Diese Abwehrmechanismen sind nach dem Freudschen Strukturmodell der Psyche allgemein als Reaktion des Ichs auf die eigene, mangelnde Kompromissfähigkeit zwischen Es und Über-Ich definiert und verfolgen somit das Ziel eines „Schutz[es] des Ichs gegen Triebansprüche“. Aufgrund der fehlenden Operationalisierung sind Abwehrmechanismen – und das ist wissenschaftlich schade aber deutungshypothetisch von Vorteil – empirisch schwer nachzuweisen, erweisen sich aber dadurch auch als leistungsstarkes Analysewerkzeug zur Interpretation unbewusster Strategien der Kompensation in den Figuren der Literatur. Dabei geht es maßgeblich im Sinne eines literaturpsychologischen Ansatzes darum, „aus dem verworrenen Murmeln des Unbewußten und des Es, über die inneren Konflikte, die aus einem Bereich der Stille und der Dunkelheit her auflauern, einen klar wissenschaftlichen Diskurs auszuarbeiten“.
Die Motivation zu diesem Thema entstand aus der Lektüre der epischen Literatur Ingeborg Bachmanns und Patrick Süskinds und dem dabei konstatierten Zusammenhang in der psychologischen Figurenkonstruktion beider Autoren. Häufig finden sich in diesen Werken deprivierte und isolierte Protagonisten, die aufgrund der äußeren Umstände Neurosen entwickeln. Dabei bedienen sie sich unter anderem verschiedener Abwehrmechanismen. Da die Theorie über eben diese „eine der fruchtbarsten und am meisten, auch außerhalb der Psychoanalyse, akzeptierten Teile der psychoanalytischen Theorie“ ist, möchte ich sie für meine Literaturanalyse verwenden, um aufzuzeigen, inwieweit sich diese Strategien der Abwehr in den Figuren der Werke beider Autoren äußern.
Inhaltsverzeichnis
1. Rezeptionsgeschichtliche und biografische Einordnung
1.1 Patrick Süskind
1.2 Ingeborg Bachmann
2. Abwehrmechanismen – Darlegung des Analysekorpus
2.1 Psychoanalyse
2.2 Abwehrmechanismen
2.2.1 Theoretische Grundlage
2.2.2 Definitionskorpus
2.3 Einordnung und Problematisierung der literaturpsychologischen Methodik
3. Konstruktion in der Epik Bachmanns und Süskinds
3.1 Patrick Süskind
3.1.1 Die Taube
3.1.2 Das Parfum
3.1.3 Der Kontrabaß
3.2 Ingeborg Bachmann
3.2.1 Alles
3.2.2 Ein Schritt nach Gomorrha
3.2.3 Ihr glücklichen Augen
Das Streben nach Ausgleich – Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die epische Literatur von Ingeborg Bachmann und Patrick Süskind unter dem psychoanalytischen Paradigma der Abwehrmechanismen. Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit die Protagonisten der analysierten Werke psychologische Abwehrstrategien zur Kompensation innerer Konflikte und existenzieller Krisen einsetzen und welche Ursachen diesen Mustern zugrunde liegen.
- Analyse unbewusster Abwehrmechanismen nach dem Freudschen Strukturmodell der Psyche.
- Vergleich der Figurenkonstruktion bei Bachmann und Süskind unter Berücksichtigung biografischer Aspekte.
- Untersuchung literarischer Texte auf Hinweise zu Regression, Verleugnung, Projektion und Neutralisierung.
- Diskussion der literaturpsychologischen Methode zur Erschließung unbewusster psychischer Vorgänge in der Epik.
Auszug aus dem Buch
Die Taube
Süskinds Novelle behandelt in einem Zeitraum von vierundzwanzig Stunden die Folgen einer Begegnung des dreiundfünfzigjährigen Wachmanns Jonathan Noel mit einer Taube. Nach den beiden analeptisch erzählten traumatischen Erlebnissen der Deportation seiner Eltern in ein Konzentrationslager und der Scheidung von seiner Frau Marie Baccouche entschließt Jonathan, in einem sieben Quadratmeter großen Zimmer in Paris den Rest seines ansonsten von Ereignislosigkeit durchzogenen Lebens zu verbringen. In seinem fast abbezahlten Zimmer findet er „eine sichere Bleibe, [...] die ihn vor den unangenehmen Überraschungen des Lebens“ (T, 9) schützt. Die „unerhörte Gegebenheit“ ereignet sich, als er auf dem Weg zu seinem morgendlichen Toilettengang im Flur auf eine Taube trifft, die ihn „zu Tode erstaunt“ (T, 15). In seinen Grundfesten erschüttert und mit dem festen Vorhaben, der Taube „kein zweites Mal begegnen“ (T, 23) zu wollen, packt Jonathan seinen Koffer, um auf unbestimmte Zeit in einem Hotel zu wohnen. Auch bei seiner Arbeit als Wachmann einer Bank äußern sich die Nachwirkungen seiner morgendlichen Begegnung. So verpasst er zum ersten Mal in seiner langen Arbeitszeit die Ankunft der Limousine seines Vorgesetzten (vgl. T, 49) und empfindet diese Unachtsamkeit als tief beschämend. Einen Riss in seiner Diensthose, den er sich in seiner Mittagspause an einer Parkbank zuzieht, treibt Jonathan, dessen Leben durch die vergangenen Vorfälle ohnehin nahezu unerträglich geworden ist, in die Verzweiflung. Die Hose mit einem Klebeband geflickt und durch Selbsthass zerfressen, beendet er die zweite Hälfte seines Arbeitstages, um schließlich in seinem sargförmigen Hotelzimmer (vgl. T, 88 f.) diesen unsäglichen Tag mit dem Entschluss zu beenden: „Morgen bringe ich mich um“ (T, 92). Als er am nächsten Morgen mit neuem Lebenswillen zu seiner Wohnung zurückkehrt, ist die Taube bereits verschwunden.
Zusammenfassung der Kapitel
Rezeptionsgeschichtliche und biografische Einordnung: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über das Leben und Schaffen von Patrick Süskind und Ingeborg Bachmann sowie die zeitgenössische Rezeption ihrer Werke.
Abwehrmechanismen – Darlegung des Analysekorpus: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Psychoanalyse, das Freudsche Strukturmodell der Psyche und spezifische Abwehrmechanismen definiert, die als Basis für die Textanalyse dienen.
Konstruktion in der Epik Bachmanns und Süskinds: In diesem Hauptteil erfolgt die detaillierte psychoanalytische Untersuchung ausgewählter erzählerischer Werke beider Autoren hinsichtlich der Anwendung von Abwehrmechanismen durch ihre Protagonisten.
Das Streben nach Ausgleich – Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, differenziert die unterschiedlichen Abwehrstrategien der beiden Autoren und beleuchtet die psychische Entwicklung der untersuchten Figuren.
Schlüsselwörter
Psychoanalyse, Abwehrmechanismen, Literaturpsychologie, Ingeborg Bachmann, Patrick Süskind, Verdrängung, Regression, Projektion, Reaktionsbildung, Sublimierung, Figurenkonstruktion, Unbewusstes, Literaturanalyse, Existenzkrise, Kompensationsmuster.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die epische Literatur von Ingeborg Bachmann und Patrick Süskind unter dem psychoanalytischen Aspekt unbewusster Abwehrmechanismen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen psychoanalytische Theoriebildung, literarische Figurenkonstruktion, traumatische Erlebnisse und die Verwendung von Abwehrmechanismen zur Kompensation existenzieller Ängste.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Es soll analysiert werden, ob und wie die Protagonisten der untersuchten Werke unbewusste Strategien zur Bewältigung innerer und äußerer Konflikte nutzen, um ein psychisches Gleichgewicht zu wahren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen literaturpsychologischen Ansatz, der psychoanalytische Kategorien – wie das Freudsche Strukturmodell – auf literarische Texte anwendet, um unbewusste Verhaltensweisen der Figuren zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Erzählungen und Romane von Bachmann und Süskind (wie "Die Taube", "Das Parfum", "Alles" oder "Ihr glücklichen Augen") und belegt dort die Anwendung von Mechanismen wie Regression, Verschiebung oder Reaktionsbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Psychoanalyse, Abwehrmechanismen, Literaturpsychologie, Kompensationsmuster, Verdrängung, Projektion und das Unbewusste.
Wie lässt sich die Rolle des Zimmers in Süskinds "Die Taube" psychologisch deuten?
Das Zimmer fungiert als "sichere Bleibe" und "uterusähnliche Höhlung", in der Jonathan Noel versucht, seine traumatische Vergangenheit zu verdrängen und eine regressive Ersatzwelt zu schaffen.
Inwiefern unterscheidet sich die Reaktionsbildung bei Bachmann von der bei Süskind?
Bei Bachmann dient die Reaktionsbildung besonders dazu, die Abneigung gegenüber einer eigentlich empfundenen Liebe zu kompensieren, was eine spezifische Form der verfehlten Charakterentwicklung in ihren Werken markiert.
Warum spielt die Sehbehinderung in Bachmanns "Ihr glücklichen Augen" eine zentrale Rolle?
Die Weigerung Mirandas, ihre Brille zu tragen, ist eine bewusste Verdrängung der als grausam empfundenen Realität, was ihre Sehbehinderung zu einer funktionalen Stütze für ihre Abwehrmechanismen macht.
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- Lukas Baumanns (Author), 2015, Psychogramme der Kompensation. Unbewusstes Abwehrverhalten in der epischen Literatur Ingeborg Bachmanns und Patrick Süskinds, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313233