Ludwig Wittgenstein und Thomas von Aquin über Analogie

Eine vergleichende Gegenüberstellung


Hausarbeit, 1998
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3

2. „Analogie“ – Eine allgemeine Definition und historische Herleitung des Begriffs ... 4

3. Der Analogiebegriff bei Thomas von Aquin ... 6
3.1 Definition des Analogiebegriffs beim hl. Thomas ... 6
3.2 Die Analogielehre des hl. Thomas ... 7
3.3 Der Sinn und die Möglichkeit analoger Prädikation ... 8
3.4 Sprachliche Dimensionen der Analogielehre des hl. Thomas von Aquin ... 9

4. Der Begriff der Familienähnlichkeit bei Ludwig Wittgenstein ... 11
4.1 Darstellung des Begriffs der Familienähnlichkeit bei Ludwig Wittgenstein ... 12

5. Analogie beim Aquinaten und Wittgensteins Familienähnlichkeit – ein Vergleich beider Konzeptionen ... 14

6. Literaturverzeichnis ... 16

1. Einleitung

Die Philosophie sieht sich, genauso wie die Theologie, immer dann mit einem logisch-semantischen Problem konfrontiert, wenn sie radikal Verschiedenes mit der gleichen Sprache, d.h. mit den gleichen Ausdrücken, beschreiben muss, wie es bei den nicht-empirischen Bedingungen des Empirischen der Fall ist[1].

Ist es überhaupt möglich, mit Ausdrücken bzw. Begriffen, die aus unseren Erfahrungen erwachsen sind, Dinge zu bezeichnen, die sich der empirischen Erforschung entziehen? Wenn ja, dann offenbar nicht in gleicher Weise.

Wie aber ist es dann möglich, über solche Gegenstände philosophischer Forschung sinnvolle Aussagen zu machen, und zwar so, dass vorhandene Differenzen zwischen diesen Gegenständen gewahrt bleiben, aber dennoch eine Einheit geschaffen wird, die Erkenntnis ermöglicht?

Gerade in der Rede von Gott spitzt sich diese Problematik zu, geht es doch angesichts des jüdisch-christlichen Glaubens und seiner Theologie darum, zwei gefährliche Extreme zu vermeiden, nämlich zum einen den Agnostizismus (Leugnung jeder Erkennbarkeit Gottes), zum anderen den Pantheismus (Gott und die uns umgebende Wirklichkeit sind eins, Gott ist mittels unmittelbarer Wahrnehmung und Empirie voll und ganz erkennbar). Zur Lösung dieser Problematik hat die Philosophie das Konzept der Analogie bzw. der analogen Rede entwickelt.

Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Darstellung des Begriffs der „Analogie“ in den späten Werken, d.h. in den beiden Summen des heiligen Thomas von Aquin, um ihn dann anschließend dem Begriff der „Familienähnlichkeit“ bei Ludwig Wittgenstein zum Vergleich gegenüberzustellen. Dabei wurde die Analogielehre stellenweise des besseren Verständnisses wegen vereinfacht, einige scholastische Termini (z.B. Akt, Potenz, Substanz, Akzidens etc.) wurden weggelassen, deren Erläuterung zu umständlich gewesen wäre und vom eigentlichen Thema abgelenkt hätte.

Doch zunächst wird der Begriff der „Analogie“ im folgenden Abschnitt zum Vorverständnis kurz definiert, ebenso folgt eine kurze Darstellung seiner Geschichte bis zu seiner Weiterentwicklung durch den Aquinaten.

2. „Analogie“ – Eine allgemeine Definition und historische Herleitung des Begriffs

„Analogie“ ist ein aus dem Griechischen stammender Bergriff, der lateinisch mit „proportio“ (später dann als Fremdwort auch mit „analogia“) wiedergegeben wird. Er bedeutet soviel wie „Ähnlichkeit“, „Entsprechung“, „Verhältnis“[2]. Mit Hilfe der Analogie ist Erkenntnis möglich, indem ein Seiendes nach seinem Verhältnis zu einem anderen erfasst wird; es wird durch Vergleich erschlossen oder zumindest verdeutlicht, z.B. der Läufer war schnell wie ein Pfeil, das Auge verhält sich zum Körper wie der Verstand zur Seele. Voraussetzung hierbei ist jedoch, dass eines der Analogate (Träger eines analogen Verhältnisses) bekannter ist als das andere, und dass zwischen beiden zugleich Identität und Differenz besteht, denn ohne Identität bestünde keine Vergleichsmöglichkeit, ohne Differenz brächte der Vergleich nur eine Wiederholung ohne neuen Aufschluss (Tautologie)[3].

Bei der Analogie handelt es sich also um eine „Differenz-Identität“[4]; die Analogielehre wurde, wie im folgenden noch dargestellt wird, in der Scholastik vor allem für die Gotteserkenntnis weiterentwickelt.

Ursprünglich stammt der Begriff „Analogie“ aus der Mathematik[5] und dient zur Bestimmung von Verhältnissen in Zahlenreihen[6]. Es werden drei Arten mathematischer Analogien unterschieden, nämlich die arithmetische, die Gleichheit von Differenzen beschreibt (z. B. 10 - 6 = 6 - 2), die geometrische zur Beschreibung von Verhältnissen, die durch Teilung zustande kommen (z. B. 8 : 4 = 4 : 2), und schließlich die harmonische, die die beiden vorhergehenden Analogiearten miteinander verbindet (z. B. 6 : 4 = 4 : 3).

In der vorhergehenden Ausführung deutet sich bereits an, welchen Nutzen die Analogie für die Philosophie bzw. die Theologie hat, nämlich zur Definition von Verhältnissen, in denen über Differenzen eine Einheit geschaffen wird bei gleichzeitiger Wahrung der Differenzen.

Der erste, der den Begriff der Analogie in der Philosophie verwandte, war Platon. In seinem Dialog „Timaios“ versteht er Analogie als kosmisches Strukturprinzip, als ein Band, das entfernte Elemente (im materiellen Sinne) miteinander verbindet. Gott ordnet die Dinge so, dass sie “ἀνάλογα καὶ σύμμετρα“[7] („analoga kai symmetra“) sind. Im Liniengleichnis der „Politeia“ beschreibt er mit ihr Entsprechungsverhältnisse von Seins- und Erkenntnissphäre; hier gibt er die strenge mathematische Verhältnisgleichheit zugunsten bloßer Ähnlichkeit auf.

Bei Aristoteles wird die Analogie „zu einem methodisch einsetzbaren logischen Hilfsmittel zur Erhellung von Sachverhalten auf verschiedenen Gebieten.“[8] So dient der Begriff z.B. in der Biologie dazu, über Gattungsgrenzen hinweg Gemeinsamkeiten in Funktion oder Struktur festzustellen, gemäß dem Muster: was dem Vogel der Flügel, ist dem Fisch die Flosse[9].

In der Nikomachischen Ethik erklärt er unter Verwendung eines Schemas mit vier Gliedern (a : b = c : d) die Tugend der Gerechtigkeit als Analogie derjenigen Verhältnisse, in denen jedem das Seine zukommt[10]. Wichtig für die spätere Lehre von der Analogie wurde der von Aristoteles analysierte Sachverhalt, dass vom Seienden in vielfacher Weise, aber immer „auf Eines hin“ („πρὸς ἓν“ – „pros hen“) gesprochen wird[11]. So wird, als klassisches Beispiel, eine Speise, eine Medizin oder eine Gesichtsfarbe als „gesund“ bezeichnet, allerdings immer in Bezug auf die Gesundheit eines Organismus[12], weil sie diese entweder erhalten, wiederherstellen oder anzeigen. Somit ist ein Fall der Differenz-Identität gegeben, denn „gesund“ bezeichnet hier nichts Gleichbedeutendes, aber auch nichts völlig Verschiedenes. In diesem Zusammenhang spricht Aristoteles noch nicht von Analogie[13], aber die Grundlage für den Aufgriff und die Weiterentwicklung der Analogielehre in der Hochscholastik ist damit gegeben.

[…]


[1] Vgl. A. Anzenbacher: Einführung in die Philosophie. Wien 1981, S. 311.

[2] Vgl. J. Schmidt: Artikel „Analogie“. Lexikon der Erkenntnistheorie und Metaphysik (im Folgenden kurz mit „LEM“ wiedergegeben). München 1984, S. 7 f.

[3] Vgl. J. Lotz: Artikel „Analogie“, Philosophisches Wörterbuch, 8. Aufl., Freiburg 1961, S. 9 f.

[4] Vgl. LEM, S. 8.

[5] Vgl. H. Holz: Artikel „Analogie“, in: Hermann Krings et al. (Hrsg.): Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Band 1: Das Absolute – Denken. München 1973, S. 53.

[6] Vgl. zum folgenden: W. Kluxen: Artikel „Analogie“. Historisches Wörterbuch der Philosophie I (im folgenden kurz: „HWPh“). WBG Darmstadt, ab 1971, Sp. 214 – 227.
Vgl. auch K. Müller: Artikel „Analogie“, in: A. Franz et al. (Hrsg.): Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie. Freiburg i. Br. 2003, S. 23-25.

[7] „Ὥσπερ οὖν καὶ κατ᾿ ἀρχὰς ἐλέχθη, ταῦτα ἀτάκτως ἔχοντα ὁ θεὸς ἐν ἑκάστῳ τε αὐτῷ πρὸς αὑτὸ καὶ πρὸς ἄλληλα συμμετρίας ἐνεποίησεν, ὅσας τε καὶ ὅπῃ δυνατὸν ἦν ἀνάλογα καὶ σύμμετρα εἶναι.“ Timaios 69b (Hervorhebung durch den Verfasser.)

[8] Ebd., Sp. 216.

[9] Ebd., vgl. Sp. 216 f.

[10] Vgl. LEM, S. 8.

[11] Vgl. R. Teuwsen, Familienähnlichkeit und Analogie. Zur Semantik genereller Termini bei Wittgenstein und Thomas von Aquin. Freiburg i.Br.; München 1988, S. 108 - 118, hier: S. 109 f.

[12] Vgl. HWPh, Sp. 217.

[13] Vgl. LEM, S. 8.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ludwig Wittgenstein und Thomas von Aquin über Analogie
Untertitel
Eine vergleichende Gegenüberstellung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Katholisch-Theologische Fakultät - Seminar für Philosophische Grundfragen der Theologie)
Veranstaltung
Seminar: „Der ‚ganze‘ Wittgenstein“
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
16
Katalognummer
V313817
ISBN (eBook)
9783668125902
ISBN (Buch)
9783668125919
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas von Aquin, Ludwig Wittgenstein, Analogie, Familienähnlichkeit, Philosophie, Systematische Theologie, Philosophische Grundfragen der Theologie, Katholische Theologie
Arbeit zitieren
Frank Drescher (Autor), 1998, Ludwig Wittgenstein und Thomas von Aquin über Analogie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313817

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