"Der Arme Heinrich" Hartmanns und die dramatischen Bearbeitungen von Josef Weilen und Ernst Hammer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

26 Seiten, Note: 2,3 - gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufgabenstellung

3. Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte

4. Die dramatischen Varianten von Weilen und Hammer
4.1 Vorbemerkung
4.2 Zusammenfassung der Dramen
4.3 Der Bruderkonflikt
4.3 Die Schuld der Protagonisten und deren Krankheit
4.4 Das Mädchen
4.5 Erlösung und Untergang

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Quellenangaben

1. Einleitung

Die Legende ‚Der arme Heinrich’ von Hartmann von Aue[1] erzählt die Geschichte eines hoch angesehenen Adligen, der an Aussatz erkrankt und auf der Suche nach Heilung von einem Arzt in Salerno erfährt, dass er nur durch das Blut einer Jungfrau, die sich freiwillig opfert, von seiner Krankheit befreit werden kann. Tatsächlich trifft er auf eine junge Meierstochter, die zu einer solchen, kaum vorstellbaren Tat bereit ist und die, nach schwieriger Überzeugungsarbeit bei Heinrich und ihren Eltern, mit ihm die Reise nach Salerno antritt. Kurz bevor der Arzt jedoch sein Werk vollenden kann, besinnt sich Heinrich und verhindert im letzten Moment gegen deren erklärten Willen den Tod des Mädchens, woraufhin er durch ein von Gott bewirktes Wunder geheilt wird. Wieder in der Heimat angelangt, kommt es zu einer ständeübergreifenden Hochzeit zwischen den beiden, einer Mesalliance.

Gattungsgeschichtlich lässt sich ‚Der arme Heinrich’ nur schwer zuordnen. Cormeau führt dazu aus, dass eine Einordnung als „Märe“, als „Mirakelerzählung“ oder als „Erlösungsmärchen“ in Frage kommt, aber auch, dass der Text als Legende gelesen werden kann. [2] Daher wird im Folgenden, wie schon zu Beginn, wenn es um die Hartmannsche Fassung geht, von der Legende die Rede sein.

Da das Hauptaugenmerk dieser Arbeit jedoch auf den neueren Bearbeitungen dieses Stoffes liegen soll, wird hier auf eine nähere Analyse der Hartmannschen Arbeit verzichtet. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die umfangreiche Forschungsliteratur zum ‚Armen Heinrich’, zu der beispielsweise Petra Hörner in ihrem Buch „Hartmann von Aue“ eine ausführliche Bibliographie, die bis ins Jahr 1997 reicht, aufgeführt hat.[3]

Aufgrund der „wenigen Textzeugen“ geht Ursula Rautenberg davon aus, dass die Geschichte über den ‚Armen Heinrich’ im Mittelalter selbst nur auf wenig Begeisterung beim zeitgenössischen Publikum gestoßen ist und auch andere Autoren sich nur wenig für diese Materie interessiert haben. Vielmehr konstatiert sie, dass „die Rezeptionsgeschichte […] vom 14. bis zum 19. Jahrhundert unterbrochen“ und der Text somit nahezu in Vergessenheit geraten ist.[4] Diese Situation ändert sich laut Rautenberg erst grundlegend zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Übersetzung von Wilhelm Grimm, der sie ein eigenes Kapitel widmet [5] und die sie als Ausgangspunkt für alle weiteren Arbeiten ansieht, wenngleich sie auch „Büschings Umsetzung von 1810“[6] nicht unerwähnt lässt:

Die hinter der höfischen Fassung Hartmanns stehende Volkssage hatten zuerst die Brüder Grimm in ihrer Ausgabe von 1815 aufgespürt. Indem sie diese Sage der Volkspoesie zuordnen, haben die Grimms die Rezeptionsgeschichte des Armen Heinrich im 19. Jahrhundert entscheidend geprägt.[7]

In der Folge dieser Arbeiten entsteht eine wahre Flut an Übersetzungen, Nachdichtungen und Bearbeitungen des Stoffes, die darauf schließen lassen, dass die Geschichte des ‚Armen Heinrichs’ eine ungeheure Faszination auf die Autoren des 19. Jahrhunderts ausgeübt hat, wobei über die möglichen Gründe dafür noch zu sprechen sein wird.

In einer nach Jahreszahl und Gattung (Übersetzung, Volksbuch, Drama, Gedicht und Erzählung) sortierten graphischen Übersicht identifiziert Rautenberg immerhin mehr als 50 verschiedene Fassungen und Versionen des ‚Armen Heinrichs’ in der Zeit zwischen 1810 und 1930, wobei einige Autoren sich gleich mehrfach des Themas angenommen haben.[8] Ihrem Anspruch auf Vollständigkeit dieser Übersicht[9] wird sie jedoch nicht gerecht, da sie nachweislich zumindest das Drama von Ernst Hammer [10] übersehen hat, welches in den kommenden Abschnitten näher beleuchtet werden wird.

Auch wenn das Interesse am ‚Armen Heinrich’ dann im Laufe des 20. Jahrhunderts ein wenig nachlässt, so taucht das Thema dennoch immer wieder bis in die jüngste Gegenwart auf, wobei hier vor allem die Arbeiten von Markus Werner[11] und Tankred Dorst[12] genannt seien. Nicht zuletzt deshalb scheint eine Beschäftigung mit dieser Thematik auch heute noch nach wie vor lohnenswert zu sein.

2. Aufgabenstellung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zwei recht unbekannte und von der Forschungsliteratur weitgehend unberücksichtigte dramatische Fassungen des ‚Armen Heinrichs’ näher zu untersuchen, die, wie noch zu zeigen sein wird, zumindest eine gemeinsame Verbindungsachse aufweisen. Dabei handelt es sich zum einen um das Drama „Der arme Heinrich“ von Ernst Hammer [13] aus dem Jahre 1905 und zum anderen um das Drama „Heinrich von der Aue“ von Josef Weilen[14] (1874). Zudem werden auch immer wieder stoffliche Parallelen und Unterschiede zur Ursprungslegende benannt werden. Darüber hinaus sollen zu Beginn die Gründe für das außergewöhnlich starke Interesse am armen Heinrich um 1900 diskutiert werden.

3. Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist die Hartmannsche Legende im Laufe des 19. Jahrhunderts auf enorme Beachtung bei Autoren, aber auch beim Publikum gestoßen. Rautenberg hält dazu fest:

Mit den 19 Übersetzungen, zehn dramatischen Fassungen (Uhlands Fragment eingerechnet), dem Musikdrama, den Jugendspielen und der Singfabel, mit den vier ‚Volksbuch’-Bearbeitungen, den beiden Gedichten, den Erzählungen Ferdinand Bäßlers und Ricarda Huchs und Albert Geigers Roman gehört der Arme Heinrich schon von der Anzahl der Bearbeitungen her zu den im literarischen Bereich am meisten rezipierten mittelhochdeutschen Werken.[15]

Weiterhin zitiert Rautenberg eine Aussage Simrocks aus dem Jahre 1875, der damals die Auffassung vertrat, dass das Hartmannsche Werk „wie für den heutigen Geschmack geschrieben“ sei und die Menschen dieses „im neunzehnten Jahrhundert mit demselben Entzücken“ lesen werden „wie im Anfang des dreizehnten“.[16]

Gleichzeitig fällt jedoch auf, dass trotz dieser offenbar außergewöhnlich großen Begeisterung und der Vielzahl an Werken rund um den ‚Armen Heinrich’ die Zahl der speziellen Forschungsliteratur ausgesprochen niedrig ist und das Thema der Rezeptionsgeschichte geradezu ausgeklammert worden ist, worauf auch Rautenberg hinweist.[17] Sieht man von so bekannten Autoren wie Gerhart Hauptmann oder den Brüdern Grimm ab, die etwas häufiger erwähnt werden, so sind es in erster Linie nur drei wissenschaftliche Arbeiten, die sich ausführlich mit der Geschichte des ‚Armen Heinrichs’ in der Zeit um 1900 befassen und in denen auch diejenigen Werke besprochen werden, die von weniger bekannten Autoren verfasst worden sind. Dazu zählen „Der arme Heinrich in der neueren Dichtung“ von Hermann Tadel[18] aus dem Jahre 1905, „Das Volksbuch vom armen Heinrich“ von der bereits mehrfach genannten Ursula Rautenberg (1985)[19] und die Arbeit „Todessehnsucht und Erlösung, ‚Tristan’ und ‚Armer Heinrich’ in der deutschen Literatur um 1900“ von Sulamith Sparre (1988).[20] Aufgrund dieser dünnen Decke an Sekundärliteratur werden auch in den folgenden Abschnitten fast ausschließlich diese Arbeiten als Quellen herangezogen werden.

Alle drei haben sich mehr oder weniger intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, warum es gerade die Legende des ‚Armen Heinrichs’ war, die auf die Menschen eine solch außergewöhnliche Anziehungskraft ausgeübt hat und sind dabei zu durchaus unterschiedlichen Antworten gelangt.

Tardel zum Beispiel erklärt das große Interesse am ‚Armen Heinrich’ mit dem in der Legende ausgesprochenen Erlösungsgedanken als zentralem Motiv:

Während noch Hegel in seinen Vorlesungen über Ästhetik die Aufopferungsidee des Armen Heinrich als „barbarisch“, weil vernunftwidrig bezeichnete, obwohl er die verwandte Iphigeniensage und Goethes Behandlung nicht zu umgehen vermochte, ist gerade dieses Motiv unter dem Einfluß der Christus-Idee und der christlichen Ethik der Hauptanziehungspunkt für die modernen Bearbeiter der Legende geworden. Das Trachten, sich im Bewußtsein der eigenen Schwäche, Schuld und Sünde zu einem reineren und höheren Leben zu erheben, hatte bereits in Dichtung und Kunst vielfach die Form angenommen, daß der zweifelnde, kranke oder schuldbeladene Mann durch die hingebende Liebe eines Weibes gerettet wird.[21]

Einen ganz anderen Ansatz wählt dagegen Rautenberg. Sie beschreibt in den ersten Kapiteln ihres Buches zunächst ganz allgemein, wie es zu einem Wiederaufflammen des Interesses an mittelhochdeutscher Literatur im 19. Jahrhundert kam und benennt als ein wichtiges Datum für die „Entwicklung der Altgermanistik“ das Jahr 1810, welches die „Einrichtung des ersten Lehrstuhls für deutsche Sprache und Literatur an der preußischen Reformuniversität Berlin“ markiert.[22] Vor allem unterstellt sie auch ein besonderes nationales Interesse an älterer Literatur, die aus ihrer Sicht dazu geeignet zu sein scheint, als Identifikationsmerkmal zu dienen:

Das deutsche Mittelalter, vor allem die staufische Herrschaftsepoche, garantiert eine eigene kulturelle Identität des ganzen deutschen Volkes, die schließlich im „Zweiten Reich“ wieder in einen geeinten deutschen Nationalstaat einmündet. Die Wiederentdeckung des eigenen alten Kulturgutes gewinnt politische Dimensionen, denen sich die frühen Germanisten kaum entziehen.[23]

Während diese Ausführungen noch recht plausibel sind, wirken Rautenbergs Erläuterungen in Bezug auf das spezielle Interesse am ‚Armen Heinrich’ jedoch wenig überzeugend. Sie geht davon aus, dass es „die vulgäre Seite des Stoffes“[24] sei, welche die Erzählung so attraktiv mache. Weiterhin spricht sie davon, dass die Faszination an dem Stoff vor allem hinsichtlich der Opferszene auf die Vereinigung wesentlicher Elemente wie „Lust und Grausamkeit, sex and crime“[25] zurückzuführen sei und dass der Text insgesamt dem Leser eine Mischung aus „Sensation und Rührung, Erotik und Verbrechen“[26] garantiere. Eine solche Sichtsweise, die man sicherlich den ökonomischen Interessen heutiger Filmemacher aus Hollywood unterstellen würde, darf mit Blick auf die Autoren des 19. Jahrhunderts zumindest kritisch betrachtet und angezweifelt werden. Es ist zwar nicht auszuschließen und vermutlich auch wahrscheinlich, dass auch damalige Autoren zur Gewinnung breiterer Publikumsschichten denjenigen Elementen nicht abgeneigt waren, die der Befriedigung der Sensationslust des Publikums dienten, aber als monokausale Erklärung für die enorme Bedeutung des ‚Armen Heinrichs’ greifen sie definitiv zu kurz. Schließlich würde ein Streifzug durch die mittelhochdeutsche Literatur von den Artusromanen, über diverse Schwänke und weiteren legendarischen Erzählungen bis hin zu anderen Gattungen zahlreiche Texte zu Tage fördern, die nicht weniger „sensationslüstern“ wären, weshalb diese Erklärung für die besonders exponierte Stellung des ‚Armen Heinrichs’ allenfalls als ein Merkmal unter vielen gewertet werden sollte.

Ein wesentlich differenzierteres Erklärungsmodell findet sich hingegen bei Sulamith Sparre, die sehr stark auf die literarischen Gegebenheiten und Gewohnheiten der Décadence-Literatur um 1900 eingeht.[27] Dem vorangestellt werden soll jedoch ein Zitat von Cormeau, der auf einen wichtigen Umstand der recht handlungsarmen Hartmannschen Legende hinweist:

Offensichtlich überwiegt hier das ‚innere Geschehen’, die Reflexion und das Gespräch über den Zustand, seine Deutung und die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Die psychischen Vorgänge prägen die Dynamik der Erzählung, nicht die äußere Handlung. Subjektive Reaktion, die sonst nur bruchstückhaft als Motivation des Handelns thematisch wird, rückt hier in den Mittelpunkt.[28]

Vor allem diese für das Mittelalter eher ungewöhnlich stark psychologisierende Komponente der Legende ist einer der zentralen Aspekte, der sich Sparre widmet und worin sie vollkommen zu Recht einen entscheidenden Grund für die Rezeption der Legende im 19. Jahrhundert findet. Immer wieder erwähnt sie in diesem Zusammenhang auch die Arbeiten Sigmund Freuds, dessen Werke gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer stärkere Bedeutung erlangen und die viele Autoren der damaligen Zeit stark beeinflusst haben, auch wenn das von der Zeitachse her nur auf Hammer zutreffen könnte, aber nicht eindeutig zu belegen ist.

Hinsichtlich der Epoche skizziert Sparre einige Grundlinien, die für die Rezeption des ‚Armen Heinrichs’ von Bedeutung sind. So spricht sie von „der Polarität von Eros und Thanatos“[29], von einer geradezu „erotischen Todestrunkenheit“[30], aber auch von einer ausgeprägten „Erlösungssehnsucht“[31] als charakteristische Kennzeichen der Literatur der damaligen Zeit. Ein ausführlicheres Zitat Sparres soll dies noch weiter konkretisieren:

Die Literatur der Décadence versucht dem Untergang Schönheit abzugewinnen. Der Verherrlichung des Gesunden und der Feier des Fortschritts stellt sich die Décadence-Literatur um 1900 mit der Bejahung von Verfall und Untergang, von Lebensschwäche und Krankheit entgegen […] die Wahl des ‚Tristan’ –oder ‚Armer-Heinrich’-Stoffes ist typisch für einige Aspekte der Dekadenz-Literatur, weil es hier um Todessehnsucht unter einem erotischen Aspekt geht; ebenso ist das Fascinosum, das von der Darstellung des Kranken ausgeht, dekadenter Natur.[32]

Erst unter Berücksichtigung und Kombination aller dieser Ansätze der drei genannten Autoren, Tardel, Rautenberg und Sparre, ergibt sich eine schlüssige und nachvollziehbare Erklärung dafür, weshalb ausgerechnet der arme Heinrich zu solch großer Popularität im 19. Jahrhundert gelangt ist. Es ist die Mischung aus Motiven der christlichen Ethik, der Erlösungssehnsucht, der Ästhetik des Untergangs und des Verfalls sowie bis zu einem gewissen Grad auch der Sensationsgier, die allesamt in der Legende Hartmanns angelegt und dann im 19. Jahrhundert auf fruchtbaren Boden getroffen sind.

4. Die dramatischen Varianten von Weilen und Hammer

4.1 Vorbemerkung

Gemäß der Aufgabenstellung soll es im Folgenden darum gehen, zu analysieren, wie die beiden recht unbekannten Autoren Josef Weilen und Ernst Hammer an den Stoff des ‚Armen Heinrichs’ herangetreten und mit ihm umgegangen sind.

Beide Verfasser haben als Gattung das Drama verwendet, was nicht weiter verwundert, da schon die Legende Hartmanns allein aufgrund der vielen Dialoge zwischen den handelnden Personen deutliche Züge eines Dramas trägt. Im Gegensatz zu Hartmann wurden jedoch in beiden Fällen zahlreiche weitere Personen hinzugefügt, die die Bühne beleben sollen. So finden sich bei Hammer zehn und bei Weilen sogar 16 Figuren, die an der Handlung teilhaben. Hinzu kommt, dass beide Male ein neuer Handlungsstrang, der einen Bruderkonflikt behandelt, eingefügt wurde, der bei Weilen sogar eine zentrale Rolle spielt. Die Zeit, in der die Stücke spielen, lässt sich bei Weilen klar auf das „Ende des Interregnums (1273)“ [33] festlegen, worauf innerhalb der Handlung immer wieder angespielt wird, während bei Hammer genaue Zeitbezüge fehlen. Lediglich die Teilnahme von Heinrichs Bruder an einem Kreuzzug[34] erlaubt eine ungefähre Einordnung, eben in die Zeit der Kreuzzüge.

In der Forschungsliteratur haben beide Dramen bislang kaum eine Rolle gespielt. Der Text von Hammer wurde bislang offenbar nur in einer einzigen knappen Fußnote und zwar von Tardel behandelt, der dem Autor jedoch ein so mangelhaftes Können unterstellt, dass ihm eine nähere Analyse offensichtlich überflüssig erschien.[35] Wenngleich man diese Auffassung durchaus teilen kann, bietet der Text dennoch einige interessante Aspekte, die einer näheren Betrachtung wert sind. Weilen dagegen bekommt von Tardel mehr Beachtung geschenkt und wird daher eingehender behandelt.[36] Völlig unverständlich ist jedoch seine Aussage, Weilens Stück sei „die sich stofflich am meisten von der Legende entfernende Bearbeitung“,[37] wenn man die eben belegte Tatsache berücksichtigt, dass Tardel auch Hammers Werk gekannt hat. Denn schließlich ist es Hammer, der das zentrale Erlösungsmotiv in sein Gegenteil verkehrt und auch andere Motive völlig umgedeutet hat, was noch zur Sprache kommen wird. Man könnte sogar so weit gehen, Hammers Drama als einen „Anti-Armen Heinrich“ aufzufassen, das aus einer solchen Perspektive sicherlich weiter entfernt von der Hartmannsche Legende ist als Weilen.

Rautenberg, die von Hammer überhaupt keine Notiz genommen hat, räumt Weilens Drama dagegen nur einen kleinen Absatz mit einer Kurzzusammenfassung ein.[38] Noch knapper erwähnt Sparre die beiden Dramen und verweist auf die Ausführungen Tardels.[39]

4.2 Zusammenfassung der Dramen

Vor der Analyse einzelner Aspekte und Motiven der beiden Dramen soll hier zunächst eine inhaltliche Zusammenfassung, beginnend mit Weilen, stehen, um so einen Überblick über die Werke zur erhalten.

Das Stück Weilens setzt zu dem Zeitpunkt ein, als Hieronymus, Heinrichs Lehrer, Arzt und enger Vertrauter seinen Schützling verlässt, um sich für ein paar Wochen anderen Kranken zu widmen. Entgegen dessen Mahnung und der des alten Burgvogts Walther beschließt der über die Maßen freigiebige und großzügige Heinrich, der nach dem Tod seines Vaters die Burg übernommen hat, anlässlich der Pfingstzeit ein großes Fest zu veranstalten, zu dem er zahlreiche Ritter eingeladen hat. Diese spalten sich wegen der in der Zeit um 1273 ungeklärten Machtfrage in zwei Gruppen auf. Zum einen in die Anhänger des Königs Alfons und zum anderen in die Anhänger des Königs Richard von Cornwall, wobei beide Gruppen den Herrschaftsanspruch des jeweils anderen Königs negieren und darüber in einen heftigen Streit verfallen. Heinrich, dem aufgrund seines geradezu hedonistischen Weltbildes eine solche Auseinandersetzung fremd zu sein scheint, versucht, die Anwesenden durch das Abhalten eines Turniers von ihren Feindseligkeiten abzulenken. Zwischenzeitlich klagt Heinrichs Bruder Hadmar, der einige Zeit verschwunden war, bei Walther über die Verschwendungssucht seines Bruders und versucht dadurch, die uneingeschränkte Loyalität Walthers gegenüber seinem Herrn zu brechen, was jedoch misslingt. Danach tauchen erstmals der Meier Konrad und dessen Tochter Elsbeth auf, die bei Heinrich vorsprechen, um ihre Freiheit zu erbitten. Heinrich stimmt diesem Ansinnen ohne Zögern zu, nicht zuletzt motiviert durch eine gewisse Hingezogenheit zu dem Mädchen, das ihrerseits Heinrich, ohne ihn zu kennen, geradezu vergöttert.

[...]


[1] HvA

[2] CC, S. 145

[3] Hörner, Petra: Hartmann von Aue. Mit einer Bibliographie 1976-1997. Frankfurt am Main: Lang, 1998

[4] UR, S. 101

[5] UR, S. 108 ff.

[6] UR, S. 93

[7] UR, S. 100

[8] UR, S. 94/95

[9] UR, S. 93

[10] EH

[11] Werner, Markus: Der ägyptische Heinrich. Salzburg: Residenz-Verlag, 1999

[12] Dorst, Tankred: Die Legende vom armen Heinrich. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1996

[13] EH

[14] JW

[15] UR, S. 96

[16] UR, S. 98

[17] UR, S. 92

[18] HT

[19] UR

[20] SS

[21] HT, S. 17

[22] UR, S. 76

[23] UR, S. 76

[24] UR, S. 186

[25] UR, S. 184

[26] UR, S. 185

[27] SS, S. 2 ff.

[28] CC, S. 144

[29] SS, S. 2

[30] SS, S. 3

[31] SS, S. 5

[32] SS, S. 5

[33] HT, S. 19

[34] EH, S. 33

[35] HT, S. 50

[36] HT, S. 18-21

[37] HT, S. 18

[38] UR, S. 105

[39] SS, S. 157 u. S. 159

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
"Der Arme Heinrich" Hartmanns und die dramatischen Bearbeitungen von Josef Weilen und Ernst Hammer
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar II)
Veranstaltung
Hauptseminar Der Arme Heinrich
Note
2,3 - gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V31284
ISBN (eBook)
9783638323376
ISBN (Buch)
9783638651257
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arme, Heinrich, Hartmanns, Bearbeitungen, Josef, Weilen, Ernst, Hammer, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Sascha Fiek (Autor), 2004, "Der Arme Heinrich" Hartmanns und die dramatischen Bearbeitungen von Josef Weilen und Ernst Hammer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31284

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