Rationale Wahl, affektive Reaktion oder Habitus? Determinanten des moralischen Handelns


Projektarbeit, 2015

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung (PW)

2. Grundannahmen zur Moral (PW)

3. Systeme der Informationsverarbeitung nach Epstein (PW)

4. Determinanten moralischer Entscheidungen
4.1 Psychologisch (LR)
4.1.1 Die Theorie der sozialmoralischen Landkarte der Subjekte (LR)
4.1.2 Der "Identified Victim Effect" (LR)
4.2 Habituell (LR)
4.3 Rational (PW)
4.4 Integrierende Ansätze
4.4.1 Das Modell der Frame-Selektion (PW)
4.4.2 Die Situational Action Theory (PW)
4.4.3 Das Paradox der moralischen Selbstregulation (LR)
4.4.4 Die Theorie der Wahrung des Selbstkonzepts (LR)

5. Das Beispiel des Spendenverhaltens (LR)

6. Fazit (LR und PW)

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung (PW)

"Das Richtige" zu tun stellt oftmals eine große Herausforderung dar. Nahezu täglich werden wir mit der Aufgabe konfrontiert, moralische Entscheidungen zu treffen. Nicht selten handelt es sich dabei um echte Dilemmata, bei denen uns keine Alternative als vollkommen positiv erscheint. Dennoch schaffen wir es immer wieder Entscheidungen zu fällen und die Option zu wählen, von der wir, zumindest für den Moment, glauben, dass sie die beste ist.

Diese Entscheidungen werden durch eine Vielzahl von Determinanten beeinflusst. Neben den erlernten Werten, Normen und Moralvorstellungen, die in ihren Grundzügen relativ konstant sind, spielen insbesondere auch die Umstände in der konkreten Situation eine Rolle. Welche Faktoren führen dazu, dass wir uns in bestimmten Situationen moralisch bzw. nicht moralisch1 verhalten? Handelt es sich bei moralischen Handlungen eher um rationale, emotionale oder habituelle Akte? Diese Fragen sollen in vorliegender Projektarbeit beantwortet werden. Im Fokus werden dabei die Faktoren stehen, die in konkreten Situationen von Bedeutung sind. Dazu gehören zum Einen rationale Faktoren wie Kosten und Nutzen der Handlung und zum Anderen eher emotionale oder affektive Elemente wie das Selbstbild des Entscheiders oder Merkmale anderer Personen, die durch die Entscheidung betroffen sind.

Zunächst werden wir auf Moral und deren Einflussfaktoren im allgemeinen eingehen. Dabei werden wir grundlegende Definitionen vornehmen sowie die, an unserem Schwerpunkt angrenzenden, Themengebiete kurz umreißen, um dann genauer auf unsere konkrete Fragestellung eingehen zu können. Im darauffolgenden Abschnitt werden wir uns mit den zwei von Epstein unterschiedenen Informationsverarbeitungssystemen des Menschen befassen: das "rational system" und das "experiential system". Danach werden wir auf verschiedene Theorien zur Erklärung moralischen Handelns eingehen. Dazu gehören sowohl Ansätze, die sich eher mit rationalem Handeln beschäftigen, also dem „rational system“ zuzuordnen sind, als auch Theorien, die sich auf Emotionen und habituelles Handeln beziehen und entsprechend dem „experiential system“ unterliegen. Die wichtigste Kategorie bilden allerdings die integrativen Ansätze, die daher auch etwas ausführlicher behandelt werden. Schließlich werden wir unsere Darstellungen anhand des Beispiels des Spendenverhaltens veranschaulichen. Am Ende der Projektarbeit werden wir ein Fazit ziehen, in dem wir noch einmal auf das Ziel, die Methoden und schließlich die Ergebnisse der Arbeit eingehen sowie ein persönliches Resümee formulieren und einen Ausblick geben werden.

2. Grundannahmen zur Moral (PW)

Seit vielen Jahren beschäftigt sich eine Vielzahl von Wissenschaftlern, darunter neben Soziologen auch Psychologen, Philosophen, Kulturwissenschaftler etc., mit dem Moralbegriff. Im Laufe der Zeit entstanden viele verschiedene Definitionen und Auslegungen dieses Begriffs, wodurch sich eine klare Bestimmung mittlerweile schwierig gestaltet. Bedeutende Klassiker, die in diesem Zusammenhang genannt werden sollten, sind bspw. Immanuel Kant, Heinrich Popitz, Gustav Radbruch, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno und Émile Durkheim. Alle diese Autoren näherten sich der Moral auf unterschiedliche Weise, wobei Begriffe wie Norm, Sitte, Sittlichkeit und Recht oftmals eine Rolle spielten. Prinzipiell kann zwischen individueller und gesellschaftlicher Moral unterschieden werden. Diese beiden Formen der Moral sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten, da sie sich gegenseitig bedingen. In unseren weiteren Ausführungen beschäftigen wir uns hauptsächlich mit der individuellen Moral, der wir folgende Definition von Wikström zugrunde legen: „A moral value is fundamentally a moral rule. A moral rule, […], is a prescription for what was right and wrong to do (or not to do) in a particular circumstance.“ (Wikström, 2009: 75).

Wie bereits in der Einleitung beschrieben, liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit zu Determinanten moralischen Handels auf denjenigen Faktoren, die in konkreten Situationen direkten Einfluss auf das moralische bzw. amoralische Verhalten nehmen und von soziologischer Relevanz sind. Neben diesen gibt es aber auch eine Reihe anderer Faktoren, welche die individuelle Moral sowie das moralische Handeln beeinflussen, die im Folgenden zumindest kurz skizziert werden sollen. Verschiedene neurobiologische und psychogenetische Studien zeigen, dass moralisches Verhalten zum Teil vom Erbgut abhängig ist. So fanden bspw. Marsh und Crowe in einem Experiment heraus, dass ein bestimmtes Serotonin-Transmitter-Gen die Entscheidungen bei moralischen Dilemmata beeinflusst (vgl. Marsh et al., 2011).

Einen weiteren wichtigen Faktor stellen die Sozialisation und die Erziehung des Individuums dar. So beschäftigten sich bspw. Piaget, Kohlberg, Nunner-Winkler und Boehnke et al. mit der moralischen Sozialisation und der Entwicklung der Moral im Kindesalter. Sie zeigen, dass sich individuelle Moral im Kindes- und Jugendalter, aber auch noch in der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter entwickelt und verändert (vgl. Nunner-Winkler, 1992 und 2007; Boehnke et al., 2006; Boehnke et al., 2007). In diesem Zusammenhang sind auch sozialpsychologische und mikrosoziologische Lerntheorien von zentraler Bedeutung, da Moral im Rahmen der Sozialisation erlernt wird. Wichtige Autoren sind hier bspw. Bandura oder Skinner. Somit nimmt die Persönlichkeit als Ganzes einen entscheidenden Einfluss auf die individuelle Moral und das moralische Verhalten.

Weiterhin zeigen verschiedene klassische und moderne Autoren wie bspw. Émile Durkhheim oder Heinrich Popitz, dass außerdem gesellschaftliche Einflüsse auf das individuelle Moralverständnis und das moralische Verhalten existieren. Diese Ansätze sind hauptsächlich den makrosoziologischen Theorien zuzuordnen und betrachten z.B. den Einfluss kollektiver Krisen (Anomie) auf die gesellschaftliche Norm bzw. individuelle Moral.

Die erwähnten Aspekte sollen allerdings nicht Bestandteil der vorliegenden Projektarbeit sein, sondern wurden hier nur im Sinne der Vollständigkeit aufgeführt. Im Folgenden werden wir auf verschiedene Determinanten moralischen Handelns gehen, die sich insbesondere in konkreten Entscheidungs- bzw. Handlungssituationen auf das Verhalten auswirken.

3. Systeme der Informationsverarbeitung nach Epstein (PW)

Seymour Epstein entwarf bereits 1973 die "Cognitive-Experiential Theory" (CET), welche er in den darauf folgenden 20 Jahren weiter entwickelte und modifizierte. Von seiner Theorie behauptet Epstein: "CET is the only modern dual-process theory that provides an overall theory of personality and measures of individual differences in experiential and rational processing." (Epstein, 2014: 4). In seinem 2014 erschienenen Werk "Cognitive-Experiential Theory. An Integrative Theory of Personality." geht er von folgender Grundannahme aus: "The most fundamental assumption of the theory is that humans operate with two informations processing systems, an 'experiential system', which automatically learns from experience, and a 'rational system', which is a verbal reasoning system." (ebd.: 3).

Das "experiential system" besteht dabei aus zwei fundamentalen Systemen: dem Inhalt (Content) und dem Vorgang (Process). Der "Content" beinhaltet dabei implizite Schemata, welche automatisch durch assoziatives Lernen von vergangenen Erfahrungen erlangt werden. Diese Form des Lernens und damit auch das "experiential system" kann bereits bei höher entwickelten Tieren beobachtet werden, wobei es allerdings beim Menschen, auf Grund seines größeren Gehirns, ausgeprägter ist. Das assoziative Lernen beinhaltet klassische Konditionierung, operande Konditionierung und Beobachtungslernen (vgl. ebd.: 3-5).

Obwohl es sich beim "experiential system" hauptsächlich um das Lernen von vergangenen Ereignissen handelt, beeinflusst es nicht nur habituelles Handeln, sondern auch das Verhalten in gänzlich neuen Situationen. Dafür verantwortlich ist der Prozess der "Preadaptation" (dt.: VorAnpassung), durch welchen es möglich ist, dass bestimmte Verhaltensweisen, die zur Bewältigung spezifischer Situationen erlernt wurden, auch für neue Situationen zur Verfügung stehen und an diese angepasst werden können (vgl. ebd.: 3).

Epstein beschreibt die Funktionsweise des "experiential system" als "rapid, automatic, primarily nonverbal, holistic, minimally demanding of cognititve resources, and normally outside of awareness." (ebd.: 4). Weiterhin wird das "experiential system" durch Emotionen geleitet und teilt einige Gemeinsamkeiten mit dem psychoanalytischen Unterbewusstsein. Es arbeitet automatisch und in der Regel außerhalb des Bewusstseins (vgl. ebd.: 8-10).

Das "rational system" hingegen funktioniert mit Bezug auf Logik, Rationalität und Beweise. Es ist dem Menschen exklusiv, da es eine spezifische sprachliche Ebene voraussetzt. Dieses System der Informationsverarbeitung arbeitet mit Bezug auf die menschliche Fähigkeit des logischen Denkens, welche größtenteils kulturell übertragen wird (vgl. ebd.: 4-6).

Das "rational system" ist dem "experiential system" nicht per se überlegen. Allerdings geht die CET davon aus, dass das "experiential system" einen verzerrenden Einfluss auf das "rational system" hat.

Damit leistet es einen nicht zu vernachlässigenden Beitrag zur menschlichen Irrationalität, die bekanntlich trotz des Vorhandenseins logischer Denkmuster existiert (vgl. ebd.: 10).

Um die Merkmale sowohl des „experiential systems“ als auch des „rational systems“ zu verdeutlichen, entwarf Epstein eine Gegenüberstellung der beiden Informationsverarbeitungs- systeme, welche die zentralen Eigenschaften beider enthält (siehe Anh. Abb. 1). Wichtig ist, dass die beiden Systeme nicht unabhängig voneinander arbeiten, sondern parallel und interaktiv funktionieren. Einige Menschen handeln folglich eher durch Emotionen geleitet, während sich andere eher ihrem "rational system" bedienen. In bestimmtem Situationen, wie z.B. Liebesbeziehungen ist eher das "experiential system" gefragt, während beim Lösen von mathematischen Problemen eher das "rational system" zum Tragen kommt. Somit ist es stets sowohl von der Situation, als auch von der agierenden Person abhängig, welches System präsenter ist.

Die CET von Seymour Epstein bildet die Grundlage für unsere weiteren Ausführungen. Im Folgenden werden wir verschiedene Theorien für moralisches Handeln vorstellen. Dazu gehören zum Einen Theorien des rationalen Handelns, die entsprechend dem „rational system“ zugeordnet werden können. Zum Anderen gibt es Theorien, die sich eher auf emotionales oder habituelles Handeln beziehen und damit eher dem „experiential system“ unterliegen. Schließlich werden auch einige integrative Ansätze vorgestellt, die sowohl dem einen als auch dem anderen System zugeordnet werden können.

4. Determinanten moralischer Entscheidungen

4.1 Psychologisch (LR)

Ein wichtiger Aspekt, um moralisches Handeln aus einer psychologischen Perspektive heraus zu verstehen, sind Emotionen. „Emotionen sind Reaktionsmuster, welche durch spezifische Personen oder Objekte (real oder imaginiert) ausgelöst werden. Gewöhnlich werden Emotionen als Gefühle erlebt“ (Hamm, 2003: 527).

4.1.1 Die Theorie der sozialmoralischen Landkarte der Subjekte (LR)

Beetz und Kollegen orientieren sich in ihrer Arbeit am Werk "A Secular Age" des Politologen und Moralphilosophen Charles Taylor. Sie sehen den Sinn der Moral in der "evaluativen Bewertung sozialer Begebenheiten anhand einer individuellen Identität" (Beetz, 2014: 36). Diese individuelle Identität umfasst ein gesellschaftliches Ideal. Um Zugang zu sozialmoralischen Ordnungen zu erlangen, wird laut den Autoren ein heuristisches Konzept benötigt, welches von individuellen Erfahrungen ausgeht und schließlich auf allgemeingültige Vorstellungen bezüglich der Konstitution der "real existierenden sozialmoralischen Ordnungen" (ebd.: 36) schließen lässt. Hierfür nehmen die Autoren Bezug auf Taylors Konzept der sozialmoralischen Landkarte der Subjekte. Diese Landkarte lässt sich beschreiben als kategorialer Horizont, in dem das Subjekt eine eigenständige Bewertung lebenspraktischer Relevanzen vornimmt. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Landkarte durch Erfahrungen, welche positive oder negative Emotionen auslösen, geprägt wird. Taylor nimmt an, dass im Bewusstsein jedes Individuum starke Werte verankert sind, welche sein Handeln anleiten. In moralischen Landkarten fassen Individuen nach Taylor einzelne Gegebenheiten zu wiedererkennbaren "Gütern" zusammen. Diese Güter werden von den Individuen unterschiedlich bewertet. Somit beinhalten sozialmoralische Landkarten moralische Bewertungen. Trifft ein Subjekt auf mehrdeutige soziale Phänomene, betrachtet es seine sozialmoralische Landkarte hinsichtlich dessen, ob das jeweilige Gut positiv oder negativ besetzt ist und orientiert sich in seinen Handlungen entsprechend (vgl. ebd.: 36-44).

Beetz und Kollegen führen die Metaphern der "Oase" und der "Wüste" ein. Der Mensch ist bestrebt, Oasen des Glücks zu suchen und zu verteidigen, sowie Wüsten der Entfremdung zu vermeiden. Dieses Gegensatzpaar bezieht sich auf zwei sich gegenüberstehende Grunderfahrungen der menschlichen Existenz im Werk Taylors. Auf der einen Seite stehen Momente des Einklangs mit dem Leben, Momente der Fülle und Erfüllung, welche durch emotionale Erfahrungen und nicht durch kognitive Einsichten geprägt sind (vgl. Taylor, 2009: 19-21). Für diese Momente des Einklangs verwenden die Autoren die Metapher der "Oase". Diesen Erfahrungen gegenüber steht die "Welterfahrung der Geworfenheit" (Beetz, 2014: 40), welche die Autoren metaphorisch als „Wüstenerfahrungen“ bezeichnen. Das Subjekt sieht sich ausgesetzt in einer harten, kalten Welt. Die Welt ist ihm gegenüber gleichgültig geworden. Das Individuum erlebt ein Gefühl des „Ausgeschlossenseins von der Fülle“ (Taylor, 2009: 21) und der Ohnmacht. Diese beiden Grunderfahrungen stellen Extrempunkte und psychische Ausnahmezustände auf einer "Skala menschlichen "In-die-Welt-Gestelltseins" (Beetz, 2014: 40) dar. Taylor geht dennoch davon aus, dass die meisten Individuen im Laufe des Lebens bereits diese Extremerfahrungen gemacht haben. Zwischen den Extrempolen befindet sich ein stabilisierter mittlerer Zustand, in denen sich das Individuum im Alltag oft befindet. Es fühlt sich nicht ausgestoßen, hat jedoch auch die Fülle noch nicht erreicht. Ein Abfinden mit dem mittleren Zustand gelingt dem Individuum durch eine routinemäßige Ordnung des Lebens (vgl. Taylor, 2009: 21). Es wird jedoch von den Erinnerungen an die beiden Extremzuständen, sowie von der Ahnung an Selbige angetrieben. Das Handeln wird durch ein Bestreben geleitet „Wüstenerfahrungen“ zu vermeiden und „Oasenerfahrungen“ zu erlangen. Das Handeln orientiert sich also an speziellen Strategien, sich der Oase zu nähern und Abstand von der Wüste zu gewinnen (vgl. Beetz, 2014: 36-44).

Die Autoren erkennen darin Spuren einer alternativen Handlungstheorie. Dabei sind diese "Suche nach Resonanz und die Furcht vor Entfremdung die zentralen Antriebsquellen menschlichen Handelns" (ebd.: 41). Zentrale Resonanzquellen sind nach Taylor die Ästhetik, Natur und Religion. Gemeinsam ergeben sie die Tiefenresonanz. Das Individuum strebt nicht nach Nutzenmaximierung oder sozialer Anerkennung, sondern sein Handeln lässt sich aus den individuellen in der Sozialisation erworbenen Erfahrungen erklären, welche individuell die "Wüste" und "Oase" konstituieren Bezogen auf moralisches Handeln lässt sich ableiten, dass Erfahrungen und daraus resultierende Handlungen Einfluss darauf nehmen, in welcher Form Menschen moralisches Handeln zeigen (vgl. ebd.: 36-44).

In der Theorie wird davon ausgegangen, dass Erfahrungen in „sozialmoralischen Landkarten“ abgespeichert werden und dass sich Akteure in konkreten Situationen in ihrem Handeln auf diese Landkarten berufen. Sozialmoralische Landkarten umfassen allgemeine Orientierungshilfen, welche sich von Individuum zu Individuum unterscheiden. Es wird also angenommen, dass sich ein Individuum in einer ähnlichen Situationen auch ähnlich verhält und dass Wertpräferenzen relativ stabil sind. Davon ausgehend ist diese Theorie keine dynamische Theorie. Rationale und habituelle Aspekte werden in der Theorie von Beetz und Kollegen ausgeklammert.

4.1.2 Der "Identified Victim Effect" (LR)

"If I look at the mass, I will never act. If I look at the one, I will" (Small et al., 2007: 143).

Der "Identified Victim Effekt" beschreibt das Phänomen, welches bereits Mutter Teresa erkannte, wonach Menschen eher dazu bereit sind einem bestimmten Opfer zu helfen, als einer Gruppe von Opfern. Erklärt wird dies dadurch, dass die Perspektive eines Individuums leichter übernommen werden kann als die Perspektive einer Gruppe. Somit wird eher Mitgefühl und schließlich Hilfeverhalten gezeigt (vgl. Kogut; Ritov, 2005: 157-167).

Kogut und Ritov gehen davon aus, dass sich Menschen bei der Konfrontation mit Hilfesituationen und speziell bei benötigten Spenden eher von Gefühlen als von Logik leiten lassen. Aus diesem Grund haben die Autorinnen sich bei ihrer Forschung insbesondere dafür interessiert, welche Rolle Emotionen bei der Entscheidungsfindung spielen und drei Experimente durchgeführt. In Experiment 1 wurde folgende Haupthypothese aufgestellt:

H: Die Bereitschaft "Identified Victims" zu helfen ist größer als "Non- Identified Victims" zu helfen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich um ein "Single Identified Victim" handelt (vgl. ebd.: 160).

Dabei untersuchten die Autorinnen die Bereitschaft zu spenden in Abhängigkeit vom Identifikationsgrad der Opfer. Die Versuchsteilnehmer wurden in acht Experimentalgruppen aufgeteilt, in denen der Identifikationsgrad variiert wurde. Zusätzliche Details die ein "Non Identified Victim" zu einem "Identified Victim" machten, waren Name, Alter und ein Bild. Zusätzlich wurde variiert ob es sich um eine Gruppe von hilfebedürftigen Kindern oder ein einzelnes Opfer handelt. Die Teilnehmer wurden befragt, ob sie bereit wären das Kind bzw. die Kinder zu unterstützen. Wurde diese Frage bejaht, wurde zusätzlich nach der hypothetischen Spendenhöhe gefragt (vgl. ebd.: 157-167).

Die Ergebnisse zeigten, dass die Bereitschaft zu Spenden und der Spendenbetrag beim höchsten Identifikationsgrad am größten war. Bei "Non- Identified victims" oder bei alleiniger Angabe des Alters war die Spendenbereitschaft am geringsten. Die Tatsache, ob es sich um ein oder mehrere Opfer handelte, hatte keinen signifikanten Effekt auf die Bereitschaft zu helfen. Es zeigten sich jedoch signifikante Interaktionseffekte zwischen dem Merkmal Singularität und Grad der Identifikation. Auch die Art der Information hatte bei einzelnen Opfern, nicht jedoch bei Gruppen, einen signifikanten Effekt auf die Spendenbereitschaft und -höhe. Signifikante Unterschiede zwischen identifizierten und nicht identifizierten Opfern ergaben sich nur, wenn die Identifikation ein Foto enthielt. Das Bild scheint also das entscheidende Merkmal bei der Identifikation zu sein.

Die Bekanntgabe des Alters hatte hingegen keine Auswirkung. Da der Grad der Identifizierung nur bei einzelnen Opfern einen Einfluss hatte, kann davon ausgegangen werden, dass Informationen über ein bestimmtes Opfer im eingangs beschriebenen „experiential system“ verarbeitet werden, während Informationen über eine Gruppe von Opfern im „analytic system“ vearbeitet werden (vgl. ebd.: 157-167).

Die zweite Studie der Autoren hatte den Zweck abzuschätzen, welche Rolle Emotionen, die durch das Opfer hervorgerufen werden, bei der Erklärung der Bereitschaft zu helfen haben. Dabei wurden die Emotionen empathische Sorge (empathic concern) und Mitleiden (distress) untersucht. Es wurde folgende Hypothese aufgestellt:

H: Die individuelle Einstufung auf einer Skala der empathischen Sorge und des Mitleidens ist am höchsten, wenn es sich um ein einzelnes identifiziertes Opfer handelt (vgl. ebd.: 157- 167).

Bei diesem Experiment wurden die Teilnehmer in vier Gruppen aufgeteilt. Die Singularität und der Grad der Identifikation wurden variiert, wobei beim zweiten Experiment lediglich in "nicht identifiziert" und "komplett identifiziert" unterschieden wurde. Zusätzlich sollten die Probanden ihre Gefühle der empathischen Sorge und des Mitleidens mit dem Opfer bewerten (vgl. ebd.: 157- 167).

Die Ergebnisse entsprechen den Ergebnissen von Studie 1. Weiterhin zeigte sich, dass die Bewertung des Mitleidens signifikant mit der Bereitschaft zu helfen korrelierte. Die Emotion empathische Sorge korrelierte dagegen nicht signifikant mit der Spendenbereitschaft. Nur bei einzelnen identifizierten Opfern, nicht jedoch bei identifizierten Gruppen war die Bewertung des Mitleidens höher als bei nicht identifizierten Opfern. Bei der Bewertung der empathischen Sorge zeigten sich diesbezüglich keine Unterschiede. Die Ergebnisse legen nahe, dass der "Identified Victim Effect" zumindest teilweise damit erklärt werden kann, dass einzelne identifizierte Opfer starke Empfindungen des Mitleidens beim Empfänger auslösen (vgl. ebd.: 157-167).

Während in den Experimenten 1 und 2 die hypothetische Spendenbereitschaft abgefragt wurde, wurde in Experiment 3 tatsächlich die Möglichkeit gegeben, zu spenden. Das Ziel des dritten Experiments war entsprechend, die Frage zu klären, ob die Beziehung zwischen dem wahrgenommenen Mitleiden und der Bereitschaft zu helfen auch aufrecht erhalten bleibt, wenn tatsächlich Geld gespendet werden soll. In diesem Experiment wurden die Teilnehmer nur in zwei Gruppen aufgeteilt. Einer Gruppe wurden einzelne identifizierte Opfer vorgelegt und der anderen Experimentalgruppe eine Gruppe von Opfern. Die Ergebnisse zeigten, dass die Geldspenden wie zu erwarten nicht normalverteilt waren. Es wurde signifikant mehr gespendet in der Gruppe, welcher ein einzelnes Opfer vorgelegt wurde. Die Ergebnisse gleichen außerdem den Ergebnissen in Experiment 2 (vgl. ebd.: 157-167).

[...]


1 Der Begriff „moralisch“ wird in dieser Projektarbeit als Synonym für „moralisch gut“ verwendet.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Rationale Wahl, affektive Reaktion oder Habitus? Determinanten des moralischen Handelns
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Soziologie)
Veranstaltung
Moral und Soziales Handeln
Note
1,3
Autoren
Jahr
2015
Seiten
44
Katalognummer
V313478
ISBN (eBook)
9783668124646
ISBN (Buch)
9783668124653
Dateigröße
1002 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Moral, Soziales Handeln, Determinanten
Arbeit zitieren
Luise Richter (Autor)Paula Wolters (Autor), 2015, Rationale Wahl, affektive Reaktion oder Habitus? Determinanten des moralischen Handelns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313478

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