Probleme der sozialen Sicherungssysteme. Ein kritischer Vergleich der Lösungsansätze „Bürgerversicherung“ und „Bürgerpauschale“

Hausarbeit gemäß § 6 Abs. 5 F-TV Sozialversicherungsfachwirt/in


Hausarbeit, 2011

43 Seiten, Note: 98 von 100 Punkten: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Soziale Sicherungssysteme (Sozialversicherung)
1.1 Allgemeines - Was bedeutet Sozialversicherung?
1.2 Entstehung der Sozialversicherung
1.3 Bedeutung der Sozialversicherung in der Volkswirtschaft
1.4 Schwachpunkte der Sozialversicherung am Exempel der GKV
1.4.1 Demographischer Wandel
1.4.2 Medizinisch-technischer Fortschritt
1.4.3 Globalisierung und Arbeitslosigkeit
1.5 Aktuelle Finanzlage der GKV in Deutschland und Zukunftsaussichten

2. Aktuelle Reformvorschläge für die GKV aus der Politik
2.1 Bürgerversicherung
2.1.1 Vergrößerung des Versichertenkreises
2.1.2 Erweiterung der Beitragsbemessungsgrundlage
2.1.3 Weitere Eigenschaften und Auswirkungen
2.2 Bürgerpauschale
2.2.1 Vergrößerung des Versichertenkreises nach dem Modell der Bürgerversicherung
2.2.2 Beitragsgestaltung nach dem Modell der Gesundheitsprämie
2.2.3 Steuerfinanzierter Sozialausgleich

3. Bürgerversicherung und Bürgerpauschale im Vergleich
3.1 Beitrags- und Finanzierungseffekte der Reformvorschläge
3.1.1 Finanzielle Auswirkungen im Modell der Bürgerversicherung
3.1.2 Finanzielle Auswirkungen im Modell der Bürgerpauschale
3.2 Bestehende Mängel der Reformvorschläge
3.2.1 Schwachstellen der Bürgerversicherung
3.2.2 Schwachstellen der Bürgerpauschale

4. Schweden als alternatives europäisches Modell einer GKV
4.1 Finanzierung
4.2 Vorteile gegenüber dem GKV-System in Deutschland

5. Fazit und persönlicher Lösungsvorschlag
5.1 Fazit
5.2 Persönlicher Lösungsvorschlag

Literaturverzeichnis

Anlagenverzeichnis (darauf folgend die Anlagen 1 - 10b)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den Problemen der sozialen Sicherungssysteme in der Bundesrepublik Deutschland (BRD). Insbesondere wird hierbei das Thema gesetzliche Krankenversicherung (GKV) detailliert behandelt.

In den letzten 40 Jahren war es seitens der Politik immer wieder erforderlich das Gesundheitssystem zu reformieren. Ausschlaggebend waren hierfür die steigenden Kosten im Gesundheitswesen, der technologische Fortschritt sowie der demographische Wandel. Um dem Kostenanstieg entgegenzuwirken, führte man im Jahr 1977 das sogenannte „Kostendämpfungsgesetz“ ein. Dies hatte erstmalig Höchstbeträge und Zuzahlungen für Arzneimittel zur Folge. 1989 wurde eine Negativliste für unwirtschaftlich beurteilte Medikamente gültig und Zahnersatz wurde nur noch zu 50 % von der Krankenkasse übernommen. Darüber hinaus wurde das Sterbegeld der Krankenversicherung gekürzt. Durch die Gesundheitsreform im Jahr 2004 wurde bei gleichzeitiger Streichung des Sterbegeldes aus dem Leistungskatalog der GKV erstmalig die Praxisgebühr eingeführt, welche eine Zuzahlung von 10 Euro pro Quartal bei einem Arztbesuch vorsieht. Die genannten Leistungseinschränkungen und Finanzierungsbeteiligungen der Versicherten stellen gleichwohl nur einen kleinen Bestandteil der jeweiligen Reformen dar.

Bedingt durch den demographischen Wandel und der seit Jahren konstant hohen Arbeitslosenquote stehen die sozialen Sicherungssysteme vor einem monumentalen Finanzierungsproblem. Aus der aktuellen Politik gibt es verschiedene Lösungsansätze, die dieser Problematik entgegenwirken sollen. Hierbei handelt es sich um die sogenannte „Bürgerversicherung“ (repräsentiert von SPD, Bündnis90/Die Grünen, Die Linke) und um die „Bürgerpauschale“ gemäß Jahresgutachten 2004/2005 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, welche eine Synthese aus Bürgerversicherung und der Gesundheitsprämie/Kopfpauschale (vertreten durch CDU und FDP) darstellt.

Mit dieser Arbeit wird ein kritischer Vergleich beider Lösungsansätze herbeigeführt. Das erste Kapitel dieser Hausarbeit befasst sich mit der Entstehung der Sozialversicherung, sowie den aktuellen Problemen und möglichen Zukunftsaussichten der GKV. Kapitel zwei stellt mögliche Lösungsansätze aus der gegenwärtigen Politik dar und in Kapitel drei werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle aufgezeigt. Das vierte Kapitel setzt sich mit dem alternativen eu- ropäischen GKV-System in Schweden auseinander. Kapitel fünf der Hausarbeit beinhaltet das Fazit und stellt meinen persönlichen Lösungsvorschlag vor.

Dabei wird auf folgende zentrale Fragestellungen eingegangen: Gibt es die universelle Lösung auf die Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung? Müssen die Beitragseinnahmen gesteigert und die Leistungsausgaben überproportional gesenkt werden? Gibt es vielleicht Staaten in der EU in der das jeweilige Gesundheitssystem trotz medizinischer Verbesserungen keine Finanzierungsprobleme aufweist?

Diese und viele weitere entscheidende Fragen werden auf den nächsten Seiten beantwortet.

1. Kapitel - Soziale Sicherungssysteme (Sozialversicherung)

1.1 Allgemeines - Was bedeutet Sozialversicherung?

Die Sozialversicherung stellt eine gesetzliche Pflichtversicherung für breite Bevölkerungsschichten gegen Schäden dar, welche die soziale Existenzgrundlage der Versicherungsmitglieder und der Versichertengemeinschaft gefährden.1 Die Sozialversicherung basiert auf dem sogenannten Solidaritätsprinzip, dessen Grundgedanke mit „Einer für alle, alle für einen“ umschrieben werden kann. Beim Solidaritätsprinzip und auch beim Gegenstück der privaten Versicherer, dem sogenannten „Äquivalenzprinzip“, richtet sich die Leistung nach der Bedürftigkeit des Versicherten. Allerdings orientieren sich die Beiträge bei privaten Versicherern nach dem individuellen Risiko des Einzelnen. Im Gegensatz dazu sind die Beiträge zur gesetzlichen Sozialversicherung von der Höhe des Arbeitsentgelts oder Arbeitseinkommens des Versicherten abhängig. Zuschläge für individuelle Risiken gibt es bei den gesetzlichen Sozialversicherungen nicht. Die Mittel der Sozialversicherung werden durch Beiträge der Versicherten, der Arbeitgeber sowie durch staatliche Zuschüsse und durch sonstige Einnahmen aufgebracht.2

1.2 Entstehung der Sozialversicherung

Die Anfänge der Sozialversicherung reichen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bzw. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Im Jahr 1883 führte Reichskanzler Bismarck die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland ein. Sein Ziel war es, die sozialen Unruhen zu lösen und den freiwilligen Unterstützungskassen der Gewerkschaften die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen. „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte“3. Auf die Krankenversicherung folgte 1884 die Unfallversicherung, 1889 die gesetzliche Rentenversicherung, 1927 - in einer konjunkturellen Hochphase der Weimarer Republik4 - die Arbeitslosenversiche- rung und erst im Jahr 1995 wurde die Sozialversicherung um die Pflegeversiche- rung - Sozialgesetzbuch XI - erweitert (angegliedert an die gesetzliche Krankenversicherung).

1.3 Bedeutung der Sozialversicherung in der Volkswirtschaft

Die Sozialversicherung stellt zusammen mit den Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Gemeinden) den Sektor Staat in der Volkswirtschaft dar. Dabei ist das Bruttoinlandsprodukt ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt bezeichnet den Geldwert aller im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen, abzüglich der Waren und Dienstleistungen, die als Vorleistungen in die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen eingegangen sind. Um die Bedeutung der Sozialversicherung in der Volkswirtschaft festzustellen wird vom Bundesministerium der Finanzen der staatliche Anteil am Bruttoinlandsprodukt ermittelt. Diese Staatsquote lässt den Anteil der staatlichen Ausgaben an der gesamten volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erkennen. Eine Quote von 50 Prozent bedeutet, dass die Hälfte der Wirtschaftsleistung durch die Hände des Staates fließt, insbesondere für Personal, Investitionen, Militär, aber auch für Subventionen und Sozialleistungen.5 In Deutschland lag die Staatsquote im Jahr 2009 bei 47,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, wobei 26,6 Prozent auf die Gebietskörperschaften und 20,9 Prozent auf die Sozialversicherung entfielen. Bei einem Bruttoinlandsprodukt in 2009 in Höhe von 2397,10 Mrd. Euro sind auf die Sozialversicherung etwa 501 Mrd. Euro entfallen.6 Die Sozialversicherung ist somit ein wichtiger Bestandteil der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Desweiteren stellen die sozialen Sicherungssysteme einen großen Anteil der Arbeitsplätze in der Bundesrepublik. Im Juni 2007 waren ca. 321.000 Mitarbeiter in der Sozialversicherung beschäftigt. Millionen von weiteren Arbeitsplätzen finden in den fünf Zweigen der Sozialversicherung (KV, RV, AF, PV, UV) Berücksichtigung.7

1.4 Schwachpunkte der Sozialversicherung am Beispiel der GKV

Das Recht des Sozialgesetzbuchs soll zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und Sicherheit verschiedene Leistungen, einschließlich sozialer und erzieherischer Hilfen, schaffen.8 Der Staat ist somit in seiner Fürsorgepflicht den Bürgern gegenüber verpflichtet, eine unabhängige Versorgung mit medizinisch hochwertigen Leistungen zu garantieren. Dieser Versorgungsauftrag soll durch die gesetzliche Krankenversicherung sichergestellt werden. Voraussetzung hierfür ist allerdings die finanzielle Stabilität des zu Grunde liegenden Systems. Die im Folgenden aufgeführten Einflussfaktoren machen deutlich, dass die Sozialversicherung zahlreiche Schwachstellen aufweist und einem steten Reformbedarf unterliegt.

1.4.1 Demographischer Wandel

Das Wort Demographie kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Beschreibung des Volkes“ (von démos - Volk und grafé - Beschreibung). Die Demographie befasst sich mit der wissenschaftlichen und statistisch belegten Struktur- und Altersentwicklung von Bevölkerungen.

Der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten in Richtung der älteren Generationen verschoben. Allein in den vergangenen Jahren stieg der Anteil der 60-Jährigen und Älteren an der Bevölkerung deutlich an. Im Jahr 2007 gehörten dieser Altersgruppe 20,8 Mio. Personen an (25,3 % der Bevölkerung). Die Bevölkerungszahl der jungen und mittleren Generation ist dagegen seit Mitte der 1990er-Jahre - trotz der Einwanderungsüberschüsse - rückläufig.9 Bei näherer Betrachtung der Alterspyramide und der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland ist zu erkennen, dass zukünftig der Anteil der Rentenbezieher an der Gesamtbevölkerung größer sein wird, als der Anteil der Erwerbstätigen. Im Jahr 2001 lag der Altenquotient bei 27,5 %, das heißt, 100 Angehörige der aktiven Generation standen 27,5 Rentnern gegenüber.

Im Jahr 2050 wird sich dieser Quotient auf fast 55 erhöhen. Anders formuliert bedeutet dies: Im Jahr 2001 entfielen auf die Altersgruppe der ab 65-Jährigen noch knapp vier Angehörige der aktiven Generation - im Jahr 2050 werden es nicht einmal mehr zwei Aktive pro Rentner sein.10 Einer der Hauptgründe für diese Entwicklung ist, dass die Geburtenrate ab Mitte der 60er-Jahre unter die Sterberate gefallen ist und es seitdem, bis heute, Jahr für Jahr mehr Todesfälle als Geburten gegeben hat.11 Ursächlich für den Geburtenrückgang sind sowohl die Einführung der Antibabypille (sog. „Pillenknick“) als auch die Veränderung des klassischen Rollenschemas zwischen Männern und Frauen.

In Bezug auf die gesetzliche Krankenversicherung beeinflusst der demographische Wandel sowohl die Einnahme- als auch die Ausgabenseite.

Da Erwerbstätige in der Regel ein höheres Bruttoeinkommen als Rentenbezieher aufweisen steht der GKV bei Erwerbstätigen ein höherer Anteil an beitragspflichtigen Einnahmen und somit auch an Beiträgen zur Verfügung. Durch ein in der Zukunft weiter zu erwartendes Absinken des Rentenniveaus12 werden die Beitragseinnahmen für Rentner am Gesamtvolumen der Beitragseinnahmen, trotz steigender Rentneranzahl, sinken.

Hinzu kommt, dass die Ausgaben der Krankenversicherung gerade bei älteren Menschen deutlich höher sind. Diesbezüglich gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, von denen hier beispielhaft die sog. „Kompressionstheorie“ und die sog. „Medikalisierungsthese“ genannt sind. Die Theorie der „Kompression“ argumentiert, dass sich die kostenintensiven Behandlungen auf wenige Jahre vor dem Tod beschränken und die Medikalisierungsthese beruft sich auf generell höhere Ausgaben im Alter, insbesondere durch chronische Krankheiten.13 Nach der Kompressionsthese nimmt die Erkrankungsrate bei steigender Lebenserwartung ab, während sich bei der Medikalisierungsthese der Anteil kranker Men- schen in Relation zur Gesamtbevölkerung erhöht, so dass dabei die Gesamtaus- gaben des Gesundheitswesens nachhaltig und überproportional ansteigen.

Unabhängig von einer Bewertung dieser Theorien ist festzustellen, dass bei den älteren Menschen in der Regel höhere Leistungsausgaben zu erwarten sind. Beitragssatzsteigerungen aufgrund des demographischen Wandels sind im jetzigen System der GKV unumgänglich.

1.4.2 Medizinisch-technischer Fortschritt

Ein erheblicher Kostensteigerungsfaktor im Gesundheitswesen ist der medizinische und technologische Fortschritt. Behandlungsmethoden die früher als nicht praktizierbar galten gehören heute zum gängigen Standard. Besonders deutlich wird das in der modernen Transplantationschirurgie. Die Organtransplantation, in den fünfziger Jahren noch eine medizinische Sensation, ist ein wichtiges Therapieverfahren geworden, dessen Bedeutung für die medizinische Versorgung in den hochindustrialisierten Ländern ständig wächst. Wurden in der Bundesrepublik Deutschland 1975 lediglich 166 Organe transplantiert, so waren es im Jahr 2004 bereits 3.757.14 Derartige lebensverlängernden Maßnahmen sind aktuell noch sehr kostenintensiv, weshalb der medizinische Fortschritt zwangsweise auch mit Ausgabensteigerungen im Gesundheitswesen verbunden ist.15

1.4.3 Globalisierung und Arbeitslosigkeit

Das Herstellen von Waren und Bereitstellen von Dienstleistungen in Deutschland ist mit hohen Lohn- und Lohnnebenkosten verbunden, weshalb viele Arbeitgeber ihre Produktionsstätten ins Ausland verlegen um im internationalen Wettbewerb günstig produzieren zu können. Während die Lohnkosten für einen Industriearbeiter in Deutschland im Durchschnitt 31,40 Euro je Stunde betragen sind es in China für dieselbe Arbeit nur 2,00 Euro.16 Dieser Lohnkostenunterschied hat neben der Abwanderung von Produktionsstätten ins Ausland auch eine erhöhte Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik zur Folge. Die GKV in Deutschland ist je- doch stark von erwerbstätigen Beitragszahlern abhängig, so dass der gesteigerte internationale Wettbewerb zu einer Degeneration der finanziellen Basis der GKV führt.17 Somit gefährden die Globalisierung und die damit unter Umständen einhergehende Arbeitslosigkeit das deutsche Gesundheitssystem stark.

1.5 Aktuelle Finanzlage der GKV in Deutschland und Zukunftsaussichten

In den letzten Jahren haben die Ausgaben der GKV die Einnahmen immer um rund eine Milliarde Euro überstiegen.18 Aktuell weisen die gesetzlichen Krankenkassen ein Defizit von 11 Milliarden Euro auf.

Um diesen Fehlbetrag ausgleichen zu können, sind, wie in der Einleitung bereits erwähnt, zahlreiche Maßnahmen ergriffen worden. Reformen auf der Ausgabenseite führten zunächst kurzfristig zu einer Kostenreduktion im Gesundheitswesen.19 Leistungen wurden aus dem Katalog der GKV gestrichen, Beitragssätze wurden erhöht und seit Einführung des Gesundheitsfonds Zusatzbeiträge erhoben. Die zurzeit diskutierten Reformen sehen insbesondere Änderungen auf der Einnahmeseite vor. Denn nur durch höhere Einnahmen kann das auf dem Prüfstand gestellte GKV-System in den nächsten Jahrzehnten erhalten werden.

2. Kapitel - Aktuelle Reformvorschläge für die GKV aus der Politik

Anhand der oben geschilderten Probleme ist verständlich, dass die ausschließlich lohnabhängige Finanzierung der GKV keine Zukunft mehr hat und nachhaltig reformiert werden muss.

2.1 Bürgerversicherung

Das von der SPD, den Gewerkschaften und Sozialverbänden favorisierte Modell der Bürgerversicherung sieht im Kern eine Erweiterung des versicherten Perso- nenkreises auf die gesamte Bevölkerung, sowie eine Ausdehnung der Beitrags- bemessungsgrundlage auf alle Einkommensarten vor. Die paritätische Aufteilung der Beitragslast zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber bleibt in diesem Modell bei einer weiterhin prozentualen Beitragserhebung erhalten. Auch das freie Krankenkassenwahlrecht, unter den derzeit noch 169 vorhandenen Krankenkassen20, soll erhalten bleiben.21 Die Erweiterung des Versichertenkreises und die Berücksichtigung aller Einkommensarten sollen eine nachhaltige Finanzierung der GKV sicherstellen.

2.1.1 Vergrößerung des Versichertenkreises

Die Vergrößerung des Versichertenkreises wird durch eine Aufhebung der Jahresarbeitsentgeltgrenze und die Abschaffung der Versicherungsfreiheit22 für bestimmte Personengruppen erreicht. Damit wären auch Beamte, Richter und Selbständige in der GKV versichert, die i.d.R. über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen verfügen.23

Diese Modifikation des SGB V hätte eine wesentliche Änderung des derzeitigen PKV Systems zur Folge. Die Bürgerversicherung könnte dann auch von privaten Krankenversicherungsunternehmen angeboten werden, die sich dann dem Wettbewerb mit den gesetzlichen Krankenkassen stellen müssen. Alle Bürger können sich damit frei zwischen allen gesetzlichen und privaten Kassen entscheiden. Die zukünftige Hauptaufgabe der privaten Versicherungen wird demnach darin gesehen, den Basisleistungskatalog der GKV um optionale Mehrleistungen zu ergänzen. Die PKV deckt damit Leistungen ab, die in der GKV als medizinisch nicht notwendig erachtet werden. Das bisher in den Medien kritisierte „Zwei-KlassenSystem“24 würde nicht mehr existieren, da die Vergütungen der Ärzte bei Zusatzversicherungen obendrein begrenzt wären.

[...]


1 Duden. (2009). Wirtschaft von A bis Z: Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. Mannheim: 4. Aufl., S. 348

2 Vgl. § 20 Abs. 1 SGB IV (Aufbringung der Mittel. Gleitzone)

3 Bismarck, O. v. : Gesammelte Werke (Friedrichsruher Ausgabe) 1924/1935, Band 9, S.195/196

4 Vgl. Deutsches Historisches Museum, Zeughaus und Ausstellungshalle von I. M. Pei, Internetpräsentation: http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/innenpolitik/versicherung/index.html

5 Vgl. Bundesministerium der Finanzen, Dienstsitz Wilhelmstraße 97, 10117 Berlin, Internetauftritt: http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_53848/DE/Wirtschaft__und__Verwaltung/Finanz__un d__Wirtschaftspolitik/Oeffentlicher__Gesamthaushalt/0509011a4017.html?__nnn=true

6 für weitere Informationen stehen Anlage 1 und 2 zur Hausarbeit zur Verfügung.

7 Vgl. Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Grantham-Allee 20, 53757 Sankt Augustin, Internetauftritt: http://sozialversicherung.h-bonn-rhein-sieg.de/sozialversicherungmedia/Downloads/Curriculum+ Modulbeschreibungen+2010.pdf

8 Vgl. § 1 Absatz 1 SGB I

9 Vgl. Statistisches Bundesamt, Gustav-Stresemann-Ring 11, 65189 Wiesbaden, Internetauftritt: http://destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Querschnitts veroeffentlichungen/WirtschaftStatistik/Bevoelkerung/Bevoelkentwicklung2007,property=file.pdf

10 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Adenauerallee 86, 53113 Bonn, Internetauftritt: http://bpb.de/themen/WZDR7I,0,Gesundheitspolitik_Lernobjekt.html?guid=AAA269&lt=AAA397

11 Vgl. hierfür die Anlagen 3 und 4 zur Hausarbeit für weitere Informationen.

12 Vgl. hierfür die Anlage 5 zur Hausarbeit für weitere Informationen.

13 Leiber, Simone / Zwiener, Rudolf, Zwischen Bürgerversicherung und Kopfpauschale: Vorschläge für eine tragfähige Kompromisslösung, WSI Diskussionspapier Nr. 146, Düsseldorf 2006.

14 Kassenärztliche Bundesvereinigung, Herbert-Lewin-Platz 2, 10623 Berlin, Internetauftritt: http://www.kbv.de/7672.html

15 Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Ressort Wirtschaft vom 21. März 2006.

16 Vgl. Anlage 6 zur Hausarbeit für weitere Informationen.

17 Vgl. Theurl, Engelbert, der Sozialstaat an der Jahrtausendwende, Heidelberg, 2001, S. 230.

18 Vgl. hierfür die Anlage 7 zur Hausarbeit für weitere Informationen.

20 Vgl. Anlage 8 - Anzahl der Krankenkassen, vom GKV Spitzenverband für weitere Informationen

21 Vgl. Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme, Bericht der Kommission, Berlin 2003, S. 150

22 Siehe § 6 SGB V für die Jahresarbeitsentgeltgrenze und Versicherungsfreiheit

23 Vgl. Statistisches Bundesamt, Gustav-Stresemann-Ring 11, 65189 Wiesbaden, Internetauftritt: Verdienststrukturerhebung - Verdienste nach Berufen 2006, Artikelnummer: 5621108069004 im Publikationsservice des stat. Bundesamtes, https://www-ec.destatis.de/

24 Deutsches Ärzteblatt, Ottostraße 12, 50859 Köln, Internetauftritt: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=54012

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Probleme der sozialen Sicherungssysteme. Ein kritischer Vergleich der Lösungsansätze „Bürgerversicherung“ und „Bürgerpauschale“
Untertitel
Hausarbeit gemäß § 6 Abs. 5 F-TV Sozialversicherungsfachwirt/in
Veranstaltung
Fortbildung zum Sozialversicherungsfachwirten, Fachrichtung knappschaftliche Sozialversicherung
Note
98 von 100 Punkten: 1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
43
Katalognummer
V312992
ISBN (eBook)
9783668117181
ISBN (Buch)
9783668117198
Dateigröße
1208 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bürgerpauschale, Bürgerversicherung, Krankenversicherung, GKV, gesetzliche KV, Sozialversicherungsfachwirt, Sozialversicherungsfachwirtin, knappschaftliche Sozialversicherung, Sozialversicherungssystem in Schweden
Arbeit zitieren
Sozialversicherungsfachwirt Tom Commander (Autor), 2011, Probleme der sozialen Sicherungssysteme. Ein kritischer Vergleich der Lösungsansätze „Bürgerversicherung“ und „Bürgerpauschale“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312992

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