Auf der Suche nach der Zeit. Interdisziplinäre Filmanalyse der "Before..."-Reihe von Richard Linklater


Masterarbeit, 2015

172 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis ... II

Abkürzungsverzeichnis ... IV

Abbildungsverzeichnis ... V

1. Einleitung ... 1

2. Methodik der Arbeit ... 4
2.1 Ein interdisziplinärer Ansatz ... 4
2.2 Hermeneutik und Filmanalyse ... 7
2.3 Der Analysegegenstand: die Before …-Reihe ... 10

3. Theorien über die Zeit ... 13
3.1 Die Zeit in der Geschichte ... 13
3.2 Die Zeit in der Gesellschaft ... 19
3.2.1 Zeit als soziale Zeit ... 19
3.2.2 Lebenszeit und Alltagszeit ... 23
3.2.3 Beschleunigung & Tempo-Virus ... 27
3.2.4 Entschleunigung und Slow Movements ... 36
3.2.5 Analysekategorien aus der soziologischen Theorie ... 39
3.3 Die Zeit im Individuum ... 41
3.3.1 Zeit als subjektive Zeit ... 42
3.3.2 Zeiterleben: Dauer, Folge und Verzerrungen ... 44
3.3.3 Zeithandeln und Zeitperspektive ... 49
3.3.4 Gedächtnis und Erinnerung ... 53
3.3.5 Analysekategorien aus der psychologischen Zeitforschung ... 60
3.4 Die Zeit im Film ... 62
3.4.1 Zeit als Filmzeit und als filmische Zeit ... 64
3.4.2 Narration und Dramaturgie ... 69
3.4.3 Montage ... 74
3.4.4 Weitere Gestaltungsmittel: Mise-en-Scène und Ton ... 82
3.4.5 Analysekriterien aus der Filmwissenschaft. 86

4. Analyse der Before…-Reihe ... 88
4.1 Dimension Zeit in der Gesellschaft ... 88
4.2 Dimension Zeit im Individuum ... 98
4.3 Dimension Zeit im Film ... 105

5. Fazit: Zeit in der Before ...-Reihe ... 116

Quellenverzeichnis ... 121

Anhang ... VI

Anhang A: fehlende Szenen der Before …-Filme ... VI

Anhang B: Kennzahlen der Before …-Filme ... VI

Anhang C: Sequenzprotokolle der Before …-Filme ... VII
C1 Sequenzprotokoll Before Sunrise ... VII
C2 Sequenzprotokoll Before Sunset ... VIII
C3 Sequenzprotokoll Before Midnight ... IX

Anhang D: Sequenzgrafiken der Before …-Filme ... X
D1 Sequenzgrafik Before Sunrise ... X
D2 Sequenzgrafik Before Sunset ... X
D3 Sequenzgrafik Before Midnight ... XI

Anhang E: Analyseprotokolle ... XII
E1: Analyseprotokolle Before Sunrise ... XII
E2: Analyseprotokolle Before Sunset ... XX
E3: Analyseprotokolle Before Midnight ... XXVIII

[...]

1. Einleitung

"Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. […] Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiss, das einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie eine Augenblick vergehen, je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben." (Ende 1973: 57)[2]

So beschreibt Michael Ende 1973 in Momo – oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte[3] eindrücklich die Zeit. Denn Zeit ist ein unvergleichliches Phänomen: Sie ist stets präsent und doch nicht greifbar. Sie kann gemessen und berechnet werden, doch weicht im Gefühl des Individuums oft von der Norm ab. Sie leitet unser Denken und Handeln und spannt einen Bogen von der Geburt bis zum Tod eines Menschen,[4] vom Aufstieg bis zum Untergang einer Gesellschaft, doch scheint selbst weder Anfang noch Ende zu besitzen.

Das Wesen der Zeit wird seit jeher von den Menschen hinterfragt, untersucht und systematisiert. So gibt es kaum eine Wissenschaft oder Kunstform, die ohne die Variable Zeit auskommt und jede erarbeitet ihre eigenen Theorien, Prämissen und Repräsentationen für sie: „Zeit ist das, was Gesellschaft und Kultur, Wissenschaft und Religion, die Juristen und der jeweils Einzelne daraus machen.“ (Weis 1997 zit. n. Götze 2004: 313). Dabei gibt es viele z.T. widersprüchliche Ansichten zur Zeit und nur wenige integrierende Ansätze. Vor allem die Philosophie versucht sich seit der frühen Antike an einer solchen umfassenden Beschreibung (vgl. Kapitel 3.1), so wie sie Martin Heidegger in seinen Vorlesungen 1924 präsentierte:

„Zeit ist Dasein. Dasein ist meine Jeweiligkeit, und sie kann die Jeweiligkeit im Zukünftigen sein im Vorlaufen zum gewissen aber unbestimmten Vorbei. Das Dasein ist immer in einer Weise seines möglichen Zeitlichseins. Das Dasein ist die Zeit, die Zeit ist zeitlich. Das Dasein ist nicht die Zeit, sondern die Zeitlichkeit.“ (Heidegger 1989: 26)

Die Naturwissenschaften rechnen dagegen mit einer absoluten Zeit nach Newton[5]. Eine Vorstellung, die erst im letzten Jahrhundert von der Relativitätstheorie und Quantenmechanik herausgefordert wurde (vgl. Kapitel 3.1). Im Alltag gilt weiterhin diese nominale absolute Weltzeit, die unsere Uhren und Kalender anzeigen. Sie wird zwar in ihrer Synchronisationsfunktion von den Soziologen und Gesellschaftsforschern anerkannt, sie erweitern aber die Bedeutung auf den Begriff der sozialen Zeit[6] mit mannigfaltigen Konnotationen und kulturellen Referenzen (vgl. Kapitel 3.2). Dagegen sehen Psychologen und Neurowissenschaftler die Wahrnehmung und Bewertung von Zeit aus der Perspektive des Einzelnen mit ganz anderen Augen: Subjektive Zeit ist hier oft losgelöst vom gleichmäßigen Ticken der Uhren. Sie wird erst im Gehirn konstruiert, kann aufgrund eines fehlenden Sinnesorgans gar nicht selbst wahrgenommen werden (vgl. Kapitel 3.3). So wird ein Moment in der Zeit in den unterschiedlichen Disziplinen nie gleich bestimmt und bewertet. Dass sich die Künste diesem ambivalenten Phänomen ebenfalls annehmen, ist aufgrund seiner Relevanz für das Leben der Menschen nur logisch. Doch auch sie selbst sind Teil der Zeitlichkeit der Welt und ihr unterworfen. Können Bildende Künste, Malerei und Fotografie Zeit immer nur als geronnene Zeit darstellen, bilden die Darstellenden Künste des Theaters und Filmkunst Bewegungen in der Zeit ab. Film kann zudem mit der Zeit spielen, sie vor- oder rückwärts laufen lassen, sie wiederholen, sie raffen oder dehnen – die Zeitmaschine Film bringt ihre eigene Zeit hervor (vgl. Kapitel 3.4).[7]

Die vorliegende Masterarbeit will ausgewählte Aspekte der Zeit zum Zwecke einer hermeneutischen Filmanalyse handhabbar machen. Denn Filme können nicht nur wie kaum eine andere Kunst mit der Zeit spielen, sie verformen und verzerren, auch bilden sie gesellschaftliche Zeitepochen ab und prägen die Zeitkonzepte ihrer Rezipienten. Mit dem Ziel die Filmanalyse interdisziplinär zu öffnen, ist auch die Vorstellung verbunden, dass Filme als Kulturgüter ihrer Zeit stets sehr viel mehr transportieren als nur die jeweils vorherrschenden Konventionen der Filmbranche oder die Handschrift eines Regisseurs oder Drehbuchtors. Filme sind Ausdruck von Gesellschaft, von Kultur, von Individualität u.v.m. und können deshalb auf Phänomene aller dieser Bereiche hin untersucht und interpretiert werden. Deshalb werden aus den drei Wissenschaften Soziologie, Psychologie und Filmwissenschaft Theorien und Begriffe herausgearbeitet und als Analysekategorien auf den Untersuchungsgegenstand – die drei Filme der Before ...-Reihe – angewendet. Dies ist möglich, weil die Filmreihe eine Vergleichbarkeit mit den Objekten der jeweiligen Wissenschaften aufweist, die an späterer Stelle noch ausführlich als Prämissen der Analyse definiert werden (vgl. Kapitel 2.1).

Im Folgenden soll der Versuch einer interdisziplinären hermeneutischen Filmanalyse also mit Fokus auf das Thema Zeit unternommen werden: Es ist die Suche nach der Zeit – einem fachübergreifenden Begriff par excellence (vgl. Steininger 2002: 26) – im Film –„a modern technology par excellence, […] implicated in what many theorists have described as the new temporality associated with modernity.“ (Landsberg 2012: 85) Dazu wird die Filmreihe Before ... mit den drei Film Before Sunrise (1995), Before Sunset (2004) und Before Midnight (2013) des amerikanischen Regisseurs Richard Linklater mit soziologischen, psychologischen und filmwissenschaftlichen Theorien und Fragestellungen analysiert. Analyseleitend für die hier durchgeführte Untersuchung ist die Forschungsfrage:

Wie wird Zeit und ihr Einfluss in den Filmen der Before ...-Reihe dargestellt?

In diesen drei Filmen nimmt Zeit eine besondere Rolle ein – sie wird nicht nur durch die quasi-dokumentarische Erzählweise und das enge Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit technisch umgesetzt, sondern in den ausgiebigen Dialogen der zwei Protagonisten Céline und Jesse auf mehreren Ebenen thematisiert. Das Filmprojekt, das in drei Filmen die verschiedenen Lebensstationen der beiden Figuren über einen Zeitraum von 18 Jahren hinweg zeigt, rückt den Verlauf von Zeit auf gesellschaftlicher, psychologischer und filmtechnischer Ebene in den Vordergrund, wie später noch in den Prämissen näher erläutert wird (vgl. Kapitel 2.1). Deshalb bietet sich die Analyse auf allen drei Ebenen an und soll mit Blick auf die Theorien der dazugehörigen Disziplinen bewältigt werden.

Die Struktur der Arbeit folgt dem Prinzip vom „Großen zum Kleinen“. So wird im ersten Teil die Bedeutung von Zeit in der Gesellschaft erörtert und das Konzept einer sozialen Zeit mit ihren Auswirkungen im gesellschaftlichen Gefüge von Arbeit und Freizeit sowie den Effekten der sozialen Beschleunigung und Entschleunigung beschrieben. Hier kommen vor allem soziologische Theorien zur Sprache, allen voran die wegweisende Definition sozialer Zeit von Sorokin und Merton (1937), die umfassenden Arbeiten von Nassehi (2008) und Schöneck (2009) zu Zeit in der Gesellschaft und im Arbeitskontext sowie Borscheids (2004), Rosas (2009) und Chengs (2012) Theorien zur Beschleunigung und sozialen Geschwindigkeit. Kapitel zwei widmet sich der Perspektive der Individuen. Natürlich eng mit der Gesellschaft verknüpft und stets im Austausch mit der Soziologie, beschäftigen sich die Psychologie und Neurowissenschaften mit dem Zeitbewusstsein der Menschen. Dabei werden vor allem die Fragen nach Zeiterleben, Zeitperspektive und dem Gedächtnis von Belang sein. Wichtige Arbeiten zum Thema Zeitwahrnehmung und neurologische Verarbeitung stammen von Pöppel (2002) und Wittmann (2009); zur Zeitperspektive ist Zimbardos und Boyds Konzept unumgänglich (2009); van der Meer (2006), Markowitsch (2009) und Brand (2011) wiederum beschreiben ausführlich die aktuellen Erkenntnisse zum Gedächtnis. Zuletzt verlegt sich die Arbeit auf ihre eigene Wissenschaftsdisziplin: die Filmwissenschaft. In diesem dritten Teil soll die Darstellung von Zeit in der Kunst – speziell in der Filmkunst – betrachtet werden. Dazu erfolgen Blicke in die Zeitlichkeit und speziell die unumgängliche Gegenwärtigkeit der darstellenden Künste. Vor allem aber wird der Frage nachgegangen, welche Mittel dem Film zur Verfügung stehen, um Zeit zu repräsentieren und zu beeinflussen – in Narration und Dramaturgie, durch Montagetechniken und andere Gestaltungsmittel auf auditiver und visueller Ebene. Es wird dabei Bezug genommen auf die Filmanalysen nach Hickethier (2007), Faulstich (2013), Mikos und Lohmeier (1996), ebenso wie auf die Arbeiten zur Dramaturgie von Field (2005), Eckel (2012) und Krützen (2007) sowie die vielfältigen ästhetischen Aspekte, wie sie u.a. Bordwell und Thompson (2004) und Beller (1995) dargelegt haben.

Jeder Theorieteil findet seinen Abschluss in der Herausarbeitung und Operationalisierung relevanter Begriffe, die später in der empirischen Untersuchung als Analysekriterien dienen. So werden die Zeittheorien und -diskurse der Soziologie, Psychologie und Filmwissenschaft nach Schlagworten untersucht und deren Anwendbarkeit erläutert. Da somit die spätere Empirie schon in jedem Theoriekapitel enthalten ist, wird die Arbeit direkt mit der Darlegung der wissenschaftlichen Methode eröffnet. Diese ungewöhnliche Reihenfolge soll dem speziellen, interdisziplinären Forschungsinteresse Rechnung tragen und dem Leser[8] zu Beginn ausführlich und plausibel Ziel und Vorgehen erläutern (vgl. Kapitel 2).

2. Methodik der Arbeit

Wie in der Einleitung erläutert, soll die Methodik der vorliegenden Arbeit entgegen der üblichen Praxis direkt zu Anfang dargelegt werden. Dies ist notwendig, da die Struktur der folgenden Theoriekapitel schon im Dienste der späteren Analyse steht und diese jeweils mit der Erarbeitung einer Analysematrix abgeschlossen werden. An dieser Stelle wird somit eröffnend die hier angewendete interdisziplinäre, hermeneutisch geprägte Filmanalyse und die Art ihrer Durchführung vorgestellt. Analyseleitend für die Untersuchung ist die schon erwähnte Forschungsfrage:

Wie wird Zeit und ihr Einfluss in den Filmen der Before ...-Reihe dargestellt?

Gegenstand der Analyse ist die dreiteilige Before ...-Filmreihe mit den 81- bis 109-minütigen Filmen Before Sunrise (1995), Before Sunset (2004) und Before Midnight (2013). Alle drei Filme wurden von dem amerikanischen Regisseur Richard Linklater gedreht, der ebenso stets als Drehbuchautor beteiligt war.

2.1 Ein interdisziplinärer Ansatz

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, eine interdisziplinäre Filmanalyse durchzuführen. Dies bedeutet, dass am klassischen Analysegegenstand des Films, mit der Methodik einer ebenfalls klassischen hermeneutischen Analyse Inhalte und Fragestellungen außerhalb des Bereichs der Filmwissenschaft untersucht werden – zusätzlich zu den filmischen Mitteln und Erzählstrategien. Solche interdisziplinären Ansätze gibt es immer wieder, [9] sie dienen dem passgenauen Studium von Untersuchungsfragen, die über die filmrelevanten Fragen der Narration, Dramaturgie und Ästhetik hinausgehen. In der filmwissenschaftlichen Fachliteratur finden sich Sammelbände von Korte und Faulstich sowie Hofmann, die verbindende Ansätze für musik- und theaterwissenschaftliche, politikwissenschaftliche und vor allem soziologische Filmanalysen zu den Themen Raum, Identität, Individualität oder Integration u.a. präsentieren (vgl. Korte/Faulstich 1991; Hofmann 1996). Der Kulturwissenschaftler Christian Steininger erklärt Zeit gar zu einem „fachübergreifende[n] Begriff par excellence“ (Steininger 2002: 26).[10]

Mit dem Thema Zeit erschließt sich eine schier unendliche Bandbreite an akademischer Literatur in vielen verschiedenen Wissenschaften und Disziplinen. Nicht alle diese Felder können an dieser Stelle aufgearbeitet werden, auch sind nicht alle für eine Filmanalyse nutzbar. Zur Einführung in das Thema wird ein kurzer Überblick über die Bedeutungsgeschichte der Zeit in der menschlichen Gesellschaft gegeben (Kapitel 3.1). Zuerst fällt der Blick dabei auf philosophische Ansätze, da diese die ersten Überlegungen zur Zeit überhaupt darstellen (vgl. Gloy 2008; Cramer 1996). Im Verlaufe der Jahrhunderte wurde die Debatte darüber, was Zeit ist, was sie bedeutet und was sie beeinflusst, zunehmend von den aufstrebenden Naturwissenschaften übernommen. Dabei haben vor allem Mathematiker und Physiker unser Verständnis von Zeit geprägt und zuletzt durch die Relativitätstheorie erneut in Frage gestellt (vgl. Cramer 1996; Hawking 2007). Die stichwortartige Darstellung der Zeitdebatten in Philosophie und Naturwissenschaft dienen als Einstieg, sind sie doch meist Grundlage für die kommenden theoretischen Überlegungen von Soziologen, Psychologen und Medienwissenschaftlern.

Für die Analyse soll der Fokus stattdessen auf drei Wissenschaften liegen, die sich besonders mit der Zeit und ihren Effekten auf die Menschen auseinandergesetzt haben. Es wird erklärt, wie Zeit sich auf der Ebene der Gesellschaft, in den Köpfen der Menschen und in der Filmkunst niederschlägt. Dazu werden die jeweils korrespondierenden Fachrichtungen Soziologie, Psychologie und Filmwissenschaft befragt. Folgende Untersuchungsfragen leiten die Literaturrecherche:

– Welche Bedeutung und Relevanz hat die Zeit für die Gesellschaft und das soziale Zusammenleben von Menschen?
– Was bedeutet Zeit für das einzelne Individuum und wie wird sie von ihm wahrgenommen?
– Wie wird Zeit in der Filmkunst thematisiert, verarbeitet und dargestellt?

Die Soziologie, als Kind der Aufklärung, beschäftigt sich mit der Aufarbeitung des Sozialen (vgl. Korte/Ernst 2011: 15f.). [11] Während bestimmte Aspekte der Zeit in der Gesellschaft schon früh Teil soziologischer Beobachtungen waren, bildete sich erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts eine eigene Disziplin heraus: die Zeitsoziologie. Als Begründer gelten die amerikanischen Soziologen Pitirim Sorokin und Robert K. Merton, die 1937 ein Essay mit dem Titel Social Time veröffentlichten (vgl. Sorokin/Merton 1937; siehe Kapitel 3.2.1). Sie argumentieren, dass Zeit ein soziales Phänomen ist, das mehr ist, als die rein astronomischen Kennzahlen von Uhrzeit und Kalenderdatum, da sie bestimmte Zeitpunkte mit Bedeutungen sozialer Gruppen auflädt (vgl. ebd.).

Die Psychologie als empirische Wissenschaft, „deren Gegenstand menschliches Erleben und Verhalten ist“ (Maier s.d.), [12] widmet sich ebenfalls dem Thema Zeit. Innerhalb der Kognitionspsychologie wird die individuelle Zeitwahrnehmung – die sogenannte subjektive Zeit – untersucht und getestet. Zeit gilt dabei ebenso wie Raum als markante Orientierungsgröße für das menschliche Bewusstsein (vgl. van der Meer 2006a). Relevant für die Psychologen sind das Zeiterleben, also u.a. die Wahrnehmung von Zeitdauer (vgl. Fraisse 1985; Wittmann 2011; Eagleman 2002) und der Komplex Erinnerung und Gedächtnis (vgl. Gruber 2011; Brand 2011).

Zuletzt folgt die Filmwissenschaft:[13] Seitdem die Kinetoscope und andere Gerätschaften zum ersten Mal stehende Bilder in Bewegung versetzten (vgl. Dorn 1998: 204), ist Film auch immer eine Abbildung von Zeit. Mit 24 oder mehr Bildern pro Sekunde wird eine Handlung vor den trägen Augen des Zuschauers lebendig; Zeitpunkt, Dauer und Tempo der Rezeption sind somit festgelegt (vgl. Lohmeier 1996: 30). Wie kaum eine andere Kunstform kann der Film dabei mit der Zeit spielen, sie beliebig beschleunigen oder dehnen. Innerhalb eines 90-minütigen Films werden so Geschichten von Tagen, Wochen oder Jahren erzählt. Eingesetzt werden dazu verschiedene Erzählstrategien in Narration und Dramaturgie sowie Techniken des Filmschnitts (vgl. Hickethier 2007: 105ff., Faulstich 2013: 85ff.; Beller 1999).

Für die folgende Filmanalyse sollen aus allen drei Wissenschaften jeweils zum Abschluss des Kapitels Theorien, Fragestellungen und Begriffe herausgearbeitet, operationalisiert und als Analysekategorien auf die drei Filme der Before ...-Reihe angewendet werden. Dies ist nur deshalb möglich, weil die Filmreihe eine Vergleichbarkeit mit den Objekten der jeweiligen Wissenschaften aufweist, die hier als Prämissen der Analyse aufgezeigt werden: [14]

– Zum ersten ist die Before ...-Reihe als fiktive Filmerzählung klar dem Fach der Filmwissenschaft zuzuordnen und kann deshalb mit den gängigen Methoden der Filmanalyse untersucht werden.
– Zum zweiten ist die Before ...-Reihe durch die zeitliche Ausdehnung der Erzählung über 18 Jahre hinweg und die personenzentrierte Erzählweise mit einer Langzeitstudie realer Einzelpersonen und ihrer Umgebung vergleichbar und kann somit aus soziologischer Perspektive betrachtet werden.
– Zum dritten lässt die starke Dialoglastigkeit der Before ...-Filmreihe einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Protagonisten zu und ist daher für psychologische Ansätze geeignet.

Ziel dieses interdisziplinären Vorgehens ist es, den Einsatz der Filmanalyse zu erweitern und über die filmtechnischen und ästhetisch-gestalterischen Merkmale hinaus einen Filmtext auf ein spezifisches Thema, die Zeit, tiefgründig zu untersuchen.[15] Dazu sind fachübergreifende Recherchen notwendig, um möglichst umfassende Fragen an den Filmtext zu stellen. Film wird hier nicht nur als ein künstlerisches Produkt, sondern als Abbildung gesellschaftlichen Lebens und als Chronik der Gesellschaft verstanden, der deshalb wertvolle Einsichten in den Umgang mit Zeit durch den Menschen und die Effekte von Zeit auf den Menschen geben kann.

2.2 Hermeneutik und Filmanalyse

Die Hermeneutik ist eine Theorie zur Interpretation und Auslegung von Texten.[16] Sie hat ihren Ursprung in der antiken Philosophie und fand besondere Beachtung im Mittelalter als Methode der Bibelexegese (vgl. Ramberg/Gjesdal 2014). Heute wird sie weiterhin in der Theologie, aber auch den Rechtswissenschaften, der Philosophie, den Kulturwissenschaften und allen voran der Literaturwissenschaft als Analysemethode eingesetzt. Habermas versteht Hermeneutik als ein „Vermögen, […] sprachlich kommunizierbaren Sinn zu verstehen und, im Falle gestörter Kommunikation verständlich zu machen. Sinnverstehen richtet sich auf die semantischen Gehalte der Rede, aber auch die schriftlich fixierten oder in nicht-sprachlichen Symbolsystemen enthaltenen Bedeutungen, soweit sie prinzipiell in Rede »eingeholt« werden können.“ (Habermas 1982: 331)

Als Begründer der modernen Hermeneutik gilt der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher, der in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts die hermeneutica universalis als Kunst des Auslegens beschreibt und Textverstehen zur Spielform des allgemeinen Verstehens erklärt (vgl. Detering 2003: 1). Grundlage ist eine neue Auffassung von Sprache als doppelseitiges Bezugselement: zum einen sich auf die Gesamtheit der Sprache selbst und zum anderen auf den Gedanken des Sprechers beziehend.[17] Dabei gilt Textverstehen als Sonderfall eines allgemeinen Verstehens, wobei beide Bezugspunkte betrachtet werden müssen. Ein gutes Jahrhundert später erarbeitet Hans-Georg Gadamer unter dem Titel Wahrheit und Methode einen neuen, anthropologischen Ansatz der Hermeneutik (vgl. Gadamer 1990). Die Grundüberlegung hier ist: „Dasein heißt Deuten. Textverstehen ist ein genuin dialogischer Vorgang, in dem beide Seiten einander voraussetzen.“ (Detering 2003: 2) Es entspinnt sich also ein Dialog zwischen Text und Leser, der sich immer weiter dreht und praktisch unendlich ist: der hermeneutische Zirkel. Dabei tritt der Leser bzw. Interpretierende mit einem gewissen, stets zu reflektierenden Vorwissen an der Text heran und findet dort mehr Informationen, die ihn wiederum mit neuen Augen den Text sehen lassen. „Dabei sind unsere 'Vorurteile' im Sinne eines Vorverständnis notwendige 'Bedingungen des Verstehens'. Zwischen eigenem Horizont und dem Horizont des Textes kommt es zur ‚Horizontverschmelzung’ – in einem potentiell unabschließbaren Prozess wechselseitiger Modifikationen […] Hermeneutik heißt: unabschließbares 'Gespräch'.“ (ebd.: 3) Relevant sind hier aber auch Informationsflüsse von außen, die hinzugezogen werden sollen – ein Blick auf die Geschichtlichkeit des Textes. Denn „Nicht nur gelegentlich, sondern immer übertrifft der Sinn eines Textes seinen Autor.“ (Gadamer 1990: 272)

In dieser Arbeit soll maßgeblich dem Ansatz von Knut Hickethier gefolgt werden. Er beschreibt das hermeneutische Interpretationsverfahren als eine der zwei grundsätzlichen Möglichkeiten einer Filmanalyse – gegenüber der Inhaltsanalyse (vgl. Hickethier 2007: 29). Er knüpft an die literarische Hermeneutik an, die sich dem „Sinnverstehen künstlerischer Texte“ verschreibt und sieht das Ziel filmwissenschaftlicher Hermeneutik im Hervorbringen des Verborgenen:

„Da es bei vielen Filmen und Fernsehsendungen nicht darauf ankommt, ihre Geschichte verständlich zu machen, sollen vielmehr hinter diesem Schein des allgemein Verständlichen die Strukturen der Gestaltung hervorgehoben und die zusätzlich noch vorhandenen Bedeutungsebenen und Sinnpotentiale aufgedeckt werden. Hermeneutisch orientierte Film- und Fernsehanalyse geht von der Mehrdeutigkeit filmischer und televisueller Werke aus und versucht, die Mehrdeutigkeit erkennbar zu machen.“ (Hickethier 2007: 30)

Wie bei jedweder hermeneutischen Methode ist es auch bei der hermeneutischen Filmanalyse essentiell, dass Prämissen reflektiert und das Vorverständnis zum Gegenstand bewusst erkannt werden müssen (vgl. Albrecht 1991: 75). Denn „gerade unter dem Blickwinkel, daß das Ganze mehr ist als die Summe der Teile, enthüllt sich an dieser Stelle, wie sehr bei der Filmanalyse, sofern man sie soziologisch reflektieren will, die Selektivität der Wahrnehmung auch im Wissenschaftsbereich Voraussetzung aller Erkenntnis [ist].“ (ebd.: 76) Die im Theorieteil erarbeiteten Analysematrizen stellen definitiv ein Vorverständnis der Materie Zeit dar und prägen deshalb unvermeidbar den Fokus der Analyse – dabei handelt es sich allerdings um eine gewollte und während der Erarbeitung der Matrizen mehrfach reflektierte Selektion. Die sonstigen Prämissen, die dieser Arbeit zu Grunde liegen, wurden im vorigen Kapitel erläutert. In der Zusammenfassung der Arbeit wird zudem eine Rückschau auf den Analyseprozess erfolgen, der eine weitere Reflektion über den hermeneutischen Zirkel zum Ziel hat.

Die Film- und Fernsehanalyse nach Hickethier kann verschiedene Gegenstände beinhalten: entweder die audiovisuellen Einzelprodukte, den Film, die Fernsehsendung, das Video oder aber das Kino- und Fernsehprogramm als Angebotszusammenhang (vgl. ebd.: 5). Diese Gegenstände können auf vier Bereiche hin untersucht werden. Erstens dem visuellen: Bildausschnitt, Kamerabewegung, Kameraperspektive, Lichtgestaltung etc. Zweitens dem auditiven Bereich: Geräusche, Musik, Dialog. Weiterhin der Narration: Story, Fabel und Thema, Dramaturgie, Figuren und Montage. Zuletzt führt er das Darstellen bzw. Schauspielen an (vgl. Hickethier 2003).

Für die hier präsentierte hermeneutisch geprägte Filmanalyse ist vor allem einer von Hickethiers Bereichen relevant: der narrative. Um dem Phänomen Zeit in den Before ...-Filmen auf die Spur zu kommen, müssen alle inhaltlichen Verweise auf Zeit gefunden, die Figuren auf ihren Umgang mit der Zeit untersucht und die allgemeine Dramaturgie auf ihre temporale Struktur analysiert werden. Dazu gehören deshalb die Merkmale Narration (Story, Fabel, Thema, Abfolge), Dramaturgie (Einteilung, offen vs. geschlossene Form, Anfang und Ende), Figuren (Figuren und ihre Konstellation), Erzählstrategien (Erzählsituation, Erzählzeit vs. erzählte Zeit, Gegenwart und Gleichzeitigkeit) und Montage. Alle diese Elemente ergeben zusammen die Erzählung, sie greifen ineinander und bedingen einander.[18] Aufgrund des besonderen Herstellungsprozesses der Filmreihe über eine Zeitspanne von 18 Jahren wird in der folgenden Gegenstandsdarstellung auch kurz auf den Produktionskontext verwiesen. Da die Drehbücher aller drei Filme veröffentlicht vorliegen, wird es für die Analyse nicht notwendig sein, detaillierte Einstellungsprotokolle anzulegen.[19] Ein Sequenzprotokoll für jeden Film mit Ausweisung der Spielzeiten ist allerdings erforderlich, um die dramaturgischen Einheiten auf ihre zeitliche Ausdehnung hin zu überprüfen. Wie von Korte erläutert, wird hier der Handlungsverlauf „in Sequenzen und Subsequenzen unterteilt, die einzelnen Stationen inhaltlich-formal beschrieben und zeitlich ermittelt.“ (Korte 2010: 58) Der Anschaulichkeit halber soll daraus zudem, wie bei Korte vorgeschlagen, eine differenzierte Sequenzgrafik angefertigt werden, die die zeitlichen Abschnitte in ihrer relativen Größe zueinander darstellt und so einen Überblick über die zeitliche Strukturierung zulässt (vgl. ebd.: 60; siehe Anhang D).

Um dem interdisziplinären Anspruch gerecht zu werden und alle drei Ebenen bzw. Dimensionen der Zeit (Gesellschaft, Individuum, Film) strukturiert zu betrachten, werden Analyse-Matrizen angelegt, jeweils eine pro Dimension. Die Merkmale, die hierin jeweils untersucht werden sollen, werden – wie auch in den Filmanalysen von Hickethier und Korte – Schritt für Schritt am Analysegegenstand überprüft. Für einen strukturierten Analyseprozess sowie eine bessere Nachvollziehbarkeit durch den Leser werden diese in Form von Kategorien und Variablen in den Analysematrizen aufgeschlüsselt und die Ergebnisse in Protokollen festgehalten (siehe Anhang E1-3). Die Erstellung der Analyse-Matrizen ist als erster Teil der empirischen Untersuchung anzusehen. Sie finden sich jeweils als abschließendes Unterkapitel am Ende der theoretischen Ausarbeitungen der drei Dimensionen Zeit in der Gesellschaft, Zeit im Individuum und Zeit im Film (siehe Abb. 1).

[Dies ist eine Leseprobe. Grafiken und Tabellen sind nicht enthalten.]

Abb. 1: Beispiel der Analysematrix. Quelle: Eigene Darstellung.

2.3 Der Analysegegenstand: die Before …-Reihe

Die hier stets als Before ...-Reihe bezeichnete Filmtrilogie stammt vom texanischen Regisseur Richard Linklater und wurde über 18 Jahre hinweg von 1995 bis 2013 realisiert – ein Fakt, der von Feuilletonisten meist besonders hervorgehoben wird.[20] Die Filme zeigen das Treffen, Verlieben, Wiedertreffen und Zusammenleben der Protagonisten Céline und Jesse in verschiedenen Lebensstadien. Allerdings war die Fortführung der Filmgeschichte nicht von Anfang an geplant, viel mehr ergab es sich durch die Freundschaft zwischen dem Regisseur und den beiden Hauptdarstellern Julie Delpy und Ethan Hawke, dass etwa alle acht Jahre ein weiterer Teil der Geschichte von Céline und Jesse fortgeschrieben und gedreht wurde. Das Drehbuch für den ersten Film Before Sunrise schrieb Linklater gemeinsam mit Kim Krizan. Diese war auch Teil des Autorenteams für Before Sunset, wobei nun auch die beiden Hauptdarsteller involviert waren. Für das Drehbuch des letzten Teils Before Midnight zeichneten dann Linklater, Delpy und Hawk verantwortlich (vgl. jeweils IMDb a; IMDb b; IMDb c). 2001 drehte Richard Linklater zudem den Animationsfilm Waking Life mit einer vier-minütigen Episode von Céline und Jesse. Diese widerspricht allerdings inhaltlich dem folgenden Film Before Sunset[21] – wahrscheinlich, da es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Plan für eine Fortsetzung gab – und wird deshalb im Rahmen dieser Analyse nicht weiter behandelt. Auf der Berlinale 1995 gewann Linklater mit Before Sunrise den Silbernen Bären für die Beste Regie, Before Sunset erhielt 2005 eine Oscar-Nominierung für das Beste Adaptierte Drehbuch und den Goldenen Bären der Berlinale 2004, Before Midnight war für den Oscar für das Beste Adaptierte Drehbuch nominiert.

Richard Linklater wurde 1960 in Texas geboren und machte sich als Autodidakt in jungen Jahren mit den Filmen Slacker (1991) und Dazed and Confused (1993) einen Namen im Filmgeschäft. Neben Independent-Produktionen, zu denen auch die Before ...-Filme gehören, [22] realisierte er auch größere Hollywood-Projekte wie School of Rock (2003) und Me and Orson Welles (2008). Seinen aktuellsten Erfolg, der ihn auch dem breiten Publikum bekannt machte, verbuchte Linklater im letzten Jahr mit dem Film Boyhood, der das Aufwachsen des Jungen Mason, gespielt von Ellar Coltrane, über zwölf Jahre hinweg begleitet.[23] Der Film, der von 2002 bis 2013 mit jeweils wenigen Drehtagen pro Jahr entstand, gleicht somit der Grundidee der Before ...-Reihe, den Figuren quasi in Echtzeit über eine lange Periode hinweg zu folgen. Die Schauspieler werden ebenso wie die Figuren, die sie portraitieren, erwachsen bzw. älter. Wie die Kritikerin Pilarczyk schreibt, trifft das ebenso für die Drehbuchautoren respektive Regisseur und Hauptdarsteller zu: „Sie haben sich künstlerisch weiterentwickelt – Delpy hat sich als Regisseurin etabliert, Hawke hat selber Romane geschrieben und viel am Theater gearbeitet, Linklater hat experimentelle Trickfilme gedreht –, und sie haben alle Kinder bekommen. Ihre Erfahrungen haben sie in die Figuren Jesse und Céline eingespeist und ihnen zu so viel lebensgesättigter Energie verholfen, dass sich auch der dritte Film so frisch und direkt ausnimmt wie der erste.“ (Pilarczyk 2013) [24]

Linklaters besondere Hinwendung zum Phänomen Zeit wird spätestens seit der Premiere von Boyhood im Feuilleton wie auch in ersten filmwissenschaftlichen Betrachtungen ausführlich besprochen. Der Kritiker Gerhard Midding bezeichnet Linklater als „Spezialist für filmische Langzeitbeobachtungen“ (Midding 2014). Die epd Film schreibt: „[D]ieses schwer greifbare Wirken der Zeit erforscht Richard Linklater seit Beginn seiner Karriere: beharrlich, geradezu obsessiv, doch immer unterhaltsam.“ (epd Film 2014: 12) So weisen viele Linklater-Filme besondere Zeitrahmen auf: Slacker und Dazed and Confused spielen beide innerhalb von nur 24 Stunden. Im Animationsfilm Waking Life (2001) wird „das absolute Jetzt des Moments zur eigentlichen Hauptfigur“ (ebd.: 14). Alle drei Teile der Before ...-Reihe bauen nicht nur einen Handlungsbogen über Jahre hinweg auf, sondern spielen zudem jeweils innerhalb von wenigen Stunden, fast in Echtzeit: „Gerade der Kontrast zwischen der Verdichtung in diesen Momentaufnahmen und den Jahrzehntsprüngen dazwischen, in denen die Darsteller mit ihren Rollen (und umgekehrt) gealtert sind, verleiht der Before-Trilogie ihre eigenartige Poesie. Das Vergehen der Zeit erhält eine funkelnde Tiefe zwischen dem filmischen Jetzt und dem Damals.“ (ebd.: 15) Boyhood führt diese Zeitstudie fort, wie die Jury der Evangelischen Filmarbeit argumentiert: „Vor allem aber ist Boyhood ein Film über die Zeit.“ (ebd.: 19). Der Journalist Justin Chang konstatiert über Linklater und seine Filme: „Taken together, “Boyhood“ and the “Before“ pictures amount to a monumental reflection on the passage of time, the irretrievability of the past and the uncertainty of the future“ (Chang 2014). Linklater erklärt seine besondere Faszination folgendermaßen:

„Zeit ist eine charakteristische Beschaffenheit von Film. Die Art und Weise, wie die Zeit im Kino manipuliert werden kann, ist in der Kunst einmalig. Dieses Verhältnis von Zeit und Film wirkt auf die Arbeit eines Filmemachers ungemein befreiend. […] Das Konzept »Zeit« birgt eine Menge erzählerisches Potenzial.“ (Linklater zit. n. Busche 2014: 17)

Weiterhin zeichnen sich alle drei Before ...-Filme durch einen starken Fokus auf Dialog (vgl. Anhang B)., eine zurückgenommene, vollkommen auf die Figuren fokussierte Handlung (vgl. Anhang C1-C3) und einen reduzierten Cast aus. Before Sunrise (101 Minuten, vgl. Anhang C1) begleitet die Französin Céline und den US-Amerikaner Jesse auf ihrem spontanen Bummel durch Wien (vgl. Anhang C1). Nachdem sie sich im Zug kennengelernt haben, beschließen beide, die Stunden bis zu Jesses Rückflug in die USA am nächsten Morgen gemeinsam zu verbringen. Dabei erzählen sie sich nicht nur gegenseitig aus ihrem Leben, sondern diskutieren auch philosophische Themen zum Teil angelehnt an die Personen, die sie unterwegs treffen bzw. die Orte, die sie besuchen. Die Handlung endet am Bahnhof, mit dem Abschied und dem Versprechen auf ein Wiedersehen. Der neun Jahre später spielende Filme Before Sunset (80 Minuten, vgl. Anhang C2) zeigt die nun Anfang 30-Jährigen in Paris. Jesse, jetzt Schriftsteller nachdem er das Treffen in Wien literarisch verarbeitet hat, trifft auf seiner Lesereise Céline wieder. Die wenige Zeit, die bis zum Flug bleibt, verbringen die beiden erneut mit einem Spaziergang, dieses Mal durch die französische Hauptstadt. Der Fokus ihres Gesprächs liegt dieses Mal mehr auf der persönlichen Entwicklung beider, auf den Höhen und Tiefen, den Zweifeln und verpassten Momenten ihrer bisherigen Leben. Die letzte Szene endet halboffen mit Jesse auf der Couch in Célines Wohnung und der Erwartung, dass er seinen Heimflug wohl verpassen wird. Wiederum neun Jahre später zeigt Before Midnight (109 Minuten, vgl. Anhang C3) das mittlerweile verheiratete Paar samt Kindern im Urlaub auf einem Weingut in Griechenland. Die Stimmung der beiden ist gereizt, Alltagsstreitigkeiten und Jesses Sorge um seinen Sohn Hank aus erster Ehe, der in den USA bei seiner Mutter lebt, belasten die Beziehung und werden mehrfach ausdiskutiert. Während eines als romantisch geplanten Abends kommt es zum offenen Streit. Der Film endet ohne klare Antwort darauf, ob die Ehe der beiden halten wird.

In allen drei Filmen sind Céline und Jesse die einzig ausgebauten Charaktere. In den ersten zwei Teilen erscheinen daneben nur Statisten mit wenigen Zeilen Text und kurzer Interaktion mit den Protagonisten. Der dritte Teil zeigt mit den zwei Töchtern des Paars, Ella und Nina, und Jesses Sohn Henry sowie einigen Freunden mehrere Nebenfiguren, die deutlichen Einfluss auf die Story und relevante Sprechanteile haben. [25] Trotzdem liegt auch hier der Fokus auf dem Dialog zwischen Céline und Jesse.

3. Theorien über die Zeit

Dieses Kapitel widmet sich der Sichtung und Aufarbeitung von Zeittheorien in den angesprochenen drei Disziplinen der Soziologie (Zeit in der Gesellschaft), Psychologie (Zeit im Individuum) und Filmwissenschaft (Zeit im Film). Die Struktur folgt damit dem Prinzip vom „Großen zum Kleinen“. Als Einführung in den sehr weitläufigen Theoriekomplex der Zeit, der sich über viele weitere Wissenschaften erstreckt, wird im Folgenden zuerst ein Einblick in die Ideengeschichte der Zeit gegeben. Dies schafft eine begriffliche Basis, die für das später weiterentwickelte Verständnis von sozialer und individueller Zeit notwendig ist. Am Ende jedes Themenkomplexes steht die Ableitung von analyserelevanten Begriffen, die als Kategorien in der späteren Filmanalyse angewendet werden.

3.1 Die Zeit in der Geschichte

Um das Wesen der Zeit haben sich Menschen schon seit jeher Gedanken gemacht. Über alle Wissenschaften hinweg gibt es Ansätze, Zeit zu definieren und Theorien darüber, was sie im Kern ausmacht. Das folgende einführende Kapitel gibt einen kurzen, keinesfalls erschöpfenden Überblick über die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Zeit in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, allen voran der Philosophie und der Physik. [26]

Schon die Vorsokratiker stellten Überlegungen über die Zeit an. Cramer behauptet gar: „Mit dem Beginn der abendländischen Philosophie im alten Griechenland hat das Nachdenken über die Zeit angefangen.” (Cramer 1996: 15) Zwar ist davon auszugehen, dass schon frühere Kulturen und Völker über den Verlauf von Zeit Annahmen aufstellten, vor allem in Bezug auf die Bewegung von Himmelskörpern und die Lebensspanne eines Menschen. Doch stammen die ersten zielgerichteten Überlegungen über die Zeit tatsächlich aus der frühen Antike: Pythagoras sah in der Zeit beispielsweise ganz und gar die Seele der Welt (vgl. Zimbardo/Boyd 2009: 32). Grundlegend lassen sich zwei verschiedene Bilder der frühen Philosophen zeichnen, die bis heute Bestand haben: Zum einen die Vorstellung von der Zeit als Kreis, als zyklische Bewegung und Wiederholung, die Ereignisse reversibel erscheinen lässt. „Das Ding kehrt immer zu seinem Ursprung zurück“, soll Animaxander aus Milet (ca. 610 v. Chr. bis 546 v. Chr.) festgestellt haben (vgl. ebd.: 16). Dagegen steht zum anderen das Bild der Zeit als gerichteter Zeitpfeil mit dem immanenten Charakter der Irreversibilität, der sich – wie es Heraklit von Ephesus (ca. 520 v. Chr. bis 460 v. Chr.) erklärt – darin ausdrückt, dass es z.B. unmöglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen (vgl. ebd.: 17). [27]

Platon dagegen interessiert diese Dichotomie wenig. In seinem Timaios, der als erste umfassende Zeittheorie anerkannt wird, erklärt er vielmehr die Zeit beruhe – in Übereinstimmung mit dem von ihm entworfenen Weltbild, wie es im Höhlengleichnis dargelegt wird – auf einer Idee und eine solche Idee ist, wie der Kosmos an sich, unbewegt und ewig (vgl. Cramer 1996: 24). Als Abbild des Äon, der Ewigkeit, sei es ein Kreise beschreibendes Abbild des Ewigen (vgl. Gloy 2008: 7). Einen Gegenentwurf liefert die Definition Aristoteles': „Zeit ist die Zahl der Bewegung im Hinblick auf das Frühere und das Spätere“ (Aristoteles zit. n. Nassehi 2008: 40). Zeit ist nicht mehr länger ein Ewiges, Statisches, dessen Wesen keiner weiteren Erläuterung bedarf, es wird zu einer relativen Größe. Dabei glaubt Aristoteles an den irreversiblen Charakter der Zeit: Er sieht Zeit als Metamorphose vom Früheren zum Späteren, einer Entwicklung von Anfang zu Ende. Neu ist dabei die Koppelung der Zeit an einzelne Prozesse: Keine einzige kosmische Zeit wie noch bei Platon meint Aristoteles zu erkennen, sondern viele verschiedene Eigenzeiten der Naturprozesse, die sich aber stets in eine Richtung – vom Anfang zum Ende – entwickeln (vgl. Cramer 1996: 26). Dies stellt eine erste Subjektivierungstendenz in der Zeitdebatte dar. Bedeutend ist weiterhin, dass eine solche Zahl der Zeit, ein zählendes Bewusstsein, also eine Seele, voraussetzt (vgl. Gloy 2008: 8; Nassehi 2008: 47). Cramer stellt zusammenfassend fest: „Das abendländische Denken ist und bleibt durch die beiden Denkweisen geprägt: Die absolute Zeit, eingebettet in das absolute Sein in der Ideenwelt des Platon – und die Zeit des Werdens, die irreversible Zeit des Aristoteles.“ (Cramer 1996: 27, Herv. im Original)

Den nächsten Schritt in der Geschichte der Zeitbetrachtung vollzog erst Augustinus von Hippo in seinen Confessiones im späten vierten Jahrhundert: Der Kirchenlehrer sieht anhand der Schöpfungslehre eindeutig einen Anfang der Zeit und im Jüngsten Gericht ihr Ende, somit zeichnet auch er einen Zeitpfeil. Weiterhin ist das Verstreichen der Zeit ein unumstößliches Faktum seines Weltbildes: „Denn wenn die Gegenwart immer gegenwärtig bliebe, wäre sie nicht mehr zeitlich, sondern ewig, und das hieße für Augustinus ohne Zweifel, die Differenz Gott/Mensch aufzuheben […].“ (Nassehi 2008: 49) Nur der Schöpfer kann ewig sein, demgegenüber muss die von ihm geschaffene Welt – inklusive aller Lebewesen – dem Wandel und der Vergänglichkeit ausgesetzt sein. Auch bei Augustinus tritt zudem ein Zeit wahrnehmendes Bewusstsein als Notwendigkeit auf: Erst dieses schafft die Abgrenzung der Vergangenheit – durch Memoria, dem Gedächtnis[28] – und der Zukunft – durch Expectatio, ein dem Erinnern äquivalentes Vorgefühl des Zukünftigen[29] – von der gerade im Augenblick bestehenden Gegenwart (vgl. ebd.: 50f.). Dieses Bewusstsein versieht Augustinus mit der Bezeichnung Seele und führt die Zeit somit weiter weg von der absoluten Zeit des Kosmos hin zu einer subjektiven Zeit: „Damit ist der Schritt in den neuzeitlichen Subjektivismus vollzogen“, befindet Gloy (Gloy 2008: 9).

Fast eintausend Jahre dauert es, bis die nächste bedeutende Zeittheorie formuliert wird. Das Primat der Kirche herrscht mit dem klaren Bild der zeitlich gerichteten Heilsgeschichte. Erst mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften[30] werden Phänomene der Natur und der empirischen Wahrnehmung neu gedeutet. So macht Isaac Newton in seiner Philosophiae Naturalis Principia Mathematica 1687 bahnbrechende Beobachtungen – auch über die Zeit. Die kosmologische Größe der Zeit erläutert Newton dabei in enger Verbindung mit dem Raum [31] – ein Bild, das noch heute die Basis der Physik in Form der sogenannten Raumzeit bildet. Newton bestimmt Zeit als „absolut“ und „wahr“, als eine mathematische Zahl, die „in sich und ihrer Natur gemäß ohne Beziehung auf irgend etwas [sic!] Äußeres gleichmäßig [fließt]“ (Newton zit. n. Nassehi 2008: 58). Somit entkoppelt Newton die Zeit von sämtlichem Inhalt: „Die Zeit wird zu einer abstrakten universellen Ordnung, die völlig unabhängig davon ist, was in der Zeit geschieht.“ (Cramer 1996: 38) Damit ist ihr Wesen auch reversibel, denn eine Zahl kann theoretisch positiv wie auch negativ sein, also jede Richtung einnehmen. Wie sich später noch zeigen wird, werden folgende Generationen von Philosophen und Soziologen dieser These der absoluten Zeit vehement widersprechen. Ihr Verdienst für die Naturwissenschaften ist jedoch bis heute unbestritten: Erst mit der Etablierung der mathematischen Größen Raum und Zeit waren Berechnungen der Naturphänomene möglich. Newton schuf mit ihr den Grundstein der Physik (vgl. Cramer 1996: 39; Hawking 2007: 15).

Im Anschluss erklärt Immanuel Kant die Zeit schlichtweg als „formal a priori condition of all perceived phenomena“ (Sorokin/Merton 1937: 616). Er spricht der Zeit somit eine objektive Realität zu, „jedoch unter der Maßgabe, daß wir die Dinge nur als Gegenstände unserer Sinne wahrnehmen.“ (Nassehi 2008: 54) Später werden Zeitsoziologen und Psychologen dies als Zeitbewusstsein bezeichnen. [32] Gloy sieht darin die Vollendung der Subjektivierung der Zeit, wie sie mit Aristoteles begann (vgl. Gloy 2008: 9). Kant stellt noch einige weitere Überlegungen zur Zeit an: Zum einen erörterte er die Frage nach dem Anfang des Universums und somit dem Anfang der Zeit, zum anderen ihre Merkmale. In Kritik der reinen Vernunft empfindet er sowohl These als auch Antithese zum Ursprung des Universums widersinnig: Ohne Anfang des Universums würde ein unendlicher Zeitraum vor jedem Ereignis liegen – nach Kant eine absurde Vorstellung. Warum allerdings das Universum zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach begonnen haben sollte, meint er ebenfalls nicht vernünftig erklären zu können (vgl. Hawking 2007: 19). Dieses Dilemma – was war vor der Zeit und wie lange? – beschäftigt Menschen bis heute. Zum anderen definiert Kant drei Modi der Zeit: die Beharrlichkeit, die Folge und das Zugleichsein (vgl. Nassehi 2008: 55). Beharrlichkeit ist für ihn die Voraussetzung jeden Wandels, eine Zeitfolge nur möglich, wenn Zustände in einer Kausalität verbunden sind und Gleichzeitigkeit nur in Abwesenheit von Wechselwirkungen denkbar (vgl. ebd.: 55f.). Aus seiner Sicht ist mit diesen drei Modi die Zeit erschöpfend beschrieben.

Der Philosoph Edmund Husserl beschäftigt sich im frühen 20. Jhd. im Rahmen seiner Phänomenologie mit dem Zeitbewusstsein im Individuum. [33] Grundlegend widerspricht Husserl der Trennung von Naturwissenschaft und Psychologie und ihren getrennten Definitionen von Zeit: „Was die Dinge sind, […] sind sie als Dinge der Erfahrung.“ (Husserl zit. n. Nassehi 2008: 63) Um alle Erlebnisse auch in ihren wechselnden Gegenwarten (also von der aktuellen Gegenwart zur vergangenen bzw. zur zukünftigen) zu umfassen, prägt Husserl den Begriff des Bewusstseinsstroms. Dieser umschließt die Phänomene der Retention und Protention. Bei ersterer hält das Bewusstsein ein Ereignis, z.B. einen Ton, über die kurze Gegenwart hinaus präsent, gleichzeitig erwartete es als Protention den folgenden Ton (vgl. ebd.: 67ff.). Diese „bewußtseinstheoretische [...] und psychologische [...] Analyse des immanenten Zeitflusses“ verlegt die geisteswissenschaftliche Zeitanalyse nun endgültig auf das Individuum. Wie auch im Folgenden bei Bergson, geht es „um das Verfließen der Zeit in der selbstkonstituierten Dauer des Bewußtseins, d.h. also um die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im sich selbst erlebenden Subjekt.“ (ebd.: 68)

Der französische Philosoph Henri Bergson schafft nur wenige Jahre nach Husserls Darlegungen dafür den Begriff der reinen Dauer bzw. im Original la durée. Sein Ansatz beschreibt, dass Zeit nur eine Folge von diskreten Jetztzuständen ist, die erst vom Beobachter ins Verhältnis zueinander gesetzt werden: „Die Dauer ist also nichts den Gegenständen Anhaftendes, sondern Produkt eines Bewußtseinsprozesses [...].“ (ebd.: 59) Damit schließt sich Bergson Aristoteles an, wenn er ebenso ein zählendes Wesen ins Zentrum seiner Zeittheorie setzt. Auch nutzt er wie Husserl den Begriff des Bewusstseinsstroms, da erst in diesem die „Einheit und Identität in der Zeit hergestellt wird“ (ebd.: 60). Bergson erklärt die Dauer in der Konsequenz auch zu einem qualitativen Begriff, den er von der quantitativen, sozialen Zeit, wie sie in der Umwelt des Individuums herrscht, abgrenzt. Hier zeigt sich also eine klare Differenzierung zwischen äußerer und innerer Zeit, wie sie seitdem in Soziologie und Psychologie angewandt wird.

Eine bis heute anerkannte Zeittheorie stellte der Cambridger Philosoph J. M. Ellis. McTaggert 1908 in dem Aufsatz The Unreality of Time vor. Zwar wird die im Titel angesprochene These, Zeit sei eine Illusion, da sie nicht zirkelfrei zu erklären ist (vgl. McTaggert 1908), mittlerweile einheitlich von der wissenschaftlichen Gemeinschaft abgelehnt, dafür legte McTaggert aber mit seinen weiteren Überlegungen die Basis für das heutige Zeitverständnis in den Geistes- und Sozialwissenschaften.[34] McTaggert beschreibt die Zeit in zwei Reihen: einer A- und einer B-Reihe (vgl. McTaggert 1908).[35] Erstere ist eine Positionsbestimmung in den Modi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die zweite bildet eine „Zeitreihe, die Ereignisse als früher oder später auf einer Zeitachse ordnet“ (Nassehi 2008: 82), also eine Relation zwischen Ereignissen herstellt. Die B-Reihe ist somit stabil, „[d]enn was einmal früher ist als ein Späteres, bleibt es durchgängig durch die Zeitmodi hindurch, so auch im entgegengesetzten Fall.“ (Gloy 2008: 12) Dagegen ist die A-Reihe eine veränderliche Struktur, da ein Ereignis von der Zukunft in die Gegenwart und zuletzt in die Vergangenheit eines Subjekts wandert (vgl. McTaggert 1908; Nassehi 2008: 81f.).

Trotz der vielen verschiedenen und mehrheitlich subjekt-orientierten Zeittheorien der Philosophie und Soziologie galt in der Physik seit Newton die Zeit weiterhin als objektive und absolute Größe. Diese Annahme sollte erst 1905 herausgefordert werden. In seiner Schrift Zur Elektrodynamik bewegter Körper, die heute als spezielle Relativitätstheorie bekannt ist, beschreibt der Physiker Albert Einstein eine neue, relative Zeit (vgl. Olma 2006: 127), wie Stephen Hawking zusammenfasst: „Eine einzige, absolute Zeit gibt es in der Relativitätstheorie nicht. Nach ihr hat jedes Individuum sein eigenes Zeitmaß, das davon abhängt, wo es sich befindet und wie es sich bewegt.“ (Hawking 2007: 50) Einstein behauptet also nicht, dass nur das Bewusstsein des Individuums unterschiedliche Zeiten wahrnimmt, sondern dass die äußere Zeit, die den Menschen umgibt, jeweils unterschiedlich – also relativ – ist. Außerdem ist diese Zeit als rein mathematische Zahl reversibel (vgl. Cramer 1996: 65). Hawking fügt hinzu: „Die Naturgesetze unterscheiden nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ (Hawking 2007: 178) Weiterhin festigt Einstein den Zusammenhang von Raum und Zeit: Beides besteht in der Relativitätstheorie nicht mehr unabhängig voneinander – in den vorigen Theorien waren beide zwar verbunden, hatten aber kein Kausalitätsverhältnis –, sondern verbinden sich „zu einer Entität, die wir Raumzeit nennen“ (Hawking 2007: 37). In diesem vierdimensionalen Raum mit drei Raumachsen und einer Zeitachse lässt sich jedes Ereignis verorten.[36] Ebenso wie die Zeit ist auch der Raum bei Einstein eine relative und dynamische Größe.[37] Steven Hawking erklärt in der Kurzen Geschichte der Zeit: „Wenn ein Körper sich bewegt oder eine Kraft wirkt, so wird dadurch die Krümmung von Raum und Zeit beeinflußt – und umgekehrt beeinflußt die Struktur der Raumzeit die Bewegung von Körpern und die Wirkungsweise von Kräften.“ (Hawking 2007: 50) Daraus leitete sich auch die Vorhersage Einsteins ab, dass die Zeit in der Nähe massereicher Körper, wie z.B. Planeten, langsamer verstreicht. Dies wurde 1962 tatsächlich bewiesen, als ein Experiment ergab, dass eine Uhr am Fuß eines Wasserturms langsamer tickte als an dessen Spitze (vgl. Hawking 2007: 49). Aus der Relativitätstheorie lässt sich weiterhin ableiten, dass die Raumzeit mit der Singularität des Urknalls begann und entweder in einem Endknall – dem Kollabieren des Universums – oder einem Schwarzen Loch [38] (das ebenso eine Singularität enthält) enden wird (vgl. ebd.: 144). Somit ist für Einstein nicht nur das Wesen der Zeit, ihre Verbindung zum Raum, sondern sogar ihr Anfang und Ende bestimmt.[39]

Einige Jahre nach der Relativitätstheorie wartete die Quantenmechanik mit einer Gegenthese auf: der Möglichkeit, „daß die Raumzeit keine Grenze hat“ (Hawking 2007: 170). Steven Hawking, als Vertreter dieser Theorie, beschreibt die Raumzeit dafür als Fläche, „die von endlicher Größe, aber ohne Grenzen oder Rand ist.“ (ebd.) Somit wäre das Universum völlig in sich abgeschlossen und unabhängig von jeglichen äußeren Einflüssen (vgl. ebd.). Da Physiker noch keine kombinierte Theorie aus Relativitätstheorie und Quantenmechanik gefunden haben, bleibt die Frage, ob die Zeit nun abgeschlossen mit Anfang und Ende oder grenzenlos ist, weiterhin unbeantwortet. Zu den einzelnen Modi der Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft allerdings hat die Physik sehr klare Vorstellungen: „Die Vergangenheit ist ein Faktum. Sie hat zwar den Gesetzen der Quantenmechanik nicht gerade so entstehen müssen, wie sie ist, aber sie ist immerhin nach den Gesetzen der Physik entstanden. Die Zukunft enthält verschiedene Möglichkeiten, die sich aus den Anfangsbedingungen des 'Zeitpunktes' der Gegenwart ableiten lassen, aber eben nicht streng, sondern nur probalistisch. Zudem ist der 'Zeitpunkt' der Gegenwart in jedem dynamischen System infolge der Unschärferelation[40] nicht genau bestimmbar.“ (Cramer 1996: 81)

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Zeit, wie sie in der Physik definiert wird – unabhängig davon, ob wir sie als absolute Newtonsche Zeit, mit Einstein als relativ oder im Rahmen der Quantenmechanik sogar als grenzenlos betrachten – eine rein quantitative Größe ist. In der Philosophie, die einen großen Einfluss auf die Denktradition der späteren Soziologie hatte, hat dagegen sehr früh eine Subjektivierungstendenz beim Nachdenken über die Zeit eingesetzt. In ähnlicher Herleitungsmanier stellten Sorokin und Merton dann 1937 in ihrer wegweisenden soziologischen Schrift Social Time fest, dass diese Zeit, die sie auch als astronomische oder mathematische Zeit bezeichnen, nicht nur uniform, homogen und leer auftritt, auch ist sie „purely quantitative, shorn of qualitative variations.” (Sorokin/Merton 1937: 621) Demgegenüber sehen beide in der sozialen Zeit mehrheitlich qualitative Elemente: “[T]hese qualities derive from the beliefs and customs common to the group and that they serve further to reveal the rhythms, pulsations, and beats of the societies in which they are found.” (ebd.: 623) Eben diese soziale Zeit bzw. Zeit der Gesellschaft ist Gegenstand des folgenden Kapitels.

3.2 Die Zeit in der Gesellschaft

In diesem Kapitel wird nach für die Analyse relevanten und handhabbaren Begriffen und Theorien gesucht, die die zuvor gestellte Untersuchungsfrage beantworten: Welche Bedeutung und Relevanz hat die Zeit für die Gesellschaft und das soziale Zusammenleben von Menschen? Es zeigen sich dabei vier wichtige Aspekte der Zeit in der Gesellschaft: die Definition als soziale Zeit, die Strukturierung von Lebens- und Alltagszeit sowie das Phänomen der Beschleunigung in der Gesellschaft und den damit eng verbundenen Entschleunigungsmechanismen.

Das Leben der Menschen spielt sich stets in einer Form von Gesellschaft ab. Waren solche Zusammenschlüsse zu Beginn der Menschheit häufig auf wenige Dutzend Individuen begrenzt, gibt es heute ein globales Interdependenzgeflecht mit Millionen von Menschen. Die Soziologie definiert Gesellschaft grundlegend als „größte soziale Einheit, gewissermaßen die Gesamtheit aller möglichen sozialen Kontakte“ (Nassehi 2011: 113). In der Systemtheorie von Niklas Luhmann gehört Gesellschaft zum Dreigespann sozialer Systeme, neben Interaktion und Organisation (vgl. Luhmann 1984; Nassehi 2008: 231ff.). Während Interaktionen und Organisationen ihrer Struktur nach jeweils unterschiedlich begrenzt sind, sieht Luhmann Gesellschaft als integrierenden Rahmen an: „Gesellschaft ist danach das umfassende Sozialsystem, das alles Soziale in sich einschließt und infolgedessen keine soziale Umwelt kennt.“ (Luhmann 1984: 555)[41] Zudem zeichnet sich die moderne Gesellschaft der Gegenwart nach Nassehi durch das Faktum der Abwesenheit aus: Mussten zu Stammeszeiten noch alle Mitglieder in Reichweite leben und sich kennen, um zu einer Gemeinschaft zu gehören, braucht es für ein gesellschaftliches Zusammenleben heute keinen direkten Kontakt mehr. Auch müssen die Handlungskontexte der Individuen keineswegs homogen sein und von allen verstanden werden.[42] Stattdessen hält eine gesellschaftliche Ordnung das Konglomerat zusammen, es „koordiniert Handlungen vor allem dadurch, dass Kontexte voneinander unterschieden werden, also gewissermaßen Koordination durch Verzicht auf Koordination von allem mit allem.“ (Nassehi 2011: 119) Im Folgenden soll erörtert werden, inwieweit das Phänomen Zeit als soziale Komponente in der Gesellschaft zum Tragen kommt, eigene Strukturen und Institutionen ausbildet und wie sich in der postmodernen Gegenwartsgesellschaft neue Dynamiken entwickeln.

3.2.1 Zeit als soziale Zeit

Émile Durkheim verweist erstmals auf den gesellschaftlichen Aspekt der Zeit, als er Zeit als „organisierte[n] Rahmen, in dem eine Gesellschaft ihre eigenen Periodizitäten organisiert“ (Durkheim zit. n. Dux 1992: 73) bezeichnet. Er prägte auch den Begriff der sozialen Zeit: „Die soziale Zeit ist mit anderen Worten die Organisation derjenigen Aktivitäten, in denen das soziale Leben verläuft, insbesondere jener Hochzeiten, in denen das soziale Bewußtsein sich seiner selbst vergewissert.“ (ebd.: 74) Als Begründer der Zeitsoziologie legten dann Sorokin und Merton 1937 eine ausführliche Definition der sozialen Zeit vor, die bis heute Gültigkeit hat:

„The need for social collaboration is at the root of social systems of time. Social time is qualitatively differentiated according to the beliefs and customs common to the group. Social time is not continuous but is interrupted by critical dates. All calendrical systems arise from and are perpetuated by social requirements. They arise from social differentiation and a widening area of social interaction.“ (Sorokin/Merton 1937: 615)

Wurde Zeit, wie im vorigen Kapitel dargestellt, bis dato meist nur als mathematische Größe in den Naturwissenschaften betrachtet oder von Philosophen auf ihren subjektiven Charakter hin erörtert, begann man nun im Rahmen geisteswissenschaftlicher Forschung das Thema Zeit in verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften zu untersuchen.[43] Im Unterschied zur „leeren“, astronomischen Zeit, beinhaltet soziale Zeit demnach vor allem qualitative Faktoren:

„In judgements of time there enter considerations of aptitude, opportunity, continuity, constancy, and similarity, and the equal values which are attributed to time intervals are not necessarily equal measures. These differences in quality lead to the dependence of relative values of time durations not only on their absolute length but also on the nature and intensity of their qualities.” (ebd.: 622)

Nicht jede Zeit ist also gleich, sondern mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen. Diese Bedeutungen, wie Feiertage, Lebensabschnitte oder „richtige” Zeitpunkte werden erst im sozialen Kontext geschaffen, gleichzeitig strukturieren sie die Gesellschaft als eines der wichtigsten Ordnungsmuster (vgl. Dux 1992: 77; Elias 1990: IX). Soziale Zeit ist also Produkt und (Mit-)Produzent von Gesellschaft: „Time is a social fact as well as a social construct.” (Katovich 1987 zit. n. Schöneck 2009: 21) Norbert Elias beschreibt diesem Grundsatz weiter folgend in seiner richtungsweisenden Schrift An essay on time Zeit als grundlegendes soziales Element: „Was wir »Zeit« nennen, bedeutet also zunächst einen Bezugsrahmen, der Menschen einer bestimmten Gruppe, und schließlich auch der Menschheit, dazu dient, innerhalb einer kontinuierlichen Abfolge von Veränderungen von der jeweiligen Bezugsgruppe anerkannte Meilensteine zu errichten […].“ (Elias 1990: 42)

Wie jeder gesellschaftlicher Rahmen – oder cadre nach Durkheim[44] –, wird auch die Zeitstruktur innerhalb der Gesellschaft vererbt. Man eignet sich „die inhaltlich schon gebildete Zeit“ bzw. „die Inhalte der vorfindlichen Zeit“ (Dux 1992: 70) beim Leben und Aufwachsen in einer Gesellschaft an. Im Rahmen seiner Zivilisierungstheorie beschreibt Norbert Elias nicht nur die Abstraktionsleistung, die Menschen mit dem System der (Uhr-)Zeit bewiesen haben, sondern auch dessen Weitergabe (vgl. Elias 1974; Nowotny 1980): „Jeder einzelne Mensch, wie groß sein innovativer Beitrag auch sein mag, baut auf einem schon vorhandenen Wissensschatz auf und setzt ihn fort. Ebenso verhält es sich auch mit dem Wissen von der Zeit“, fasst Dux Elias‘ Erläuterungen zusammen (Dux 1992: 75). Damit ist Zeit auch Teil des sozialen Wandels, den eine Gesellschaft durchläuft (vgl. ebd.: 76), da ihre Strukturen und Bedeutungen ebenso veränderbar sind. Gleichwohl gilt das umgekehrte Verhältnis, Zeit ist Voraussetzung für den Wandel: „No concept of motion is possible without the category of time. […] Time is likewise a necessary variable in social change.“ (Sorokin/Merton 1937: 615) Ebenso wie Wandel ist auch Handeln[45] Grundlage und Ergebnis von sozialer Zeit, wie Tsuo-Yu Cheng darlegt: „Die soziale Zeit ist das Geschehen der Verflechtung von Handlungen verschiedener Akteure. Deswegen ist sie keine quantitative, physikalische bzw. psychologische und dreidimensionale (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft), sondern eine qualitative, handlungs- bzw. lebensführungsbezogene und zwischenmenschliche Zeit.“ (Cheng 2012: 75)

Den Ausgangspunkt für Zeitsysteme und die Erfassung von Zeit stellt die Notwendigkeit von Synchronisation und Koordination in jeder Gruppe dar (vgl. Sorokin/Merton 1937: 627; Elias 1984; Dux 1992: 77f.; Schöneck 2009: 33f.). Adam erläutert: „[T]ime reckoning, the getting to know temporal processes and rhythmic patterns, is also knowledge for practical use. It is know-how knowledge for the structuring, ordering, synchronizing and regulating of social life.“ (Adam 2006: 121) Dabei formt die Lebensweise der jeweiligen Gruppe die Form des Zeitsystems, seine Differenziertheit und Anhaltspunkte: Orientiert sich eine Agrargesellschaft an Naturerscheinungen und legt Zeiteinheiten mit Blick auf Erntezeiten fest, mag eine Glaubensgemeinschaft seine Festtage möglicherweise angelehnt an eine überlieferte Geschichte berechnen. „The mode of life determines which phenomena shall represent the beginning and close of seasons, months, or other time units.“ (Sorokin/Merton 1937: 612) Somit sind das Zeitsystem und schon das grundlegende Zeitverständnis – die Ureinwohner Australiens z.B. teilen nicht unser westliches dreiteiliges Bild der Zeit bestehend aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – immer kulturabhängig und keineswegs weltweit einheitlich (vgl. Götze 2004: 268).[46]

Mit wachsender Komplexität einer Gruppe bzw. dem Aufeinandertreffen mehrerer Gruppen steigen auch die Anforderungen an das Zeitsystem. Um der modernen, vernetzten Gesellschaft Rechnung zu tragen, hat sich deshalb die astronomische Zeit gegenüber den kulturellen Eigenzeiten einzelner Gruppen durchgesetzt: „The final common basis was found in astronomical phenomena and in the more or less widespread diffusion of conventionalized time continuities. […] Astronomical time, as a “time esperanto,” is a social emergent. This process was more rapidly induced by urbanization and social differentiation which involved, with the extension of multi-dimensional social space, the organization of otherwise chaotic, individually varying, activities.” (Sorokin/Merton 1937: 628)

Der Durchsetzung dieser universellen Zeit begann mit der Errichtung von Städten und dem regionalen und überregionalen Handel im ausgehenden Spätmittelalter, als gezielte zeitliche Abstimmungen und Planungen notwendig wurden (vgl. Maurer 1992a: 185). Manifestiert hat sich diese neue Zeit letztendlich in Form der mechanischen Uhr, die im späten europäischen Mittelalter entwickelt wurde.[47] Uhrzeit ist nicht mehr angewiesen auf inhaltliche Referenzen, sie ist rein mathematisch, homogen und gleichbleibend. “Clock-time […] no longer tracks and synthesizes time of the natural and social environment but produces instead a time that is independent from those processes: clock-time is applicable anywhere, any time. Context no longer plays a role. […] Standardization, quantification and universalization are its singular achievements.” (Adam 2006: 123) Die universelle Zeit, gemessen mit einer Uhr, stellt eine notwendige Abstraktion für eine gruppenübergreifende Kommunikation und Koordination dar, die z.B. aus der madagassischen Zeitangabe „so lange, wie der Reis kocht, um gar zu werden“ die allgemein verständliche Angabe 30 Minuten macht. Auf dieser Grundlage entstand 1884 mit der Greenwich Mean Time (GMT) eine erste Weltzeit (vgl. Zimbardo/Boyd 2009: 43), [48] also „ein temporales Koordinationssystem, das es erlaubt, die verschiedenen funktionsspezifischen Systemgeschichten[49] am Normalmaß eines gemeinsamen Horizonts abzustimmen.“ (Nassehi 2008: 307) Sie ist homogen, linear und hochabstrakt (vgl. ebd.: 309). Da sie allerdings als Folge sozialer Prozesse und zur Koordinierung von Gesellschaften entstanden ist, soll sie hier nicht als Antagonist zur qualitativen sozialen Zeit, sondern als Produkt dieser angesehen werden.

3.2.2 Lebenszeit und Alltagszeit

Wie im vorigen Kapitel deutlich geworden ist, hat Zeit einen wesentlichen strukturierenden Einfluss auf die Gesellschaft. Daraus folgt, dass sie ebenso das Leben jedes einzelnen Menschen innerhalb einer Gesellschaft – egal in welcher Gruppengröße und Ausprägung – strukturiert. Heuwinkel stellt fest: „Zeit ist ein Phänomen, das die Menschen während ihres gesamten Lebens begleitet.“ (Heuwinkel 2004: 33) Dabei tritt Zeit in unterschiedlichen Erscheinungsformen dem Individuum gegenüber: in Form von Uhren und Kalendern, von Arbeits- und Freizeit, von (Lebens-)Abschnitten und erwartbaren Zeithorizonten, von institutionalisierten Werten und Normen. Cheng unterscheidet in Anlehnung an andere Soziologen in Alltags- und Lebenszeit: „Die Zeitstruktur des Alltags beruht auf zeitlichen Symbolen wie Stunde, Tage und Monat, die sich relativ kurzeitig, aber zyklisch und wiederholbar darstellen. Im Gegensatz dazu wird die Struktur der Lebenszeit als kumulativ, lebenslang und irreversibel bezeichnet […]“ (Cheng 2012: 102).

Grundlegend beschreibt die Lebenszeit, wie es Heidegger formuliert, das „Sein zum Tode“ (Heidegger zit. n. Cheng 2012: 130), also den Prozess des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod. Aus Sicht der Soziologie ist die Entwicklung eines Menschen von einer dreiteiligen Struktur geprägt. Die Standardbiographie[50] bestimmt als Einheiten die Zeiten der Kindheit und Jugend, des Erwachsenenlebens und des Alters (vgl. Kohli 1985; Cheng 2012; Sackmann 2007). Daran orientiert sich auch die temporale Aufteilung der Produktivität eines Gesellschaftsmitglieds als Lernender, Erwerbstätiger und Rentner (vgl. Kohli 1985). Zwar sind die Übergänge nicht trennscharf, allerdings fungieren sie im gesellschaftlichen Miteinander als „Referenzen, die darauf hinweisen, wann man welche Wendepunkte, Phasen und Rolle durchleben wird.“ (Kohli 1988 zit. n. Cheng 2012: 136). Die Festlegung, wann welche Phase im Leben erreicht wird, ist allerdings kulturabhängig und hat sich im Laufe der Epochen stark verändert.

So ist die Phase der Jugend seit der Aufklärung kontinuierlich verlängert worden. Galten 12-Jährige zu Zeiten der industriellen Revolution schon als vollwertige Arbeitskräfte und dementsprechend als erwachsen, so legt der Gesetzgeber heute die Volljährigkeit auf 18 bzw. 21 Jahre fest. [51] Zudem ist seit der Bildungsexpansion der 1960er Jahre eine weitere Verlängerung der Jugend mit Blick auf längere Ausbildungszeiten und spätere Familiengründungen zu erkennen (vgl. Cheng 2012: 142). Das Alter wurde weiterhin erst mit der Einführung des Rentensystems unter Bismarck nummerisch festgelegt (vgl. Mingels 2015: 44). Vorher orientierte sich auch diese Grenze schlicht an der realen Arbeitsfähigkeit einer Person. Mit der Festsetzung eines überwiegend verbindlichen Austritts aus dem Arbeitsleben im Alter von 65 Jahren schuf das Gesetz einen neuen institutionalisierten Lebensabschnitt, mit anderen Aufgaben und Verpflichtungen des Individuums gegenüber der Gesellschaft und umgekehrt (vgl. Cheng 2012: 143). Obwohl die Lebenserwartung in Deutschland seit Einführung des Rentenzugangsalters von 65 im Jahr 1913 um etwa 30 Jahre gestiegen ist, [52] hat sich bis heute gesetzlich an dieser Grenze wenig geändert (vgl. Mingels 2015: 44). Allerdings zeigt sich wie bei der Definition von Jugend eine gesellschaftliche Entwicklung hin zur Weiterarbeit nach dem Renteneintritt in anderen Stellen wie Minijobs und Ehrenamt. Auch die Phase des Erwachsenseins, gleichgesetzt mit den Jahren der Erwerbstätigkeit, erlebt strukturelle Veränderungen. Da sich die Grenzen des Erwachsenenlebens, wie zuvor dargestellt, nach hinten wie vorn verschieben und zunehmend durchlässiger werden, ist auch die Lebensmitte mittlerweile nicht mehr auf stabile 40 oder 45 Jahre zu datieren. Lebenslanges Lernen z.B. weicht die Trennung von Ausbildungs- und Arbeitsjahren weiter auf (vgl. BLK 2004: 13). Ebenso variieren die Zeitpunkte von typischen Meilensteinen innerhalb eines Erwachsenenlebens, wie heiraten, Kinder bekommen, dauerhaften Wohnsitz einrichten, einen langfristigen Arbeitsplatz finden etc., stärker von Person zu Person (vgl. Cheng 2012: 135). Alle diese Tendenzen der Flexibilisierung der Lebensphasen sind laut Kohli seit den 1960er Jahren erkennbar (vgl. Kohli 1987: 434). Er bezeichnet dies als De-Institutionalisierung des Lebenslaufs (vgl. ebd.). Sie drückt sich vor allem darin aus, „dass immer mehr Menschen von der Normalbiographie abweichende Entscheidungen treffen, wenn sie mit Wendepunkten des Lebenslaufs konfrontiert werden. Die Geltung des Erwartungsrahmens, die von den entsprechenden gesellschaftlichen Institutionen gegeben wird, ist zunehmend schwächer.“ (Cheng 2012: 146) Diese Entwicklung ist im Kontext von Individualisierung und Globalisierung einzuordnen (vgl. Beck 2007; Kohli 1987; Cheng 2012). Einhergehend damit ist die Selbstökonomisierung des Lebens eines Individuums (vgl. Schöneck 2009: 106; Voß/Pongratz 1998): Ein „durchdachtes Lebenszeitmanagement wird zu einem lohnenswerten Vorhaben“ (Schöneck 2009: 105), das die verlängerte Lebenszeit optimal ausnutzen und mit maximalen Erlebnissen und Errungenschaften füllen soll.

Abschließend sei noch auf den Begriff der Generation verwiesen, der eine sozial konstruierte Einteilung von Gruppen darstellt, die sich an einem zeitlichem Faktor, dem Geburtsjahr, festmacht. Cheng definiert: „Unter ‚Generation’ versteht man zuerst eine Gruppe, die aus Individuen mit ähnlichem Lebensalter besteht.“ (Cheng 2012: 133) Eine Generation geht weiterhin auch auf andere Faktoren, wie verbindende Ereignisse und Erlebnisse zurück (vgl. ebd.) bzw. einen gemeinsamen historisch-sozialen Lebensraum (vgl. Mannheim 1964). Während in der Wissenschaft weitaus komplexere Gruppeneinteilungen wie Milieus oder Kohorten genutzt werden, ist der Generationenbegriff häufig Teil alltäglicher Diskurse. Aufgrund der simplen Bestimmung nur eines Faktors – der Zeit – ist die Einteilung in Generationen schlicht am unaufwändigsten und unstrittigsten (im Gegensatz z.B. zur Milieubestimmung, zu der es viele verschiedene Auffassungen und Messmethoden gibt). Dass die aus dem Geburtsjahr abgeleiteten Eigenschaften der jeweiligen Gruppe die Tendenz zur Verallgemeinerung haben, ist logisch und stets zu berücksichtigen.

Auf der der Alltagszeit herrschen ebenso klare Zeitregimes, die das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft koordinieren. Dazu gehört der Einteilung der Zeit in Jahre, Monate – zur Abstimmung mit der natürlichen Umwelt –, in Wochen und Tage –vor allem für arbeitsteilige Kooperationsprozesse wie Produktion und Handel –, bis hin zu den kleinteiligen Einheiten von Stunde, Minute und Sekunde – die gerade in hochentwickelten Produktionen, vor allem aber im zwischenmenschlichen und sozialen Zusammenleben von Menschen von Bedeutung sind. Alle diese Zeiteinheiten dienen der oben angesprochenen Aufgabe, das soziale Gefüge der Gesellschaft zu koordinieren und zu synchronisieren. Dazu bestehen – kulturell beeinflusst – verschiedene Zeitinstitutionen und Zeitnormen, die das Verhalten der Menschen bestimmen, es verzeitlichen.

Schöneck beschreibt Zeitinstitutionen als normierende, strukturkonservative Vorgaben, die das zeitliche Auftreten sozialer Ereignisse betreffen (vgl. Schöneck 2009: 35f.). Die Soziologin Andrea Maurer definiert Zeitinstitutionen als „umfassende zeitliche Verhaltensmuster ..., die feste Standards ausgebildet haben und die das Verhalten der Individuen nahezu unbemerkt beeinflußen […]: Weihnachten, Ostern, der Sonntag, Ferien, aber auch der Arbeitstag im Wechsel mit dem Feierabend und die Arbeitswoche abgerundet durch das Wochenende sind Zeitmarken, denen bestimmte Verhaltensweisen und Tätigkeiten zugeordnet sind, eben kulturelle Selbstverständlichkeiten, deren stille Zwänge meist nur bei Zuwiderhandeln zutage treten.“ (Maurer 1992b: 23) Auch Zeitnormen steuern das Verhalten der Menschen, allerdings wirken sie weniger statisch von außen. „Zu den drei wirkmächtigsten Zeitnormen der Gegenwartsgesellschaft zählen die Pünktlichkeit, die Norm des rationalen Umgangs mit Zeit sowie die leistungs- und zukunftsorientierte Haltung des Gratifikationsaufschubs mit der impliziten Ermahnung ‘work before play’ [...].“ (Schöneck 2009: 40) Wie alle Normen, sind diese Handlungsvorgaben kulturspezifisch. Während der Einzelne nur selten gegen Zeitinstitutionen verstoßen kann, sind die Zeitnormen viel leichter zu umgehen, allerdings hat dies meist soziale Auswirkungen: „Das Nichteinhalten zeitlicher Normen führt tendenziell zu einer Verknappung der Zeit auf Seiten wenigstens eines Akteurs, und es entstehen als negativ erlebte Phänomene wie etwa Zeitdruck, Stress, Wartenmüssen [sic!] und andere Synchronisationsprobleme.“ (ebd.: 39f.) Im Zuge der schon angesprochenen Individualisierung und globalisierten Wirtschaft befinden sich sowohl Zeitinstitutionen als auch Zeitnormen im Umbruch. Sie verlieren in Anbetracht internationaler Wirtschafts- und Sozialbeziehungen zunehmend an Bedeutung. Ahrens et al. konstatierten schon Mitte der 1990er Jahre: „Starre Zeitformen beginnen[,] sich zu verflüssigen, die Macht bisher geltender Zeitnormen und Zeitroutinen bricht.““ (Arens et al. 1994 zit. n. ebd.: 41)

Auf der Ebene der Alltagszeit bestimmt vor allem eine Dichotomie das Leben der Menschen: die Unterteilung in Arbeits- und Freizeit. Sie ist das maßgebliche Strukturprinzip einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der Menschen ihre Zeit verkaufen, um im Gegenzug Geld für Lebensmittel, Unterkunft, Luxusgüter etc. zu bekommen. Die Soziologin Ruth Simsa definiert Arbeitszeit deshalb als „Zeit, in der die Verfügungsgewalt über eigene Lebenszeit/Zeiteinteilung an andere abgegeben wird“ (Simsa 1996: 71). Dieses Erwerbssystem ist in der menschlichen Kulturgeschichte recht neu. Bis zur Industrialisierung versorgte sich die Mehrheit der Bevölkerung selbst bzw. stand im Dienste von (Lehns-)Herren. In beiden Fällen gab es keine festgelegte Arbeitszeit, ebenso wenig wie eine stundenweise Vergütung. Beginn und Ende der Arbeit wurde von der Tätigkeit selbst, vom Einfluss der Natur, durch das Erreichen körperlicher Grenzen oder der Willkür der Herren bestimmt. Mit der Definition von Arbeitszeit als vergütete Zeit wurde zudem das Verständnis des Gegenstücks geschaffen, der arbeitsfreien Zeit (vgl. Maurer 1992a: 153). Schöneck stellt in ihrer Dissertation zur Zeit von Erwerbstätigen fest: „Erst mit Aufkommen der Lohnarbeit im Rahmen des industriellen Zeitarrangements kam es zu einer heutzutage als Selbstverständlichkeit erlebten Trennung des Daseins in die beiden Zeitsegmente von Arbeit und Nicht-Arbeit“ (ebd.: 89).

Heute gilt eine fünftägige Arbeitswoche mit acht Arbeitsstunden pro Tag als Grundmuster.[53] Allerdings erlebt auch dieses Arrangement Veränderungen. Es kommt vermehrt zur Flexibilisierung von Arbeitszeit, wie sie Hielscher definiert als „die Variation der Dauer, der Lage und der Regelmäßigkeit der Arbeitszeiten gegenüber der Normalarbeitszeit.“ (Hielscher 2006: 78f.) In der Folge wird Arbeitszeit in abnehmendem Maße von außen vorgegeben, sondern soll nun z.T. selbst bestimmt werden (vgl. Cheng 2012: 126). Arbeitssoziologen bezeichnen diese Entwicklung als einen Prozess zunehmender „Entgrenzung von Arbeit“ (Kratzer 2003: 38ff., Voß 1998). [54] Ein für die Mehrheit geltendes System, wie das der 40-Stunden-Woche wird zugunsten dutzender möglicher Varianten flexibilisiert. Dies kann zu Gunsten des Arbeitnehmers geschehen, wenn ihm oder ihr durch Gleitzeit, vorübergehende Elternzeiten oder Home Office-Option z.B. die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert wird. In der Realwirtschaft ist die Aufhebung der Norm allerdings viel häufiger für den Arbeitgeber vorteilhaft, wenn durch Leiharbeit oder Kurzarbeit Arbeitskräfte flexibler ein- und ausgesetzt werden können. [55] In beiden Fällen verschwimmt die zuvor klare Grenze von Arbeit und Nicht-Arbeit, da kurzfristige Veränderungen im Zeitregime des Einzelnen auftreten. Diese ziehen eine weitere Individualisierung der Lebensprozesse nach sich und können zu Synchronisationsschwierigkeiten mit der Umgebung führen, da sich kollektive Rhythmen auflösen (vgl. Cheng 2012: 126; Schöneck 2009: 95). [56] Hinzu kommt die technisch vorangetriebene „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ (Gottschall/Voß 2003) durch private Internetanschlüsse, Smartphones etc., die Arbeitnehmern die Teilnahme an Arbeitskommunikation auch außerhalb der Kernarbeitszeiten ermöglichen bzw. aufzwingen (vgl. Haider/Mader 2014).[57] Egal ob die Arbeitszeitflexibilisierung freiwillig stattfindet oder vom Arbeitgeber verlangt wird – jede Aufweichung des klassischen Arbeitszeitregimes bringt einen steigenden Organisationsaufwand beim Arbeitnehmer mit sich. Dieser muss Wege finden, die jeweilige Arbeitszeit eigenverantwortlich zu bestimmen, zu koordinieren und mit seinen sozialen Kontakten in Einklang zu bringen. Soziologen und Psychologen konstatieren deshalb steigenden Arbeitsdruck, Stress und Überarbeitung, die nicht nur im viel beschworenen Burn-out-Syndrom ihren Ausdruck finden.[58] Schöneck bezeichnet den Arbeitnehmer in der Folge als „hochflexiblen Auftragnehmer“, der sich auszeichnet „durch ein hohes Maß an Selbst-Kontrolle, Selbst-Ökonomisierung und Selbst-Rationalisierung“ (Schöneck 2009: 96; Voß/Pongratz 1998).[59]

Auch das Verständnis von Freizeit durchläuft einen stetigen Veränderungsprozess. Grundlegend kann Freizeit nach einer weiten Begriffsdefinition als Zeit frei von Arbeit angesehen werden.[60] Dazu zählen dann aber auch Pflichtzeiten wie Kinderbetreuung und Hausarbeit, sodass nicht von einer uneingeschränkt freien Zeit gesprochen werden kann (vgl. Kratzer et al. 2005: 383f.). Ein engerer Freizeitbegriff dagegen „verweist auf die tatsächlich frei disponible Zeit, wie sie etwa für die Verfolgung privater Interessen oder die Ausübung von Hobbies genutzt werden kann.“ (Schöneck 2009: 97) Im Gegensatz zur Arbeitszeit zeichnet sich Freizeit aber in jedem Fall durch ein „hohes Maß an Selbstbestimmtheit und damit individueller zeitlicher Disponibilität aus“, wie es Schöneck formuliert (Schöneck 2009: 95). Wie schon im Bereich der Arbeitszeit und Lebenszeitgestaltung kommt es seit einigen Jahrzehnten verstärkt zu einer Umdeutung von Freizeit. Diese wird im Rahmen des Lebenszeitmanagements als wertvoll, unbedingt zu nutzende Zeit angesehen, als ein „zu absolvierendes Pensum“ (ebd.: 99). Da zudem Arbeits- und Freizeit, wie angesprochen, nicht mehr stets klar voneinander trennbar sind, erhöht sich der Erwartungsdruck noch zusätzlich. Schöneck spricht von entstehenden „virulenten Zeitkonflikten“ (ebd.: 101), die sich aus der Überlappung beider Phasen sowie aus einem gesteigerten Optimierungswillen ergibt.

3.2.3 Beschleunigung & Tempo-Virus

„Am Anfang war die Langsamkeit“, so beginnt Peter Borscheid seine Ausführungen zum Tempo-Virus (Borscheid 2004: 7). In dem Buch erläutert der Historiker die Entwicklung der Zeit über die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte hinweg. Die Langsamkeit am Anfang bezieht sich auf die bis zum späten Mittelalter vorherrschende Agrargesellschaft. Als Startphase der Beschleunigung bestimmt Borscheid die Zeit von 1450 bis um 1800 (vgl. ebd.: 5). Schrittweise bildeten sich neben einer weit verstreuten Landbevölkerung Städte heraus, die zu wirtschaftlichen, militärischen und politischen Zentren wurden und schließlich im Rahmen der Industrialisierung einen weiteren enormen wirtschaftlichen Schub bekamen. Heuwinkel erklärt: „Mit dem Städtewachstum wurde eine bessere Koordinierung des Alltags- und insbesondere des Wirtschaftslebens unumgänglich. Im Zuge der sich verändernden Wirtschaftsstrukturen entwickelten sich in den Städten neue Formen des Handels.“ (Heuwinkel 2004: 33) Dieser Handel erforderte Koordination auf einer neuen, nie zuvor so komplexen Ebene. So sind Stadtentwicklung und überregionaler Handel Wurzeln der Beschleunigung. Während die Dorfbewohner noch weitgehend vom natürlichen Rhythmus abhingen, emanzipierten sich Städter in ihrer Zeitplanung zunehmend von exogenen Faktoren: „Die Städter leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Übergang vom Natur- zum Kulturzustand.“ (ebd.: 33) Schöneck bezeichnet dies als Denaturierungsprozess (vgl. Schöneck 2009: 42).

Der französische Philosoph Paul Virilio weist zudem daraufhin, dass vor allem die Überwindung der räumlichen Strecken zwischen den Städten, Grund für steigende Geschwindigkeit waren (vgl. Virilio 1993: 19; Heuwinkel 2004: 33). Für ein Funktionieren der zunehmend komplexer werdenden wirtschaftlichen und politischen Systeme mussten immer größere Distanzen möglichst schnell überwunden werden. Dies wurde mit technischen Entwicklungen, z.B. Postkutschen, Eisenbahnen, Telegraphen- und Funknetzen und zuletzt dem globalen World Wide Web erreicht. Mit jeder Erfindung wurde der Transport von Waren oder Informationen beschleunigt, wurde der Weg zwischen zwei Punkten zeitlich verkürzt. Marx prägte in seinen Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie das viel zitierte Schlagwort der Vernichtung des Raumes (vgl. Tomlinson 2013: 3). Der Geograph David Harvey erkennt eine time-space compression (vgl. Sheppard 2008: 137; Jessop 2008: 147ff.), der Philosoph Zygmunt Bauman die „emancipation of time from space“ (Bauman 2013: 112). Und der Soziologe Anthony Giddens spricht mit Blick auf die Mediatisierung und Globalisierung in der Postmoderne von einer „Entbettung von Raum und Zeit“ (vgl. Rosa 2013: 123),[61] da beide Größen nicht länger in einem festen Verhältnis stehen und auch soziale Beziehungen zunehmend örtlich auseinanderdriften, während Kommunikationsmittel sie zeitlich beieinander halten. Theoretiker der 1990er Jahre beschrieben eine „Relevanzverschiebung des Raum/Zeit-Verhältnisses, und zwar vom Primat des Raums zum Primat der Zeit. Territorialität wird durch Temporalität ersetzt, die chronografische beerbt die geografische Ordnung […].“ (Schöneck 2009: 43)[62] Doch die Entwicklung geht noch weiter: Mit Aufkommen des Internets, das globale Kommunikation in Echtzeit ermöglicht, sprechen Sozialforscher nun vom Verschwinden der Zeit. Der spanische Soziologe Manuel Castells nennt die globale Netzwerkgesellschaft „ein Universum des Für Immer“ und deren Zeit eine „zeitlose Zeit“ (Castells 2001: 489). Der Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler stellt fest: „Die Zeit hat ihren Ort und der Ort hat seine Zeit verloren.“ (Geißler 2004: 7) Nick Osbaldiston ergänzt angelehnt an andere Geschwindigkeitsso-ziologen: “It is not just a ‘culture of speed’ that we live in, but a ‘culture of immediacy’ wherein the gap of time and space is not simply compressed but completely transcended“ (Osbaldiston 2013: 2). [63]

Als Hauptursache für die stetig wachsende Geschwindigkeit der Gesellschaft gilt das kapitalistische Wirtschaftssystem, das nach Borscheid mit dem enormen Wachstum in der zweiten Hälfte des 20. Jhd. „den idealen Nährboden für die rasche und endgültige Ausbreitung des Beschleunigungsvirus bis hinein in entlegene Ecken der industrialisierten Welt“ geschaffen hat (Borscheid 2004: 345). Borscheid erläutert weiter: „Mit dem wirtschaftlichen Wachstum dringen die mentalen, sozialen und technologischen Formen der Beschleunigung immer tiefer und nachhaltiger in alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft vor und erzeugen einen »dromologischen Rausch« (Paul Virilio).” (ebd.) Schon Marx prognostizierte, dass Marktwirtschaft den Raum überwinden und die Geschwindigkeit von Gütern erhöhen würde (vgl. Tomlinson 2007: 5).[64] Im fordistischen Produktionssystem der Industrialisierung wurde Arbeitszeit erstmals standardisiert und im Folgenden zur maximalen Effektivität getrieben (vgl. Cheng 2012: 36). [65] Im nächsten Schritt, dem sogenannten Postfordismus, wird zum Ende des 20. Jahrhunderts dann Flexibilität[66] zum Kernideal erhoben (vgl. ebd.): Zum einen übernehmen nun viele kleine Betriebe mit flexibler Spezialisierung den Markt. Sie stellen „instabile, veränderliche und flüchtigere Formen der Produktion“ dar (vgl. ebd.: 37) und bringen ein neues Arbeitszeitregime mit immer mehr atypischen Arbeitszeiten und Beschäftigungsverhältnissen mit sich. Zum anderen verschiebt sich „der Fokus vom Industrie- zum Dienstleistungssektor“, eine „globale Reorganisation der Finanzsysteme [setzt] ein [und] staatliche Regulation wird durch globale Deregulation ersetzt.“ (Cheng 2012: 37) Alle diese Veränderungen bedeuten eine Beschleunigung des Wirtschaftssystems. Dies drückt sich auch in einer Neubewertung von Geschwindigkeit als Qualitätsmerkmal aus, was wiederum eine ständige Verkürzung von Produktionslebenszyklen zur Folge hat (vgl. Heuwinkel 2004: 34) Dabei fungieren neue technische Entwicklungen als Akzeleratoren – oder nach Götze als Zeitvernichtungsfelder (vgl. Götze 2004: 263) [67] – da sie schnellere Produktionen ermöglichen, gleichzeitig aber auch schnellere Prozesse oder komplexere Technologien einfordern.

[...]


[1] Schreibweisen der alten deutschen Rechtschreibung wurden nicht angemerkt, da dies aufgrund der Vielzahl von Titeln, die vor den Rechtschreibreformen 1996, 2004 und 2006 erschienen sind, den Rahmen sprengen und die Lesbarkeit der Zitate stark behindern würde.

[2] Das Mädchen Momo kommt am Ende des Buches übrigens zu dem weisen Schluss: „Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, umso weniger hatten sie.“ (Ende 1973: 72)

[3] Titel werden im Text stets mit Kapitälchen markiert und Fachbegriffe bei der ersten Nennung kursiv gedruckt.

[4] „Zeit ist ein Phänomen, das die Menschen während ihres gesamten Lebens begleitet. Sie ist – neben dem Raum – Grundbedingung allen Lebens und die wertvollste Ressource des Menschen. Ein Leben ohne Zeit ist schlechterdings nicht vorstellbar.“ (Heuwinkel 2004: 33)

[5] „Die absolute, wahre mathematische Zeit fließt gleichmäßig an sich und ihrer Natur nach, ohne Beziehung auf irgend etwas Äußerliches. Sie wird mit einem anderen Ausdruck als »Dauer« bezeichnet: relativ, augenscheinlich und gewöhnlich ist »ihr« beliebiges, sinnliches und durch Bewegung gegebenes äußeres Maß (sei es nun exakt oder ungleichmäßig), das man gewöhnlich anstelle der wahren Zeit verwendet; wie z.B. die Stunde, der Tag, der Monat, das Jahr.“ (Newton zit. n. Cramer 1996: 37)

[6] „Die soziale Zeit ist das Geschehen der Verflechtung von Handlungen verschiedener Akteure. Deswegen ist sie keine quantitative, physikalische bzw. psychologische und dreidimensionale (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft), sondern eine qualitative, handlungs- bzw. lebensführungsbezogene und zwischenmenschliche Zeit.“ (Cheng 2012: 75)

[7] „Die Kinematographie spaltet ihre Identität somit in die eine Welt, in der sie existiert, und die andere, die sie gebiert – und bringt so eine filmische Zeit hervor, die selbst in der Zeit ist.“ (Aab 2013: 161)

[8] Aus Gründen der Lesbarkeit werden – wenn nicht durch neutrale Begriffe wie Mensch oder Individuum zu umgehen – nur die männlichen Bezeichnungen verwendet, in jedem Fall sind jedoch stets auch weibliche Personen inbegriffen.

[9] So haben sich ganze Forschungszweige herausgebildet, die Film mit anderen Disziplinen verbinden: Schon 1914 veröffentlichte Emilie Altenloh eine Studie Zur Soziologie des Kino (vgl. Filk/Ruchatz 2007). Die heutige Medien- und Filmsoziologie betrachtet Film nicht nur als soziales Konstrukt und Kommunikationsmittel, wie in Kapitel 3.4 kurz erläutert, sondern untersucht Filmerzählungen auch konkret auf die Darstellung soziologischer Kategorien wie Milieu oder Globalisierung – wie im umfangreichen Sammelband Perspektiven der Filmsoziologie (vgl. Heinze/Moebius/Reicher 2012). Auch die Psychologie beschäftigt sich stellenweise mit dem Medium Film, z.B. in der kognitiven Filmpsychologie, die sich vorrangig mit dem Wahrnehmungsprozess beschäftigt (vgl. Leuterer 2000). Aber auch mit Blick auf Affekte, Emotionsdarstellung und Krankheitsbilder, wie im Sammelband von Jan Sellmer (vgl. Sellmer 2002), sowie der Repräsentation von Stereotypen und deren Ausdruck des inneren Seelenlebens (vgl. Wuss 1993: 159ff.).

[10] Zu diesem Ergebnis kommt Steininger nach einer eingehenden Meta-Analyse der wissenschaftlichen Diskurse zur Zeit in zehn verschiedenen Disziplinen, u.a. Physik, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und Medienwissenschaft (vgl. Steininger 2002). Er stellt abschließend fest: „Zeit ist eine kulturabhängige Variable.“ (ebd.).

[11] Im Gabler Wirtschaftslexikon findet sich folgende Beschreibung des Fachs: „Soziologie ist eine empirische Wissenschaft, die sich auf die Struktur und Funktionsweise von Gesellschaften und das Handeln von Individuen in sozialen Kontexten richtet. Begründet wurde sie von Comte (1798–1857), der sie als „soziale Physik“ bezeichnete. […] Die Soziologie richtet sich u.a. auf die Erforschung sozialen Wandels und der sozialen Ungleichheit, der sozialen Integration, von sozialen Institutionen und Interaktionsprozessen, ferner in zahlreichen Teilgebieten u.a. der Familie, Jugend, Wirtschaft und Betrieb, abweichenden Verhalten, Stadt und Massenkommunikation.“ (Springer Gabler Verlag s.d.)

[12] Weiter erklärt Maier: „Historisch reichen die Wurzeln der Psychologie bis in die Antike (Aristoteles: „Von der Seele“) zurück und finden sich v.a. in der Philosophie und in der Theologie. Als moderne Erfahrungswissenschaft formierte sich die Psychologie in der Mitte des 19. Jh. primär als eine Naturwissenschaft. […] Die Professionalisierung der Psychologie erfolgte in der Mitte des 20. Jh. […].“ (Maier s.d.)

[13] Im Metzler Lexikon wird Filmwissenschaft folgendermaßen beschrieben: „Die F. versteht sich als eine Kulturwissenschaft, die sich mit hermeneutischer Methode dem internationalen Spiel- und Dokumentarfilm als Kunstwerk nähert. […] Im Studium dieser Disziplin sollen umfassende Kenntnisse der Film- und Fernsehgeschichte im soziokulturellen Kontext der jeweiligen ästhetischen Strukturen von Film und Fernsehen, der Filmtheorie, der journalistischen Filmkritik sowie der wissenschaftlichen Interpretationsmethoden vermittelt werden.“ (Stiglegger 2002: 115)

[14] Ähnlich argumentiert Anke-Marie Lohmeier in ihrer Habilitationsschrift, wenn sie den „Film als Rede“ definiert, als Voraussetzung für ihre hermeneutische Filmtheorie (vgl. Lohmeier 1996: 1ff.).

[15] Lohmeier argumentiert, dass es einen „Mangel an Methoden einer das Verstehen von Filmen begründeten Filmanalyse und Filminterpretation“ gäbe (Lohmeier 1996: XIII). Dies nimmt sie als Begründung für die Ausarbeitung einer „historisch-hermeneutischen Theorie des Films“ (ebd.: XX).

[16] Der Begriff ist abgeleitet vom griechischen „hermeneuein“ für deuten oder interpretieren (vgl. Ramberg/Gjesdal 2014).

[17] Schleiermacher stellt fest, dass man seine Gedanken nur ausdrücken kann, wenn es dafür sprachliche Entsprechungen gibt. Demnach hat jede „Rede eine zwiefache Beziehung“ (Schleiermacher zit. n. Detering 2003: 1), zum einen die zur Gesamtheit der Sprache, zum anderen zu den Gedanken des Sprechers (vgl. ebd.) „Hiernach ist jeder Mensch auf der einen Seite ein Ort, in welchem sich eine gegebene Sprache auf eine eigentümliche Weise gestaltet, und seine Rede ist nur zu verstehen aus der Totalität der Sprache. Dann aber ist er auch ein sich stetig entwickelnder Geist, und seine Rede ist nur [vorhanden] als eine Tatsache [ein actus] von diesem.“ (Schleiermacher zit. n. ebd.)

[18] Hickethier verweist noch einmal gesondert darauf, dass filmische Narration stets eine „Verbindung von Dramaturgie, Erzählstrategien und Montage“ ist. „Sie bedienen sich aller Mitteilungsebenen des Films, die in der Herstellung von Bedeutungen unterschiedlich dominant werden können. Sie aktivieren diese in oft raschem Wechsel und stellen Korrespondenzen zwischen den verschiedenen Ebenen her, vom Dramaturgischen auf der Ebene der Figuren und ihrer Handlungen, in den Konstellationen und Konflikten zu den Dingen der Umgebung, von der Ebene der Sprache zu der des Bildes, von der der Blickkonstruktionen zur Musik usf.“ (Hickethier 2007: 159)

[19] Die Drehbücher der ersten zwei Filme wurden 2005 als Sammelband bei Vintage Books veröffentlicht. Das Drehbuch zu Before Midnight wurde offiziell von Sony zum kostenlosen Download gestellt (siehe Quellenverzeichnis). Die Drehbücher werden zu Anfang der Analyse auf ihre Übereinstimmung mit den Filmen überprüft. Grobe Abweichungen, wie gestrichene Szene, werden im Anhang A festgehalten und aus der Analyse ausgeschlossen.

[20] Nina Pauer von der Zeit bezeichnete die Filme z.B. als „Kino-Langzeitstudie eines Paares“ (Pauer 2013).

[21] In der Episode liegen Céline und Jesse im Bett und unterhalten sich. Dies schließt an das Ende von Before Sunrise an, Gespräche vom Treffen in Wien werden zitiert. Der zweite Teil Before Sunset macht allerdings deutlich, dass es nie zu diesem Wiedersehen gekommen ist und deshalb keine Beziehung zwischen den beiden bestand – bis sie sich neun Jahre später in Paris wiedertrafen.

[22] Die ersten zwei Before ...-Filme z.B. hatten jeweils ein Budget von 2,5 bzw. 2,7 Millionen Dollars (vgl. Bozelka 2008: 53)

[23] In weiteren Rollen sind Patricia Arquette und Ethan Hawke als Masons Eltern sowie Linklaters Tochter Lorelei als Masons Schwester Samantha zu sehen. Linklater erhielt für Boyhood bei der Berlinale 2014 den Silbernen Bären für die Beste Regie (vgl. Internationale Filmfestspiele 2014: 2) sowie 2015 Golden Globes für den Besten Film (Drama) und die Beste Regie (vgl. Hollywood Foreign Press Association 2015). Darüber hinaus gewann die Schauspielerin Patricia Arquette den Golden Globe für die Beste Nebenrolle (vgl. Hollywood Foreign Press Association 2015).

[24] In einem Interview bestätigte Julie Delpy die enge Verbindung mit ihrer Figur: „Es war schon ein bisschen gruselig. Genauso wie Céline bin ich ja auch selbst älter geworden. Wenn man sich wieder mit der Rolle beschäftigt, begegnet man also nicht nur der Leinwandfigur von damals, sondern auch ein wenig seinem früheren Ich.“ (Relotius 2013)

[25] Dazu gehören der alte Schriftsteller Patrick, seine verwitwete Freundin Natalia, das Ehepaar Stephanos und Ariadne (etwa im gleichen Alter wie Jesse und Céline) und das junge Paar Achilles und Anna.

[26] Für einen ausführlichen Überblick über die frühe Theoriegeschichte der Zeit siehe Dux 1992, Cramer 1996, Hawking 2007, Gloy 2008 und Nassehi 2008.

[27] Vollständig lautet das überlieferte Zitat: „Kein Mann steigt jemals zweimal in denselben Fluss, denn es ist nicht mehr derselbe Fluss und es ist nicht mehr derselbe Mann.“ (Heraklit zit. n. Zimbardo/Boyd 2009: 8) Diese Vorstellung drückt auch ein weiterer Ausspruch Heraklits aus: „Nichts hat Bestand außer dem Wandel.“ (Heraklit zit. n. ebd.: 53)

[28] In der Memoria-Lehre argumentiert Augustinus „daß die Memoria, das Gedächtnis, als Grundvermögen des Menschen in der Lage ist, Gegenwarten, also reale Ereignisse zu speichern und im Bewußtsein in neuen Gegenwarten zu erinnern.“ (Nassehi 2008: 50). Damit wird die Differenz von Nicht-mehr-Sein und Jetzt-Sein im Individuum selbst überbrückt, die Gegenwart wird im Bewusstsein ausgedehnt (vgl. ebd.).

[29] Als Gegenstück zur Memoria definiert Augustinus Expectatio, welche die Vorwegnahme der Zukunft beschreibt, als weitere Fähigkeit der Seele. Gleichbedeutend mit Erinnerung gilt ihm dieses Vorgefühl auf die Zukunft. So erklärt er das Handeln von Propheten der Kirchengeschichte (vgl. Nassehi 2008: 51).

[30] Im Rahmen der Aufklärung begann im 17. Jhd. ein Umdenken mit Blick auf Naturerscheinungen. Die Etablierung einer einflussreichen Gruppe von Intellektuellen aus bürgerlichen und adligen Schichten führte zur Ausprägung verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen und einem Boom an neuen Erkenntnissen und Veröffentlichungen. „Die Veränderungen betreffen die Institutionen des gelehrten Wissens, die gelehrte Praxis selbst, die Erweiterung des Disziplinkanons und schließlich die theoretische Reflexion der Formen des Wissenserwerbs.“ (Meyer 2010: 155) Diese Entwicklung gipfelte im 18. und 19. Jhd. in unzählige Erfindungen und Entdeckungen und der industriellen Revolution.

[31] In ihrer Philosophiegeschichte der Zeit gibt Gloy dafür folgende Begründung wider: „[D]enn wo immer Zeit erfahren und begriffen wird, bedarf es einer Projektion auf den Raum, und wo immer Raum erfahren und durchmessen wird, wird auch Zeit durchmessen.“ (Gloy 2008: 10) Schon Aristoteles hatte auf dieses Verhältnis hingewiesen, als er meinte: „In einer bestimmten Zeit wird stets ein bestimmtes Raumstück durchlaufen, und umgekehrt setzt die Durchquerung eines bestimmten Raumstückes eine bestimmte Zahl voraus, so daß hier ein Wechselverhältnis besteht.“ (Aristoteles zit. n. Gloy 2008: 10) Auch wurde und werden im Alltag nicht selten beide Größen äquivalent zur Bestimmung von Entfernungen verwendet, wenn ein Weg z.B. entweder in Kilometern oder Minuten angegeben wird.

[32] Vgl. Kapitel 3.3.1.

[33] Die Phänomenologie ist eine von Husserl begründete philosophische Strömung, die den Ursprung jeglicher Erkenntnisgewinnung in der Beobachtung unmittelbar gegebener Erscheinungen, sogenannter Phänomene, sieht. Über die Zeit äußerte sich Husserl speziell in den Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins 1905 (vgl. Husserl 1928).

[34] Auch Nassehi argumentiert z.B., Zeit lasse sich nicht ohne Referenz auf sich selbst beschreiben: „Ist die Unmöglichkeit der paradoxiefreien Beschreibung der Zeit zunächst eingesehen, bleibt noch einmal zu betonen, daß eine detranszendentalisierte Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins selbst auch noch einen blinden Fleck aufweist, nämlich die im Vertraut-Sein-mit-sich-selbst fundierte Selbstgegenwart in der Zeit.“ (Nassehi 2008: 80)

[35] Weiterhin wird auch noch eine C-Reihe formuliert, die allerdings in der Zeitforschung wenig beachtet wird, da sie per definitionem atemporal und ewig stabil ist (vgl. McTaggert 1908).

[36] Hawking definiert ein physikalisches Ereignis als „etwas, das an einem bestimmten Punkt im Raum und zu einer bestimmten Zeit geschieht.“ (Hawking 2007: 38) Im Gegensatz zum Alltagsbegriff ist ein Ereignis in der Physik also nicht zwangsweise mit qualitativen Merkmalen, wie z.B. Relevanz, behaftet.

[37] Fernab von physikalischen Formeln stellt Einstein philosophisch fest: „Actually time and space are modes by which we think and not conditions in which we live.“ (Einstein zit. n. Götze 2004: 271)

[38] Der Begriff des Schwarzen Lochs wurde 1969 von dem Wissenschaftler John Wheeler geprägt (vgl. Hawking 2007: 104). Cramer bezeichnet Schwarze Löcher als „geronnene Zeit“ (Cramer 1996: 151). In einem Schwarzen Loch kommt das Licht aufgrund einer sehr starken Gravitation nicht mehr voran. Da es sich aber nie langsamer als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, wird es soweit gekrümmt und in sich zurückgekrümmt, bis es dem Gravitationsfeld nicht mehr zu entweichen vermag. Dies bedeutet das Ende der Zeit (vgl. Hawking 2007: 110ff.; Cramer 1997: 151ff.).

[39] Bis heute teilen viele theoretische Physiker diese Auffassung und erklären den Urknall zum Beginn der Zeit, mit dem einfachen Verweis darauf, dass alle physikalischen Gesetze vorher keine Gültigkeit besaßen und somit keine Aussagen über den Zustand und das Vorhandensein von Zeit getroffen werden können (vgl. Hawking 2007: 144f.).

[40] Die Unschärferelation ist ein Phänomen, das 1927 von Werner Heisenberg als Teil der Quantenmechanik beschrieben wurde. Es besagt, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens, z.B. Ort und Impuls, nie genau bestimmt werden können, denn „[j]e genauer man die Position des Teilchens zu messen versucht, desto ungenauer läßt sich seine Geschwindigkeit messen und umgekehrt.“ (Hawking 2007: 75)

[41] Nach Nassehi machen diese beiden Merkmale, das Unterschiedliche und die Abwesenheit, die Gesellschaft zu einem von Fremdheit dominierten System, das gerade deshalb erst für zahlenmäßig große Zusammenschlüsse geeignet ist (vgl. Nassehi 2011: 106ff.).

[42] Man verlässt sich z.B. auf das System des Rechtsstaates, ohne selbst juristisches Wissen zu haben. Man braucht kein Chemiker zu sein, um Medikamente einzukaufen. Ebenso interagiert man im Supermarkt, ohne den Namen der Verkäuferin zu kennen und setzt sich vertrauensvoll in ein Taxi in der Annahme am richtigen Ort abgesetzt zu werden.

[43] Ein Beispiel dafür ist Barbara Adams kulturanthropologische Auseinandersetzung mit Zeit: „Time is about god and the universe, life and death, knowledge practices and the human condition. The relationship to time is at the very root of what makes us human.“ (Adam 2006: 119) Weiterhin gibt es in der Soziologie ein eigenes Forschungsfeld, die Zeitsoziologie, denn nach der Berliner Soziologie-Professorin Nina Baur „ist [es] gar nicht möglich, Menschsein oder Gesellschaftlichkeit ohne Zeit zu denken. Damit ist Soziologie auch ohne die Kategorie ‚Zeit‘ nicht denkbar.“ (Baur 2005: 13).

[44] Durkheim bezeichnete die gesellschaftliche Ordnung als cadre: „Die Gesellschaft ist eine Organisation, deren Bewußtsein alles individuelle Leben übersteigt; sie zwingt den einzelnen den Rahmen der kategorialen Formen (cadre) auf, und stellt ihnen so die intellektuellen und moralischen Mittel der Lebensführung zu Verfügung […].“ (Dux 1992: 73)

[45] Cheng folgt hier Webers Begriff des Handelns: „‚Handeln‘ soll [...] ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und darin in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Weber 1964 zit. n. Cheng 2012: 70) Mit Nowotny lässt sich ergänzen: „Jede Handlung, jede ‚Operation’ im systemtheoretischen Sinn, braucht Zeit und läßt Zeit vergehen.“ (Nowotny 1992: 18)

[46] Dazu gehört auch die Dichotomie von zyklischer gegenüber linearer Zeit (vgl. Kapitel 3.1). Kant hielt fest, dass die antiken Griechen Zeit vorrangig zyklisch, Christen und Juden dagegen antizyklisch, also linear, dachten (vgl. Götze 2004: 269). Zyklisches Zeitbewusstsein wird von den Rhythmen der Natur geleitet und war deshalb konstituierend für alle Agrargesellschaften (vgl. Heuwinkel 2004: 35). Heute gibt es nur noch wenige Kulturen und Gruppen, die einem zyklischen Zeitverständnis folgen, die moderne Zeitstruktur der globalisierten Welt ist der Linearität verpflichtet (vgl. Götze 2004: 270), da im Fortschritt das Ideal einer Gesellschaft gesehen wird (vgl. Heuwinkel 2004: 36).

[47] Die ersten Uhren wurden im späten 13. Jhd. in Europa entwickelt (vgl. Heuwinkel 2004: 36; Cheng 2012: 105f.). Diese Räderuhren waren noch reichlich ungenau, dafür aber unabhängig von Naturumständen, im Gegensatz z.B. zu Sonnenuhren. In den kommenden Jahrhunderten wurden Uhren zunehmend zu Statussymbolen, fanden ab Ende des 18. Jhd. Eingang in Privathaushalte und wurden mit der Verkleinerung zur Taschen- bzw. Armbanduhr im späten 19. Jhd. endgültig massentauglich (vgl. ebd.: 37). Die Erfindung der Quarzuhr 1929 bedeutete einen technologischen Sprung, der endlich eine genaue Zeitmessung trotz kleiner und erschwinglicher Instrumente versprach (vgl. ebd.). Heute werden für die Zeitmessung in den zuständigen nationalen und internationalen Zeitinstituten Cäsium-133-Atome eingesetzt, die in einer Sekunde 9.192.631.770 Mal schwingen. Die Cäsiumfontäne 1 in der Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig, die neuste Atomuhr mit diesem Atom, wird erst in etwa 40 Millionen Jahren eine Sekunde falsch gehen (vgl. PTB 2013; Schulz/Weiß 2011: 36ff.)

[48] Die GMT wurde 1972 durch die bis heute gültige Coordinated Universal Time (UTC) abgelöst (vgl. Cheng 2012: 107).

[49] Nassehi baut seine Zeittheorie auf Luhmanns Theorie autopoietischer sozialer Systeme auf (vgl. Nassehi 2008: 231ff.; Luhmann 1984) und zitiert: Die moderne Gesellschaftsordnung „erfordert ein hohes Maß an Ausdifferenzierung und funktionaler Autonomie der Teilsysteme, verzichtet auf eine starre Regulierung des Verhältnisses dieser Systeme zueinander, ersetzt also generell Intersystembeziehungen durch System/Umwelt-Beziehungen, also ,strict coupling‘ durch ,loose coupling‘.“ (Luhmann 1987 zit. n. Nassehi 2008: 305) Eben diese Bedingungen für die Verbindung und Koordination gesellschaftlicher Teilsysteme sieht Nassehi auch auf die Zeit übertragen.

[50] Das soziologische Konzept der Standardbiographie oder auch Normalbiographie wird vor allem in der speziellen Wissenschaft der Biographieforschung verwendet. Zu deren Aufgabenstellungen und Forschungsmethoden siehe Fuchs-Heinritz 2010, Sackmann 2007 und Born/Krüger 2001 und zur Soziologie des Lebenslaufs siehe Kohli 1985; 1987.

[51] Einher mit dieser Vorstellung von Kindheit geht laut Schweizer die Auffassung, dass „Menschen in dieser Phase hilflos, abhängig von Erwachsenen, natürlich, stark lernfähig, hoffnungsvoll usw. sind“ (Schweizer 2007: 19).

[52] Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen in Deutschland lag 2012 bei 80,89 Jahren) im Vergleich zu 69,31 Jahren 1960. Das sind mehr als zwei Jahre Zuwachs pro Jahrzehnt (vgl. World Bank 2015).

[53] Dieser Normalarbeitstag wurde in Deutschland zum ersten Mal 1918 gesetzlich festgeschrieben (vgl. Maurer 1992a).

[54] Kratzer und einige weitere Soziologen verweisen darauf, dass Arbeitszeitflexibilisierung zudem ein Ausdruck von Individualisierung und Subjektivierung in der Gesellschaft ist (Schöneck 2009: 95; Kratzer 2003: 59f.; Voß 1993: 108).

[55] Flexibilität ist mit den Worten Harveys ein „postfordistisches Kernideal“ und demnach aktuellen kapitalistischen Wirtschaftssystemen erstrebenswert (vgl. Harvey 2011: 117).

[56] Der Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler konstatiert: „Es steigt die Anzahl kurzfristiger Dispositionen. [...] Der Aufwand an zusätzlichen Orientierungsleistungen und an dauerhaften Strukturierungs- und Koordinationsaufgaben wird größer. Zwar lässt sich dieser wiederum mittels neuer Technologien teilweise abfedern, zu einem immer größer werdenden Teil muss er dennoch von den Gruppen- und Familienmitgliedern selbst erbracht werden.“ (Geißler 2004: 9) Probleme treten z.B. auf, wenn Eltern solch ungewöhnliche Arbeitszeiten haben, dass Kindergarten und Schule nicht zur Betreuung zur Verfügung stehen oder ein Partner sich auf die variierenden Zeiten des anderen einstellen muss.

[57] Die Freiburger Soziologen Pangert und Schüpbach fanden in einer Meta-Studie viele Beispiele für Arbeitskommunikation außerhalb der Arbeitszeiten: So gaben in einer Bitcom-Studie 29% der Befragten an, immer für Arbeitskontakte erreichbar zu sein, weitere 37% unter der Woche abends. Der AOK bestätigten 34% der Befragten, dass sie außerhalb ihrer Arbeitszeit Mail- oder Telefonkontakt zum Arbeitgeber halten. Die beiden Forscher konstatierten: „Je ausgeprägter die arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit, desto eher berichten die Beschäftigten von Stress, Burnout und Nicht-Abschalten nach der Arbeit“ (Pangert/Schüpbach 2013 zit. n. Anonym 2013: 7).

[58] Die Diagnose „Burn-out“ bezeichnet ein „Syndrom mit den Hauptsymptomen emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und verminderte Leistungsfähigkeit. Einstellungs- und Verhaltenssymptome sind negative Einstellungen, Ermüdung, Frustration, Hilflosigkeit und Zurückgezogenheit. Burn-out ist Resultat eines Prozesses, bei dem Arbeitsbelastungen, Stress und psychische Anpassung miteinander einhergehen.“ (Starke-Perschke et al. 2001: 87)

[59] Der Soziologe Richard Sennett widmet einen ausführlichen Essay diesem Thema: Unter dem Titel Der Flexible Mensch untersucht der die persönlichen Auswirkungen der modernen Wirtschaft, die er passend „flexiblen Kapitalismus“ nennt, auf die Menschen (vgl. Sennett 2006: 13)

[60] Die letzte Erhebung zur Zeitverwendung in Deutschland 2001/2002 ergab, dass jeder Deutsche bzw. jede Deutsche ab zehn Jahren durchschnittlich „3,5 Stunden mit unbezahlter Arbeit in Familie, Haushalt und Ehrenamt [verbringt]. Demgegenüber beträgt die durchschnittlich mit Erwerbsarbeit (inklusive berufsbezogene Bildung, Arbeitssuche und Wegezeiten) verbrachte Zeit lediglich 3 Stunden. Ein gutes Drittel der täglichen 24 Stunden verschläft der statistische Durchschnittsmensch. Rund zweidreiviertel Stunden benötigen er oder sie für Tätigkeiten wie Anziehen, Körperpflege und Essen. Und ein Viertel des Tages, das sind sechs Stunden, wird Freizeitaktivitäten gewidmet.“ (Pinl 2004: 20f.)

[61] Geißler erläutert Giddens Begriff der Entbettung: „Er kennzeichnet damit das Herausheben sozialer Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihre unbegrenzte, Raum-Zeit-Spannungen übergreifende Umstrukturierung. Dies führt, so Giddens, zu jener Form der Globalisierung, die sich als „Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen“ darstellt […]. Die Medien- und die Informationstechnologie und deren rasante Verbreitung haben ihn [den Raum, Anm. d. A.] verflüssigt, entmaterialisiert und virtualisiert.“ (Geißler 2007: 34)

[62] Der Globalisierungsforscher John Tomlinson fasst den Diskurs zu diesem meist unter dem Schlagwort Globalisierung betrachteten Phänomen folgendermaßen zusammen: “At another level of analysis connectivity shades into the idea of spatial proximity via the idea of the ‘stretching’ of social relations across distance (Giddens 1990, 1994a, b). The discourse of globalization is replete with metaphors of global proximity, of a ‘shrinking world’: from Marshall McLuhan’s famous ‘global village’ to the United Nations’ recent coining of the term ‘Our Global Neighbourhood’ to describe an emerging world-political context.” (Tomlinson 2013: 3)

[63] Tomlinson erklärt Unmittelbarkeit (immediacy) gar zum Grundprinzip moderner Gesellschaften: “[The] principle of 'immediacy' as an emergent cultural principle of contemporary globalized and telemediated societies that grows out of the general acceleration of practices, processes and experience associated with the institutional and technological bases of modernity [...]” (Tomlinson 2013: 10).

[64] “Thus whilst capital must on the one side strive to tear down every spacial barrier to intercourse, i.e. to exchange, and to conquer the whole earth for its market, it strives on the other side to annihilate this space with time, i.e. to reduce to a minimum the time spent in motion from one place to another.” (Marx zit. n. Tomlinson 2007: 5f.)

[65] In diesem Zusammenhang berühmt geworden sind die Aussagen zweier amerikanischer Präsidenten: „Benjamin Franklin famously proclaimed time to be money. [...] John Fitzgerald Kennedy could advise his fellow Americans in 1961 that ‚We must use time as a tool, not as a couch.‘“ (Bauman 2013: 112)

[66] In seiner ursprünglichen Bedeutung – dass ein Baum sich im Wind biegen kann, dann aber zu seiner ursprünglichen Form zurückkehrt – wurde das Wort Flexibilität im 15. Jhd. Teil des englischen Wortschatzes (vgl. Sennett 2006: 57). Der Begriff wurde später auf den Menschen übertragen: „Im Idealfall sollte menschliches Verhalten dieselbe Dehnfestigkeit haben, sich wechselnden Umständen anpassen, ohne von ihnen gebrochen zu werden.“ (ebd.) Mit Blick auf die moderne Gesellschaft stellt Sennett allerdings fest: „Die Verwirklichung der Flexibilität konzentriert sich jedoch vor allem auf die Kräfte, die die Menschen verbiegen.“ (ebd.)

[67] So erklärt er am Beispiel der Kommunikationstechnologie den Kreislauf von Beschleunigung: „Die durch schnelle Nachrichtenübermittlung vermeint gewonnene Zeit wird doppelt und dreifach verbraucht durch das Lesen häufig nichts als banaler und trivialer Informationen und das Grübeln darüber, warum eine erwartete Nachricht noch immer nicht eingetroffen ist: Zeitverlust statt Zeitgewinn.“ (Götze 2004: 263)

Ende der Leseprobe aus 172 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach der Zeit. Interdisziplinäre Filmanalyse der "Before..."-Reihe von Richard Linklater
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
172
Katalognummer
V313557
ISBN (eBook)
9783668123601
ISBN (Buch)
9783668123618
Dateigröße
1698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
suche, zeit, filmanalyse, before, richard, linklater, eine, betrachtung, phänomens
Arbeit zitieren
Constanze Arnold (Autor), 2015, Auf der Suche nach der Zeit. Interdisziplinäre Filmanalyse der "Before..."-Reihe von Richard Linklater, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313557

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