Sozialstaat ade, Unterschicht hallo? Die soziale Frage im 19. und 21. Jahrhundert


Hausarbeit, 2013
10 Seiten, Note: 6

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert
2.1. Entstehung der sozialen Probleme
2.2. Soziale Frage
2.3. Soziale Antwort

3. Die „neue“ Soziale Frage
3.1. Präkarisierungsprozesse und working poor
3.2. „Die Neuerfindung des Sozialen“

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Eine neue soziale Frage beschäftigt Europa an der Jahrhundertwende: die Rückkehr von Arbeitslosigkeit und Armut und ihre Verfestigung“ (Kronauer 2002, S. 45).

Die Wirtschaft ist stetig am Wachsen - und mit ihr die Armut (vgl. Beck 1997, S. 20). Hohe Arbeitslosenquoten, prekäre Arbeitsverhältnisse und Menschen, die arbeiten, aber dennoch auf Sozialhilfe angewiesen sind nähren das von den Medien propagierte Bild einer „neuen Unterschicht“ (vgl. Castel 2009, S. 26).

Ist dies das Ende des Sozialstaates? Kehrt die soziale Frage zurück? Und wo steht die Sozialpädagogik? Dies sind die zentralen Fragestellungen, mit denen sich diese Arbeit auseinander setzt.

Die These, dass von einer „neuen“ sozialen Frage gesprochen werden kann, soll durch einen Vergleich des 19. mit dem 21. Jahrhundert in einem ersten Teil geprüft werden. In einem zweiten Teil wird die Gegenwart und Zukunft des Sozialstaates und der Sozialpädagogik diskutiert.

Aufgrund des beschränkten Umfangs dieser Arbeit kann auf einzelne, angeschnittene Punkte nicht näher eingegangen werden. So wird zum Beispiel der „Underclass“-Diskurs mit der Frage, ob es eine neue Unterschicht gibt, nur gestreift, weil dieses Thema genug für eine Arbeit wäre. Ausserdem werden die zahlreichen privaten und karitativen Wohltäter, welche ebenfalls eine wichtige Rolle einnahmen und einnehmen, im Folgenden vernachlässigt.

In einem ersten Teil, Kapitel 2, wird auf die ursprüngliche soziale Frage und deren Entstehung und Bewältigung im 19. Jahrhundert eingegangen. Die sozialen Probleme und der Begriff „soziale Frage“ werden, aufgrund des Aufsatzes von Hering und Münchmeier (2003) und Schilling (2005) erläutert. Als Grundlage für die Begriffsbestimmung ist die Definition nach Natorp (1922) massgeblich.

Im zweiten Teil, Kapitel 3, werden die heutigen sozialen Probleme, sowie die Lösungsansätze dargestellt, um diese in einem abschliessenden Teil mit den Prozessen im 19. Jahrhundert vergleichen zu können und die vorausgehende Fragestellung zu beantworten. Es wird dabei hauptsächlich Bezug genommen auf die Autoren Beck (1997), Habermas (1998), Mutz (2011), Kessl (2006, 2007) und Heite et al. (2007).

2. Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert

2.1. Entstehung der sozialen Probleme

Die „soziale Frage“ hat sich als Begriff erst gegen Mitte des letzten Jahrhunderts etabliert (vgl. Hering/Münchmeier 2003, S. 27f). Ihre Entstehung reicht jedoch viel weiter zurück -nämlich noch vor das Einsetzen der Industrialisierung. Denn nicht die Industrialisierungsprozesse selbst, sondern gerade deren Verzögerung führten zur Massenarmut. Die „Bauernbefreiung“ (die Abschaffung der persönlichen Dienstbarkeit) und die fortschreitende medizinische Versorgung, wie die Hygienevorschriften, sowie der resultierende allgemein verbesserte Lebensstandard führten zu einem explosiven Bevölkerungswachstum (vgl. Schilling 2005, S. 36). Gleichzeitig fand im Zuge der französischen Revolution und der neuen Städteordnung eine Liberalisierung des Marktes statt. Ein liberalerer Markt, mehr Freizügigkeit und freie Berufswahl hatten allerdings nicht nur positive Konsequenzen; die Konkurrenz unter den Betrieben nahm stark zu und viele Kleinbetriebe gingen zugrunde.

Die Industrie diente als Auffangbecken für die Armutsbevölkerung. Infolgedessen zog es die Leute in die Städte, welche in kürzester Zeit massiv anwuchsen (vgl. Hering/Münchmeier 2003, S. 19f). „Die städtischen Ballungszentren boten ein Bild der Armut, des Elends und der Verwahrlosung. Industrie und Markt brachte nicht Harmonie und Wohlstand, sondern spaltete die Gesellschaft“ (Schilling 2005, S. 35).

2.2. Soziale Frage

Die sozialen Folgen der umgewälzten Gesellschaftsverhältnisse sind enorm. Die Industrie kann längst nicht alle Armen auffangen. Viele Menschen verelenden aufgrund der konjunkturabhängigen Massenarbeitslosigkeit. Der Grossteil, den es in die Städte zieht, verliert die traditionellen Lebenszusammenhänge (in diesem Zusammenhang wird von „Entwurzelung“ gesprochen.) Die Familien sind gezwungen alle Familienmitglieder am Erwerbsleben zu beteiligen, und zwar zu, aus heutiger Sicht, unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Bei einer Wochenarbeitszeit von 90 Stunden müssen nicht nur Frauen, sondern auch Kinder schuften; zwar zu denselben gesundheitsgefährdenden und vielfach gefährlichen Bedingungen, aber zu einem noch tieferen Lohn. Sie werden als „Schmutzkonkurrenz“ bezeichnet. Ihre Kleinkinder bleiben alleine Zuhause.

Viele Arbeiterinnen und Arbeiter verunfallen oder werden krank. Aber Absicherung gibt es keine. Durch die Entwurzelung hat sich die traditionelle Absicherung durch die Familie aufgelöst (vgl. Hering/Münchmeier 2003, S. 21ff). „Überleben kann man nur, solange man arbeitet. Wer alt ist oder krank wird, ist verloren (Hering/Münchmeier 2003, S. 25).

Wie eingangs erwähnt, wurde der Überbegriff „soziale Frage“ für diese problematische Entwicklung erst ein halbes Jahrhundert später gebräuchlich (siehe 2.1.).

1922 wurde die „soziale Frage“ von Natorp erstmals definiert als: „[…] Frage, wie die in Rechtsformen geübte Gewaltherrschaft des Kapitals über die kapitallose Arbeit mit ihren zerstörenden Folgen für die Sittlichkeit des gesamten Volkes zu überwinden sei“ (S. 121). Und etwas allgemeiner als: „[…] Phänomen der Gewalt des Starken über den Schwachen“ (ebd.). Die Ursache des Problems kann, nach Natorp (1922), dementsprechend in der Besitzungleichheit und im Machtmissbrauch durch die obere Schicht gesehen werden. Zur Frage wird es deshalb, weil offen ist wie dieser Zustand überwunden werden kann (vgl. S. 121f).

Welche Antworten auf die soziale Frage im 19. Jahrhundert gekommen sind, das soll im nächsten Kapitel kurz zusammengefasst dargestellt werden.

2.3. Soziale Antwort

Die politische Entwicklung wird zunehmend durch die wirtschaftlichen Prozesse geleitet. Die aus der Industrialisierung resultierenden Klassengegensätze führen zu politischen Konflikten und in ganz Europa gibt es Aufstände. Beispielhaft war dies in der Schweiz, der Brand von Uster von 1832, der in die Geschichtsbücher eingeht.

Das Interesse des Staates gilt, nebst der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, primär dem reibungslosen Fortlaufen der wirtschaftlichen Produktion. Um weitere Aufstände und umwälzende Revolutionen zu verhindern, sind Reformen aber nicht zu umgehen. Ein soziales Netz muss geschaffen werden. Dies ist der Ursprung der modernen Sozialpolitik und mit ihr der Sozialarbeit. Die erste Antwort ist aber nicht sozialpolitischer, sondern repressiver Art, der die Annahme einer selbstverschuldeten Armut zugrunde liegt.

Die Armenfürsorge soll daher vor allem abschreckend wirken. Sie ist ohne Rechtsanspruch und angegliedert an die Polizei, wie sie diskriminierender und stigmatisierender nicht hätte sein können. Der erwartete Effekt bleibt jedoch aus und die Zahl der Armen steigt weiterhin. Die Lage verbessert sich ein wenig mit der Einführung des Elberfelder Systems und der Weiterentwicklung von diesem zum Strassburger System, dennoch kann die soziale Frage auch mit diesen Neuerungen noch nicht gelöst werden (vgl. Hering/Münchmeier 2003, S. 21ff).

Otto von Bismarck, der preussische Ministerpräsident, findet schliesslich eine andere Lösung. Er hat die Idee der „Verknüpfung des Versicherungszwanges mit einem Rechtsanspruch auf Unterstützung“ und erlässt eine Reihe von Arbeiterversicherungsgesetzen. 1883 wird die Krankenversicherung eingeführt und im folgenden Jahr die Unfallversicherung. Alters- und Invalidenversicherung folgen 1889. Der Staat zeigt sich zum ersten Mal als Wohltäter und der Grundstein für den Wohlfahrtsstaat, dessen Prinzipien bis heute gültig sind, ist gelegt (vgl. Schilling 2005, S. 40). Dies führt dazu, dass sich die Sozialpädagogik tiefer liegenden Problemen widmen kann.

Das „goldene Zeitalter“ des Wohlfahrtstaates ist heute allerdings längst vorbei. „Die wohlfahrtsstaatliche Formation erreichte in den 1970er Jahren ihr „historisches Zenit“ bevor (welt-)wirtschaftliche und (sozial-)politische Veränderungsprozesse einsetzten“ (Buestrich 2009, online).

3. Die „neue“ Soziale Frage

3.1. Präkarisierungsprozesse und working poor

„Die Prämissen des Sozialstaates und des Rentensystems, der Sozialhilfe und der Kommunalpolitik, der Infrastrukturpolitik, die organisierte Macht der Gewerkschaften, das überbetriebliche Verhandlungssystem der Tarifautonomie ebenso wie die Staatsausgaben, das System der Steuern, die „Steuergerechtigkeit“ – alles schmilzt unter der neuen Wüstensonne der Globalisierung in die Gestaltbarkeit(szumutung) hinein“ (Beck 1997, S. 14).

Die heutige Wirtschaft unterliegt abermals einem Strukturwandel. Wenn man Beck (1997) und Habermas (1998) glaubt, so ist der umwälzende Einfluss, den damals die Industrialisierungsprozesse auf Politik und Wirtschaft hatte, heute mit den mächtigen Globalisierungsprozessen vergleichbar. Beide gehen davon aus, dass der Wohlfahrtsstaat am Ende seiner zweihundertjährigen Entwicklung angelangt und somit die Antwort auf die soziale Frage im 19. Jahrhundert bedroht ist (vgl. Habermas 1998, S. 94). Habermas argumentiert unter der Annahme, dass der Sozialstaat auf den Prämissen des Nationalstaates aufbaut und der folgenden These, dass eben diese Prämissen durch die Globalisierung ins Wanken kommen (a.a.O., S. 98ff). An dieser Stelle wird nicht näher auf die Globalisierungsprozesse und die marktwirtschaftliche Gesamtsituation eingegangen. Jedoch weist die Tatsache, dass die Wirtschaft am Wachsen ist und mit ihr ebenso die Arbeitslosigkeit sowie die im folgenden beschriebenen Prekarisierungsprozesse darauf hin, dass die oben angedeutete Bedrohung wahr sein könnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Sozialstaat ade, Unterschicht hallo? Die soziale Frage im 19. und 21. Jahrhundert
Hochschule
Universität Zürich  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Soziale Problemfelder
Note
6
Autor
Jahr
2013
Seiten
10
Katalognummer
V313534
ISBN (eBook)
9783668136007
ISBN (Buch)
9783668136014
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frage, jahrhundert, sozialstaat, unterschicht
Arbeit zitieren
Sonja Gross (Autor), 2013, Sozialstaat ade, Unterschicht hallo? Die soziale Frage im 19. und 21. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313534

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