Die Arbeit beschäftigt sich eingehend mit der europäischen Avantgarde und den Ismen, fokussiert dann auf den Surrealismus und Yvan Golls Reismus. Im zweiten Teil folgt eine Analyse der Poetik Yvan Golls und schließlich, nach der Vorstellung bisher vorliegender Arbeiten zu "Traumkraut", eine Textanalyse ausgewählter Gedichte aus dieser Sammlung, wobei eine neue Lesart vorgestellt wird: die Texte werden nicht als Liebesgedichte und bezogen auf Claire Goll interpretiert, sondern als über-realistische Texte im Sinne von Neu-Erschaffung von Realität, wobei es um eine Gleichsetzung von Wort und Gott geht.
In der Textanalyse entfernt sich die Verfasserin bewusst und konsequent von der Vorbedeutung der einzelnen Worte und ihrer Vor-Einordnung in scheinbar bekannte Gegebenheiten. Die neue Verortung Yvan Golls kann nicht nur zu einer differenzierteren Anwendung des Begriffs " Surrealismus" in Bezug auf Literatur beitragen, sie zeigt auch an seinem Werk eine besonders aktuelle Modernität auf, einmal in seinem Versuch von " Synthese", zum Anderen in der Grenzüberschreitung: von der Sprachidentität zur Identität
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Der nicht wahrgenommene Dichter
2.2 Die europäische Avantgarde und die Ismen
2.2.1 Expressionismus, Futurismus, Kubismus, Dada
2.2.2 Surrealismus
2.3 Wirklichkeit und Erkenntnis. Alte und neue Welten
2.3.1 Baudelaire, Apollinaire und die Folgen.
2.3.2 Malerei und Poesie, Bilder und Worte
2.3.3 Traumhaftes, Hermetisches und Okkultes
2.3.3.1 Exkurs: Die Kabbala
2.4. Yvan Goll innerhalb der europäischen Avantgarde
2.4.1 Die wichtigsten Einflüsse
2.4.2 Yvan Golls theoretische Schriften
2.4.2.1 Texte 1917 - 1920
2.4.2.2 Texte 1921 - 1923
2.4.2.3 Manifest des Surrealismus
2.4.2.4 Manifest des Reismus
2.4.3 Yvan Golls Überrealismus und seine Poetik
2.5 Die späte Lyrik Yvan Golls
2.5.1 Zur Thematik der späten Lyrik
2.6. Traumkraut
2.6.1 Zur Editionsgeschichte
2.6.2 Bisher vorliegende Arbeiten zu "Traumkraut"
2.6.3 Zur Methodik und literaturwissenschaftlichen Einordnung
2.6.4 Auswahl und Anordnung der Gedichte
2.6.5 Textanalyse
2.6.5.1 Der Titel derSammlung
2.6.5.2 Die einzelnen Gedichte
2.6.6 Deutung. Die Traumkrautgedichte als Vermächtnis
3. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht Yvan Golls späte Lyrik, insbesondere die Sammlung "Traumkraut", und ordnet sie entgegen der gängigen Forschungspraxis nicht als reine "Liebesgedichte" ein, sondern als poetisches Vermächtnis im Kontext von Golls "Überrealismus". Ziel ist es, die einseitige Rezeption des Dichters als deutschsprachigen Expressionisten oder französischen Surrealisten zu korrigieren und seine Stellung als eigenständiger, europäischer Avantgardist zu verdeutlichen, der zwischen Sprachen, Gattungen und künstlerischen Strömungen vermittelte.
- Kritische Analyse der Forschungsgeschichte und der editorischen Probleme rund um Yvan Golls Werk.
- Untersuchung von Golls theoretischen Schriften und seiner spezifischen Definition des "Überrealismus".
- Darstellung der Einflüsse durch Avantgarde-Ismen (Kubismus, Dadaismus) sowie esoterische Strömungen (Kabbala, Alchemie).
- Methodische Neuausrichtung der Textanalyse unter Einbeziehung komparatistischer und intertextueller Aspekte.
- Deutung der "Traumkraut"-Gedichte als bewusste Konstruktionen einer neuen, überrealen Wirklichkeit.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der nicht wahrgenommene Dichter
Die bereits angesprochene nicht genügende und vor allem nicht adäquate Wahrnehmung eines im Französischen wie im Deutschen gleich beheimateten Dichters in beiden Ländern spiegelt sich auch in dessen Präsenz (oder besser Nicht - Präsenz ) in Sammelwerken wider. Um nur wenige Beispiele aus dem deutschen Sprachraum zu nennen: In der „Lyrik des Abendlandes“ ist Goll gar nicht vertreten, obschon im Nachwort als ausdrückliches Anliegen der Sammlung „das Nebeneinander, Überkreuzen und Überholen des gemeinabendländischen Sinnesspiegels“ genannt wird, ebenso fehlt er im „Museum der modernen Poesie“, in der „Deutschen Lyrik, Gedichte seit 1945“ und in den „Expeditionen deutscher Lyrik 1945“. Die Ausgabe „Das surrealistische Gedicht“ erwähnt nicht einmal seinen Namen. Auf der anderen Seite verfahren erst 1986 und 1987 herausgegebene Anthologien wie „Deutsche Gedichte“ und „Deutsche Lyrik vom Barock bis zur Gegenwart“ selektiv, indem sie nur frühe Gedichte aufnehmen. Lediglich im Band „Das grosse deutsche Gedichtbuch“ wird chronologisch der Versuch einer repräsentativen Auswahl vorgenommen.
Nicht nur in Gedichtsammlungen sucht man Goll oft vergeblich. Zur „Geschichte der deutschen Lyrik seit 1945“ gehört er offensichtlich nicht, glaubt man dem 1989 erschienenen Band. Im „Lexikon des Surrealismus“ findet man seinen Namen weder unter “Goll” noch unter “Surrealistische Zeitschriften“, nicht einmal unter “Manifeste des Surrealismus“. Selbst dort aber, wo es zu einer Erwähnung kommt, geschieht dies auf eine Weise, die der Bedeutung dieses Dichters nicht gerecht wird. So liest man bei Schneede: “Eine kleine Gruppe um den Dichter Yvan Goll erhebt - unter Berufung auf Apollinaire - ebenfalls Anspruch auf den Begriff Surrealismus. Goll bringt Ende Oktober {1924,Verf} eine Zeitschrift
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt die Problematik der bisherigen, meist einseitigen Rezeption Yvan Golls dar und formuliert die Arbeitsthese, dass seine späte Lyrik als "Überrealismus" und poetisches Vermächtnis neu zu bewerten ist.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert Golls Stellung innerhalb der europäischen Avantgarde, seine theoretischen Schriften sowie seine Auseinandersetzung mit dem Hermetischen und Okkulten, um schließlich die späte Lyrik "Traumkraut" textanalytisch neu zu interpretieren.
3. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit bestätigt, dass Yvan Golls Werk als Synthese verschiedener Avantgarde-Einflüsse zu sehen ist und fordert eine differenziertere Nutzung des Surrealismus-Begriffs in der Literaturwissenschaft.
Schlüsselwörter
Yvan Goll, Europäische Avantgarde, Surrealismus, Überrealismus, Traumkraut, Lyrik, Literaturtheorie, Kabbala, Alchemie, Intermedialität, Editionsgeschichte, Wortkunst, Moderne, Hermetik, Sprachanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine umfassende literaturwissenschaftliche Neuinterpretation des Werks von Yvan Goll, wobei der Fokus auf seiner späten Lyrik ("Traumkraut") und seinen theoretischen Reflexionen liegt.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Einordnung Golls in die europäische Avantgarde, seine Theorie des "Überrealismus", die Rolle von Hermetik, Alchemie und Kabbala in seinem Schaffen sowie das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die bisherige, oft auf biografische Aspekte oder die bloße Einordnung als "Liebeslyriker" reduzierte Rezeption von Golls Spätwerk zu überwinden und dessen innovative, poetologische Dimension aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird textanalytisch vorgegangen, wobei komparatistische, genetische, intertextuelle und diskursanalytische Gesichtspunkte kombiniert werden, um das Werk aus sich heraus und in seinen Kontexten zu verstehen.
Was steht im Zentrum des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die historisch-theoretische Verortung Golls und die dezidierte Analyse der Sammlung "Traumkraut", deren Texte als bewusste Konstruktionen einer poetischen Gegenwelt gedeutet werden.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind: Yvan Goll, Überrealismus, Avantgarde, Intermedialität, Kabbala, poetologisches Vermächtnis und Textgenese.
Inwiefern unterscheidet sich Golls Surrealismus von dem André Bretons?
Goll lehnte den psychischen Automatismus und die Psychoanalyse als Dichtungsmethode ab; bei ihm steht der Dichter als aktiver "Schöpfer" einer neuen Welt im Zentrum, nicht als passiver Rezeptor unbewusster Prozesse.
Warum spielt die Kabbala für das Verständnis des Werks eine Rolle?
YG interessierte sich für die kabbalistische Vorstellung, dass durch das Wort (das Benennen) Wirklichkeit geschaffen wird; dieses "Schöpferische des Wortes" integrierte er konsequent in seine Poetik der späten Gedichte.
- Arbeit zitieren
- Ute Altanis-Protzer (Autor:in), 2011, Yvan Goll. Der andere Surrealist der europäischen Avantgarde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313322