Herausforderungen bei der Übersetzung von Kinder- und Jugendliteratur


Hausarbeit, 2014

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kinder- und Jugendliteratur
II.I. Definition
II.II. Forschungsstand der literarischen Übersetzung
II.III. Forschungsstand der kinder- und jugendliterarischen Übersetzung

III. Probleme bei der Übersetzung von Kinder- und Jugendbüchern

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das Kind versteht und spricht eine andere Sprache als der Erwachsene. Wer es durch Sprache erreichen will, muß [sic!] seine Sprache kennen, um durch diese […] Zugang zum Kind und seiner Erlebniswelt zu gewinnen.[1]

Die unterschiedliche Sprache von Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zu der von Erwachsenen ist nicht nur ein Faktor, den man beim Schreiben eines Kinder- oder Jugendbuches berücksichtigen muss, sondern auch bei deren Übersetzung. Dies macht es den Übersetzern nicht gerade einfach, haben sie doch die verantwortungsvolle Aufgabe, den Kindern und Jugendlichen in unserer wachsenden multikulturellen Gesellschaft ein Verständnis für andere Menschen und deren Kulturen zu vermitteln, ihnen beizubringen diese zu achten und mit Hilfe der übersetzten Bücher andere „Welten“ zu erforschen.[2]

Übersetzungen von Kinder- und Jugendbüchern stellen nicht nur aufgrund einer anderen Sprachebene eine besondere Herausforderung für die Übersetzer dar und bergen nicht selten Probleme, die sie von der Übersetzung sogenannter „Erwachsenenliteratur“ unterscheiden. Neben allgemeinen Problemen, die die Übersetzer von literarischen Texten zu bewältigen haben, müssen bei Kinder- und Jugendbüchern zusätzlich deren Fähig- und Fertigkeiten beachtet, ihre Ängste und Sorgen ernstgenommen und stets die jeweiligen Altersstufen berücksichtigt werden. Der noch sehr junge Forschungsstand der Kinder- und Jugendliteratur erschwert die Arbeit des Übersetzers zusätzlich. Trotzdessen, dass es Kinder- und Jugendbücher seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland gibt, hat sich die Übersetzungswissenschaft bislang vermehrt auf die theoretischen Grundlagen von literarischen Texten für Erwachsene konzentriert und eine Auseinandersetzung mit den Aspekten kinderliterarischen Übersetzens weitestgehend ausgespart. Kinder- und Jugendliteratur wird noch immer nicht sehr ernst genommen, insbesondere wenn es um deren theoretische Erforschung geht.

In dieser Arbeit geht es daher um den Teilbereich der Übersetzung von Kinder- und Jugendliteratur und den spezifischen Problemen, mit denen die Übersetzer dabei konfrontiert werden. Zunächst wird der Begriff der Kinder- und Jugendliteratur genauer definiert, um anschließend einige Zahlen und Fakten über diese anzuführen. Es folgt ein kurzer Abriss über die Übersetzungswissenschaft und allgemeine Probleme, denen die Übersetzer literarischer Texte gegenüberstehen. Vertiefend geht es im Anschluss um die spezifische Forschung der Kinder- und Jugendliteraturübersetzung. Schließlich wird sich das dritte Kapitel mit der Hauptfrage dieser Arbeit beschäftigen, nämlich welche Probleme sich bei der Übersetzung von Kinder- und Jugendbüchern ergeben. Die darin gewonnenen Erkenntnisse werden zum Abschluss in einem Fazit zusammengeführt.

II. Kinder- und Jugendliteratur

Nach einer Definition der Kinder- und Jugendliteratur geht es einführend um die wichtigsten Eckdaten der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Daran anknüpfend folgen der Forschungsstand der allgemein literarischen Übersetzungswissenschaft sowie jener der Übersetzungen von Kinder- und Jugendliteratur.

II.I. Definition

Unter Kinder- und Jugendliteratur ist nach dem schwedischen Literarhistoriker Göte Klingberg ein abgegrenzter Teil aus dem literarischen Gesamtangebot zu verstehen, der definiert wird nicht als diejenigen Bücher, die die Jugend gelesen hat, sondern als diejenige Literatur, die für oder hauptsächlich für Kinder und Jugendliche veröffentlicht worden ist.[3]

Der deutsche Germanist Ewers grenzt das weite Feld dieser Literatur weiter ein durch die faktische Kinder- und Jugendliteratur, die jegliche Schullektüre ausschließt und letztlich nur jene Texte einbezieht, die die Kinder und Jugendlichen „außerhalb des Unterrichts und auch nicht begleitend zu diesem“ lesen.[4] Es werden dementsprechend lediglich Texte einbezogen, die freiwillig gelesen und als potentielle Kinder- und Jugendliteratur hervorgebracht werden.[5]

Einer der Wesenszüge[6], die die Kinder- und Jugendliteratur so besonders macht, ist ihre grundlegende Mehrfachadressiertheit[7]:

Zu den realen Lesern von Kinderliteratur gehören neben Kindern auch Erwachsene- in ihrer Funktion als Vermittler (die kaufen, verschenken und empfehlen), als Vor- und Mitleser aber auch als eigenständige Leser von Kinderliteratur.[8]

Das primäre Publikum sind die Erwachsenen, die in der Rolle des Vermittlers Verlagsentscheidungen sowie die Erstellung von Übersetzungen beeinflussen.[9] Da Kinder auf dem literarischen Markt noch nicht selbstständig agieren können, werden Kaufentscheidungen vorrangig von Eltern, Verwandten sowie Erziehungs- und Bildungseinrichtungen geprägt und getätigt: „Die erfolgreiche Kommunikation mit den Vermittlern eröffnet in der Regel erst den Zugang zu den avisierten Lesern“.[10] Daraus ergeben sich spezifische Herausforderungen für die Übersetzer von Kinder- und Jugendliteratur, wie im dritten Kapitel noch zu sehen sein wird.

Kinder- und Jugendbücher machten im Jahr 2013 15,8 Prozent[11] der verkauften Bücher in Deutschland aus, womit sie den zweiten Platz direkt hinter dem meist verkauften Genre, der Belletristik mit 33,8 Prozent, einnehmen.[12] Die Zahl der Übersetzungen in Erstauflage lag im vergangenen Jahr bei 10.731. Die Übersetzungen ins Deutsche kamen bei 67,6 Prozent aus dem Englischen als die meist übersetzte Sprache, an zweiter Stelle aus dem Französischen mit 10,2 Prozent, Japanischen mit 5,8 Prozent, Italienischen mit 2,7 Prozent und Schwedischen mit 2,3 Prozent.[13] Der Anteil von übersetzten Kinder- und Jugendbüchern dagegen dürfte weitaus geringer ausfallen, worüber es jedoch keine aktuellen Zahlen gibt. In der Verlagspolitik spielen Kinder- und Jugendbuchübersetzungen eine wesentlich unbedeutendere Rolle als Belletristik-Übersetzungen, was auf die unterschiedlich großen Zielgruppen in beiden Bereichen zurückzuführen ist.[14] Dies erklärt womöglich die umfassendere Beschäftigung mit literarischen Übersetzungen für Erwachsene im Gegensatz zu denen der Kinder- und Jugendliteratur in der Übersetzungswissenschaft.

II.II. Forschungsstand der literarischen Übersetzung

Obwohl es in den vergangenen Jahrzehnten eine Vielzahl an Veröffentlichungen im Bereich der Übersetzungswissenschaft gegeben hat, gibt es bis heute keine allgemeingültige Theorie, die die aufkommenden Probleme bei literarischen Übersetzungen zu lösen vermag.[15] Im Folgenden wird daher ein knapper Überblick über bestehende Probleme und Theorien in der allgemeinen Übersetzungswissenschaft gegeben.

Die Übersetzungswissenschaft gilt als Teilbereich zahlreicher anderer Wissenschaften, weshalb sie meist nur einer dieser verhaftet ist. Dies hat zur Folge, dass die Ergebnisse, die innerhalb einer Wissenschaft erzielt werden, nicht allgemeingültig übertragbar auf andere Wissenschaften sind.[16] Des Weiteren besteht über die Art und Anzahl der Teilbereiche der Übersetzungswissenschaft keine Einigung. So nimmt beispielsweise Kade (1968) eine Zweiteilung vor in die allgemeine und spezielle Übersetzungswissenschaft, hingegen Wills (1977) eine Dreiteilung in angewandte, allgemeine und besondere Übersetzungswissenschaft und Koller (1987) sogar eine achtfache.[17] Es fehlt darüber hinaus noch eine exakte Eingrenzung des Forschungsgegenstandes, etwa, ob man sich ausschließlich mit schriftlichen Texten oder auch mit mündlichen beschäftigen sollte. Ebenfalls erschwerend ist die Tatsache, dass Fragestellungen von verschiedenen Forschungsrichtungen her angegangen werden, etwa von der kommunikationswissenschaftlich orientierten, linguistisch funktionalistischen, neohermeneutischen Übersetzungswissenschaft oder den Translation Studies. Dies lässt sich auf das bereits angesprochene Problem der Zuordnung zu verschiedenen Wissenschaften zurückführen.

Bezüglich der verschiedenen Theorieansätze, die zu unterschiedlichen Zeiten entwickelt wurden, lässt sich eine Veränderung hinsichtlich des Forschungsinteresses feststellen. Während früher das Translat von Interesse war, lag das Augenmerk in den 1990er Jahren auf der Erforschung des Translationsprozesses und heutzutage nimmt vermehrt der Übersetzer selbst eine Schlüsselposition in den Theorien ein.[18]

Als ein grundlegendes Problem, warum sich die verschiedenen Theorieansätze mitunter nicht vereinen lassen, ist die Vielzahl an Definitionen von „Übersetzen“ und „Übersetzung“ zu nennen. Je nach Epoche und wissenschaftlichen Ansatz ändern sich diese und so definiert beispielsweise Koller „Übersetzen“ als das Resultat einer sprachlich-textuellen Operation, die von einem AS-Text [Ausgangssprachentext] zu einem ZS-Text [Zielsprachentext] führt, wobei zwischen ZS-Text und AS- Text eine Übersetzungs- (oder Äquivalenz-) relation hergestellt wird[19], während Wilss fünfzehn Jahre zuvor schreibt Jede Übersetzung stellt […] den mehr oder minder erfolgreichen Versuch einer Synchronisation von syntaktischen, lexikalischen und stilistischen Regelapparaten zweier Sprachen, einer Ausgangs- und einer Zielsprache, dar.[20]

Im Duden dagegen findet man die sehr allgemein gehaltene Definition: „Übersetzen ist die schriftliche Umsetzung eines Textes in eine andere Sprache“.[21]

[...]


[1] zitiert nach Rieken-Gerwing (1995), S. 163.

[2] Vgl. Jung (1996), S. 13.

[3] Klingberg (1973), S. 25f.

[4] Ewers (2012), S. 15.

[5] Vgl. Ebd., S. 15f.

[6] Nicht weniger bedeutsam ist die Funktion von Illustrationen in Kinder- und Jugendbüchern, da sie meist für Übersetzungen neu angefertigt aber nur im geringem Maße berücksichtigt werden. Leider kann diese Charakteristik auch in der vorliegenden Arbeit aufgrund des Umfangs nicht weiter betrachtet werden.

[7] Ewers (2012) spricht an dieser Stelle von einem „Doppelcharakter“, jedoch gibt es nach O’Sullivan (2000) mehr als zwei Adressaten in Kinderbüchern.

[8] O’Sullivan (2000), S. 122.

[9] Vgl. Rieken-Gerwing (1995), S. 168.

[10] Ewers (2012), S. 40.

[11] Rieken-Gerwing merkt an, dass der Prozentanteil von Kinder- und Jugendbüchern seit den 1970er Jahren konstant bei 15 Prozent liegt (vgl. Rieken-Gerwing (1995), S. 26f.).

[12] Vgl. boersenblatt.net (2014)

[13] Vgl. Börsenverein des deutschen Buchhandels (2013) .

[14] Vgl. Rieken-Gerwing (1995), S. 28.

[15] Weiterführend zur Übersetzungswissenschaft z.B. Stolze (1994), Reichert (2003) und Albrecht (1998).

[16] Vgl. Rieken-Gerwing (1995), S. 46.

[17] Vgl. Ebd., S. 47.

[18] Vgl. Ebd., S. 48.

[19] zitiert nach Stolze (1994), S. 233.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen bei der Übersetzung von Kinder- und Jugendliteratur
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Kinder- und Jugendbuchlektorat
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V312585
ISBN (eBook)
9783668116177
ISBN (Buch)
9783668116184
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Lektorat, Jugendbuch, Kinderbuch, Übersetzung, Verlag, übersetzen, Literaturbetrieb, Romanistik, Vergleichende Literaturwissenschaft, Master, Bachelor
Arbeit zitieren
Rebecca Stelzer (Autor), 2014, Herausforderungen bei der Übersetzung von Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312585

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