bildete das Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen (NHB- Modell), in dem eine Entität bestimmte Bedingungen erfüllen muss, um einer Kategorie zugeordnet werden zu können. Das Prinzip der Binarität (Entität erfüllt eine Bedingung, oder erfüllt sie nicht), wie es in diesem traditionellen Modell der Kategorisierung vorgegeben ist, trifft jedoch nicht immer zu. Nicht alle Kategorien weisen scharfe Grenzen auf. Es zeigt sich also, dass dieses Modell einige Unzulänglichkeiten aufweist, die Eleanor Rosch mittels der Prototypentheorie erklären und entsprechend beheben möchte. Demnach stellt die Prototypentheorie zur Merkmalstheorie eine Ergänzung und keine direkte Alternative dar.2

Im Folgenden möchte ich zunächst die charakteristischen Merkmale der Standardversion der Prototypentheorie darstellen. Hierbei wird zwischen der horizontalen und der vertikalen Ebene unterschieden. Die horizontale Ebene umfasst die innere Struktur der Kategorien, während sich die vertikale Ebene mit der interkategoriellen Strukturierung befasst. Im Anschluss daran möchte ich die Schwächen der Prototypentheorie herausarbeiten. Folglich werde ich dann die erweiterte Prototypentheorie vorstellen. Abschließend möchte ich die wesentlichen Ergebnisse der Prototypentheorie kurz zusammenfassen.

2. Die Standardversion der Prototypensemantik

2.1 Der Prototyp

Der Ausgangspunkt für Roschs neue Theorie ist die Einführung des Prototypenbegriffs. Dies ist die prägnanteste Besonderheit des Prototypenmodells. Der Prototyp stellt nach E. Rosch das beste Beispiel oder den besten Vertreter einer Kategorie dar. Er repräsentiert diese Kategorie und ist gleichzeitig ihr typischster Vertreter. Daraus folgt, dass es innerhalb einer Kategorie bessere und schlechtere Vertreter neben dem Prototyp geben muss. Aufgrund von Studien ist belegbar, dass der Prototypenbegriff eng mit der individuellen Sichtweise gekoppelt ist. Sprecher nennen bei der Frage nach einem Vogel zuerst den Begriff, der ihnen am Geläufigsten ist, beziehungsweise den Begriff, den sie sofort mit dieser Kategorie assoziieren. So ist der Spatz im Vergleich zum Pinguin der Prototyp der Kategorie Vogel. Neben seiner Funktion als bester Vertreter einer Kategorie, bildet der Prototyp das Zentrum.

Alle anderen Mitglieder der Kategorie gruppieren sich um ihn herum. Die Kategorien definieren sich über eine Kombination typischer Merkmale. Demnach ergibt sich die Zugehörigkeit zu einer Kategorie aufgrund der Anzahl der Merkmale, die eine Entität mit dem Prototyp teilt. Jedoch müssen nicht alle Vertreter den gleichen Umfang an Merkmalen aufweisen. Je mehr gemeinsame Merkmale ein Vertreter aber mit dem Prototyp teilt, umso näher seine Anordnung zum Zentrum. Dies gibt gleichfalls auch Aufschluss über seine Zugehörigkeit zur Kategorie. Je mehr Merkmale ein Vertreter aufweisen kann, desto stärker seine Zugehörigkeit zu der jeweiligen Kategorie. »Die innere Struktur vieler natürlicher Kategorien besteht aus dem Prototyp der Kategorie […] und den nicht-prototypischen Exemplaren, welche in einer Rangfolge angeordnet sind, die sich von den besten zu den weniger guten Beispielen erstreckt.«3 Diese innere Struktur wird besonders deutlich anhand der Abbildung der prototypischen Kategorie »Fortbewegungsmittel«, wie sie bei Bärenfänger zu finden ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kategorie Fortbewegungsmittel4

Der Kreis, in dem verschiedene Mittel der Fortbewegung angeordnet sind, symbolisiert die Kategorie (In Abb. 1: Fortbewegungsmittel). In der Mitte, also im Zentrum, befindet sich ein Element mit besonders vielen typischen Merkmalen für diese Kategorie. Das Auto ist demnach prototypisch für die Kategorie der Fortbewegungsmittel. In seiner näheren Umgebung sind die Elemente angeordnet, die viele gemeinsame Merkmale mit dem Auto haben. Demnach sind der Bus und das Moped wie das Auto im Straßenverkehr einsetzbar, haben Reifen und sind motorisiert. Beides sind Fahrzeuge, die häufig genutzt werden, um ein nahes Ziel zu erreichen. Das Flugzeug hingegen wird im Vergleich zum Bus häufiger genutzt, um ein Fernziel zu erreichen. Außerdem ist es nicht im alltäglichen Straßenverkehr einsetzbar. Der Bus und das Moped teilen demnach mehr typische Eigenschaften mit dem Auto, als das Flugzeug, weshalb das Flugzeug weiter entfernt vom Prototyp angeordnet ist. Je weiter ein Vertreter also vom Auto entfernt ist, desto weniger kategorietypische Eigenschaften besitzt er. Er repräsentiert die Kategorie weniger gut, als andere Vertreter. Daraus folgt, dass er ein minder gutes Element für diese Kategorie ist. Das Element (In Abb. 1: Dinosaurier), das sich außerhalb des Kreises, also auch außerhalb der Kategorie befindet, besitzt keine typischen Eigenschaften mehr. Es hat keine gemeinsamen Merkmale mit dem Prototyp und ist somit auch kein Mitglied der Kategorie Fortbewegungsmittel.

2.2 Graduelle Zugehörigkeit und unscharfe Grenzen

Die Abbildung 1 zeigt auf, dass die Abgrenzung der Vertreter aufgrund der typischen Kategoriemerkmale, Auswirkungen auf die innere Struktur einer Kategorie hat. Demnach ist die Zugehörigkeit zu einer Kategorie laut Lakoff graduell erschließbar. »Die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Kategorie [lässt sich] nicht einfach mit ja oder nein beantworten, sondern eher graduell.«5 Je näher sich ein Element zum Zentrum befindet, desto höher ist auch sein Zugehörigkeitsgrad. Folglich haben Kategorien im direkten Vergleich zum NHB- Modell keine klar definierten Grenzen mehr, sondern eine abgestufte Struktur. Die These, wie sie noch im NHB-Modell der Kategorisierung vertreten wurde, dass eine Trennung in Vertreter und Nicht-Vertreter einer Kategorie vorgenommen wird, wird in der Prototypentheorie aufgehoben. Kategorien können unscharfe Grenzen haben. Die Abbildung 1 zeigt eine mehrfach gestufte Kategorie. Die Elemente, die sich jeweils zwischen zwei gestrichelten Linien befinden, weisen ungefähr den gleichen Grad an Repräsentativität auf. Lakoff hat seine These der graduellen Erschließbarkeit anhand von Sätzen des Typs »X ist ein Vogel oder X ist kein Vogel«6 gestützt. Er hat gezeigt, dass diese Sätze einen unterschiedlichen Wahrheitsgrad aufweisen.

a) Ein Spatz ist ein Vogel (wahr);
b) Ein Küken ist ein Vogel (weniger wahr als a);
c) Ein Pinguin ist ein Vogel (weniger wahr als b);
d) Eine Fledermaus ist ein Vogel (falsch, oder fern davon, wahr zu sein);
e) Eine Kuh ist ein Vogel (falsch).7

Diese Aussagen zeigen, dass Kategoriegrenzen nicht immer klar erkennbar sind, sondern eine abgestufte Struktur haben.

2.3 Heckenausdrücke/Hedges

Oft fällt es uns schwer, verschiedene Elemente einer Kategorie zuzuordnen. Dies macht sich auch bei der Verwendung unserer Alltagssprache bemerkbar. In diesem Zusammenhang spricht man von Heckenausdrücken oder sprachlichen Hecken (engl. hedges). Diese Heckenausdrücke werden verwendet, wenn wir uns unschlüssig darüber sind, in welche Kategorie ein Element eingeordnet werden soll. Im kommunikativen Umgang äußert sich diese Unsicherheit durch Verwendung von Ausdrucksweisen, die abschwächend oder relativierend klingen.8 Zu Ausdrücken wie beispielsweise das ist eigentlich ein Vogel oder das ist schon irgendwie ein Stuhl, kommt es, da die Entität, die bezeichnet werden soll, für uns gewisse Merkmale nicht aufweist, die für eine Zuordnung in die jeweilige Kategorie erforderlich wären. Andererseits wird durch solche Ausdrücke auch deutlich, dass sie nicht klar aus dieser Kategorie herausfallen.

[...]


1 Kleiber (1998, 4)

2 Vgl. Schwarz (1993, 53)

3 Rosch, in: Kleiber (1998, 34)

4 Bärenfänger, in: Müller (2002b, 204)

5 Lakoff, in: Kleiber (1998, 35)

6 Vgl. Kleiber (1998, 35)

7 Kleiber (1998, 35)

8 Vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann (2002, 175)

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Prototypensemantik. Die Standardversion, die Kritik an ihr und die erweiterte Prototypentheorie
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Relationale Semantik
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V312502
ISBN (eBook)
9783668169647
ISBN (Buch)
9783668169654
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bitte unter dem Pseudonym "Natascha Schneider" veröffentlichen.
Schlagworte
Prototypensemantik, Prototypentheorie
Arbeit zitieren
Natascha Schneider (Autor), 2008, Die Prototypensemantik. Die Standardversion, die Kritik an ihr und die erweiterte Prototypentheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312502

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Prototypensemantik. Die Standardversion, die Kritik an ihr und die erweiterte Prototypentheorie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden