Über die „Kulturverleger“ als neuer Verlagstypus um 1900 schreibt Wittmann, dass diese in besonderer Weise am Literaturbetrieb beteiligt waren: So pflegten sie sehr intensiv die Kontakte zu ihren Autoren und waren damit ein produktiver und wesentlicher Bestandteil des literarischen Lebens. Darüber hinaus wird den „Kulturverlegern“ sehr häufig zugeschrieben, dass sie bei ihrer Arbeit als ‚Literaturproduzenten‘ im weitesten Sinn zwei Bereiche miteinander vereinigen mussten, die es schwer zu vereinen gilt: den kulturell-ideellen und den wirtschaftlich-kommerziellen.
Ich werde mich nun in der folgenden Arbeit mit genau diesem Spannungsfeld in Bezug auf die Produktion kulturell–anspruchsvoller Literatur von „Kulturverlegern“ beschäftigen, zumal kulturell-wertvolle Literatur zumeist keinen wirtschaftlichen Erfolg verspricht. Freilich ist die Einteilung in kulturell-wertvoll und ökonomisch-erfolgreich äußerst fraglich, da diese Kategorien nicht wirklich klar definiert werden können. Dennoch werde ich herausarbeiten, welche Konzepte und Vorgehensweisen von solchen Verlegern angewandt wurden und inwiefern sich diese im jeweiligen Verlagsprofil zeigten – die besondere Doppelrolle des Akteurs „Kulturverleger“ auf dem literarischen Feld stellt hierfür die argumentative Grundlage dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Kulturverleger und die „Regeln der Kunst“
3. Samuel Fischer und die ‚Phantasiewerte‘
4. Das Verlagsprofil des S. Fischer Verlags
4. 1. Das ‚geschlossene‘ Verlagsprofil
4. 2. Fischers unkonventionelles erstes Programm
4. 3. Die Technologische Abteilung als Teil einer Mischkalkulation
4. 4. Sammlung ‚ganzer Autoren‘
4. 5. Gesamtausgaben als ‚repräsentative Zusammenfassung‘
4. 6. Klassikerinthronisation
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen kulturellem Anspruch und ökonomischer Strategie im S. Fischer Verlag um 1900, wobei insbesondere die Rolle des Verlegers bei der Etablierung von sogenannten ‚Phantasiewerten‘ analysiert wird.
- Die Rolle des Kulturverlegers im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz.
- Anwendung der Feld-Theorie von Pierre Bourdieu auf das literarische Feld um 1900.
- Analyse des Verlagsprofils und der Programmentscheidungen von Samuel Fischer.
- Die Bedeutung von Gesamtausgaben und ‚Sammlungen ganzer Autoren‘ für die Marktpositionierung.
- Das Konzept der ‚Klassikerinthronisation‘ als Mittel der kulturellen Wertschöpfung.
Auszug aus dem Buch
3. Samuel Fischer und die ‚Phantasiewerte‘
Stellt man sich vor, dass die Entwicklung vom reinen Druckerverleger hin zum Buchhändlerverleger „eine entscheidende Akzentverschiebung mit sich“33 brachte, so muss der kulturelle Anspruch, also die kulturellen Werte und Vorstellungen eben dieses Verlegers sowohl an seine Arbeit, als auch an seine Produkte, der Parameter für diese Verschiebung sein. Diesem Typ von Verleger war bewusst, „daß die gehandelte Ware [Buch] einen geistigen Wert besaß“34 und damit eine „geistig–kulturelle Funktion“35 entsteht, die potenziell von diesem Verleger aufgegriffen werden kann. De Mendelsohn nennt das die „buchschöpferische Initiative“36, die das Mitwirken eines Verlegers an einer Produktion als „kulturschaffende[n] Funktion“37 umschreibt.
Dies bedeutet mit den oben genannten Ausführungen von Bourdieu kombiniert, dass der Kulturverleger davon überzeugt ist, seine Waren haben einen kulturellen Wert und sind damit ‚kapitalisierbar‘, das heißt in Geld oder Ähnliches umwandelbar. Er ist damit vom Glaubensuniversum, der illusio um das Buch mit kulturellem Anspruch, überzeugt. Aber wie kann er feststellen, ob ein Werk diesen Wert hat, oder nicht?
De Mendelsohn stellt fest, dass Samuel Fischer gerade dieses Einschätzungsvermögen und diesen besonderen Umgang mit Literatur zu den „persönlichsten Aufgaben des Verlegers“38 zählt. Fischer geht in seinen Ausführungen noch weiter, indem er die Verlegerpersönlichkeit sehr deutlich in den Vordergrund rückt39: Immer wieder stellt er die gesonderte Rolle des Buches in seiner Doppelfunktion, als Kulturgut und zugleich wirtschaftlich–handelbares Objekt, heraus. Durch das persönliche Urteil des Verlegers entsteht ein ästhetischer Wert dieser besonderen Ware, der „Phantasiewert“40. Aus diesem Wert soll später der monetäre Profit der jeweiligen Produktion entstehen; das Publikum soll davon überzeugt werden41.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Spannungsfeld zwischen ökonomischen und kulturellen Interessen von Kulturverlegern um 1900 unter Bezugnahme auf Bourdieu.
2. Der Kulturverleger und die „Regeln der Kunst“: Theoretische Grundlegung durch Bourdieus Feld-Theorie zur Erläuterung der Sonderstellung des Kulturverlegers.
3. Samuel Fischer und die ‚Phantasiewerte‘: Untersuchung der subjektiven, verlegerischen Einschätzung von Literaturwerten und deren Transformation in wirtschaftlichen Profit.
4. Das Verlagsprofil des S. Fischer Verlags: Analyse konkreter verlegerischer Methoden wie des geschlossenen Verlagsprofils und der Programmgestaltung bei Samuel Fischer.
4. 1. Das ‚geschlossene‘ Verlagsprofil: Erörterung der Strategie, durch eine einheitliche Verlagsidentität einen Mehrwert für den Buchhandel und das Publikum zu schaffen.
4. 2. Fischers unkonventionelles erstes Programm: Untersuchung der mutigen Fokussierung auf dramatische Texte trotz entgegenstehender marktökonomischer Empfehlungen.
4. 3. Die Technologische Abteilung als Teil einer Mischkalkulation: Darstellung der Quersubventionierung anspruchsvoller Literatur durch technisch orientierte Publikationen.
4. 4. Sammlung ‚ganzer Autoren‘: Analyse der Strategie, Autoren durch das Angebot des Gesamtwerks langfristig an den Verlag zu binden.
4. 5. Gesamtausgaben als ‚repräsentative Zusammenfassung‘: Erläuterung der Bedeutung von Gesamtausgaben für die Etablierung geistiger Ordnung und eines geschlossenen Verlagsprogramms.
4. 6. Klassikerinthronisation: Analyse der gezielten Strategie Fischers, zeitgenössische Autoren durch verlegerische Arbeit in den Kanon der Klassiker zu heben.
5. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der Übertragbarkeit von kulturellem Anspruch auf wirtschaftlichen Erfolg durch gezielte Überzeugungsmethoden.
Schlüsselwörter
Kulturverleger, Samuel Fischer, S. Fischer Verlag, Phantasiewert, Feld-Theorie, Pierre Bourdieu, Literarisches Feld, Verlagsprofil, Mischkalkulation, Gesamtausgaben, Klassikerinthronisation, Buchmarkt, Literaturbetrieb, Verlagswirtschaft, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verlegerische Tätigkeit von Samuel Fischer um 1900 und untersucht, wie dieser kulturelle Ansprüche mit wirtschaftlichem Erfolg in Einklang brachte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Rolle des Kulturverlegers, das Verlagsprofil des S. Fischer Verlags, die Produktion von Literatur als Kulturgut sowie die ökonomischen Strategien zur Vermarktung anspruchsvoller Werke.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, welche Konzepte und Vorgehensweisen Fischer anwandte, um das Spannungsfeld zwischen kulturell-ideellen und wirtschaftlich-kommerziellen Anforderungen im Literaturbetrieb zu überbrücken.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Untersuchung basiert primär auf der Anwendung der Feld-Theorie nach Pierre Bourdieu, kombiniert mit einer historischen Analyse des Verlagsprogramms von S. Fischer.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Untersuchung des Verlagsprofils, inklusive Methoden wie der Mischkalkulation, der Strategie der ‚ganzen Autoren‘ und der bewussten Klassikerinthronisation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Kulturverleger, Phantasiewert, Verlagsprofil, Feld-Theorie und Klassiker der Moderne charakterisiert.
Welche besondere Bedeutung hat der Begriff ‚Phantasiewert‘ für Samuel Fischer?
Der Phantasiewert ist ein subjektiv durch den Verleger zugeschriebener ästhetischer Wert, der als Grundlage für die spätere Kommerzialisierung eines Werkes dient.
Wie löste Fischer das Problem der Fehlkalkulationen bei anspruchsvoller Literatur?
Fischer nutzte unter anderem Mischkalkulationen, wie etwa die Technologische Abteilung, um absatzschwächere, aber kulturell wertvolle Titel mitzufinanzieren.
- Citation du texte
- Jonas Schreiber (Auteur), 2014, Der "Kulturverleger“ als neuer Verlagstypus. Kultureller Anspruch und das Verlagsprogramm des S. Fischer Verlags um 1900, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314232