Die Bedeutung der Kollektensammlung in Leben des Apostels Paulus und dessen Dienst für die Armen in Jerusalem


Bachelorarbeit, 2009
37 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Ausmaß der Jerusalemer Übereinkunft (Gal 2, 7-10) im Dienst des Apostels Paulus
2.1 Die Ausgangslage: Hungersnot in Judäa
2.2 Exkurs: Lässt sich Gal 2, 1-10 mit dem Bericht der Apostelgeschichte harmonisieren?
2.3 Die Vereinbarung der Armenfürsorge (Gal 2, 10)
2.3.1 Kurze Charakterisierung der Bitte
2.3.2 Wer sind „die Armen“?
2.4 Zwischenergebnis

3 Die Missionstätigkeit des Apostels Paulus unter dem Aspekt der Kollektensammlung
3.1 Exkurs: Zur Chronologie des Apostels Paulus im Zusammenhang der Kollektenüberbringung nach Jerusalem
3.2 Zum Vorgang der Sammlung
3.2.1 In Galatien
3.2.2 In Mazedonien (Philippi)
3.2.3 In Achaja (Korinth)
3.2.4 In Rom?
3.3 Zur Motivation der Geldsammlung nach Röm 15, 16.25-28 und Überbringung der Kollekte nach Jerusalem (Apg 21, 17ff.)

4 Rückblick und Ertrag: Zur Bedeutung der Kollektensammlung bei Paulus

5 Bibliographie

Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten,

wenn wir nicht nachlassen.

Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Gal 6, 9f.

1 Einleitung

„Über Geld spricht man nicht“, lautet ein bekanntes deutsches Sprichwort - und es könnte den Umgang Vieler mit der materiellen Seite des Lebens kaum zutreffender beschreiben. Tritt das Thema doch einmal auf den Plan, kann es selbst unter Freunden mit einem bedeutungsvollen Lächeln behutsam beendet werden - nein, darüber redet man besser nicht. Gilt es, in einer Kirchenge- meinde über finanzielle Angelegenheiten zu beraten, macht sich nicht selten der Vorwurf breit, der Kirche ginge es nur ums Geld - gar nicht zu sprechen von der allgemeinen skeptischen Haltung breiter Bevölkerungsmassen zum Thema Kirche und Geld. So mühen sich manche Finanzbeauftragte mehr schlecht als recht durch die mühsamen Mitgliederversammlungen und sind froh, wenn sie nach Rechenschaftsberichten und Budgetverabschiedungen für einige Monate wieder in Ruhe arbeiten können.

Die angedeuteten Reaktionen kommen nicht von ungefähr. Sie haben ihre Gründe und ihr bestimmtes Recht. In der christlichen Kirche stellte der Um- gang mit Geld aber von Anfang an kein Tabuthema dar - weder Jesus selbst noch die Apostel umgingen die Materie und die Apostelgeschichte (Apg) berichtet sogar von Gütergemeinschaft in der Jerusalemer Mutterkirche. Diese Einsichten haben mich dazu bewogen, ein Randthema der Paulusforschung aufzugreifen, das auf eine Verzahnung von sozial-karitativen und evangelis- tisch-missionarischen Aktionen mithilfe von finanziellen Hilfeleistungen in den frühchristlichen Gemeinden hinweist.

Dem Leser begegnen an vielen Stellen innerhalb des Corpus Paulinum sowie der Apg solche Berichte, die von Kollektensammlungen in heidenchristlichen Gemeinden für die Muttergemeinde in Jerusalem wissen.1 Schon beim ober- flächlichen Betrachten des Textbefundes fällt auf, dass die Sammlungen ein weites Begriffsfeld eingenommen haben, wobei die einzelnen Bezeichnungen auf je eigene Weise die verschiedenen Aspekte der groß angelegter Kampagne in der Mission des Heidenapostels hervorzuheben scheinen. Und selbst wenn die Vielzahl der verwendeten Vokabeln allein noch nicht unbedingt etwas über ihre Bedeutung auszusagen vermag - „das Gewicht der Bedeutung“ vergrößert sie allemal (Bartsch 1972:105).

In der Aufzählung von Dahl (vgl. McKnight 1993:143) werden folgende Begriffe bzw. Textstellen im Zusammenhang mit der Kollekte gesehen:

1) κοινωνία: Gemeinschaft, enge Verbindung, innige Beziehung; Anteil- nahme; Gemeinsinn, Zusammenhalten; Beitrag, Gabe (Röm 15, 26; 2Kor 9, 13),2
2) διακονία: Dienst; Hilfeleistung, Unterstützung (Apg 11, 19; 12, 15; Röm 15, 25.31; 2Kor 8, 4; 9, 1.12f.),
3) χάρις: Gnade, Gunst, Huld, Geschenk, Gnadengeschenk, Segen (1Kor 16, 3; 2Kor 8, 6.7.19),
4) εὐλογία: Segen, Lobpreis, großzügige Spende (2Kor 9, 5),
5) λογεία: Geldsammlung, Kollekte (1Kor 16, 1f.),
6) ἁδρότης: reiche Gabe, große Spende (2Kor 8, 20),
7) ἡ διακονία τῆς λειτουργίας: die Besorgung der Hilfeleistung (2Kor 9, 12),
8) ἡ κοινωνία τῆς διακονίας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους: die Beteiligung an der Hilfeleistung für die Heiligen (2Kor 8, 4). Um die Zusammenstellung zu komplettieren, sind zumindest noch die folgenden beiden Begriffe hinzuzufügen:
9) ἐλεηµοσύνη: Gabe, Spende, Almosen, Wohltat (Apg 24, 17) und
10) προσφορά: Opfer, Gabe, Darbringung (Apg 24, 17; Röm 15, 16).

Die weit verstreuten Hinweise und Informationen zur Kollektensammlung sind bis auf wenige Ausnahmen (Röm 15, 22-33 und 1Kor 8f.) sehr knapp gehalten; der Kontext, geschweige denn ein Gesamtbild, das uns hinter die Kulissen des aufwändigen Projekts schauen ließe, bleibt recht dunkel. Es überrascht darum wenig, wenn in der Forschung über den unmittelbaren Anlass der Kollekte keine Einigkeit herrscht: „Über die große Bedeutung der Kollekte gibt es kaum einen Zweifel, wohl aber über ihre genaueren Motive und Intentionen“ (Schra- ge 2001:425f.; vgl. Horn 2001:29). Diese herauszuarbeiten ist die Absicht der vorgelegten Untersuchung, um über die teils nachverfolgten teils vermuteten Motive und Intentionen zur Bedeutung des Kollekte im Leben und Dienst des Apostels Paulus zu gelangen.

Diesem Forschungsinteresse folgend, gliedert sich meine Untersuchung entsprechend in drei Arbeitsschritte. Im ersten Teil werde ich das Ausmaß der Jerusalemer Übereinkunft (Gal 2, 7-10), in deren Rahmen die Kollekte inner- halb der Paulusbriefe vermutlich zum ersten Mal vorkommt,3 in einen Zusam- menhang mit dem Bericht der Apg stellen und auf die dort geäußerte Bitte um die Unterstützung der Armen, die so etwas wie den ‚Startschuss’ dieses Missi- onsaspekts bedeutet, näher eingehen. Von dieser Basis ausgehend, soll an- schließend die Missionstätigkeit des Apostels Paulus unter dem Aspekt der Kollektensammlung möglichst chronologisch nachvollzogen werden, soweit mir das angesichts der Quellenlage als möglich erscheint. Im abschließenden Kapitel, in dem die Bedeutung der Kollektensammlung für Jerusalem im Leben und der Theologie des Apostels Paulus zusammenfassend dargestellt wird, soll der Ertrag der Arbeit sichtbar werden.

2 Das Ausmaß der Jerusalemer Übereinkunft (Gal 2, 7-10) im Dienst des Apostels Paulus

2.1 Die Ausgangslage: Hungersnot in Judäa

Nach dem Bericht des Lukas4 (Apg 11, 27ff.) hat es in der Regierungszeit des Kaisers Claudius (41-54 n.Chr.) eine Hungersnot gegeben, welche der Jerusa- lemer Prophet Agabus für „den ganzen Erdkreis“ vorausgesagt hatte. Selbst in Rom, wo Claudius plötzlich mit hungernden Menschen zu kämpfen hatte, hinterließ sie ihre Spuren,5 nachdem Missernten in Ägypten, der Kornkammer Roms, Mitte bzw. Ende der 40er Jahre zu einer starken Verteuerung der Lebensmittel im ganzen Reich geführt hatten. Die Zeiten des Hungers haben auch Judäa schwer erschüttert, erfahren wir von Josephus, der von Königin Helena von Abiabene und ihrem Sohn König Izates berichtet, die zum Juden- tum konvertierten und den Bewohnern von Jerusalem während einer Hunger- periode beigestanden haben.6

Nach Gnilka wurde die Bevölkerung Jerusalems in Zeiten allgemeiner Not in der Regel besonders hart getroffen (1996:155, Anm. 6). Zur Hungersnot hinzukommend, werden wohl auch weitere Faktoren eine Rolle gespielt haben, die zur Jerusalemer Armut geführt haben, u.a. die Versorgung der immer mehr werdenden Witwen (vgl. Apg 6, 1ff.), der stete Zustrom nach Jerusalem, die potentiellen Probleme, die aus der praktizierten Gütergemeinschaft resultierten (Apg 2, 44f.; 4, 32ff.), aber auch Probleme, die aus den wirtschaftlichen Engpässen hervorgingen (vgl. Jak 1,9; 2, 6f.; 5,1-6) (McKnight 1993:144).

Um den bedürftigen Geschwistern in Zeiten ihrer wirtschaftlichen Not zu begegnen, hat die Gemeinde in der syrischen Stadt Antiochia etwa um 46 n.Chr.7 durch Beauftragung von Barnabas und Paulus den Armen in der Jerusalemer Urgemeinde eine Summe von Geld übersandt, die jeder „nach seinem Vermögen“ gespendet hatte (Apg 11, 29f.). Für den letzteren, Paulus, sollte die Organisation der finanziellen Unterstützung von Seiten der Heiden- christen für die geistliche Mutterkirche in den späteren Jahren eine wichtige Angelegenheit werden. Es ist denkbar, dass er in der Organisation der antio- chenischen Gabe eine führende Rolle gespielt hat, wenn er die Bitte der leiten- den Jerusalemer Brüder um das „Gedenken für die Armen“, der im Folgenden nachgegangen wird, wohlwollend erwidert (Gal 2, 10) (Bruce 1990a:150f.).

Zuvor soll im Rahmen eines Exkurses die Integration dieses Abschnitts in den Bericht der Apg besprochen werden.

2.2 Exkurs: Lässt sich Gal 2, 1-10 mit dem Bericht der Apostelgeschichte harmonisieren?

In der neutestamentlichen Wissenschaft wird Gal 2, 1-10 aufgrund von zahlreichen Ähnlichkeiten mit dem Konzilbesuch des Apostels in Apg 15 in Verbindung gebracht8 bzw. als gesamter Brief in zeitliche Nähe zum Römerbrief (Röm) (vgl. etwa Wilckens 1987:44). Aus inhaltlicher Perspektive gibt es für diese These auch genügend ernstzunehmende Indizien, wie vorgenommene Vergleiche deutlich machen (vgl. Stein 1974). Diese Sicht erfährt jedoch auch gewichtige Einwände, wenn man die Berichte über die Jerusalemer Besuche in Apg und Galaterbrief (Gal) harmonisieren will.

Aus dem ἔπειτα in Gal 2, 1 geht hervor, dass Paulus zum zweiten Mal nach Jerusalem reist, wo es zur geschilderten Unterredung zwischen den Antioche- nern und den „Angesehenen“ in Jerusalem kommt (2, 2-10). Dieser Besuch wird traditionell mit dem Apostelkonzil in Apg 15 gleichgeschaltet. Nun weiß die Apg schon von zwei früheren Aufenthalten des Apostels in Jerusalem vor dem Konzil: der erste erfolgte etwa drei Jahre nach der Bekehrung (9, 26ff.; vgl. mit Gal 1, 18f.), der zweite im Zusammenhang mit der Hungernothilfe (11, 30). Geht man von der historischen Zuverlässigkeit beider Quellen aus,9 ist die natürlichste Erklärung des ἔπειτα in Gal 2, 1 die, dass dieser Besuch der Hauptstadt mit dem in Apg 11, 30 erwähnten korrespondiert.10 Wenn das Ergebnis der Beratung nach dem Zeugnis des Paulus (Gal 2,9b) „wir zu den Heiden, sie aber zu der Beschneidung“ lautete, macht die traditionelle Identifikation dieses Handschlags mit dem Apostelkonzil in Apg 15 keinen Sinn, da diese Arbeitsteilung - folgt man hier wieder dem Bericht der Apg - schon einige Jahre lang mit dem Wissen und der Unterstützung Jerusalems praktiziert wurde. Stattdessen ist eher davon auszugehen, dass die Aufnahme der „ersten Missionsreise“ von Antiochia aus (Apg 13, 1ff.) erst dann erfolgte, nachdem die zukünftige groß angelegte missionarische Vorgehensweise laut Apg 11/Gal 2 mit der Jerusalemer Muttergemeinde abgemacht worden ist. Die Apostel erkannten die „Gnade“ (Gal 2, 9), die dem Paulus für die Heidenmissi- on gegeben war (Gal 2, 2)11 und bereiteten durch ihr Abkommen (ἡµεῖς εἰς τὰ ἔθνη, αὐτοὶ δὲ εἰς τὴν περιτοµήν; Gal 2, 9b) den Weg für die Missionierung des Mittelmeerraums.12

Bei Kopplung von Gal 2 an Apg 15 wäre es äußerst merkwürdig und ange- sichts des sonstigen Vorgehens des Heidenapostels schwer erklärlich, warum er den Galatern gegenüber nur dieses eine Abkommen äußern sollte, während gerade die in Apg 15, 20.29 genannten Verordnungen (Enthaltung von „Göt- zen, von der Unzucht, vom Erstickten und vom Blut“) für die spezifische Situation in Galatien von essentieller Bedeutung sein würden, weil sie den dortigen Gläubigen darüber hinaus nichts weiter auferlegten. Aus dem Zusam- menhang von Gal 2 wäre es unverständig, warum Paulus nicht mit der in Jerusalem deutlich zugunsten der Heiden ausgefallenen Entscheidung argu- mentiert, sollte das Apostelkonzil bereits vor der Abfassung des Briefes stattgefunden haben.13

Kurz: die Zuordnung von Gal 2 zu Apg 11 ist m.E. plausibler, weil sie mit deutlich weniger Hypothesen auskommt.14 Gemäß Apg 14, 26ff. kommen Paulus und Barnabas offenbar von der „ersten Missionsreise“ zurück, zu der sie die Gemeinde von Antiochien offiziell ausgesandt hatte (Apg 13, 1ff.). So ist gerade die offizielle und ausgedehnte Missionspraxis unter den Heiden und die damit verbundene Gegnerschaft der Judaisten aus Jerusalem, die unter den Antiochenern mit Gesetzesforderungen Unruhe gestiftet haben, Anlass für die Einberufung des Apostelkonzils (15, 1ff.). Eine „Aufteilung“ des Arbeitsfelds im Sinne von Gal 2, 9b macht zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn mehr! Datiert man dieses Abkommen jedoch (deutlich) vor das Konzil in Apg 15, fügt es sich gut in die Darstellung des Lukas ein, der den eigentlichen Beginn der von Antiochia aus unternommenen Missionsreisen erst nach der Rückkehr von Barnabas und Paulus aus Jerusalem (12, 25) ab 13, 1ff. schildert. Nach diesen Ausführungen kann für Paulus’ Jerusalembesuche von der nachstehenden Abfolge ausgegangen werden. Demnach hat der Apostel die Hauptstadt unseres Wissens insgesamt fünf Mal besucht.

1. Gal 1:18-20: three years after conversion

Acts 9:26-30 (the conversion visit)

2. Gal 2:1-10: “fourteen years later” Acts 11:27-30 (the famine visit)

3. Acts 15:1-30 (the Jerusalem Coun- cil)

4. Acts 18:22 (the hasty visit)

5. Rom 15:25-33; 1 Cor 16:1-4; 2 Cor 1:16

Acts 21:15-17 (the Collection visit)

(Trebilco 1993:454)

2.3 Die Vereinbarung der Armenfürsorge (Gal 2, 10)

2.3.1 Kurze Charakterisierung der Bitte

Paulus beendet seinen Bericht von der Jerusalemer Konferenz mit der Erwäh- nung einer Bitte, welche die „Angesehenen“ (Gal 2, 2.6.9)15 Barnabas und ihm gegenüber nachdrücklich vorgebracht haben: µόνον τῶν πτωχῶν ἵνα

µνηµονεύωµεν („nur sollten wir der Armen gedenken“; 2, 10a). Wenn die Bitte der Jerusalemer Leiter um die Kollekte nach Becker „als eine freiwillige und einmalige Diakonie Antiochias für die Armen des Judenchristentums in Jerusalem (Röm 15, 26) zu verstehen [ist], ... nicht als eine regelmäßige Abgabe aller völkerchristlichen Gemeinden an alle Jerusalemer Christen“ (1998a:37), dann ist das insoweit richtig, als dass ihr freiwilliger Aspekt sowie ihre Begrenzung auf die Mildtätigkeit Antiochias betont wird (vgl. Georgi 1994:29).16 Wir finden in der Tat keine Anzeichen dafür, dass den Abgesand- ten Antiochias an dieser Stelle die Sammlung außerhalb ihres Gemeindekreises auferlegt wird. Der von Becker angenommene Einmaligkeitscharakter der Kollekte muss aufgrund des Textbefundes jedoch eindeutig abgelehnt werden17

- die Bitte der Jerusalemer Apostel, die Paulus mit „nur sollten wir der Armen gedenken“ (Gal 2, 10a) wiedergegeben hat, vermag diese These nicht zu stützen. So ist eher mit Horn (2001:29) für wahrscheinlich zu halten, „dass es in der Frühzeit mehrere Unterstützungsaktionen für Jerusalem gegeben hat, die im wesentlichen von Antiochia ausgingen“. Ferner „hält die Zeitform des Präsens in der Kollektenverpflichtung µόνον τῶν πτωχῶν ἵνα µνηµονεύωµεν (Gal 2,10) fest, dass es sich keineswegs um eine einmalige, sondern um eine fortwährende Aktion handeln soll“ (ebd.).

Für diese Ansicht spricht auch die im Indikativ Aorist formulierte Entgegnung des Paulus auf jene Bitte. Nach Bruce (1990a:156f.; vgl. Fung 1989:103; Longenecker 1990:61) kann ὃ καὶ ἐσπούδασα αὐτὸ τοῦτο ποιῆσαι („was zu tun ich mich auch befleißigt habe“; Gal 2, 10b) in bestimmten Fällen auch im Plusquamperfekt wiedergegeben werden. Wenn das für diese Textstelle zu- trifft, ersuchen die Jerusalemer Gemeindeleiter von Barnabas und Paulus die Fortsetzung des „Gedenkens an die Armen“, was vom Bericht des Lukas erhellt wird, der von einer Hungersnotunterstützung weiß, welche die Gemein- de aus Antiochia durch ihre beiden Abgesandten den Glaubensgeschwistern in Jerusalem bereitgestellt hat (Apg 11, 27-30). Folglich ist davon auszugehen, dass sich ἐσπούδασα nicht nur auf die Tätigkeit bezieht, die Paulus aufzuneh- men gewillt war, “but that he had already done so” (Bruce 1982:126).

2.3.2 Wer sind „die Armen“?

Um ἐσπούδασα konkreter fassen zu können, stellt sich die Frage, welcher Kreis mit τῶν πτωχῶν gemeint ist und was in diesem Zusammenhang seitens der Jerusalemer Leiter mit µνηµονεύωµεν ausgesprochen sein will. Da uns der Gal dazu kaum Anhaltspunkte liefert (vgl. Mußner 1974:124), müssen wir die Untersuchung dazu auf andere Texte ausweiten. Gemäß Röm 15, 26 bezieht sich Paulus mit τῶν πτωχῶν erkennbar auf die Armen in der Jerusalemer Kirche, für die nach dem Zeugnis von vielen anderen Textabschnitten von Seiten der heidenchristlichen Gemeinden Sammlungen durchgeführt wurden.18 Die Bitte um die finanzielle Unterstützung lässt auf schwierige Umstände in Jerusalem schließen (vgl. 2Kor 8, 14), die nach dem Bericht der Apg (11, 29ff.) durch die Hungersnot unter Claudius bedingt ist (Ridderbos 1981:90f.).

[...]


1 Zu nennen sind Apg 11, 29ff.; 12, 25; 24, 17; Röm 15, 25ff.; 1Kor 16, 1ff.; 2Kor 8f.; Gal 2, 10 (vgl. Ridderbos 1981:90f.).

2 Die deutsche Übersetzung der Begriffe erfolgt nach Kassühlke 1999, die Übersetzung der Teilverse stammt von mir.

3 Zur „Frühdatierung“ des Gal siehe unter 3.1.

4 Zur historischen Zuverlässigkeit der Apostelgeschichte vgl. Schnabel 2002:21-36. Vorsichtiger Conzelmann/Lindemann: „das Problem der historischen Zuverlässigkeit [ist] bei jedem einzelnen Apg-Text gesondert zu prüfen“ (2004:355), da sich „ein pauschales Urteil nicht fällen [lässt]“ (:359). Kritischer urteilt Schnelle (2005:306f.).

5 Sueton, Claud. 18,2; vgl. ferner Eusebius, Hist. Eccl. II,8; Bruce 1990a:150, Anm. 9.

6 „Den Bewohnern von Jerusalem aber konnte nichts erwünschter sein, als Helenas Ankunft. Denn Hungersnot bedrückte ihre Stadt, und da viele Bürger aus Mangel an Lebensmitteln umkamen, schickte die Königin einige aus ihrem Gefolge nach Alexandria, um große Mengen Getreide dort zu kaufen, und andere nach Cypern, um ganze Schiffsladungen Feigen herbeizu- schaffen. Als die Abgesandten, welche die Reise mit größter Schnelligkeit zurückgelegt hatten, wieder da waren, ließ sie den Notleidenden Lebensmittel austeilen, so dass sie durch ihre Wohltätigkeit bei unserem ganzen Volke ein gesegnetes Andenken sicherte. Auch ihr Sohn Izates säumte nicht, als er von der Hungersnot Kunde erhielt, an die Vornehmsten in Jerusalem große Geldsummen zu senden, welche unter die Darbenden verteilt wurden und viele vom Hungertod erretteten“ (Ant. XX,2,5).

7 Grundlegend für die Annahme dieses Datums ist die Harmonisierung der Jerusalembesuche des Paulus auf der Grundlage der Apg und der Paulusbriefe (vgl. unter 2.2) sowie die „Frühdatierung“ des Gal um 48/49 n.Chr. (vgl. unter 3.1).

8 Stein (1993:465f.) kennt insgesamt acht Lösungsansätze für die Verbindung von Gal 2 mit dem Bericht der Apg. Eine Identifikation von Gal 2, 1-10 mit dem Apostelkonzil (Apg 15) nehmen u.a. vor: Lightfoot (vgl. Fung 1989:12-16), Becker (1998:32-37), Oepke (1979:72-85, insb. 82ff.), Ridderbos (1981:32-35.76-92, insb. 78-80) und Mußner (1974:127-132). Starke Argumente für diese Haltung bringt ferner Stein (1974:241f.; 1993:466-471). Vgl. dazu auch die nach wie vor sehr lesenswerte und ausführliche Analyse von Zahn (1990:77-112).

9 Selbst eine abweichende Beurteilung der historischen Zuverlässigkeit des lukanischen Berichts scheint m.E. in der Forschung nicht konsequent durchgehalten werden zu können. So gebraucht beispielsweise Becker in seinem über viele Jahrzehnte geltenden Standartwerk Paulus, der Apostel der Völker (1998b) die Apg nach der eingängigen kritischen Einschätzung (:11-16) trotzdem so, als ob er diese hermeneutischen Grundsätze in der Folge aus pragmati- schen Überlegungen (oder aus Mangel an anderen Quellen?) einfach hinter sich lassen kann. Georgi (1994), der die wohl ausführlichste Studie zur Geschichte der Kollekte vorgelegt hat, lehnt Apg 15 als wesentliche historische Quelle ab, setzt Gal 2 aber dennoch mit der Jerusale- mer Konferenz gleich (:13ff.), wie vor ihm schon Haenchen. In diesem Zusammengang ist die Beobachtung von Hengel aufschlussreich, wonach er (Haenchen) „aber im Folgenden immer wieder Gal. II, 1-10 von Voraussetzungen her auslegt, die wir nur durch Apg. XV kennen“ (1972:18, Anm. 17). Zum Zweck der Aufstellung einer (absoluten wie relativen) Chronologie des Apostels Paulus kommt man an der Apg einfach nicht vorbei (vgl. etwa Suhl 1975:11). Da sie „über weite Strecken unsere einzige Quelle [ist]“, ist nach Conzelmann/Lindemann „über ihre Zuverlässigkeit an jeder Stelle neu [zu entscheiden]“ (2004:359). Dass es um die historische Zuverlässigkeit der Paulusbriefe im Allgemeinen gut bestellt ist, konstatiert Suhl gleich im Vorwort seiner Studie: „Ich war überrascht, wie viele chronologisch verwertbaren Angaben die Paulusbriefe enthalten, wenn man nur die Ergebnisse der neueren Literarkritik, vor allem aber auch die antiken Reisebedingungen berücksichtigt“ (1975:9). Die paulinische Verfasserschaft des Gal ist so gut wie unumstritten (vgl. Conzelmann/Lindemann 2004:223ff.).

10 Vgl. Guthrie 1990:474.477ff.; Carson/Moo/Morris 1992:293. Eine Harmonisierung von Gal 2, 1-10 mit Apg 11, 27ff. nehmen in überzeugender Weise u.a. Guthrie (1990:474-480) und Longenecker (1990:lxii-lxxxviii; insb. lxxx-lxiii) vor. Ferner: Ramsay, Lake, Garvie, Bruce, Martin, Gunther, Hemer. Vgl. dazu die ausführliche Besprechung von Fung (1989:16-28), nach dessen Ansicht “this identification seems to obviate all the difficulties connected with the identification of G2 [Gal 2:1-10] with A3 [Acts 15:2-29]” (:16f.). Trebilco (1993:451-455) führt nach ausdrücklichem Hinweis, dass starke Ähnlichkeiten zwischen Gal 2 und Apg 15 bestehen, an, dass auch bedeutende Unterschiede festzustellen sind (:453). Seine Besprechung der Integration des paulinischen Briefzeugnisses mit dem lukanischen Bericht beschließt er mit der Feststellung: “The most likely view, then, is that Galatians 2:1-10 and Acts 11:27-30 concern the same visit” (:454; vgl. Bruce 1993:683f.).

11 Es ist wohl an die Mission in Antiochia und in den „stillen Jahren“ des Apostels Paulus zu denken. Zur (auto-)biographischen Darstellung in Gal 1f. vgl. Riesner 1994; Hengel/Schwemer 1998; Schäfer 2004.

12 Nach Georgi (1994:21f.) ist eij nicht als Richtungsangabe zu verstehen, sondern eher im Sinne von „für“, „zugunsten von“ oder „im Interesse von“.

13 Indessen geht aus Apg 16, 4f. hervor, dass er und seine Mitarbeiter diese Beschlüsse den Christen in Galatien mitgeteilt haben (vgl. Schelkle 1981:65).

14 Das heißt freilich nicht, dass diese Hypothese nicht unproblematisch ist, was auch ihre Anhänger deutlich herausstellen (vgl. etwa Guthrie 1990:479f.).

15 Nach der Darstellung der Apostelgeschichte ist Jakobus „seit dem Weggang von Petrus der Leiter der Jerusalemer Gemeinde (vgl. Apg 12, 17)“ (Schnabel 1996:147), was m.E. ein weiteres Indiz dafür ist, dass Gal 2, 1-10 vor das Jerusalemer Apostelkonzil zu datieren ist, als noch alle drei - Jakobus, Petrus und Johannes - als „Säulen“ der Gemeinde (Gal 2, 9) angese- hen waren.

16 Nach Schrage liegt der Akzent der Geldsammlung (logeia; 1Kor 16, 1f.) auf dem Spenden- charakter. Diese Ansicht bestätigten „auch die sonstigen Synonyme wie caŗij (V. 3; vgl. 2Kor 8, 4ff.), koinwnia (Röm 15, 26), diakonia (Röm 15, 31; 2Kor 8, 4; 9, 1), leitourgia (2Kor 9, 12) und eulogia (2Kor 9, 5)“ (2001:425). „Auch 2Kor 8, 11 betont Eigenverantwortung und Freiwilligkeit“ (:429).

17 Konsequenter hat sich Becker noch in seinem früheren Paulusbuch geäußert: „Damals beim Apostelkonvent verpflichteten sich diese beiden Antiochener, auf ihrem heidenchristlichen Missionsfeld, also in Antiochia und seinem Einflussgebiet, zum materiellen Unterhalt der Armen in der Jerusalemer Gemeinde beizutragen“ (1998b:24) und im weiteren Verlauf: „Aus Gal 2, 10 ist zu entnehmen, dass die beiden Antiochener Paulus und Barnabas für Antiochia die Verpflichtung übernahmen, Jerusalem finanzielle zu unterstützen. Die geschichtliche Situation und der Rahmen des Konvents lassen keineswegs den Schluss zu, damit sei das Heidenchristentum überhaupt zu diesem Dienst verpflichtet worden“ (:272f.).

18 Röm 15, 25ff.; 1Kor 16, 1; 2Kor 8, 1ff.; 9, 1ff.; Apg 11, 29f.; 12, 25; 24, 17.

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Details

Titel
Die Bedeutung der Kollektensammlung in Leben des Apostels Paulus und dessen Dienst für die Armen in Jerusalem
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,8
Autor
Jahr
2009
Seiten
37
Katalognummer
V313486
ISBN (eBook)
9783668122253
ISBN (Buch)
9783668122260
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollektensammlung, paulus, armut
Arbeit zitieren
David Löwen (Autor), 2009, Die Bedeutung der Kollektensammlung in Leben des Apostels Paulus und dessen Dienst für die Armen in Jerusalem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313486

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