In meiner Arbeit möchte ich das Gedicht "Willkommen und Abschied/Mir schlug das Herz" von Goethe in einer frühen Fassung von 1775 analysieren und interpretieren. Die hierdurch gewonnen Schlüsse müssen sich an mehreren literarisch überlieferten Interpreten messen. Gegebenenfalls wird dies meine eigene Interpretation in größere Zusammenhänge rücken, stärken oder auch relativieren.
Wir haben vier Strophen mit je acht Versen vorliegen. Das Reimschema setzt sich jeweils aus zwei Kreuzreimen pro Strophe zusammen. Die Reime sind überwiegend rein. Unreine Reime finden sich in Vers fünf und sieben „Eiche/Gesträuche“, Vers 21 und 23 „Wetter/Götter“, Vers 25 und 27 „trübe/Liebe“ sowie in Vers 30 und 32 „Blick/Glück“. In Vers 17 und 19 findet sich ein Augenreim: „Freude/Seite“. Teilweise sind diese unreinen und augenscheinlichen Reime jedoch wahrscheinlich der Mundart geschuldet. Dies zu untersuchen, würde den Rahmen der vorliegenden Hausarbeit jedoch sprengen. Zwar sind überwiegend die beiden letzten Strophen von den unreinen oder augenscheinlichen Reimen betroffen, weswegen diese Reime eventuell eine Funktion für den Text erfüllen, solange jedoch nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob es sich wirklich um unreine und augenscheinliche Reime handelt, macht es auch keinen Sinn, deren Funktion in dieser Hausarbeit weiter zu untersuchen. Deswegen werden eventuelle Funktionen unreiner und augenscheinlicher Reime für den Text ausgeklammert.
Das Versmaß wird in allen Strophen von einem vierhebigen Jambus dominiert, der abwechselnd mit weiblicher und darauffolgend männlicher Kadenz schließt. Diese rhythmische Struktur bindet jeweils zwei aufeinanderfolgende Verse aneinander. Zusätzlich bilden aufgrund der Kreuzreimstruktur jeweils zweimal vier Verse in einer Strophe eine klangliche Einheit. Abweichungen oder Hervorhebungen dieser klanglichen und rhythmischen Grundstruktur werden in der Folgenden abschnittweisen Untersuchung ihre Erwähnung finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse
2.1 Rhythmisch klangliche Strukturen
2.2 Abschnittweise
2.2.1 Auf die Pferde fertig los: Wilde Getriebenheit
2.2.2 Guten Abend: Retardierender Moment
2.2.3 Gute Nacht – Bedrohlichkeit und Heldentum
2.2.4 Geist und Herz: Die Leidenschaft
2.2.5 Ich und Du: Von Angesicht zu Angesicht
2.2.6 Liebe und Zärtlichkeit – unverdient
2.2.7 Abschied
2.2.8 Schluss: Das Allgemeine im Einzelnen
3. Gesamttextliche Interpretation: Das Lyrische Ich ein Liebesjunkie?
4. Vergleichsakzente: Andere Interpreten
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Goethes frühe Gedichtfassung „Mir schlug das Herz“ (1775) einer detaillierten Analyse und Interpretation zu unterziehen, um zu klären, inwiefern das lyrische Ich als „Liebesjunkie“ charakterisiert werden kann und welche Rolle Sehnsucht, Angst und Leidenschaft im Text spielen.
- Analyse der rhythmischen, klanglichen und metrischen Struktur des Gedichts.
- Untersuchung der metaphorischen Konzeptualisierung von Naturerscheinungen und Emotionen.
- Diskussion der psychologischen Dynamik zwischen Nähe, Distanz und dem Wunsch nach Leidenschaft.
- Einordnung des Werkes in die Epoche des „Sturm und Drang“ sowie Vergleich mit anderen Forschungsmeinungen.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 AUF DIE PFERDE FERTIG LOS: WILDE GETRIEBENHEIT
Beginnen wir in der ersten Strophe. „Mir schlug das Herz“ heißt es dort. Es fällt die inverse Satzstellung auf: Das lyrische Ich wirkt passiv. Das schlagende Herz ist etwas das ihm zustößt. Das Subjekt macht sich damit zum Objekt.
Es fällt weiterhin das Präteritum auf. Das lyrische Ich erzählt also von etwas, das ihm wiederfahren ist. Bis auf die letzten zwei Verse des Gedichtes wird die Zeitform formal beibehalten.
Natürlich kann man diese erste Phrase wörtlich nehmen, denn das Herz eines Menschen kann ja schlagen, dennoch paraphrasiert der Ausdruck zusätzlich eine getriebene Aufgeregtheit. Herzen schlagen nur schnell, wenn etwas Aufregendes passiert. Welcher Art diese Aufgeregtheit ist – ob positiv oder negativ – kann vorerst noch nicht entschieden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des zu analysierenden Gedichts von Goethe und Darlegung der methodischen Vorgehensweise durch den Vergleich mit anderen Interpreten.
2. Analyse: Untersuchung der formalen Struktur und abschnittsweise Dekonstruktion der Strophen hinsichtlich ihrer Metaphorik, Personifikationen und klanglichen Besonderheiten.
3. Gesamttextliche Interpretation: Das Lyrische Ich ein Liebesjunkie?: Synthese der Ergebnisse mit der zentralen These, dass das lyrische Ich die Sehnsucht und den Schmerz benötigt, um sich lebendig zu fühlen.
4. Vergleichsakzente: Andere Interpreten: Auseinandersetzung mit fachwissenschaftlichen Positionen, insbesondere einer psychoanalytischen Deutung des Gedichts und der Frage nach der Austauschbarkeit von Ich und Du.
Schlüsselwörter
Goethe, Mir schlug das Herz, Sturm und Drang, Lyrik, Liebesjunkie, Sehnsucht, Metaphorik, Personifikation, Abschied, Leidenschaft, Interpretation, Analyse, Motivik, Subjektivität, Emotion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Goethes Gedicht „Mir schlug das Herz“ aus dem Jahr 1775, um die Dynamik und die psychologischen Zustände des lyrischen Ichs zwischen Sehnsucht, Angst und Leidenschaft zu erforschen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kategorien von Nähe und Distanz, das Wechselspiel von Emotion und Naturdarstellung sowie die Frage, warum das lyrische Ich Schmerz und Leidenschaft aktiv sucht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, ob das lyrische Ich als „Liebesjunkie“ bezeichnet werden kann, der den Schmerz nicht trotz, sondern gerade wegen der Intensität des Erlebens aufsucht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textnahe Analyse durchgeführt, die formale Aspekte wie Reimschema, Versmaß und Alliterationen mit rhetorischen sowie metaphoriktheoretischen Ansätzen (u.a. Lakoff & Johnson) verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte abschnittsweise Analyse der vier Strophen, gefolgt von einer gesamttextlichen Interpretation und einem Vergleich mit bestehenden Forschungsmeinungen zur Erlebnislyrik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „Sturm und Drang“, „Sehnsuchtsjunkie“, „Metaphern der Natur“ und „Erlebnislyrik“ definieren.
Was hat es mit der Vertauschung von Ich und Du auf sich?
In der Analyse wird erörtert, dass in späteren Fassungen des Gedichts die Rollen von Ich und Du vertauscht wurden, was laut Interpreten auf die psychologische Austauschbarkeit der Figuren und die allgemeingültige Natur des empfundenen Schmerzes hindeutet.
Warum spielt die Personifikation der Nacht eine so große Rolle?
Die personifizierte Nacht dient als „Feindbild“ oder Widerstand, an dem sich das lyrische Ich als Held beweisen und durch dessen Überwindung die Sehnsucht erst die notwendige Spannung für eine „Entladung“ aufbauen kann.
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- Lukas Geiger (Author), 2015, Das Lyrische Ich als Liebesjunkie? Analyse und Interpretation des Gedichts "Willkommen und Abschied" von Johann Wolfgang v. Goethe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312902