Wortschatzarbeit als Spiegel des aktuellen Selbstverständnisses von Lateinunterricht in der Phase des Spracherwerbs


Referat (Ausarbeitung), 2016
10 Seiten

Leseprobe

Wortschatzarbeitarbeit als Spiegel des aktuellen Selbstverständnisses von Lateinunterricht in der Phase des Spracherwerbs*

Die Wortschatzarbeit im zeitgemäßen Fremdsprachen- und Lateinunterricht ist Gegenstand v. a. der Arbeiten von Bösch,1 Dominick,2 Haß,3 Korn,4 Kuhlmann,5 Neveling,6 Schirok7, Störmer8, Utz9 und Waiblinger.10 Von grundlegender Bedeutung und in einigen Punkten nach wie vor (muster)gültig ist der Aufsatz von Steinthal von 1971.11

Wortschatzarbeit umfasst in aller Regel sowohl unterrichtliche Arbeit am Wortschatz (Ersteinführung, Erklärung, Wiederholung ...) als auch außerunterrichtliche, d. h. überwiegend häusliche Arbeit am Wortschatz (Vokabellernen, Vokabelwiederholung ...).

Dieser Aufsatz will in sensibilisierender Weise einen Überblick über die Problemlage geben. Diese ist vor allem deshalb so komplex, weil bei nahezu allen gängigen Lehrwerken Kapitän Morphologie und sein erster Offizier Syntax auf der Kommandobrücke stehen und die Arbeit am Textverstehen und an semantischen Strukturen zwangsläufig zurücktreten muss.12 Wenn im Folgenden von unterrichtlicher Wortschatzarbeit die Rede ist, so ist diese allenfalls best practice im Zusammenhang mit morphosyntaktischen Steinbrüchen in Textform - eine Notlösung also, die gewiss auch ihren Teil dazu beigetragen hat, dass die Zahl der Lateinlernenden in den Schuljahren 2010/2011 bis 2013/2014 um nahezu 100.000 gesunken ist.

Von der Fachdidaktik werden für die Wortschatzarbeit im Lateinunterricht derzeit folgende Prinzipien für grundsätzlich angesehen:

1) Wortschatzarbeit hat mehrere Stufen

a) Wortschatzarbeit ist ein dreistufiger Lehr- und Lernprozess: 1) Einführen / Auf­nehmen, 2) Speichern Helfen / Einprägen, 3) Anwenden / Erhalten.

b) Die wesentlichen Gelingensbedingungen dieses Prozesses sind

- Semantisierung und Vernetzung beim Einführen / Aufnehmen,
- Regelmäßigkeit und Variabilität beim Speichern Helfen / Einprägen,
- ausreichende Umwälzung und Nachhaltigkeit bei Anwenden / Erhalten.

c) Als vorrangige Herausforderungen zu begreifen sind Semantisierung, Lateinsprechen und Vernetzung beim Einführen / Aufnehmen des neuen Wortschatzes, v. a. im Spracherwerb. Dies liegt v. a. daran, dass nahezu alle gängigen Lehrwerke hierfür schlechte Voraussetzungen liefern. Denn die zu hohe Zahl neuer Wörter pro Lektion13 macht in Verbindung mit der Einführung neuer Morphologie und Syntax das Verstehen der Lektionstexte zu einer Gleichung mit zu vielen Unbekannten und macht das aus lernpsychologischer Sicht entscheidend wichtige Inferieren von Wortbedeutungen aus dem Kontext in aller Regel zu einem Ding der Unmöglichkeit. Dies führt dazu, dass nicht, wie eigentlich erforderlich, der Textzusammenhang des Lektionstextes der Ort der Erstbegegnung mit neuen Wörtern ist, sondern günstigstenfalls14 das Durchsprechen der Vokabelliste - eine aus psycholinguistischer Sicht aberwitzige Situation!

2) Wortschatzarbeit ist Unterrichtsarbeit

a) Unterrichtliche Wortschatzarbeit erstreckt sich auf alle o. g. Stufen: 1) Einführen / Auf­nehmen, 2) Speichern Helfen / Einprägen, 3) Anwenden / Erhalten.

Bei b)-d) fokussieren wir die Tätigkeit des Lehrers.

b) Diese umfasst auf der Stufe Einführen (= Semantisieren):

- in eigenständiger Unterrichtsphase neuen Wortschatz unter Anwendung ganzheitlicher, haptischer, visueller und sprachlicher Semantisierungstechniken einführen,
- dabei jeweils Lexem, Phonem und Vorstellung verknüpfen,
- dabei inter- und vor allem intralinguale Vernetzung nach lernpsychologisch relevanten Vernetzungskriterien vornehmen.

c) Diese umfasst auf der Stufe Speichern Helfen:

- Bereitstellung vielfältiger Übungsformen,
- Vermittlung bewährter, zielführender Lerntechniken für alle,15
- Gewährleistung von Lerngelegenheiten,
- Verknüpfung von Wortschatzarbeit und Grammatikunterricht,

[...]


* Dieser Aufsatz ist eine aus Anlass der Fachtagung .Vocabula Latina' am 01.10.2015 an der Universität Bielefeld angefertigte Überarbeitung meiner Positionsbestimmung ,Ne verba nos deficiant! Wortschatzarbeit im zeitgemäßen Lateinunterricht aus fachdidaktischer und bildungswissenschaft­licher Sicht', München (Grin) 2015. Für wesentliche Hinweise danke ich besonders meinen Kollegen Kurig (Berlin) und van de Loo (Bielefeld).

1 Bösch, Fabian: Methodische Überlegungen zur Wortschatzarbeit im Lateinunterricht. Mit praxisorientierten Übungen, Saarbrücken 2012. - Bösch untersuchte im Jahr 2011 die Wortschatzarbeit im Lateinunterricht auf der Grundlage einer Befragung von 381 Schülern und 23 Lehrern von vier Grazer Gymnasien.

2 Dominick, Christin: Optimierung der Wortschatzeinführung im Lateinunterricht durch Adaption der Semantisierungstechniken des neusprachlichen Unterrichts (Englisch, Französisch und Spanisch) - Möglichkeiten und Grenzen, Masterarbeit Universität Leipzig 2012 (unveröffentlicht)

3 Haß, Frank (Hrsg.): Fachdidaktik Englisch. Tradition - Innovation - Praxis, Stuttgart 2006, S. 114ff.

4 Korn, Matthias: Das Handlungsfeld Sprachunterricht, in: Kipf, Stefan - Kuhlmann, Peter (Hrsg.): Perspektiven für den Lateinunterricht, Bamberg 2015, S. 27ff.

5 Kuhlmann, Peter: Fachdidaktik Latein kompakt, Göttingen 2009, S. 54ff.

6 Neveling, Christiane: Wörterlernen mit Wörternetzen. Eine Untersuchung zu Wörternetzen als Lernstrategie und als Forschungsverfahren, Tübingen 2004; Neveling, Christiane: Lernstrategie: Wörternetze, Der fremdsprachliche Unterricht Französisch 90 (2007), S. 2ff.

7 Schirok, Edith: Wortschatzarbeit; in: Keip, Marina - Doepner, Thomas (Hrsg.): Interaktive Fachdidaktik Latein, Göttingen 2010, S. 13ff. - Die in diesem Papier verwendeten Stufenbezeichnungen fußen auf dieser Arbeit von Frau Schirok.

8 Störmer, Anna: Überlegungen zu Umfang, Inhalt und Aufbau eines Lernwortschatzes im Fach Latein auf der Grundlage der aktuellen Stände der Bildungswissenschaften, Fachwissenschaft und Fachdidaktik; Masterarbeit Universität Leipzig 2012 (unveröffentlicht)

9 Utz, Clement: Mutter Latein und unsere Schüler - Überlegungen zu Umfang und Aufbau des Wortschatzes; in: Neukam, Peter: Antike Literatur - Mensch, Sprache, Welt, München 2000, S. 146ff.

10 Waiblinger, Franz Peter: Wortschatzerwerb im Lateinunterricht (Vortrag aus dem Jahr 2002, als Skript hinterlegt unter http://www.fachdidaktik.klassphil.uni-muenchen.de/forschung/didaktik_waiblin ger/wortschatzerwerb.pdf (letzter Zugriff: 15.10.2015)

11 Steinthal, Hermann: Zum Aufbau des Wortschatzes im Lateinunterricht, AU 14/2 (1971), S. 20ff.

12 Angesichts der Komplexität der Problemlage verzichte ich im Folgenden darauf, alle Gesichtspunkte in gleicher Ausführlichkeit zu behandeln, nicht aber darauf, möglichst alle befassten Gesichtspunkte zu benennen. Diese Art der Darstellung soll vor allem der Lesbarkeit und Überschaubarkeit dienen.

13 Dies betrifft auch, wenngleich erst in zweiter Linie, den Lernwortschatz, zu dessen Zusammensetzung und Umfang Sie bitte den Inhalt von Appendix I (S. 7ff.) heranziehen.

14 Bösch zeigt a. a. O., S. 47f., dass 16% der befragten Schüler angeben, dass ihre Lehrer noch nicht einmal das mit ihnen machen.

15 D. h. z. B. auch für Eltern. Hierzu zählen in weiterem Sinne auch Hinweise wie ,Kein Lernen auf Vorrat', .Effektiver lernen durch Verteilung der Lernzeit1, .Multitasking ist Lernverhinderung' und .Wortschatzlernen ist Eigenverantwortung'.

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Details

Titel
Wortschatzarbeit als Spiegel des aktuellen Selbstverständnisses von Lateinunterricht in der Phase des Spracherwerbs
Veranstaltung
Fachdidaktik Latein
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V313855
ISBN (eBook)
9783668128279
Dateigröße
6162 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wortschatzarbeit, spiegel, selbstverständnisses, lateinunterricht, phase, spracherwerbs
Arbeit zitieren
Dr. Matthias Korn (Autor), 2016, Wortschatzarbeit als Spiegel des aktuellen Selbstverständnisses von Lateinunterricht in der Phase des Spracherwerbs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313855

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