Inklusion im Leistungssport und der Fall Markus Rehm. Im Zweifel gegen den Sportler?


Essay, 2015
6 Seiten, Note: 1,5
Anonym

Leseprobe

Markus Rehm - Im Zweifel gegen den Sportler?

Inklusion im Leistungssport

Markus Rehm ist 1988 in Göppingen geboren und verliert 2003 im Alter von 14 Jahren seinen rechten Unterschenkel nach einem Wakeboard-Unfall. Bereits 2004 beginnt er wieder mit dem Sport und steht kurz darauf wieder auf dem Wakeboard. 2005 beginnt er die Leichtathletik leistungsorientiert zu betreiben. Seine Paradedisziplinen sind der Weitsprung und der 100-m-Lauf. Einen Höhepunkt seiner bisherigen Sportlerkarriere erreicht er mit der Norm für die Deutschen Meisterschaften (DM) der nicht behinderten Sportler in Ulm. Trotz vieler Bedenken wegen des vermeintlichen Vorteils wird er schließlich nach einigen Überlegungen unter Vorbehalt zugelassen. Zur Überraschung aller gewinnt er und löst damit eine Welle der Diskussion aus. Er holt nicht nur den deutschen Meistertitel, sondern mit seiner Weite von 8,24 Metern schafft er auch die Norm für die Europameisterschaften (EM). Doch dann erscheint am 30. Juli 2014 auf SpiegelOnline.de ein Artikel mit der Schlagzeile: „Behinderter Weitspringer: Warum darf Markus Rehm nicht zur EM?“ Bei der DM wurden biomechanische Untersuchungen durchgeführt, um die Frage zu klären, ob Markus Rehm durch seine Prothese einen Vorteil gegenüber den Springern ohne Prothese hat. Es kann jedoch kein eindeutiges Ergebnis gewonnen werden, das die Frage nach dem Vorteil ausräumt oder bestätigt. Daraufhin entscheidet der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), Rehm nicht für die EM zu nominieren.

Ist Inklusion im Leistungssport also nur dann möglich und akzeptiert, wenn gehandicapte Sportler schlechter sind als nicht behinderte Sportler? Wäre Markus Rehm zum Beispiel nur Fünfter geworden, wäre diese Diskussion womöglich nicht so groß geworden, wie sie jetzt ist. Denn springt ein Sportler mit einer Prothese weiter als Sportler ohne Prothese und gewinnt, so ist dies „natürlich nur der Prothese zu verdanken“. Der Sportler hat ja schließlich ein Handicap und kann deshalb gar nicht so gut sein. Er muss sich regelrecht für seine gute Leistung rechtfertigen. Springt und siegt hingegen ein Sportler mit zwei gesunden Beinen, so wird er für seine Leistung und sein gutes Training gelobt und anerkannt. Wo sind die Grenzen der Inklusion im Sport? Kann es einen inklusiven Wettkampf- und Leistungssport geben und will man das überhaupt?

Aufgrund seiner Amputation erhält Markus Rehm einen Einblick in das Berufsfeld des Orthopädiemechanikers. Daraufhin verwirft er seinen bisherigen Berufswunsch des Elektrotechnikers und wird selbst Orthopädiemechaniker. Dabei liegt sein Schwerpunkt auf der Prothetik. Nicht verwunderlich also, dass er seine Prothesen selbst herstellt. Dies wird ihm allerdings zum Vorwurf gemacht, da er „die beste Prothese [hätte], weil [er] selbst Orthopädietechniker“ (Teuffel, Friedhard und Spannagel, Lars 2014) ist. Allerdings kann man diesen Vorwurf so nicht stehen lassen. Der einzige Vorteil, den Markus Rehm hat, ist, wie er selbst sagt, dass er keinem anderen sagen muss, was er haben will. Dazu kommt, dass alle Sportler die gleichen Prothesen benutzen (vgl. Müller-Hohenstein 26.07.2014).

Die bereits mehrfach erwähnte Prothese ist aus Karbon und zeigt ein ähnliches Verhalten wie eine Sprungfeder auf. Das bedeutet, dass der Sportler von der Prothese quasi nach oben katapultiert wird. Zu diesem Schluss kommen auch die Wissenschaftler bei der DM in Ulm, als sie anhand von Videoaufzeichnungen und weiteren Messungen herausfinden, dass Markus Rehm langsamer anläuft als die Athleten mit zwei gesunden Beinen und dennoch weiter springt. Daraus lässt sich schnell der eindeutig erscheinende Schluss ziehen, dass die Prothese „Techno-Doping“ ist. Die Schnelligkeit im Sprint wird allerdings auf die 100-MeterStrecke bezogen. Danach sagen Wissenschaftler, dass man die 100 Meter mindestens unter 11 Sekunden laufen können muss, um über 8 Meter weit zu springen. Markus Rehms Bestzeit liegt aber lediglich bei 11,46 Sekunden (vgl. Eberle 2014). Beachtet man aber die Tatsache, dass seine Prothese auf den Absprung eingerichtet ist und nicht auf den Anlauf davor, der im Übrigen nur ca. 36 Meter lang ist, kann man zu dem Schluss kommen, dass die Prothese nur einen Nachteil ausgleicht. Denn Markus Rehm hat gerade durch sein fehlendes Bein den Nachteil, nicht so schnell anlaufen zu können wie Athleten ohne Handicap. Wenn die Federwirkung diesen Nachteil ausgleicht, dann wäre es im Endeffekt doch wieder fair. Des Weiteren klingt es oft so, als ob die Karbonprothese von alleine springe. Dem ist aber nicht so, denn sie gibt nur die Energie zurück, die der Athlet vorher während des Anlaufs hineinsteckt. Und dies ist für den Sportler sehr kraftraubend. Dazu kommt, dass die Energie nicht zu 100% wieder zurückgegeben werden kann. Es gibt eine Dämpfung an der Stelle, bei der der Stumpf des Beins und die Prothese zusammenkommen. Als Argument für das „Techno-Doping“ wird zudem meist angeführt, dass eine Prothese nicht wie das menschliche Bein mit Muskeln während Anstrengung ermüdet und man dadurch nicht wesentlich langsamer während eines Rennens wird. Aber mit einer Prothese fehlt nicht nur die Ermüdungserscheinung, sondern auch das Gefühl im Bein. Dadurch sind die koordinativen Abläufe beim Laufen und Springen mit einer Prothese sehr viel komplexer als ohne. Ein Athlet muss also viel mehr trainieren, um eine gute Leistung zu erbringen. Die koordinative Ermüdung steht dann der muskulären Ermüdung gegenüber. Ob diese sich ausgleichen oder nicht, ist bis heute noch nicht wissenschaftlich eindeutig geklärt. Jedoch erstreitet Oscar Pistorius, der beidseitig oberschenkelamputiert ist, aufgrund dieses Arguments die Starterlaubnis für die Olympischen Spiele 2012 in London. Der Internationale Sportgerichtshof (Court of Arbitration for Sport; CAS) kommt zu dem Schluss, dass Pistorius auf der geraden Strecke durch die Nichtermüdung seiner Prothesen einen Vorteil hat.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Inklusion im Leistungssport und der Fall Markus Rehm. Im Zweifel gegen den Sportler?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,5
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V313168
ISBN (eBook)
9783668118690
ISBN (Buch)
9783668118706
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leichtathletik, Leistungssport, Markus Rehm, Prothese
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Inklusion im Leistungssport und der Fall Markus Rehm. Im Zweifel gegen den Sportler?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313168

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