Das Individuum zwischen Nachahmung und Abgrenzung. Die Aktualität des Werkes von Georg Simmel für die heutige Modesoziologie


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Modetheorie nach Georg Simmel

3. Die aktuelle Modetheorie - Ihre Ursachen, Dimensionen und die bedeutendsten Modelle
3.1. Ursachen der Mode
3.2. Dimensionen der Mode
3.2.1. Temporale Dimension
3.2.2. Soziale Dimension
3.2.3. Sachliche Dimension
3.3. Die Theoriemodelle
3.3.1. Modifizierte Trickle-Down-Theorien
3.3.2. Trickle-Up-Theorie bzw. Theorie der (sub-)kulturellen Führerschaft
3.3.3. Trickle-Across-Theorie bzw. Massenmarkt-Theorie
3.3.4. Trickle-Up-And-Down-Theorie
3.3.5. Collective-Selection-Theorie

4. Simmels Einfluss auf die Modetheorien
4.1. Ursachen der Mode
4.2. Dimensionen der Mode
4.2.1. Temporale Dimension
4.2.2. Soziale Dimension
4.2.3. Sachliche Dimension
4.3. Simmels Echo in
4.3.1. den Modifizierten Trickle-Down-Theorien
4.3.2. der Trickle-Up-Theorie bzw. der Theorie der (sub-)kulturellen Führerschaft
4.3.3. der Trickle-Across-Theorie bzw. der Massenmarkt-Theorie
4.3.4. der Trickle-Up-And-Down-Theorie
4.3.5. der Collective-Selection-Theorie
4.4. Simmels Thematisierung als Indiz der Aktualität

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Mode ist ein Thema, welches man nicht sofort mit der Wissenschaft in Verbindung brin- gen würde. Wirft man jedoch einen Blick in die Literatur, so wird die Mode in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen, wie der Anthropologie, der Geschichte, der Soziologie, der Ökonomie und der Psychologie behandelt. Schaut man sich nun genauer in der Literatur um, so wird man nicht über den Namen Georg Simmel hinweg sehen können. Simmel, der neben- bei als einer der Gründerväter der Soziologie gilt, schrieb bereits 1905 einen Essay über das Phänomen der Mode, indem er die Mechanismen - der Nachahmung und Abgrenzung - be- schrieb und auf den wiederkehrenden Wandel der Mode hinwies. Der Wandel käme dadurch zustande, dass die Mode der oberen Schicht durch die unteren Schichten annektiert werde, weshalb die obere Schicht sich einer neuen Mode zuwenden müsse. Diese Trickle-Down- Theorie - wie sie im Nachhinein bezeichnet wurde - galt 60 Jahre unangefochten, bis einige Theoretiker, wie Charles W. King, Rene König und Herbert Blumer, sie kritisierten und ver- suchten zu widerlegen. Dennoch ist sogar noch heutzutage kaum eine wissenschaftliche Ar- beit über die Mode ohne zumindest eine Erwähnung von Simmel vorzufinden. Daher stellt sich nun die Frage, ob die Modetheorie nach Simmel immer noch aktuell ist oder ob sie nur noch als historische Perspektive der Mode, wie sie vor einem Jahrhundert anzufinden war, zu betrachten ist.

Dafür wird zunächst die Modetheorie von Simmel erläutert anhand des Essays ÄDie Mode“ zur philosophischen Psychologie (1923), welcher bereits vorher dargelegte Thesen Simmels zur Mode nochmals kompakt zusammenfasst. Daraufhin werden die aktuellen Theorien der Modesoziologie anhand ihrer Ursachen, Dimensionen und bedeutendsten Modelle vorgestellt. Im nächsten Schritt wird die Modetheorie Simmels mit den aktuellen Modetheorien vergli- chen, umso zum einen den Einfluss von Simmels Werk auf die modernen Theorien darzule- gen und zum anderen so die Aspekte herauszuarbeiten, welche daraufhin weisen, dass die Modetheorie nach Simmel noch immer aktuell ist. Abschließend werden die Ergebnisse im Fazit festgehalten.

2. Die Modetheorie nach Georg Simmel

Zu Beginn des Essays spricht Simmel über einen Dualismus, der uns auszeichne. So strebe unser Geist sowohl nach dem Allgemeinen als auch nach der Erfassung des Einzelnen. Diese zeige sich auch in der Geschichte durch einen Kampf der Gesellschaft, welcher aus der Ver- schmelzung der sozialen Gruppe und ihrer individuellen Hervorhebung resultiere. Auf der einen Seite werden diese Gegensätze zumeist durch die Nachahmung verkörpert, welche Si- cherheit herstelle. Das Individuum müsse so nicht mehr jegliches Handeln allein entscheiden, sondern könne sich auf die Gruppe stützen. Sie diene sozusagen als fester Unterbau. Simmel (1923: 32) bezeichnet sie auch als Ädas Kind des Gedankens mit der Gedankenlosigkeit“. Auf der anderen Seite stehe der teleologische Mensch, welcher die Individualisierung anstrebe und sich von der Gruppe versuche abzuheben. Eben dies würde die Lebensbedingungen der Mode beschreiben: Die Befriedigung des Bedürfnisses nach sozialer Anlehnung durch Nachahmung eines gegebenen Musters und nach Differenzierung und Abwechslung durch den Wechsel ihrer Inhalte. So sei die Mode von heute eine andere als die von gestern. Und so seien Moden auch immer Klassenmoden, indem die Mode der oberen Schicht sich von der der unteren un- terscheide. Sobald die unteren Schichten deren Mode annektieren, wende sich die obere Schicht einer neuen Mode zu. So ist für Simmel (1923: 34) Ä(…) die Mode nichts anderes als eine besondere unter vielen Lebensformen, durch die man die Tendenz nach sozialer Egalisie- rung mit der nach individueller Unterschiedenheit und Abwechslung in einem einheitlichen Tun zusammenführt“. Mode zeige so sowohl den Anschluss an einen bestimmten Kreis als auch deren Abgrenzung zu Tieferstehenden.

Ihre Macht zeige sie manchmal gerade dadurch, dass Objekte, die uns hässlich erscheinen, zu Mode werden. Sie interessiere sich nicht für die Normen des Lebens, sondern betone gerade ihre Abstraktheit. Als Beispiel führt Simmel dafür u.a. die mittelalterlichen Schnabelschuhe an, welche ein vornehmer Herr eigentlich nur für einen Auswuchs an seinem Fuß anfertigen lassen habe. So seien schon in der Vergangenheit Moden aus einer Laune oder einem Bedürfnis von bedeutenden Personen heraus entstanden (Simmel 1923: 35f.).

Die neue Mode werde, wie bereits erwähnt, nur den oberen Schichten zu teil. Da die unteren Schichten nach oben streben würden, würden sie versuchen die obere Schicht nachzuahmen. Das einfachste Mittel sei hierfür die Mode. Sie würden so die Mode der oberen Schicht an- nektieren. Da die obere Schicht sich nun wieder von der breiten Masse abheben möchte, su- che sie sich wieder eine neue Mode. Verstärkt und beschleunigt werde dieser Mechanismus noch durch die Geldwirtschaft und ein enges Zusammenleben der unterschiedlichen Schich- ten. Die Abgrenzung und die Nachahmung seien so die zentralen Momente der Mode. Deut- lich werde dieses auch bei Gesellschaften ohne hierarchische Struktur, welche sich durch gleiche Lebensbedingungen und Nachbarschaft auszeichnen würden. Als Beispiel führt Sim- mel hier Naturvölker an, bei denen einige eng benachbarte Gruppen sehr unterschiedliche Moden aufweisen, um so den inneren Zusammenhalt zu demonstrieren und sich von den anderen abzugrenzen (Simmel 1923: 37).

Wenn jedoch eines der beiden Momente - Nachahmung oder Absonderung - nicht vorhanden sei, werde eine Mode nicht zustande kommen. So kam laut Simmel (1923: 40) in Florenz um das Jahr 1390 keine Mode zustande, da sich jeder individuell angezogen habe. Das Bedürfnis nach Zusammenschluss würde hier habe hier gefehlt.

Des Weiteren verstärke sich die Differenzierung zu anderen Gruppen, indem die Kleidung den Gang, das Tempo und den Rhythmus der Gesten bestimme. Die Mitglieder mit derselben Kleidung würden sich so gleichartig benehmen.

ÄDer Wechsel der Mode zeigt das Maß der Abstumpfbarkeit der Nervenreize an; je nervöser ein Zeitalter ist, desto rascher werden seine Moden wechseln, weil das Bedürfnis nach Unter- schiedsreizen, einer der wesentlichen Träger aller Mode, mit der Erschlaffung der Nerven- energien Hand in Hand geht“ (Simmel 1923: 39). Da der oberen Schicht das starke Bedürfnis der Unterschiedsreize immanent sei, nennt Simmel gerade dies als Grund, weshalb die obere Schicht die Mode anführt.

Da diese die Mode bestimme, sei es immer nur ein Teil der Gesamtheit, welche eine Mode ausführe. Sobald jeder diese Mode trage, sei sie keine Mode mehr. Ihr Ziel sei somit die Verbreitung. Mit der Erreichung des Zieles aber vernichte sie sich selbst.

In der Kultur zur Zeit Simmels steige das Tempo des Wechsels. Anfang und Ende würden einen speziellen Reiz ausüben, den wir immer mehr begehren würden. Wie z.B. die Reisesucht, die zu häufigen Abschieden und Ankünften führen würde. Die Mode beinhalte eben diesen Reiz der Neuheit und Vergänglichkeit: ÄIhre Frage ist nicht Sein oder Nichtsein, sondern sie ist zugleich Sein und Nichtsein, sie steht immer auf der Wasserscheide von Vergangenheit und Zukunft und gibt uns so, solange sie auf ihrer Höhe ist, ein so starkes Gegenwartsgefühl, wie wenige andre Erscheinungen“(Simmel 1923: 42).

Da die Mode nicht einem jeden immanent sei, könne sich das Individuum dadurch besonders fühlen. Zugleich werde es aber von der Gesamtheit getragen, da sie auch danach streben wür- den. Der Modische würde so beneidet werden. Gerade Individuen, Ä(…) welche innerlich unselbstständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch zugleich einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderung bedarf“ (Simmel 1923: 44f.), würden sich mit der Mode beschäftigen. Der Modische - Simmel bezeichnet ihn als Modenarr - sei somit der Repräsentant einer Gesamtheit. Durch sein individuelles Auftreten sei er an der Spitze dieser. In Wirklichkeit sei er aber nicht der Führende, sondern der Geführte. Simmel vergleicht ihn mit dem Parteiführer einer Demokratie, in der der Parteiführer seiner Gruppe folgen müsse. Genauso wie der Modenarr hat der Unmoderne den gleichen Inhalt, jedoch formt er diesen in eine andere Kategorie. Der Modenarr in die der Steigerung, der Unmoderne in die der Verneinung. So sei es auch möglich, dass es modern sei, sich unmodern zu kleiden. Das Bedürfnis nach Individualisierung und Abgrenzung komme hier zum Vorschein. Wenn sich mehrere davon abgrenzen möchten, würden sie den Unmodernen nachahmen, so dass eine Mode daraus entstehe (Simmel 1923: 45ff.)

Aus dem Wesen der Mode - Nachahmung und Auszeichnung - werde auch so deutlich weshalb gerade Frauen sich der Mode zuwenden. Sie würden eine schwache soziale Position innehaben, wodurch die Mode ihnen eine Möglichkeit biete, sich anzulehnen und zugleich besonders zu fühlen. Sie können so fehlende Lebensinhalte kompensieren. Männer benötigen die Mode nicht, da sie ausreichend Lebensinhalte zur Verfügung hätten (Simmel 1923: 48ff.). Des Weiteren würden gerade feine und eigenartige Individuen die Mode als Maske benutzen, um ihre innere Besonderheit zum Ausdruck zu bringen (Simmel 1923: 52).

Aber auch gerade junge Menschen würden oft das Moment des Sich-Abhebens aufweisen. Sie würden versuchen ihren eigenen Stil zu finden, indem sie ihr eigenes Wesen selbst nachah- men und so ihre Individualisierung stärken würden. Simmel (1923: 56) bezeichnet diese als ‚Personalmode‘.

Den Rhythmus der Mode hingegen bestimme der Mittelstand. Die oberen Schichten seien nämlich allgemein in ihren sozialen und kulturellen Bewegungen zu konservativ für Verände- rungen, die unteren zu schwer beweglich und zu langsam entwickelbar. Der Mittelstand hin- gegen sei variabel und passe so zum Tempo der Mode (Simmel 1923: 58f.). Gerade Großstädte würden einen guten Nährboden für die Mode bieten. Zunächst durch die Schnelligkeit im Wechsel der Eindrücke und Beziehungen, dann durch die Nivellierung und Pointierung von Individualitäten und zuletzt durch die Zusammengedrängtheit und somit zu- gleich die Distanzierung. Zusätzlich verschaffe die ökonomische Aufwärtsbewegung den un- teren Massen eine schnellere Nachahmung der oberen Schichten, wodurch diese immer häufi- ger neue Moden entwerfen müsse. Dessen Mode könne daher nicht mehr so extravagant und kostspielig wie früher sein und der Bedarf an billigen Produkten steige, um so den raschen Modewechsel zu ermöglichen. Ein Zirkel entstehe so: Umso schneller die Mode wechsle, desto billiger müsse sie werden. Je billiger sie jedoch werde, desto schneller werde ihr Wech- sel sein. Trotz diesen raschen Wechsels trete die Mode auf als würde sie ewig leben wollen. So werde ein modischer Gegenstand eigentlich gekauft, da er lange halten soll. Der Reiz sei aber schnell verflogen, so dass der Gegenstand nach kurzer Zeit durch einen neuen modernen ersetzt werde. Sobald eine Mode jedoch aus dem Gedächtnis verschwunden sei, könne sie wieder belebt werden. Sie könne so wieder modern werden (Simmel 1923: 59ff.).

3. Die aktuelle Modetheorie - Ihre Ursachen, Dimensionen und die bedeu- tendsten Modelle

Um die Aktualität von Simmels Modetheorie nachzuweisen, soll bei der Vorstellung von den aktuellen Modetheorien zunächst keine etymologische Einordnung des Begriffes von Mode geschehen, wie es zumeist bei den Modetheoretikern der Fall ist, da dieser auch von Simmel nicht mit einbezogen wurde und somit keine Relevanz für diese Arbeit vorliegt. Dafür sollen jedoch zunächst die Ursachen der Mode geklärt werden, da diese auch bei Simmel vorzufin- den sind. Anschließend werden die Dimensionen der Mode näher beleuchtet, da diese zum einen zum allgemeinen heutigen Modeverständnis beitragen und zum anderen für den Ver- gleich zur Theorie von Simmel notwendig sind. Schließlich werden fünf aktuelle Modetheo- rien vorgestellt.

3.1. Ursachen der Mode

Nach Pfister sind die Ursachen der Mode: ÄDie Triebstruktur des Menschen (dazu zählen u.a. die Neugierde und das Setzen sexueller Signale), der Fetischcharakter der Kleidung, das Stre- ben nach Schmuck und Auszeichnung, das Streben nach Nachahmung und Identifikation, aber auch nach Abgrenzung, d.h. die Ambivalenz von Konformitäts- und Individualisierungsbe- dürfnissen, die Distinktionsversuche oberer Sozialschichten und das kapitalistische Profitstre- ben (Pfister 1989: 451, zitiert in Röstel 2007: 27). Nach Wiswede (1976: 396) und Abels (2011: 8) kommen noch die Bedürfnisse nach Abwechslung, Anpassung und neuen Erfahrun- gen hinzu.

3.2. Dimensionen der Mode

Für die Erläuterung der Dimensionen und Theorien der Mode ist zunächst von Bedeutung eine Begriffseingrenzung von Mode zwischen einem engen und einem weitem Modebegriff vorzunehmen. So wird beim engen Modebegriff von einer Mode gesprochen, während beim weiten Modebegriff die Mode gemeint ist. Dabei bezeichnet eine Mode eine einzelne Mode- ausprägung und die Mode die Gesamtheit der einzelnen Modeausprägungen und dessen wie- derkehrenden Wandel (Schnierer 1995: 20ff.; Drengwitz 1986: 82, zitiert in Röstel 2007: 11).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Individuum zwischen Nachahmung und Abgrenzung. Die Aktualität des Werkes von Georg Simmel für die heutige Modesoziologie
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Georg Simmel – Ein Lektürekurs
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V313414
ISBN (eBook)
9783668121584
ISBN (Buch)
9783668121591
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Simmel;, Mode;, Modetheorie;, Individuum;, Nachahmung;, Klassiker;
Arbeit zitieren
Lea Hanke (Autor), 2014, Das Individuum zwischen Nachahmung und Abgrenzung. Die Aktualität des Werkes von Georg Simmel für die heutige Modesoziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313414

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