Vergleich von Jean Racines Tragödie "Mithridate" mit den antiken Quellen zu Mithridates VI. von Pontos


Seminararbeit, 2015
24 Seiten, Note: 4,5 (schweizer Note)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. QUELLENLAGE

3 . MITHRIDATE VON JEAN RACINE

4. VERGLEICH DES TEXTES VON RACINE MIT DEN ANTIKEN QUELLEN

5. SCHLUSSWORT

QUELLEN

BIBLIOGRAPHIE

1. Einleitung

Denkt man an berühmte Persönlichkeiten der Antike, fallen den meisten Menschen vermutlich Namen wie Julius Cäsar, Nero, Spartacus, Hannibal oder Alexander der Grosse ein. Auch mythologische Figuren wie Achilles und Odysseus dürften neben Historikern sicherlich auch Laien der Geschichtswissenschaft bekannt sein. Die Gründe dafür sind zahlreich. Um das Leben dieser Personen ranken sich zahlreiche Mythen, Legenden und Anekdoten, so dass sich zahlreiche spannende Geschichten dazu erzählen lassen. Das wiederum führt dazu, dass Filme die von diesen Personen und ihren Taten handeln Kinosäle weltweit füllen. Diese Hollywood-Blockbuster zeigen epische Schlachten, geführt von imponierende Persönlichkeiten und verstärken so die allgemeine Bekanntheit und Prominenz dieser Figuren. Allgemein ist die Tatsache, dass sich neben der Wissenschaft auch die Populärkultur - wie beispielsweise die Reihe der Asterixhefte - mit diesen Personen der Antike auseinandersetzt einer der wichtigsten Faktoren für deren Berühmtheit.

Neben den erwähnten Figuren der Antike - von denen sicher einige in der Aufzählung fehlen - geht die Person des Mithridates VI. von Pontos, auch Mithridates Eupator genannt - beinahe vollkommen unter. Ob sein Leben und Wirken sich mit demjenigen von Cäsar, Alexander des Grossen und anderen grossen Namen der alten Geschichte gleichsetzen lässt ist diskutabel, Ermessenssache und soll hier nicht das Thema sein. Eine unwiderlegbare Tatsache ist, dass er ebenfalls eine grosse Präsenz in künstlerischen und kulturellen Werken aufweist und in diesem Bereich sicher vergleichbar ist mit den berühmtesten Personen der Antike. Jean Racine, einer der bedeutendsten Autoren der französischen Klassik widmete König Mithridates VI. die Trägödie Mithridate. Auf diesem Werk basierend komponierte Wolfang Amadeus Mozart die Oper Mitridate, re di Ponto. Der US-amerikanische Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson schrieb verfasste ein Gedicht über Mithridates Eupator. Die Kupferstecher Hubert-François Gravelot und Bartolomeo Pinelli erschufen Grafiken, welche das Leben und den Tod des Mithridates VI. haben. Das ist nur eine kleine Auswahl an Werken aus Musik, bildnerischer Kunst und Literatur, welche sich mit Mithridates Eupator auseinandersetzen. Sein Leben bietet mit zahlreichen Mythen, Legenden, aber auch tragischen Ereignissen auch mehr als genug Stoff für diese Künstler.

Thema dieser Arbeit wird eines dieser Werke sein, nämlich Mithridate von Jean Racine. Wie bereits erwähnt, bietet das Leben des Mithridates VI. - welcher im Rest des Textes teilweise auch lediglich Mithridates genannt werden wird, trotz der Häufigkeit des Namens in der Antike - genug Stoff für eine solche Tragödie. Jean Racine setzte sich intensiv mit den Quellen auseinander, welche das Leben des Mithridates VI. behandeln. Ziel der Arbeit wird sein herauszuarbeiten wo sich Racine an die Quellen gehalten hat und wo er im Rahmen der künstlerischen Freiheit davon abgewichen ist und Änderungen vorgenommen hat. Dementsprechend lautet auch die Leitfrage: „Wo hat sich Jean Racine beim Verfassen seines Werks Mithridate an die historischen Quellen gehalten und wo wurde etwas abgeändert?“ Um diesen Vergleich des Textes von Racine mit den historischen Quellen zu präzisieren, werden einerseits die historischen Quellen genau betrachtet, mit dem Fokus darauf was in den Quellen selbst Legendenbildung ist und was historisch belegt, andererseits aber auch die Person des Jean Racine und sein Text zu Mithridates untersucht und in einen historischen Kontext gesetzt.

2. Quellenlage

Zu Mithridates VI. und dem Königreich von Pontos existieren zahlreiche Quellen. Einserseits die schriftlichen Quellen, aber auch archäologische und numismatische. Historiker der Antike wie Appian, Plutarch oder Dio Cassius schrieben über Mithridates VI. und bezogen sich dabei auf Berichte von Sulla, Sallust oder Livius.1 „Die Jugend des Königs ist durch Legenden verklärt.“2 Leider trifft das nicht nur auf die Jugend von Mithridates VI. zu. Zu seinem ganzen Leben gibt es Legenden und Anekdoten. Die archäologischen und numismatischen Quellen bieten diesbezüglich schon interessante Einblicke. Eine Büste, von der man ausgeht sie zeige Mithridates VI. trägt den Beinamen „Schwarzenberg Alexander“, weil man zunächst davon ausging, dass es eine Büste von Alexander dem Grossen ist. Historiker wie Thuri Lorenz zweifelten mit der Zeit an, dass es sich wirklich um eine Darstellung von Alexander handelt, da die Kopfform von denen anderer Bildhauereien mit dem Antlitz Alexanders abweicht. Nachdem die Büste mit Münzen verglichen wurde, die Mithridates VI. darstellen, ging die Vermutung in die Richtung, dass der „Schwarzenberg Alexander“ doch eher Mithridates ist.3 Betrachtet man die numismatischen Quellen, welche genutzt wurden um die Büste als Mithridates zu identifizieren, stellt man jedoch fest, dass die Darstellung des Mithridates VI. tatsächlich stark den Abbildungen von Alexander dem Grossen gleicht, welche man aus dieser Zeit kennt. Man kann davon ausgehen, dass das kein Zufall ist, sondern damit bewusst ein Vergleich zwischen Mithridates VI. und dem grossen makedonischen König hergestellt werden sollte. Diese Vermutung wird noch deutlicher, wenn man betrachtet, dass bei Justinus beschrieben wird, dass Mithridates in seiner Kindheit auf ein wildes Pferd gesetzt wurde, um dabei ums Leben zu kommen, das Tier jedoch zähmte.4 Nicht nur Historiker, sondern auch Kenner des Hollywood-Films zu Alexander dem Grossen wissen, dass zu Alexander eine sehr ähnliche Erzählung existiert, nämlich die Zähmung des Bukephalos. Das Quellenmaterial zu Mithridates VI. ist demnach mit Vorsicht zu geniessen. Einiges was überliefert wurde hatte in erster Linie nicht die Funktion historische Ereignisse für die Nachwelt zu bewahren, sondern diente politischen Interessen. Aus heutiger Sicht würde man vielleicht von Propaganda oder Public Relations sprechen, wenn Mithridates durch Anekdoten, aber auch Bilder und Statuen mit Alexander dem Grossen verglichen wird.

Die Legende von Mithridates VI. wie er ein wildes Pferd gezähmt hat sowie eine Büste und einige Münzen die eine gewisse optische Ähnlichkeit zwischen ihm und Alexander dem Grossen herstellen, sind nur einige Stichproben aus den jeweiligen Quellen, die aufzeigen, dass man die Schriften, ebenso wie die archäologischen und numismatischen Quellen kritisch betrachten muss. Zum Leben und Tod des Mithridates VI. existieren zahlreiche Legenden. Abgesehen von Anekdoten, wie dass er sein Leben lang gezielt kontrollierte Mengen an Giften einnahm, um sich dagegen zu immunisieren5, einzelnen Erzählungen die belegen sollen, wie grausam seine Regentschaft war6, oder der Überlieferung, dass er Polyglott war und über 20 Sprachen mächtig, sind die Quellen auch in einigen entscheidenden Eckpunkten seines Lebens nicht immer vollständig lückenlos. So existieren beispielsweise zu den Umständen seines Todes Widersprüche. Appian greift die Theorie des kontrollierten Immunisierens auf und beschreibt, dass Mithridates VI. Selbstmord durch Gifteinnahme begehen wollte, ihm dies durch die Immunität aber nicht gelang. Deswegen musste ihn sein Leibwächter mit dem Schwert töten. Dio Cassus im Gegenzug berichtet, dass Mithridates von desertierenden Truppen getötet wurde, welche ihn verliessen um unter seinem Sohn Pharnakes zu dienen.7

Insofern ist Vorsicht geboten bei der Analyse des Werks von Jean Racine. Eine Abweichung von einer Quelle muss nicht sofort künstlerische Freiheit Seitens des Autors bedeuten, sondern kann durchaus auch der Tatsache geschuldet sein, dass Racine eine andere Quelle konsultiert hat. Quellenmaterial zu Mithridates VI. und dem Königreich Pontos ist grundsätzlich zahlreich vorhanden. Theodore Reinach unterscheidet drei Arten von Quellen. Einerseits die antiken Schriftsteller, daneben aber auch Inschriften und Münzen.8 Weiter sind sicherlich noch die bereits erwähnten Statuen zu nennen, ebenso auch archäologische Quellen.

In erster Linie sind dabei Ruinen von Festungen zu nennen, welche einen Überblick über den administrativen und militärischen Aufbau des Königreichs Pontos geben sowie über das strategische Denken von Mithridates VI.9 Daneben sicherlich auch die Felsengräber, welche einen Einblick in die religiösen Bräuche und Bestattungsrituale des Königreichs geben und ausserdem eine Diskussion bezüglich der letzten Ruhestätte von Mithridates VI. ausgelöst haben.10

Im Kontext dieser Arbeit ist der Fokus auf den antiken Schriftstellern, insbesondere auf denen, die Racine für sein Werk gelesen und verwendet hat.

Car, excepté quelque événement que j'ai un peu rapproché par le droit que donne la poésie, tout le monde reconnaîtra aisément que j'ai suivi l'histoire avec beaucoup de fidélité. […]Florus, Plutarque et Dion Cassius nomment les pays par où il devait passer. Appien d'Alexandrie entre plus dans le détail.11

Racine behauptet, dass er die Geschichte zum grössten Teil detailgetreu übernommen hat und nur selten aus künstlerischer Freiheit abgewichen ist. Als Hauptquellen nennt er Florus, Plutrach, Dio Cassius und Appian. Deren Quellen sollen auch Grundlage für die Analyse und den Vergleich des Textes von Racine sein. Sollten weitere Quellen Einfluss auf den Text gehabt haben, oder unter Umständen für Kontroversen beim Vergleich sorgen, werden diese selbstverständlich ebenso ihren Platz in der Untersuchung finden. Neben den von Racine genannten Autoren führt Theodore Reinach noch diverse anderen Quellen auf, welche in der Fachliteratur teilweise häufig verwendet werden. Reinach erwähnt dabei Memoiren von Mithridates und pontische Dokumente im allgemeinen, armenische Quellen oder auch zahlreiche griechische und römische Autoren wie Poseidonios oder Strabon, wobei letzterer beispielsweise häufig in der Arbeit von Eduard Meyer behandelt wurde. Dabei muss man berücksichtigen, dass zahlreiche pontischen Dokumente oder Aufzeichnungen von Sulla, Sallust oder Livius in die Texte von Plutarch, Appian und Dio Cassius einfliessen.12 Insofern werden diese Schriften indirekt auch ihren Weg in das Werk von Racine gefunden haben. Nichtsdestotrotz sollen Quellen, die stark von Racines Darstellung des Mithridates abweichen nicht unbeachtet bleiben.

3. Mithridatevon Jean Racine

Neben den Quellen, welche er zur Verfügung hatte, ist ein Blick auf den Autor Jean Racine ebenso wichtig, um seine Arbeit historisch einordnen zu können. Dabei ist die Biographie des Autors eher zweitrangig. Interessant ist eher die Frage, zu welcher Zeit die Werke von Racine - insbesondere Mithridate - entstehen und ob Zusammenhänge zur Entstehungszeit bestehen. Daraus lässt sich unter Umständen die Motivation des Autors für die Tragödie herauslesen und - hierbei müssen gewisse biographischen Hintergründe betrachtet werden - eventuell auch Gründe für Anpassungen in der Erzählung und Abweichungen von den Quellen. Racine konzentrierte sich in seiner Arbeit auf ein Schema destruktiver Könige und Prinzen und hatte oft als Thema die Liebe, welche ins Verderben führt. Seine Werke handeln häufig von politisch anspruchsvollen Stoffen. Mithridate wird in diesem Zusammenhang als ein Spiegel der politischen Situation Frankreichs der damaligen Zeit betrachtet.13 Barthes beschreibt Racine als grössten französischen Schriftsteller. Seine Arbeit wird oft als Metapher für Frankreich selbst angesehen.14 Mithridate fügt sich diesbezüglich gut in diese Perspektive aus sein Gesamtwerk ein. Die Forschungsliteratur sieht durchaus Parallelen zwischen Mithridate und der damaligen politischen Lage Frankreichs. Racine schrieb sein Buch 1673. Frankreich führte Krieg mit Holland und die feudalistischen Strukturen, welche das Land über Jahrhunderte beherrscht haben begannen zu verschwinden. Mithridate weist insofern Gemeinsamkeiten zu dieser Situation auf, da es einen alternden König zeigt, der nach zahlreichen Expansionen sowohl im Innern des Reiches wie auch von Aussen Druck und Gegenwind zu spüren bekommt.15 Auch die von Problematik einer Erbmonarchie, wie sie in Mithridate dargestellt wird, kann als Parallele zu Frankreich des 17. Jahrhunderts betrachtet werden.16 Racine hat nicht nur mit Mithridate, sondern auch mit zahlreichen anderen seiner Werke Metaphern für die politische Lage Frankreichs im 17. Jahrhundert geschaffen. Allgemein war es unter französischen Schriftstellern ein beliebtes Thema solche Verbindungen zwischen Herrschern der Antike und dem französischen Adel herzustellen. Katharina Schöneborn hat ihre gesamte Publikation „Frühneuzeitliche Herrscherfiguren im Wandel. Das französische Drama als Kristallisationspunkt politischer Umbrüche.“ diesem Thema gewidmet. Frankreich war im 17. Jahrhundert die Hegemonialmacht Europas und sowohl auf wirtschaftlicher wie auch auf militärischer Ebene die dominante Nation des Kontinents. Die Kreativität im Land blühte unter diesen Voraussetzungen auf, so dass die Künstler, Autoren, Architekten, Maler oder Bildhauer mit ihrem Schaffen die Dominanz des Landes stützten und untermauerten.17 Dennoch ist die Literatur von Racine - und anderer Schriftsteller - durchaus kritisch. Dazu gehört auch Mithridate. Unter Umständen ist es genau diese Dominanz Frankreichs zu dieser Zeit, welche an die grossen Reiche der Antike erinnerte und deshalb auch kritische Stimmen als Warnung laut werden liess. Anpassungen in Racines Werk könnten die Funktion haben die Erzählung so anzupassen, damit sie eine bestimmte Botschaft übermittelt.

Literaturinterpretationen deuten abgesehen von den Parallelen zur politischen Lage Frankreichs im 17. Jahrhundert auch auf ein „Ödipusdrama“ hin, da sich in Mithridate zwei Brüder um die selbe Frau streiten, welche zugleich die Ehefrau ihres Vaters ist. Zudem wollen sie ihren Vater als Herrscher ablösen.18 Diese Interpretation würde sich von der historischen und politischen Ebene wegbewegen und eher in den Bereich der Literaturwissenschaft fallen, würde aber dennoch gewisse Abänderungen Seitens des Autors erklärbar machen. Vor dem Vergleich von Racines Text mit den historischen Quellen bleiben solche Überlegungen in erster Linie Spekulationen. Der Hintergrund, dass neben Racine zahlreiche französische Dramatiker Werke zu Antiken Grossreichen und Herrschern verfasst haben, zu einem Zeitpunkt auf dem Frankreich die Grossmacht in Europa war, muss dennoch bei der Analyse im Hinterkopf behalten werden.

4. Vergleich des Textes von Racine mit den antiken Quellen

Wie in Kapitel 2 bereits zitiert, behauptet Racine bereits im Vorwort von Mithridate, dass er die Quellen mit einer grossen Sorgfalt behandelt hat und nur selten davon abgewichen ist. Er erntete jedoch bei seinen Zeitgenossen grosse Kritik dafür, dass er sich in seinen Werken Mithridate und Britannicus zwar an antiken Quellen orientiert, diese aber stark verändert.19 Einerseits also Racine, der behauptet er sei selten von den Quellen abgewichen, andererseits sein Kritiker, die das exakte Gegenteil behaupten.

Mithridate ist eine Tragödie in fünf Akten mit jeweils fünf bis sieben Szenen. Eine kurze Zusammenfassung der Handlung: Xiphares ist Sohn des Königs Mithridates. Zu Beginn der Handlung berichtet er einem seiner Vertrauten, dass sein Vater in einer Schlacht gegen die Römer ums Leben gekommen sei, was sich später als Irrtum herausstellen soll. Xiphares ist, genauso wie sein Bruder Pharnakes, in Monime, die Mätresse ihres Vaters verliebt. Ein Konflikt zwischen den beiden Brüdern steht unmittelbar bevor, da die beiden nicht nur um die selbe Frau rivalisieren, sondern auch noch um die Nachfolge ihres Vaters. Dass Pharnakes den römischen Feind unterstützt, giesst zusätzliches Öl ins Feuer. Pharnakes will Monime heiraten. Diese weigert sich jedoch, unter anderem weil Pharnakes mit Rom sympathisiert. Xiphares versucht seinen Bruder zu überzeugen, dass sie ihren Vater gemeinsam rächen müssen und ein Bündnis mit Rom so nicht in Frage kommen kann. Als sich herausstellt, dass Mithridates noch lebt, versucht Pharnakes seinen Bruder gegen den Vater aufzuhetzen, allerdings erfolglos. Mithridates vermutet ein Interesse seiner Söhne für Monime und möchte sie durch Heirat zu seiner Frau und Königin machen. Monime erwidert allerdings die Gefühle für Xiphares, welcher im Gegensatz zu Vater und Bruder deutlich weniger aggressiv um die Frau wirbt, obwohl er schon länger als der Vater Gefühle für sie hegt. Monime lehnt den Heiratsantrag von Mithridates ab. Dieser möchte Pharnakes mit der Tochter eines Partherkönigs verheiraten, damit sie in ihm einen Verbündeten für einen bevorstehenden Feldzug gegen Rom haben. Pharnakes verweigert die Heirat. Stattdessen schlägt er Rom als Verbündeten vor. Monimes Ablehnung des Heiratsantrags und Pharnakes Reaktion sind für Mithridates Zeichen eines Verrats von Seiten des Pharnakes. Er sieht seine Vermutung bestätigt, dass sein Sohn um die selbe Frau buhlt und lässt diesen gefangen nehmen. Pharnakes behauptet, dass auch Xiphares in Monime verliebt sei. Zunächst skeptisch wird Mithridates immer misstrauischer und möchte wissen, ob er tatsächlich auch durch Xiphares verraten wurde. Durch eine Täuschung gelingt es Mihtridates in Erfahrung zu bringen, dass Pharnakes die Wahrheit sprach und Xiphares und Monime Gefühle füreinander haben. Mithridates teilt Monime zunächst mit, dass er ihre Liebe für Xiphares akzeptiert, will aber insgeheim seinen Sohn bestrafen. Xiphares flüchtet und schlägt Monime zur eigenen Sicherheit vor Mithridates doch noch zu heiraten. Sie weigert sich nach wie vor. Mithridates geht von Hochverrat durch seine beiden Söhne aus, besonders da sich einige Truppen - aufgehetzt durch Pharnakes - weigern gegen Rom zu ziehen und er eine Nachricht erhält, dass auch Xiphares unter den Aufständischen sei. Später erhält Mithridates die Falschmeldung, dass Xiphares tot sei. Die Römer greifen unterdessen an. Monime versucht sich zu erhängen. Als dies misslingt, erhält sie einen Giftbecher, den sie auf Befehl von Mithridates austrinken soll. Sie ist überzeugt, dass Xiphares bereits tot ist und willigt ein. Sie wird jedoch vom Trinken abgehalten, ebenfalls auf Befehl des Mithridates. Sie erhält Nachricht davon, was geschehen war. Als Mithridates im Kampf sah, dass seine Truppen völlig unterlegen sind, beging er mit seinem Schwert Selbstmord. Xiphares übernahm das Kommando und führt die Streitkräfte von Pontos zum Sieg. Im Sterben liegend nimmt Mithridates ihm das Versprechen ab, dass er seinen Bruder Pharnakes nicht verfolgt, erklärt ihn zu seinem Nachfolger und vermählt ihn mit Monime.

Der grösste Unterschied zu den Quellen dürfte die Zeitdauer der Ereignisse sein. Racine verpackt offenbar alles in einem einzigen Tag. Aber auch andere gewichtige Änderungen wurden von Seiten Racines vorgenommen, beispielsweise was die Umstände und Verhältnisse seiner Figuren untereinander angeht. Das Ende von Racines Mithridate beschreibt wie Xiphares und Monime beim sterbenden Mithridates sind, er diesen zu seinem Nachfolger ernennt und ihn bittet Pharnakes zu verschonen. Den historischen Quellen folgend, war Xiphares zum Zeitpunkt von Mithridates Tod selbst schon nicht mehr unter den Lebenden. Appian schreibt dazu:

Dort an der Meerenge liess er einen seiner Söhne, den Xiphares wegen des folgenden Vergehens seiner Mutter hinrichten: Mithridates hatte eine Festung, wo versteckte unterirdische Schatzkammern in zahlreichen eisenbeschlagenen Gefässen aus Erz viel Geld bargen. Eine der Konkubinen oder Frauen des Mithridates, Stratonike, der das Geheimnis und die Bewachung der Festung anvertraut waren, lieferte nur in der Zeit, da sich Mithridates noch auf dem Weg um den Pontos befand, diese dem Pompeius aus und gab ihm Kenntnis von den darin versteckten Schätzen, alles unter der einzigen Bedingung, dass Pompeius ihren Sohn Xiphares, wenn er gefangen werden sollte, schone. […] Als Mithridates von diesen Vorgängen Kenntnis erhielt, liess er den Xiphares an der Meerenge töten, während die Mutter von jenseits zuschauen musste, und liess die Leiche unbeerdigt liegen. So schändete er den Sohn, um die schuldige Mutter zu treffen.20

Ob Xiphares wirklich vor den Augen seiner Mutter hingerichtet wurde, wird in der Fachliteratur kritisch betrachtet.21 Die Hinrichtung des Xiphares wird allerdings auf das Jahr 65. v. Chr. datiert.22 Laut Racine war Xiphares beim Tod seines Vaters dabei und hat ihn überlebt, wurde gar zu seinem Nachfolger bestimmt. Von Appian ausgehend muss man zum Schluss kommen, dass Xiphares vor seinem Vater ums Leben kam und zwar durch dessen eigene Hand. Wie treu Xiphares selbst war - hingerichtet wurde er wegen der Untreue seiner Mutter und nicht wegen seiner eigenen - lässt sich daraus nicht schliessen, aber seine pure Präsenz während der letzten Stunden des Mithridates VI. zeigt bereits, dass Racine grössere Anpassungen vorgenommen hat.

Eine weitere der Hauptfiguren des Werks von Jean Racine, welche im Vergleich zu den antiken Quellen kontrovers erscheint, ist Monime, die Frau um die sich in Mithridate die drei Männer streiten. Sie findet durchaus Erwähnung in den Quellen.

Bei seinem Rückweg aus Ionien eroberte er die Stadt Stratonikeia, verhängte über sie eine Geldstrafe und legte eine Besatzung hinein. Hier kam ihm ein schönes Mädchen zu Gesicht, das er unter seinen Frauen aufnahm, und wenn ener auch noch ihren Namen zu erfahren wünscht - es war Monime, die Tochter des Philopoimen.23

Bei Appian, Mith. 48 wird Monime als Lieblingsfrau des Mithridates betitelt. Man darf also durchaus davon ausgehen, dass Mithridates sie zu seiner Frau genommen hat und nicht wie bei Racine beschrieben erfolglos um sie gebuhlt hat. Bei Plutarch, Pomp. 37 ist zudem die Rede von „unzüchtigen Briefen“ welche Monime und Mithridates untereinander gewechselt haben sollen. Dies lässt die Vermutung zu, dass Monime nicht in eine Ehe gezwungen wurde, sondern durchaus eine Zuneigung zu Mithridates erwiderte.

[...]


1 Vgl. Reinach, Mithridates Eupator, S. 452.

2 Marek, Geschichte Kleinasiens in der Antike, S. 341.

3 Vgl. Højte, Portraits and Statues of Mithridates VI., S. 145-146.

4 Vgl. Meyer, Geschichte des Königreichs Pontos, S. 84.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Ebd., S. 85-86.

7 Vgl. Højte, The Death and Burial of Mithridates VI, S. 121.

8 Vgl. Reinach, Mithridates Eupator, S. 413.

9 Vgl. Højte, The Administrative Organisation of the Pontic Kingdom, S. 100-103.

10 Vgl. Højte, The Death and Burial of Mithridates VI, S. 125-126.

11 Racine, Jean: Mithridate, in: The Project Gutenberg, 25.12.2008. <https://www.gutenberg.org/cache/epub/27625/pg27625.html> [Stand: 30.04.2015].

12 Vgl. Reinach, Mithridates Eupator, S. 413-481.

13 Vgl. Schöneborn, Frühneuzeitliche Herrscherfiguren im Wandel, S. 38-40.

14 Vgl. Greenberg, Racine, S. xi (Preface).

15 Vgl. Schöneborn, Frühneuzeitliche Herrscherfiguren im Wandel, S. 40.

16 Vgl. Ebd. S. 78.

17 Vgl. Greenberg, Racine, S. 1.

18 Vgl. Greenberg, Racine, S. 153.

19 Vgl. Schöneborn, Frühneuzeitliche Herrscherfiguren im Wandel, S. 40.

20 Appian, Mith. 107.

21 Vgl. Reinach, Mithridates Eupator, S. 399.

22 Vgl. Ebd.

23 Appian, Mith. 21.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Vergleich von Jean Racines Tragödie "Mithridate" mit den antiken Quellen zu Mithridates VI. von Pontos
Hochschule
Universität Zürich  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Seminar: Städte, Völker und Königreiche im antiken Anatolien
Note
4,5 (schweizer Note)
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V313085
ISBN (eBook)
9783668118416
ISBN (Buch)
9783668118423
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, jean, racines, tragödie, mithridate, quellen, mithridates, pontos
Arbeit zitieren
Josip Lasic (Autor), 2015, Vergleich von Jean Racines Tragödie "Mithridate" mit den antiken Quellen zu Mithridates VI. von Pontos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313085

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