Das Lyrische Ich als Liebesjunkie? Analyse und Interpretation des Gedichts "Willkommen und Abschied" von Johann Wolfgang v. Goethe


Hausarbeit, 2015
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analyse
2.1 Rhythmisch klangliche Strukturen
2.2 Abschnittweise
2.2.1 Auf die Pferde fertig los: Wilde Getriebenheit
2.2.2 Guten Abend: Retardierender Moment
2.2.3 Gute Nacht – Bedrohlichkeit und Heldentum
2.2.4 Geist und Herz: Die Leidenschaft
2.2.5 Ich und Du: Von Angesicht zu Angesicht
2.2.6 Liebe und Zärtlichkeit – unverdient
2.2.7 Abschied
2.2.8 Schluss: Das Allgemeine im Einzelnen

3. Gesamttextliche Interpretation: Das Lyrische Ich ein Liebesjunkie?

4. Vergleichsakzente: Andere Interpreten

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Im nun folgenden Text möchte ich das Gedicht Mir schlug das Herz von Goethe in einer frühen Fassung von 1775 analysieren und interpretieren.[1] Die hierdurch gewonnen Schlüsse müssen sich an mehreren literarisch überlieferten Interpreten messen. Gegebenenfalls wird dies meine eigene Interpretation in größere Zusammenhänge rücken, stärken oder auch relativieren.

2. Analyse

2.1 Rhythmisch klangliche Strukturen

Wir haben vier Strophen mit je acht Versen vorliegen. Das Reimschema setzt sich jeweils aus zwei Kreuzreimen pro Strophe zusammen. Die Reime sind überwiegend rein. Unreine Reime finden sich in Vers fünf und sieben „Eiche/Gesträuche“, Vers 21 und 23 „Wetter/Götter“, Vers 25 und 27 „trübe/Liebe“ sowie in Vers 30 und 32 „Blick/Glück“. In Vers 17 und 19 findet sich ein Augenreim: „Freude/Seite“. Teilweise sind diese unreinen und augenscheinlichen Reime jedoch wahrscheinlich der Mundart geschuldet. Dies zu untersuchen, würde den Rahmen der vorliegenden Hausarbeit jedoch sprengen. Zwar sind überwiegend die beiden letzten Strophen von den unreinen oder augenscheinlichen Reimen betroffen, weswegen diese Reime eventuell eine Funktion für den Text erfüllen, solange jedoch nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob es sich wirklich um unreine und augenscheinliche Reime handelt, macht es auch keinen Sinn, deren Funktion in dieser Hausarbeit weiter zu untersuchen. Deswegen werden eventuelle Funktionen unreiner und augenscheinlicher Reime für den Text ausgeklammert.

Das Versmaß wird in allen Strophen von einem vierhebigen Jambus dominiert, der abwechselnd mit weiblicher und darauffolgend männlicher Kadenz schließt. Diese rhythmische Struktur bindet jeweils zwei aufeinanderfolgende Verse aneinander. Zusätzlich bilden aufgrund der Kreuzreimstruktur jeweils zweimal vier Verse in einer Strophe eine klangliche Einheit. Abweichungen oder Hervorhebungen dieser klanglichen und rhythmischen Grundstruktur werden in der Folgenden abschnittweisen Untersuchung ihre Erwähnung finden.

2.2 Abschnittweise

2.2.1 Auf die Pferde fertig los: Wilde Getriebenheit

Beginnen wir in der ersten Strophe. „Mir schlug das Herz“ heißt es dort. Es fällt die inverse Satzstellung auf: Das lyrische Ich wirkt passiv. Das schlagende Herz ist etwas das ihm zustößt. Das Subjekt macht sich damit zum Objekt.

Es fällt weiterhin das Präteritum auf. Das lyrische Ich erzählt also von etwas, das ihm wiederfahren ist. Bis auf die letzten zwei Verse des Gedichtes wird die Zeitform formal beibehalten.

Natürlich kann man diese erste Phrase wörtlich nehmen, denn das Herz eines Menschen kann ja schlagen, dennoch paraphrasiert der Ausdruck zusätzlich eine getriebene Aufgeregtheit. Herzen schlagen nur schnell, wenn etwas Aufregendes passiert. Welcher Art diese Aufgeregtheit ist – ob positiv oder negativ – kann vorerst noch nicht entschieden werden.

Die Interpunktion der ersten Verse ist nicht ganz eindeutig. Zunächst – ohne jeden biographischen Hintergrund zu kennen – kam ich zu dem Schluss, das Reiten sei metaphorisch zu verstehen, da ich das Semikolon, welches den ersten Vers teilt, als Komma aufgefasst hatte. Das schlagende Herz würde dann zum Reiter und metaphorisch davonreiten. Gerade diese ersten Verse hat Goethe später überarbeitet, sodass kein Zweifel mehr aufkommen kann, dass das Lyrische Ich wirklich aufs Pferd steigt.[2] Der zweite Teilvers des ersten Verses „geschwind zu Pferde“ kann als Apostrophe gedeutet werden. Das Lyrische Ich spricht zu sich selbst. Durch die elliptische Bauweise verschwindet hier auch das Präteritum, das sich im nicht vorhandenen Verb zeigen würde. Das lyrische Ich geht so stark in der Erzählung auf, dass es sich das Erzählte vergegenwärtigt. Es instruiert sich selbst aufs Pferd zu steigen. Mit dieser Instruktion fährt es im zweiten Vers, der allein schon durch die alternierende Kadenz mit dem ersten verbunden ist, fort: „Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht!“. Die elliptische Satzbauweise und damit die selbstinstruktive Redeweise des lyrischen Ichs bleiben aufrechterhalten. Wir könnten diese Verfahren als eine Art szenisches Präsens deuten, in der zur Aufladung des Affektes das Vergangene näher in die Gegenwart rückt. Außerdem zeigt sich im zweiten Vers eine klare Abweichung vom Versmaß, indem das eingeschobene und in Kommata eingefasste „wild“ seine eigene Betonung provoziert. Das eingeschobene „wild“ stört den jambischen Metrikfluss, wobei „wie ein Held zur Schlacht!“ bereits wieder ins Versmaß passt. Will man es also jambisch fassen, könnte man das „wild“ als zusätzliche Betonung deuten, die das elliptisch wirkende fort(eilen/reiten) adverbial nachgeschoben ergänzt.

Dieser Abweichung, da es einer der wenigen in ihrer Deutlichkeit ist, muss eine Bedeutung zugemessen werden. Auffallend ist, dass gerade das Wilde hier Wildwuchs im Versmaß betreiben darf, was gut zum Charakter des Wilden passt. So wild reitet das lyrische Ich geschwind zu Pferde, dass selbst die schematisch jambisch eingezäunte Pferdeweide durchbrochen wird.

Zusätzlich findet sich im zweiten Vers eine Alliteration „ w ild, w ie ein Held zur Schlacht!“[3] und ein klassischer Vergleich mit dem Partikel wie. Die Alliteration passt gut ins Konzept, verbindet sie doch den Vergleich auch klanglich mit dem Wilden. Die Wildheit entspricht damit der eines Helden, der zur Schlacht reitet.

2.2.2 Guten Abend: Retardierender Moment

Im dritten Vers wendet sich das Lyrische ich wieder seiner Erzählung zu. Es werden sowohl Abend als auch Erde durch die Verbmetapher wiegen personifiziert. In der Wiege liegen normalerweise Kinder, die in den Schlaf gewiegt werden. Ein Mensch führt das Wiegen aus und gewiegt wird auch ein Mensch. Bildspender ist also das Wiegen, das hierbei Abend und Erde – als Sonderform der Metapher – personifiziert. Aus der Metapher ergibt sich als Wirkung die Personifikation von Abend und Erde. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass ein Vers zuvor noch zur Schlacht gerufen wird, wartet das hier gezeichnete Bild mit Friedlichkeit auf. In diesem Wissen und vorausgreifend auf die folgenden Verse, wirkt das Bild von der in den Schlaf gewogenen Erde als ein retardierender Moment – als Ruhe vor dem Sturm.

2.2.3 Gute Nacht – Bedrohlichkeit und Heldentum

2.2.3.1 Der Auftakt

Vers vier ist invers und chiastisch zu Vers drei gesetzt. Aus der chiastischen Stellung ergibt sich notgedrungen eine inverse Satzstellung. Es ist also nicht die inverse Satzstellung, die hier Vorrang genießt, sondern der Chiasmus. Die Hypothese lautet, dass im vierten Vers – markiert durch den Chiasmus – dem dritten Vers etwas entgegengesetzt wird.

Wir finden im vierten Vers zunächst eine weitere Personifikation. Kann die Nacht hängen? Man wird einwerfen dürfen, dass hängen so gebräuchlich sei, dass man es kaum als Metapher bezeichnen könne. Doch warum wählt Goethe dann genau dieses Verb? Wenn man darüber nachdenkt ist die Nacht eigentlich – so real sie uns täglich erscheint – ein doch sehr abstrakter Begriff, denn sie lässt sich nicht anfassen, wie beispielsweise ein Baum oder ein Auto. Wo ist die Nacht, wenn sie nicht da ist? An welcher Stelle wird aus Tag Nacht? Und was unterscheidet sie vom Schatten? Wie groß ist eigentlich die Nacht – oder wie klein? All diese Fragen zeigen die Abstraktheit der Nacht. Sie eignet sich gerade in dieser Abstraktheit ganz hervorragend als Bildempfänger. Ganz der Metapherntheorie von Lakoff und Johnson entsprechend, tendieren nämlich gerade abstrakte Begriffe dazu, metaphorisch umrissen zu werden und so in ihrer abstrakten Unanfassbarkeit anfassbar gemacht zu werden.[4] Die Nacht ist so abstrakt, dass sie – genauso wie beispielsweise die Liebe – nur metaphorisch begriffen werden kann. Selbst wenn die Nacht kommt, liegt hierin schon ein metaphorischer Vorgang, denn mit Kommen machen wir sie zu einem Gegenstand, obwohl die Nacht keinerlei Substanz hat, denn physisch gesprochen ist sie doch nur ein Mangel an Licht. Wer oder was kommt denn so gesehen auf uns zu? Die Nacht kommt, sie geht, sie legt sich über das Land, sie heftet sich an uns oder sie vertreibt den Tag. Über die Nacht kann man nur metaphorisch sprechen. Das Denken selbst offenbart hierin seine metaphorische Struktur.[5] So mag vielleicht auch das Grundübel für Deutschlehrer, die sich wundern, weshalb ihre Schüler überall Metaphern sehen, wo doch keine seien, seine Erklärung finden. Möglicherweise liegen diese Schüler gar nicht so weit daneben.

Es wird also von Goethe hängen benutzt. Wo liegt der Bildspender: Hängen können beispielsweise Früchte, Brüste oder Affen. Deshalb war Personifikation vielleicht doch zu voreilig und zu weit gegriffen, wenn auch die Natur an der Natur hängen kann. Was bedeutet es zu hängen? Stets ist beim Hängen eine Entität mit einer anderen verbunden. Dabei sind sie aber nicht eins, denn das Eine muss ein anderes haben, dass an ihm hängen kann. Das Hängen beinhaltet außerdem eine gewisse Festigkeit. Andernfalls würde das Hängende nicht der Schwerkraft trotzen können und auf den Boden fallen. Trotzdem ist die Verbindung nicht untrennbar, auch wenn das Hängende, sofern es sich um eine fühlende Entität handelt, zumeist darauf bedacht ist, die Verbindung aufrecht zu erhalten, um nicht dem Schmerz des Aufkommens ausgesetzt zu sein. Darum kann man metaphorisch an etwas hängen. Wird als Bildspender das menschliche Hängen gesehen, so könnte man von einer Personifikation sprechen. Dem Konsens tauglicher wird es sein, hier eine Konnotation, die gleichwohl metaphorisch begründet ist, zu sehen: Im Text legt sich die Nacht nicht über die Berge – nein – sie hängt an ihnen. Die Nacht ist keine Kuscheldecke, sondern hat etwas Klebriges – etwas Anhängliches. Man wird die Nacht nicht einfach wieder los, denn sie hängt mit einem gewissen Halt an den Bergen oder hält sich gar an ihnen fest.

Mit der Nacht scheint ein neuer Aspekt – passend zu unserer Hypothese von oben – eingeführt worden zu sein. Dies muss sich aber auch noch im weiteren Textverlauf beweisen.

2.3.2.2 Die Bedrohliche Eiche

Vers sechs bis acht sind jeweils mit Enjambements an ihren vorausgehenden Vers geknüpft. Die Verbindung aus zwei Versen durch alternierende männliche und weibliche Kadenz wird damit ausgeweitet auf alle vier Verse der ersten Strophe, zusätzlich zur schon bestehenden obligatorischen Verbindung durch den Kreuzreim.

Im Vers fünf finden wir eine klarere Personifikation. Die Eiche steht im Nebelkleid. Das Kleid ist aus Nebel gemacht. Der Nebel nimmt also die Form eines Kleides an. Kleider werden von Menschen getragen. Die Eiche ist kein Mensch und wirkt deshalb nun menschlich. Darin liegt die Personifikation.

Vers fünf ist wieder invers gesetzt und legt damit eine vom jambischen Versmaß abweichende Betonung auf das am Versanfang thronende „Schon“. Dieses ist außerdem eine Wortwiederholung aus Vers drei – und auch bitter nötig. „Schon“ enthält eine zeitliche Abstufung, die die Erzählung im Präteritum schmerzlich vermissen lässt. Ohne diese Abstufung, reihten sich Verben auf der gleichen Zeitstufe aneinander und es entstünde vor dem inneren Auge des Lesers eine bloße Landschaftsbeschreibung. Erst durch das „Schon“ bekommt die Erzählung eine zeitliche Dimension in ein „Vorher und Nachher“. Mit dem Kontext zum Ritt durch die Nacht wird aus der zeitlichen Dimension („Vorher und Nachher“) auch eine räumliche Dimension, denn Distanz zu schaffen im dreidimensionalen Raum kostet eben auch Zeit.

Dann findet sich in Vers fünf noch eine Alliteration: „Schon stund (…)“. Diese führt zu klanglicher Schönheit und begründet damit auch ausreichend ihren Zweck.

Vers sechs ergänzt (Enjambement) Vers fünf um einen Vergleich. Das Stehen der Eiche wird mit einem Riesen verglichen. Das verdeutlicht einerseits die Größe der Eiche und ihre Bedrohlichkeit. Denn Riesen zeichnen sich eben genau durch die Eigenschaften groß und gefährlich aus. Zusätzlich wird der Riese noch als aufgetürmt näher bestimmt. Türme sind ebenfalls hoch, stabil und schwer einzunehmen.

Vers sechs endet mit einem „da“, das durch ein Komma vom Vers abgetrennt wird. Ich möchte es als Apokoinu sehen, zugehörig, sowohl zu Vers sechs als auch Vers sieben. Es begründet ein Enjambement, das Vers sechs und sieben verbindet. Nicht genug der Bindung sind beide Verse auch noch durch denselben Anfangsbuchstaben in einen Bezug zueinander gesetzt („Wie“/“Wo“).

In Vers sieben und acht bekommt die Finsternis schwarze Augen. Wieder werden Eigenschaften von Lebewesen auf etwas Abstraktes, die Finsternis, übertragen, denn nur Lebewesen haben Augen und können sehen. Auch dies möchte ich als eine Personifikation deuten, die zu einem bedrohlichen Bild heranwächst: Die Finsternis kann man nicht sehen, aber sie starrt zurück aus Augen, die schwarz sind, die also – untypisch für Augen in der Dunkelheit – nicht gesehen werden können. Hierin liegt auch eine gewisse Antithese: Finsternis gegenüber dem Sehen, das gemeinhin mit Licht verknüpft ist. Die Hyperbel der hundert schwarzen Augen unterstreicht die Bedrohlichkeit und das Ausmaß der Finsternis.

Abschließend zu Vers fünf bis acht ist zu sagen, dass in ihnen Form und Inhalt perfekt harmonieren. Vers fünf stellt die personifizierte Eiche vor, Vers sechs beschreibt ihr bedrohliches Stehen und Vers sieben und acht beschreiben den Ort, an dem die Eiche steht und gipfeln in einer Beschreibung der Bedrohlichkeit dieses Ortes. Die vier Verse handeln also inhaltlich nur von der Eiche und ihrem Standort, was genau zur formal festzustellenden Aneinanderreihung der Enjambements passt. Vers fünf bis sieben sind mit einer Assonanz auf „i“ durchzogen, welche mit dem bedrohlichen Bild der hundert schwarzen Augen auf eine Assonanz auf „a“ wechselt.

2.3.2.3 Mond und WindE

In Vers neun und zehn scheint der Mond von seinem Wolkenhügel herab. Wolkenhügel ist eine Metapher. Der abstrakten Wolke wird die Form eines Hügels gegeben. Die Personifikation findet auch in diesen Versen statt und steckt im Possessivpronomen „seinem“, das Besitz ausdrückt. Besitzen können jedoch nur Lebewesen und insbesondere der Mensch macht Besitzansprüche geltend. Der Mond besitzt also seinen eigenen Wolkenhügel von dem er kläglich aus dem Duft hervorsieht.

Wie sieht der Mond von seinem Wolkenhügel herab: Kläglich. Das Sehen wird also adverbial ergänzt. Es wird dabei eine Schwäche konnotiert, die auch dem menschlichen Erfahrungsbereich entspringt. Damit wird die Personifikation verstärkt und gleichzeitig das Scheinen des Mondes als schwach paraphrasiert.

„Duft“ mit dem heute gebräuchlichen „Geruch“ gleichzusetzen, passt nicht zum Kontext, außer der Mond würde stinken, wofür sich aber keine textbasierten Hinweise ergeben. Es sind wohl eher die Wolken aus der Zeile darüber gemeint.[6] Vers neun ist von einer Assonanz auf „o“ durchzogen (Mond, von, Wolkenhügel). Dieser runde Vokal fügt sich gut in einen Zusammenhang zum rundlichen Mond ein.

In Vers elf schwingen Winde ihre Flügel. Der Wind hat keine Flügel. Vögel haben Flügel. Zwar ist im Grunde auch hier wieder dasselbe Prinzip der Personifikation am Wirken, jedoch wird mancher ein Problem damit haben, Vögel als Personen zu bezeichnen, deshalb muss man die Personifikation weit fassen – als eine Konstruktion, die Leblosem Leben einhaucht.

Im selben Vers findet sich eine Konsonanz auf „w“: „Die W inde sch w angen (…)“.[7] Diese Konsonanz macht das Schwingen der Flügel auch klanglich hörbar. Das „leise“ im selben Vers kann sowohl als Adverb als auch als Adjektiv interpretiert werden. Als Adverb betrachtet: Die Winde schwangen leise. Als Adjektiv: Welche Art von Flügeln schwangen sie? Antwort: leise. Natürlich können Flügel nicht leise sein. So gesehen verbirgt sich hier ein Paradoxon.

Während bisher nur der Sinn des Sehens angesprochen wurde, kommt in den ersten vier Versen der zweiten Strophe mit der Lautstärkenbeschreibung ein neuer Sinn – nämlich das Gehör – zum Tragen. Dazu passt, dass sich in Vers zwölf zu den Konsonanzen aus Vers elf Assonanzen auf „au“ gesellen: „Ums au sten sch au erlich (...)“. Das „Umsausten“ ist lautmalerisch tätig und die Assonanzen dehnen diese Lautmalerei weiter aus.[8] Der Wind wird beim Vortrag also durch Konsonanzen, Assonanzen und Lautmalerei für den Leser sinnlich erfahrbar. Im schauerlichen empfunden Wind zeigt sich auch weiterhin eine gewisse Bedrohlichkeit.

2.3.2.4 Nacht versus Held

In Vers 13 wird die Nacht durch das Verb erschaffen personifiziert. Erschaffen kann Gott und der Mensch als sein Ebenbild – aber die Nacht? Was erschafft die Nacht? Die Antwort des Textes darauf: „tausend Ungeheuer“. Es werden nun alle zuvor beschriebenen bedrohlichen und personifizierten Naturerscheinungen der Nacht – als deren Schöpferin – zugewiesen. Damit werden die gesehenen und gehörten Phänomene der Nacht untergeordnet. Zwischen Vers 13 und 14 findet eine Hyperbel statt verknüpft mit einer Steigerung durch den Komparativ von „tausend“ (Hyperbel) zu „tausendfacher“. Zusätzlich kreuzen sich in beiden Versen die Satzglieder zu einem Chiasmus, der eine Wende vermuten lässt.

Mit Vers 14 beginnt also ein neuer Abschnitt des Gedichtes, was auch inhaltlich begründet werden kann. Hat sich die Erzählung des Lyrischen Ichs vorher der Nacht zugewandt, kehrt es nun zurück zu sich selbst, nämlich zu seinem Mut. Mehr noch wurde dieser Übergang zu einem neuen Abschnitt sogar schon in Vers 12 vorbereitet. Wo vorher nur beschrieben wird, was Augen sehen können, kommt hier das Ohr des Lyrischen Ichs ins Spiel, das vom Wind umsaust wird. Ein neuer Sinn wird angesprochen, der zudem näher am Lyrischen Ich selber liegt, denn Augen können weiter sehen als Ohren hören können. Die Bedrohlichkeit drängt damit noch näher ans Lyrische Ich heran.

Den Mut setzt das Lyrische Ich mit der Steigerung der Hyperbel „tausendfach“ und dem triumphierenden „Doch“ zu Beginn des Verses 14 in den Gegensatz zur Nacht und ihren Geschöpfen. Auch wenn das ganze Gedicht im Präteritum gehalten ist und es damit schwer wird zeitliche Abläufe nachzuvollziehen, kann im Komparativ ein erneutes „Vorher und Nachher“ erspürt werden. Im Fadenkreuz des Chiasmus gelegen, impliziert ein Sieg über die Nacht eben auch ein vor dem Sieg und ein nach dem Sieg.

Was wurde besiegt? Wurde es plötzlich Tag? Wohl kaum. Es wurde die Angst besiegt die in der Nacht erlebt wurde, entweder erzeugt von der Nacht oder projiziert in die Nacht. Dies gilt es später weiter zu untersuchen.

2.2.4 Geist und Herz: Die Leidenschaft

In Vers 15 finden wir eine Metapher. Der Geist wird zum verzehrenden Feuer. In Vers 16 wird das Herz zu zerfließender Glut – ebenfalls eine Metapher. Beide Metaphern beziehen ihr Bildmaterial aus dem Feuer als Bildspender. Herz und Geist können antithetisch gesehen werden, da sie oft im Widerstreit liegen. Das Feuer erfasst jedoch sowohl den Verstand als auch das Herz. Dies schlägt sich auch in der Form nieder: Beide Verse sind parallel zueinander gesetzt. Zusätzlich verbindet sie eine Anapher: „Mein Geist (…) / Mein ganzes Herz (…)“.

War die Satzstellung in den Versen zuvor noch gekreuzt durch einen Chiasmus, kommt in den beiden neuen Versen dessen Gegenspieler – der Parallelismus – zum Einsatz, der durch die Anapher nur noch stärker zu wirken vermag. Sowohl Geist als auch Herz sind vom selben Feuer ergriffen. Herz und Geist, die oft im Widerstreit liegen, sind im Feuer vereint und einer Meinung.

Beide Verse zusammengenommen verkörpern die ganze Person des Lyrischen Ichs, die von Feuer ergriffen ist.

Bleibt nur noch zu klären, was es bedeutet von Feuer ergriffen zu sein. Feuer steht im Allgemeinen für Leidenschaft oder auch einen Neuanfang, indem das alte verbrennt: So kann man für etwas brennen, Feuer und Flamme sein, glühen vor Leidenschaft usw.

Die Leidenschaft hat vom Lyrischen Ich Besitz ergriffen, ein Stimmungswechsel hat sich vollzogen. Man beachte jedoch, dass Vers 15 auch mit Vers 14 durch einen Chiasmus in Verbindung steht: „(…) war mein Muth; / Mein Geist war (…)“. Damit wirken Vers 15 und 16 als eine Ergänzung zum Mut. Auch sie sind Sieger gegen die Angst. Stimmungswechsel ist deshalb vielleicht falsch zu verstehen, denn die Leidenschaft und der Mut müssen zuvor gegen die Angst gekämpft haben, um als die Stärkeren aus dem Kampf hervorgegangen zu sein. Damit müssen die Leidenschaften und der Mut also schon zuvor im Lyrischen Ich existiert haben, um überhaupt gesiegt haben zu können. Damit wirken die zwei Attribute, die sich das Lyrische Ich gibt, wie ein Kommentar in die Vorvergangenheit. Es blickt zurück auf die durchrittene Nacht und lobt seinen Mut und seine Leidenschaft, die es bewiesen hat. Das widerspricht sich nicht mit dem zuvor proklamierten „Vorher und Nacher“, welches im Sieg enthalten ist. Es ist ein „Nacher“ aus dem zurück ins „Vorher“ kommentiert wird.

2.2.5 Ich und Du: Von Angesicht zu Angesicht

Kommen wir zur dritten Strophe. Vers 17 beginnt mit einem „Ich“. Das Lyrische Ich nimmt weiter Bezug zu sich. Das „Ich“ steht jedoch durch einen Binnenreim in Verbindung mit einem Dich: „Ich sah dich, (…)“. Dem Ich wird damit ein Gegenüber – ein Du – gegeben. Dieser wichtige Moment, indem das Lyrische Ich sein Gegenüber sieht, ist auch durch eine Abweichende Metrik gekennzeichnet, die eine Betonung aufs „dich“ legt, wo eigentlich –rein schematisch – eine Senkung zu erwarten wäre.

[...]


[1] Goethe, 1775

[2] Vgl. Weimar, 1982, S.30-31

[3] Hervorhebung durch den Verfasser

[4] Vgl. Lakoff & Johnson, 2008, S.75

[5] Vgl. Lakoff & Johnson, 2008, S.70

[6] Vgl. Grimm & Grimm, 1854-1961. Der Textabschnitt aus Goethes Gedicht wird als Beispiel unter Zweitens im Wörterbucheintrag Duft geführt: „feiner dünner dunst tenuis vapor, der sich in der luft entwickelt, der weiszlich und feucht aus wiesen aufsteigt, zuweilen staub.“ So gesehen bezöge sich der Duft eher auf den Nebel, der in der ersten Strophe erwähnt wird oder würde eine eigene Entität darstellen.

[7] Hervorhebung durch den Verfasser

[8] Die Assonanzen ziehen sich sogar noch weiter in Vers 13 und 14 („tausend“/ „tausendfacher“)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Lyrische Ich als Liebesjunkie? Analyse und Interpretation des Gedichts "Willkommen und Abschied" von Johann Wolfgang v. Goethe
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (PPF)
Veranstaltung
Lyrik des 18. Jahrhunderts
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V312902
ISBN (eBook)
9783668121003
ISBN (Buch)
9783668121010
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebe, Willkommen und Abschied, Mir schlug das Herz, Goethe, Iris, 1775, 18. Jahrhundert, Lyrik, Analyse, Vergleich, Interpretation, Liebesjunkie, Heldentum, Held, Angst, Sehnsucht, Sturm und Drang, Empfindsamkeit
Arbeit zitieren
Lukas Geiger (Autor), 2015, Das Lyrische Ich als Liebesjunkie? Analyse und Interpretation des Gedichts "Willkommen und Abschied" von Johann Wolfgang v. Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312902

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