Elemente und Wirkungsweise des Phantastischen in "Bulemanns Haus" von Theodor Storm


Hausarbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionsversuche Phantastik

3. Phantastische Elemente in „Bulemanns Haus“
3.1. Bulemann
3.2. Die Katzen
3.3. Das Haus

4. Wirkungsweise des Phantastischen
4.1. Der Erzähler
4.2. Die Außenwelt und das Christentum

5. Gesamtinterpretation

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bulemanns Haus erschien 1864 als eines von drei Märchen von Theodor Storm. Die bei- den weiteren Märchen Die Regentrude und Der Spiegel des Cypranius, sowie die Erzäh- lung Am Kamin gelten als ein wichtiger Entwicklungsabschnitt in der Erzählkunst Storms.1 Laut Winfried Freund ist Storm sogar der einzige phantastische Erzähler von Rang im poetischen Realismus, der diesen „wirkungsvoll phantastisch ausweitet und ver- tieft, indem er erzählend in Tiefenschichten der Wirklichkeit und des Bewußtseins vor- stößt.“2 Storm selbst meint im Vorwort zur ersten Auflage zur Einordnung in die Gattung der Märchen:

„Wenn ich diese Dichtungen Märchen genannt habe, so bitte ich das nicht zu genau zu nehmen; in dem ‚Cypranius-Spiegel‘ ist wohl der vornehmere Ton der Sage angeschlagen, ‚Bulemanns Haus‘ würde vielleicht passender eine seltsame Historie genannt; nur das phantastische Element ist allen gemeinsam und muß die gewählte Bezeichnung rechtfertigen.“3

Damit ist die zu untersuchende Erzählung bereits vorläufig als phantastisch kategorisiert.4 Dies zu untersuchen hat sich die vorliegende Arbeit zum Ziel gesetzt. Sie unterstellt, dass die von Storm postulierte Besonderheit mit dem Begriff der literarischen Phantastik kor- reliert. Der im Vorwort zur zweiten Auflage 1866 von Storm bereits wieder getilgte Mär- chenbegriff legt dies nochmals nahe.5 Hierzu wird versucht den Begriff der Phantastik annäherungsweise zu fassen, da eine allgemeinverbindliche Definition nicht möglich ist. Der Text wird auf verschiedenen Ebenen auf Merkmale und Wirkungsweisen der litera- rischen Phantastik hin untersucht. Hierzu werden die Erzählstruktur, Handlungspersonal und die Symbolik diverser Motive herangezogen. Kernfrage der vorliegenden Arbeit ist also: In wie weit handelt es sich bei Bulemanns Haus um einen Text der literarischen Phantastik und wie wird diese phantastische Wirkung erzielt?

Bei weitest gehender Betrachtung erweist sich Bulemanns Haus interpretatorisch als gesellschaftskritisch. Zu fragen ist, ob sich die Geschichte gegen die zur damaligen Zeit fortschreitende Ökonomisierung aller Lebensbereiche wendet oder ob eine Ausdeutung nach dem christlichen Moral- und Erlösungsgedanken, wie sie oft zum Beispiel in Mär- chen anzutreffen ist naheliegend: Die guten Christen werden erlöst, die Bösewichte verdammt. Auch dass im poetischen Realismus und insbesondere bei Theodor Storm die phantastischen Elemente der Spätromantik wieder verstärkt aufgegriffen werden fällt auf. Storm selbst schreibt 1866 in einem Brief an seine Eltern, dass er sich „zur Erholung der unerbitterlichen Wirklichkeit ins äußerste Reich der Phantasie flüchten [muss].“6 Phantasie und Phantastik werden als Gegenentwurf zur Realität empfunden.

2. Definitionsversuche Phantastik

Problematisch und schwierig ist es, eine allgemein gültige Definition für den Begriff der „Phantastik“ zu finden. Dies liegt vor allem daran, dass das Phantastische in der Literatur sich in unterschiedlichsten Formen präsentieren kann. Betrachtet man die definitorische Annäherung von Lars Gustafsson, wird deutlich warum:

„Das Phantastische in der Literatur existiert also nicht als eine Herausforderung an das Wahrscheinliche, sondern erst, wenn es zu einer Herausforderung an die Vernunft selbst gesteigert werden kann, das Phantastische in der Literatur besteht letztlich darin, die Welt als undurchsichtig, als der Vernunft prinzipiell unzugänglich darzustellen.“7

Der Begriff ist also sehr dehnbar, da es für jedes Individuum doch unterschiedlich sein kann, ab wann es eine Herausforderung an die eigene Vernunft darstellt.

„Phantastische Irritationen drohen immer nur dann, wenn die humane Selbstkontrolle versagt, das bloß Vorgestellte das Wirkliche, das Unbewusste das Bewusstsein überwältigt und der Mensch die latenten triebhaften Kräfte nicht beherrscht, sondern von ihnen beherrscht wird.“8

Diese Definition schließt auch das Unheimliche als eine mögliche Erscheinungsform des Phantastischen mit ein. Alles Unbekannte, nicht Erklärbare impliziert in den Menschen oft ein Gefühl der Angst, aber auch den Impuls kausallogische Erklärungen zu finden. Denn gesteuert durch das Unbewusste bedeutet, keine Kontrolle über alles zu haben was passiert. Das Phantastische wird nicht bewusst von Personen der Handlung kontrolliert sondern tritt spontan, plötzlich und oftmals unerwartet ein. Es offenbart sich in gewöhn- lichen Situationen und im normalen Alltag und bietet die Möglichkeit, die „unerbittliche

Realität“ zu verarbeiten, zu kritisieren und zu hinterfragen, wobei sich die Geschichte dabei der Tatsachenlogik entzieht und auf emotionaler Ebene weitergehende Aussagen und Deutungsmöglichkeiten eröffnet.

3. Phantastische Elemente in „Bulemanns Haus“

3.1. Bulemann

Bulemann ist eine Person, deren Charakter vor allem durch Geiz und Habgier geprägt ist. Der junge Leberecht fürchtet sich vor ihm, vor allem aufgrund von Bulemanns „grellen runden Augen“, die auf ihn wirkten, „als hätten sie bösen Taten zugesehen“ (S. 111).9 An einer anderen Stelle im Text werden sie auch als „Eulenaugen“ (S. 115) beschrieben. Die Symbolik der Augen ist zum Beispiel auch bei E. T. A. Hoffmann schon bedeutend, denn durch sie erkennt man die Seele eines Menschen.10 Setzt man dies nun in Verbindung mit der Symbolik der Eule, die für das Dämonische steht ist das durchaus passend für die weitere phantastische Deutung.11 Man sagt ihm außerdem nach, dass er seine Frau und Kinder verkauft hätte (S. 110), was allerdings möglicherweise nur ein Stadtgerücht ist. Zutrauen würde es ihm dennoch jeder. Sein Geld erwirbt er ausschließlich durch den un- rechtmäßigen Verkauf der durch seinen Vater angesammelten Pfänder (S. 112).

Er hat eine Hakennase (S. 115), ist lang und hager (S. 113) und trägt einen gelbgeblüm- ten Schlafrock und eine spitze Zipfelmütze (S. 111). Er erweckt schon rein äußerlich kei- nen sympathischen Eindruck und erinnert an Dickens Ebenezer Scrooge.12 Ungefähr zehn Jahre später zehren seine Charaktereigenschaften, aber auch das Alter bereits an ihm: er wird immer hagerer und grauer, sein Schlafrock immer fadenscheiniger (S. 116). Grau wird als Farbe des Schwindens und Erlöschens des Lebens assoziiert, hier ist es also die passende Farbe für den existentiellen Zwischenraum zwischen Leben und Tod.13 Es weist auf Bulemanns Sterben und letztlich auf seine künftige Entwicklung zu einem Gespenst voraus. Er verwandelt sich zusehends in eine geisterhafte Gestalt, besitzt zu diesem Zeit- punkt aber noch die Freiheit/Kraft, das Fenster zu öffnen, um Kinder draußen auf der Straße zu beschimpfen (S.117).

Den Höhe- und Wendepunkt der Geschichte und auch den Gipfel seiner Unmenschlich- keit stellt die Szene dar, als er seine Halbschwester Christine und seinen kranken Neffen fortschickt, die ihn um die Gabe eines „silbern Becherlein[s]“ (S. 118) bitten.14 Dies führt dazu, dass Christine ihren Halbbruder verflucht: „Verruchter, böser Mann! Mögest Du verkommen bei Deinen Bestien!“ (S. 119). Für Bulemann, der nicht bedenkt, „daß die Flüche der Armen gefährlich sind, wenn die Hartherzigkeit der Reichen sie hervorgerufen hat“ (S. 119) beginnt damit seine persönliche Hölle. Zwar zeigt er zu diesem Zeitpunkt auch ansatzweise humane Gefühlsregungen, da er Angst hat, wegen Christophs Tod zur Rechenschaft gezogen zu werden, jedoch halten diese sich in Grenzen (S. 120).

Gegen die Vernunft, aber entsprechend der emotionalen Erwartungshaltung des Lesers zeigt dieser Fluch Wirkung: „Dann aber geschah etwas Seltsames“ (S. 120), unerklärli- cherweise beginnen die beiden Katzen zu wachsen. Bulemanns Fluchtversuche aus dem Haus werden von den Katzen verhindert, scheitern und nach drei Tagen gibt er auf (S. 124f.). Er ist abgeschnitten von der Welt außerhalb des Hauses, er schrumpft über meh- rere Jahrzehnte auf die Gestalt eines einjährigen Kindes. Sein Gesicht jedoch ist alt und bärtig (S. 128), was besonders unheimlich wirkt. Der Mangel an Nahrung hat ihn nicht getötet, doch er ist sehr schwach (S. 129) und völlig hilflos. Diese Schwäche, die beiden Bestien und der zunehmende Verfall des Hauses halten ihn im Haus gefangen. Die Ver- zweiflung nagt so sehr an ihm, dass Bulemann nun, trotz seinem ursprünglichen Geiz und trotz seiner Habgier all seine Schätze hergeben und auch Christoph den Becher geben möchte, um seine Erlösung zu erlangen (S. 130f.). Aber diese späte Einsicht hilft ihm nicht, „so sitzt er noch jetzt und erwartet die Barmherzigkeit Gottes“ (S. 131), jedoch wird ihm die Gnade durch Gott nicht gewährt. Dabei bedeutet der Vorname Daniel so viel wie „Gott ist mächtig“ und „Gott ist mein Richter“.15

[...]


1 Fasold, Regina: Theodor Storm. Sammlung Metzer Bd. 304, Stuttgart/Weimar, 1997, S. 111.

2 Freund, Winfried: Literarische Phantastik. Die phantastische Novelle von Tieck bis Storm. Stuttgart/Ber- lin/Köln, 1990, S. 143f.

3 Storm, Theodor: Aus dem Vorwort zur ersten Auflage der Märchen. Zit. Nach: Klotz, Volker: Das Euro- päische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. 3. Überarbeitete und erweiterte Auflage, München, 2002, S. 234f.

4 Auch Storm nennt die Geschichte in einem Brief an seine Eltern vom 08.02.1964 ein „grauliche[s] Phantasma“, Bollenbeck, Georg: Theodor Storm. Eine Biographie. Frankfurt/M., 1988, S. 218.

5 Klotz, Volker, 2002, Anmerkung 4 zum Zitat auf S. 234, S. 384.

6 Honnfelder, Gottfried: Nachwort zu: Theodor Storm: Am Kamin und andere unheimliche Geschichten. Mit Illustrationen von Roswitha Quadflieg. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Gottfried Honnefelder. 2002, S. 231.

7 Lars Gustafsson: Über das Phantastische in der Literatur (1969). Zit. n.: Zondergeld, Rein A.: Lexikon der Phantastischen Literatur. Frankfurt/M. 1983, S. 12.

8 Freund, Winfried: Deutsche Phantastik: die phantastische deutschsprachige Literatur von Goethe bis zur Gegenwart. München, 1999, S. 22.

9 Alle künftigen Seitenangaben im Text beziehen sich auf: Storm, Theodor: Bulemanns Haus. In: Sämtliche Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier, Band 4: Märchen. Kleine Prosa, Frankfurt/M., 1988.

10 Nicklas, Pascal: Art. Auge. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole. Herausgegeben von Günther Butzer und Joachim Jacob, 2. Auflage, Stuttgart/Weimar, 2012, S. 32.

11 Dormann, Helga: Art. Eule. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole. S. 103.

12 Wührl, Paul-Wolfgang: Das deutsche Kunstmärchen. Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen. Heidelberg, 1984, S. 273.

13 Kurz, Gerhard: Art. Grau. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole, S. 163f.

14 Zur phantastischen Bedeutung des Bechers siehe unten S. 11f.

15 Bedeutung Vorname Daniel, unter: http://www.beliebte-vornamen.de/4801-daniel.htm [Stand 08.03.2015].

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Elemente und Wirkungsweise des Phantastischen in "Bulemanns Haus" von Theodor Storm
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V314077
ISBN (eBook)
9783668131927
ISBN (Buch)
9783668131934
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor Storm, Phantastik, Bulemanns Haus
Arbeit zitieren
Pauline Breitwieser (Autor), 2015, Elemente und Wirkungsweise des Phantastischen in "Bulemanns Haus" von Theodor Storm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314077

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