Kohärenz und Wortbildung in der hashtagbasierten Twitter-Kommunikation

#Kohärenz #Twitter #Wortbildung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kommunizieren mit Twitter

3. Kohärenz und Wortbildung

4. Korpusauswertung
4.1 Wortbildungen mit Hashtag
4.2 Das Hashtag als autonomes Wort
4.3 Alternative Konstruktionen

5. Sprachökonomische Aspekte

6. Das Hashtag und der Diskurs

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

9. Korpus

1. Einleitung

ÄMikrobloggingplattform“ (Demuth / Schulz 2010, S. 6) ist wohl die beste Bezeichnung für den Dienst, der von Twitter angeboten wird. Doch was genau muss man sich darunter vorstellen? Das Medienunternehmen Twitter setzt sich zum Ziel, Äjedem die Möglichkeit zu geben, seine Ideen und Informationen sofort und über Grenzen hinweg zu teilen“1, wobei dies über sogenannte Tweets - Kurznachrichten mit dem Umfang von maximal 140 Zeichen - geschehen soll. Twitter ist demnach eine Plattform, die jedem Nutzer die Gelegenheit bietet, seine Gedanken oder Ideen in Form einer ‚Mikronachricht‘ mitzuteilen.

Freilich entstehen so unter anderem neue Möglichkeiten für Unternehmen zum Beispiel in einer marketingfördernden Funktion (vgl. dazu z. B. Grabs / Banour 2013). Demuth / Schulz (2010) weißen aber demgegenüber darauf hin, dass auch auf der Ebene der Sprache sich neue Entwicklungen und Besonderheiten zeigen, die häufig übergangen werden (vgl. ebd., S. 6): In ihrer Arbeit stellen sie unter anderem fest, dass ein Tweet sich als ÄTextsortenvariante der Textsorte Hyper- text“ (ebd., S. 52) herausstellen lässt2. Inwieweit ein einzelner Tweet aber als au- tonomer Text an sich gelten kann, überlassen sie einer noch ausstehenden seman- tischen Analyse der Kommunikation auf Twitter (vgl. ebd.).

Genau an diesem Punkt soll die folgende Arbeit ansetzen: Es geht also um die Textualität von Tweets und inwiefern einzelne Textualitätskriterien auf die Text- sortenvariante Tweet zutreffen, wobei ich mich speziell auf das semantische Kri- terium der Kohärenz konzentriert habe. Ich versuche zu zeigen, dass sich trotz beziehungsweise gerade wegen der Textkürze von Tweets, kohärenzbildende Ef- fekte ergeben müssen.

Dazu habe ich mich lediglich mit einem Teil der Kommunikation auf Twitter - nämlich mit hashtagbasierten Tweets - auseinandergesetzt. Zudem stehen bei die- ser Arbeit die textualitätsbildenden Effekte der Wortbildung im Vordergrund, die ich mit einer Analyse nach dem Isotopie-Konzept von Greimas (1971) herausstel- len will.

Ein einführendes Beispiel soll genauer zeigen, worauf meine Analyse abzielt. Das Beispiel stammt aus dem eigens für diese Arbeit erstellten Korpus - zu dessen Zusammensetzung später mehr.

(1) The Gaucho: Rebellen lassen #MH17-Zug des Grauens abfahren […]3

Auf den ersten Blick - betrachtet man den Tweet isoliert von seiner textuellen Umgebung - ist nicht wirklich gut erkennbar, was uns der Verfasser mitteilen will: Man stellt sich die Fragen, welche Rebellen gemeint sind und was unter ei- nem #MH17-Zug des Grauens zu verstehen ist? Darüber hinaus wirkt die Aussage aus einem Kontext gerissen und ist daher kaum richtig zu verstehen; zudem ist der Tweet-Text sehr kurz.

Wir erkennen aber, dass der Tweet mit einem sogenannten Hashtag, erkennbar am Rautensymbol, versehen ist. Dieser soll an dieser Stelle zunächst nur als The- menmarker verstanden werden (weitere Ausführungen zur Hashtag- Kommunikation auf Twitter folgen später), was so viel heißt, als dass der Verfas- ser seinen Tweet mithilfe dieses Markers zu einem Thema zuordnet. Das Hashtag wurde in diesem Beispiel jedoch nicht bloß angefügt oder als eine Art ‚Tweet- Überschrift‘ oder ‚-Titel‘ vorangestellt, sondern bildet zusammen mit dem Lexem Zug ein neues Wort. Mit dieser ‚Schlüsselvokabel‘ #MH17-Zug können wir die Aussage in den Kontext der Twitter-Kommunikation über das Flugzeugunglück der Maschine mit der Flugnummer MH17 in der Ukraine stellen und die ÄPO- LYVALENZ4 “ (de Beaugrande / Dressler 1981, S. 88)5 des Texts wird aufgeho- ben. Gemeint ist hier der Zug, der die Leichen der Opfer vom Unglücksort ab- transportieren sollte.

Nun ist dieser Tweet mit einer derartigen Wortbildung kein Einzelfall. Statt- dessen finden sich etliche, vergleichbare Wortbildungsprodukte, die eine derartige Funktion - die Vernetzung mit anderen Aussagen - für den jeweiligen Tweet- Text erfüllen. Diese ‚Tweet-Wörter‘ (vgl. dazu analog ÄTextwörter“ in Erben 1995, S. 545) markieren ein Textthema und verknüpfen jeweilige Einzelaussagen verschiedener Verfasser zu einem diesem Thema zugehörigen Textgefüge.

Somit ist an diesem Einstiegsbeispiel schon ersichtlich, dass durch bestimmte Wortbildungen in der hashtagbasierten Twitter-Kommunikation sich semantische Zusammenhänge in Form einer Art intertextueller Kohärenz feststellen lassen; und diese besteht, obwohl die Tweet-Texte sehr kurz sind6. Zwar geht aus dem Beispiel keine generelle textuelle Autonomie, wie sie Demuth / Schulz (2010) erwähnen, für den Einzel-Tweet hervor (vgl. ebd., S. 52), semantische Zusammenhänge zeigen sich aber dennoch.

Nachdem ich nun etwas ausführlicher das Thema dieser Arbeit herausgestellt habe, folgt nun eine knappe Schilderung des weiteren Verlaufs: Zunächst werde ich unter 2. die Kommunikation der Mikrobloggingplattform Twitter genauer beschreiben. Im Vordergrund steht dabei vor allem die hashtagbasierte Kommunikation. Danach setze ich mich mit den Besonderheiten der Textualität von Tweets als Hypertextsorte auseinander.

Unter 3. gehe ich genauer auf das semantische Textualitätskriterium der Kohä- renz ein, wobei das Hauptaugenmerk auf der kohärenzbildenden Funktion der Wortbildung liegt. Dabei steht vor allem das Isotopiekonzept von Greimas (1971) im Vordergrund.

Im nächsten Schritt (4.) stelle ich das der Arbeit zugrundeliegende Korpus und seine Zusammensetzung beziehungsweise Erstellung vor. Gleich danach folgt die Anwendung der oben herausgearbeiteten Theorie.

In Punkt 5 werden die Ergebnisse unter einem weiteren Aspekt, dem der Sprachökonomie, näher beleuchtet. Dieser Schritt begründet sich auf der Annah- me, dass besondere Effekte sich in der Sprache von Twitter zeigen, da bei der Vorgabe, 140 Zeichen nicht überschreiten zu dürfen, eine Einschränkung vorge- nommen wird, die die Sprache sicherlich auch betreffen muss. So versuche ich an dieser Stelle eventuelle Prinzipien der Sprachökonomie herauszuarbeiten.

Unter 6. wird der Zusammenhang von Hashtag-Kommunikation und Diskursbildung erläutert, wobei das Hashtag als ein konstitutives Mittel für einen Diskurs hervorgehen soll.

Es folgt noch der Schluss der Arbeit, sowie das Literaturverzeichnis und die Selbstständigkeitserklärung.

2. Kommunizieren mit Twitter

Grundsätzlich können drei Arten der Kommunikation mit Twitter unterschieden werden: Äthe micro level of interpersonal communication, the meso level of follower-followee networks, and the macro level of hashtag-based exchanges“ (Bruns / Moe 2014, S. 16). Der Twitter-Nutzer hat damit drei Möglichkeiten, ei- nen Tweet zu verbreiten: Entweder er übermittelt den Text nur gezielt an eine Person, oder er verschickt die Nachricht an seine Follower, oder er markiert den Tweet mit einem Hashtag, was mit dem vorangestellten Rautensymbol ‚#‘ reali- siert wird.

Nun ist es aber auch möglich, diese drei Kommunikationswege zu kombinie- ren. So kann man zum Beispiel einen Tweet sowohl als persönliche Nachricht verschicken, als auch mit einem Hashtag versehen. Des Weiteren, die Aufstellung von Bruns / Moe (2014) ergänzend, kann auf jeden veröffentlichten Tweet mit einer Reply-Funktion, also einer Art ‚Antwortkanal‘, näher eingegangen werden. Auch dies geschieht im Rahmen von 140 Zeichen.

Jetzt möchte ich noch auf die visuelle Realisierung dieser Kommunikationswege näher eingehen; es geht hier um die Rezipienten-, also die Nutzer-Perspektive auf Twitter. Jeder verfasste Tweet reiht sich in die sogenannte Timeline zeitlich ein. Der Nutzer sieht nun sowohl alle selbstverfassten Tweets, als auch die Nachrichten der Personen oder Institutionen, denen er folgt, sowie die persönlich an ihn gerichteten Tweets in einer ständig fortlaufenden Anordnung. Es besteht also ein formaler, vordergründiger Zusammenhalt der Tweets allein durch die zeitlich aneinandergereihte Anordnung und Rezipierbarkeit.

Es besteht darüber hinaus aber auch die Möglichkeit, gezielt nach Aussagen und Aussageninhalten zu suchen. An dieser Stelle zeigt sich die Hashtagfunktion als äußerst hilfreich. Für den Nutzer werden so sämtliche Tweets, die mit dem gesuchten Hashtag versehen sind, wiederum chronologisch gereiht sichtbar; der Twitter-User kann sich nun an dem Informationsaustausch auf dieser thematisch eingegrenzten Ebene beteiligen.

So oder so hat der Twitter-Nutzer ein mehr oder weniger zusammenhängendes Textgefüge in Form einer Timeline vor sich liegen. An dieser Stelle zeigt sich aber, dass bestimmte textkonstitutive Funktionen nicht mehr greifen. Durch die mehr oder weniger zufällig aufeinander folgende Anordnung von Einzelaussagen durch mehrere Verfasser von Tweets ist zum Beispiel keine Verbindung von Texteinheiten durch Textphorik möglich, Äda ihr Gebrauch eine eindeutig defi- nierte Lesefolge voraussetzt (Hammwöhner 1993, S. 25). Durch die Änicht-lineare Lektüre“ (Fritz 2009, S. 1163) können daher Proformen als Verweisstruktur für die Hypertextform Twitter nur sehr begrenzt wirken7. Dies mag auch am dauer- haften Zustand der Nicht-Abgeschlossenheit von Hypertexten liegen (vgl. De- muth / Schulz 2010, S. 17).

Wie können nun dennoch ÄSINNKONTINUITÄT“8 (de Beaugrande / Dressler 1981, S. 88) und damit textueller Zusammenhang erreicht werden, zumal die Konzeption von Twitter auf den ersten Blick eher wie ein unkoordiniertes Durcheinander vieler Aussagen von verschiedenen Verfassern hervortritt? Wortbildungen als kohärenzbildende Konstruktionen, wie etwa #MH17-Zug aus Beispiel (1), sollen hierfür näher untersucht werden.

3. Kohärenz und Wortbildung

Es bleibt noch die Kohärenz als ausschlaggebendes Kriterium für Textualität und textuellen Zusammenhang (vgl. Vater 1992, S. 65)9. Diese wird meist als ÄText- zusammenhang […], der […] durch kulturelles Wissen10 hergestellt wird“, (Fritz 2009, S. 1134) oder als Äinnerer Zusammenhang zwischen einzelnen Textelemen- ten“ (Kürschner 2008, S. 215) verstanden. Darüber hinaus gilt Kohärenz als se- mantische Konstituente für das Textthema (vgl. Bußmann 2008, S. 343).

Sofern nun auf Ädenselben Textgegenstand“ (Heinemann / Viehweger 1991, S. 35)11 referiert wird, können sich auch einheitliche Lexikalisierungen, sowie aufei- nander bezogene lexikalische Einheiten ergeben. Diese spiegeln sich dann unter anderem in der Wortbildung wieder (vgl. ebd., siehe auch Handler 2009, S. 1570). Zusammengefasst heißt das, dass ein kohärenter Text, Wortbildungen aufweisen kann, die den semantischen Zusammenhalt des Textes und das Textthema abbil- den (vgl. Dressler 1982, S. 101).

Man kann an dieser Stelle einwenden, dass es kaum verwunderlich ist, dass gleiche, wenn nicht gar identische Formulierungen verwendet werden, beziehen sich zwei Textteile auf denselben Gegenstand. Schröder (1985) meint hierzu, dass jedoch Wortbildungen existieren, die ausschließlich zur Textverflechtung, also Äum Textbezüge zu verdeutlichen“ (ebd., S. 71), gebildet werden können (vgl. auch Kan 2005, S. 197 f.). Im Zentrum Schröders (1985) Analyse stehen Nomi- nalkomposita, die genau diese Funktion in einem Text erfüllen (vgl. ebd.).

So können sogar Äformal nicht miteinander verbundene Sätze dennoch als zu- sammenhängende Texte verstanden werden“ (Heinemann / Viehweger, S. 35). Lediglich durch ein ÄSuperthema“ (ebd.), welches sich auch in der Wortbildung realisiert findet, werden die einzelnen Textteile zusammengehalten. Diese Ätext- konstitutive Funktion“ (Handler 2009, S. 1570, siehe auch Fleischer / Barz 2012, S. 27 ff., Barz 2003, S. 60) lässt sich auch Äin modernen, modularen Mediennut- zungen“ (Handler 2009, S. 1570) wiederfinden, wo sie für ganze ÄTextkomplexe“ (ebd.)12 Kohärenz stiftet. Peschel (2002) unterscheidet hierfür zwei Formen von Kohärenz, die für einen Text gelten können: die Äglobale“ und Älokale“ Kohärenz (ebd., S. 5913, vgl. auch Bußmann 2008, S. 343, s. v. Kohärenz), wobei erstere bei Textkomplexen, wie etwa der Timeline der Hypertextform Twitter, vorzufinden ist.

Als Äentscheidende[s] Erklärungspotential“ (Heinemann / Viehweger 1991, S. 38) für die textkonstitutive Funktion der Wortbildung (u. a.), wird zumeist das Isotopie-Konzept von Greimas (1971) herangezogen (vgl. Heinemann / Viehwe- ger 1991, S. 38, siehe auch Fleischer / Barz 2012, S. 27, Peschel 2002, S. 63 ff.).

Greimas (1971) beginnt seine Überlegungen vom Lexem, und was wir (als Sprecher) von dessen Inhalt wissen, aus. Bei seinen Analysen setzt er Ä ‚unter- halb‘ der Wortebene“ (Linke / Nussbaumer / Portmann 1996, S. 230) an, indem er davon ausgeht, dass Wortbedeutungen sich als feststellbare Menge von Semen manifestieren (ebd.). Abhängig vom Kontext können diese Seme verschiedener Lexeme miteinander agieren und konstituieren so ein Bedeutungsganzes für einen Text: ÄObwohl sich Texte aus heterogenen Einheiten zusammensetzen, seien sie doch auf homogenen semantischen Ebenen […] situiert und bilden damit ein Be- deutungsganzes“ (Greimas 1971, S. 45 f., vgl. auch Heinemann / Heinemann 2002, S. 72).

Da ein Lexem zum Beispiel jederzeit mit einer gleichwertigen Alternative austauschbar ist, muss es einen Änegativen Inhalt14 “ (Greimas 1971, S. 37) besitzen. Das heißt, im Kern des Lexems ist ‚festgehalten‘, was es nicht bezeichnet; hierdurch wird es Äkommutierbar“ (ebd.). Demgegenüber geht er davon aus, dass ein Lexem Äeinen positiven Inhalt besitzt“ (ebd.). Dieser stellt Äein permanentes SemMinimum, eine Invariante“ (ebd.) dar.

Daher, folgert er, müssen bestimmte Bedeutungsvarianten von Lexemen in ei- nem Text vom Kontext herrühren (vgl. ebd.). Den so beschriebenen kontextuellen Bedeutungszusammenhang von Lexemen mit anderen Lexemen bezeichnet er als Isotopie, das Ergebnis wiederum, das im Text sichtbar ist, als Isotopiekette (vgl. Peschel 2002, S. 64, vgl. auch Linke / Nussbaumer / Portmann 1996, S. 230). Le- xikalische Merkmale eines Textes, wie etwa Wortbildungen, können daher Äals Indikatoren von Textzusammenhang“ (Heinemann / Viehweger 1991, S. 38) gel- ten.

ÄEin Text ist sozusagen ein Raum von Isotopien, welcher einen Bedeutungs- raum widerspiegelt, in dem sich ein Text bewegt“ (Lötscher 2008, S. 89). Eine Definition eines Textbegriffs allein mit dem Vorkommen von Isotopien zu be- gründen (vgl. Kallmeyer / Klein / Siebert u. a. 1980, S. 147), erweist sich jedoch als fraglich (vgl. Heinemann / Viehweger 1991, S. 39). Vielmehr lässt sich aber die Kohärenz eines Texts durch Isotopien zeigen (vgl. Lötscher 2008, S. 89).

Dieser oben beschriebene kohärenzstiftende Effekt von Isotopie-Ketten wirkt beim Verstehensprozess seitens des Rezipienten unterstützend, indem Äpotentiell polyseme[n] Lexikoneinheiten monosemier[t]“ (Heinemann / Viehweger 1991, S. 39) werden. Dabei werden Ämehrere gemeinsame übergreifende Merkmale“ (Lötscher 2008, S. 88), sogenannte ÄKlasseme“ (ebd., siehe auch Greimas 1971, S. 45 ff.), der einzelnen Textelemente festgestellt.

Darüber hinaus geht Peschel (2002) davon aus, dass Wortbildungen innerhalb einer solchen Isotopiekette, schneller entschlüsselt werden können (vgl. ebd., S. 65, S. 83 ff., zum Verstehensprozess siehe auch Erben 2000, S. 161 ff.). Gleich- zeitig stellen sich auch Kontiguitätsbeziehungen zwischen den einzelnen lexikali- schen Einheiten ein (vgl. Peschel 2002, S. 62). Zudem vermögen solche Ketten Ätextübergreifend bzw. intertextualitätsstiftend“ (Barz 2003, S. 60, vgl. auch Flei- scher / Barz 2012, S. 30) zu wirken. Auch können komplexe Wortbildungen mit mehreren Grundmorphemen in einem Text zu ÄKnotenpunkten“ (Fleischer / Barz 2012, S. 28) werden, wodurch eine pointierende Wirkung und Bündelung der In- formation erzielt werden kann. Zusätzlich tritt ein sachorientiertes, zusammen- hängendes Umfeld beim Text lexikalisch hervor (vgl. ebd.).

Genau diese letztgenannten Effekte sollen anhand des zugrundeliegenden Kor- pus’ analysiert werden, wobei ich zunächst herausstelle, wie sich dieses zusam- mensetzt.

4. Korpusauswertung

Das Korpus besteht aus 200 Einzel-Tweets. Diese wurden im Zeitraum vom 20.07.2014 bis einschließlich 24.07.2014 zufällig15 aus der Timeline zu der Hash- tagsuche #MH17 erhoben. So ergaben sich zunächst 243 Tweets von Usern aus dem deutschsprachigen Raum. Da jedoch 15 davon auf Englisch beziehungsweise 7 auf Russisch verfasst sind, habe ich diese aus dem Korpus entfernt, zumal sich meine Analyse spezifisch auf Tweets in deutscher Sprache konzentriert. Weitere 15 Nachrichten wurden ebenfalls aus dem Korpus genommen, da diese lediglich auf weitere Seiten außerhalb der Twitter-Kommunikation verweisen und somit, außer den weiterführenden Links, keinen Text enthalten. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass sechs der Tweets doppelt aufgeführt waren, da diese durch die Retweet-Funktion - angewendet von einem anderen Nutzer - erneut in der Timeline aufgeführt sind; auch diese wurden getilgt.

Die so vorliegenden Rohdaten wurden nun entsprechend bearbeitet und tabella- risch verzeichnet. Gekennzeichnet wurden Verfasser, ob weiterführende Links vorhanden sind, der syntaktische Status des Hashtags innerhalb des Texts, ob eine Wortbildung mit dem Hashtag vorkommt und welche Wortbildungen konkret vorliegen. Zudem habe ich geprüft und vermerkt, ob und in welchem Umfang ‚Alternativen‘ - etwa Genitivkonstruktionen zum Beispiel - zur HashtagWortbildung vorhanden sind.

4.1 Wortbildungen mit Hashtag

Betrachtet man die einzelnen Wortbildungen mit Hashtag16, die aus dem erhobe- nen Timeline-Bereich stammen, lässt sich das lexikalische Umfeld, in dem sich der Referenzbereich rund um die Hashtag-Kommunikation zu #MH17 am deut- lichsten erkennen. Insgesamt finden sich dafür 40 Einzelbelege (20 % bezogen auf die Gesamtmenge der Tweets). Diese setzen sich wie folgt zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: hashtagbasierte Wortbildungen

Die Wortbildungen sind allesamt Nominalkomposita, wobei das Hashtag #MH17 stets als Erstglied vorkommt. Dies ist mit einem Teil der Kurzwortkomposition im Deutschen in etwa vergleichbar (vgl. Barz 2009, S. 737).

Die Zweitglieder repräsentieren nun den semantischen Bezugsbereich, das lexikalische Umfeld, welches die Isotopiekette zusammenhält. Diese greifen den Bezugspunkt implizit wieder auf.

Das Hashtag hingegen bezieht die jeweiligen Lexeme explizit auf den Refe- renzbereich, da es in jedem Tweet enthalten ist. Ohne das Hashtag wären diese sonst nur als implizite Wiederaufnahmen über Kontiguitätsbeziehungen erkennbar (vgl. Peschel 2002, S. 62). Dafür wäre aber eine unmittelbare ‚Nähe‘ der Textteile notwendig. Diese ist jedoch, wie oben bereits erwähnt, auf Twitter generell nicht gegeben.

Durch das angefügte Hashtag aber wird das Wortbildungsprodukt explizit zum Referenzbereich hinzugefügt, die Kontiguitätsbeziehungen werden eindeutig und die Lexeme Flieger und Absturz zum Beispiel werden so gegenüber ihrem seman- tischen Bezugsbereich monosemiert (vgl. Heinemann / Viehweger, S. 39):

(2) FAZNET komplett: Am Tag nach #MH17-Absturz: Amerikanisches Spionageflugzeug flieht vor russischem Kampfjet […]
(3) Beate Clever: Der Zug voller Leichen aus dem #MH17-Flieger rollt Richtung Charkiw. Damit wären die Toten nicht mehr unter... […]

Im Vergleich dazu ohne Hashtag:

(2)‘ FAZNET komplett: Am Tag nach Absturz: Amerikanisches Spionageflugzeug flieht vor russischem Kampfjet […]
(3)‘ Beate Clever: Der Zug voller Leichen aus dem Flieger rollt Richtung Charkiw. Damit wären die Toten nicht mehr unter... […]

Nun könnte man behaupten, dass es bei diesen Beispielen durchaus möglich ist, den Sinnzusammenhang der beiden Tweets auch ohne Hashtagbildung festzustellen, zumal die Lexeme Absturz und Flieger in ziemlich ‚naher‘, wenn nicht unmittelbarer Kontiguitätsbeziehung stehen. Betrachtet man aber andere Wortbildungsprodukte, so wird ersichtlich, dass je komplexer eine Isotopiekette ist, desto wichtiger das Hashtag für den Verstehensprozess wird:

(4) Frank Rieger: Worüber ich nicht verwundert wäre: wenn #MH17- Beweisstücke jetzt, wo die ukrainische Regierung die Waffenruhe gekündigt hat, zerbombt werden
(5) SZ Top-News: Vier Tage nach #MH17-Absturz in der Ostukraine werden Leichen der verstorbenen Insassen nach Charkow transportiert. […]

[...]


1 https://about.twitter.com/de/company [Zugriff am 11.08.2014, 2:24 Uhr]

2 Einen weiteren Klassifikationsversuch unternimmt Overbeck, Anja (2014): Twitterdämmerung: Ein textlinguistischer Klassifikationsversuch. In: Rentel, Nadine / Reutner, Ursula / Schröpf, Ramona: Von der Zeitung zur Twitterdämmerung: Medientextsorten und neue Kommunikationsformen im deutsch-französischen Vergleich. Lit Verlag. Berlin., wobei hier Kriterien und Konzepte der Medialität (Mündlichkeit und Schriftlichkeit) angewandt werden. Zur Textsortenklassifikation von ‚Weblogs‘ siehe Schlobinski, Peter / Siever, Torsten (2005): Sprachliche und textuelle Merkmale von Weblogs. Ein internationales Projekt. http://www.mediensprache.net/networx/networx-46.pdf In: Ebd. (Hrsg.): Networx Nr. 46.

3 Die aus dem Korpus zitierten Tweets sind größtenteils mit einem weiterführenden Link oder einer Bildangabe versehen. Aus Platzgründen sind diese jedoch im Text dieser Arbeit getilgt wor- den. Verfasser der Tweets sind jeweils vorangestellt. Graphematische und grammatische Fehler wurden beibehalten.

4 Auszeichnung von de Beaugrande / Dressler (1981).

5 vgl͘ hierzu auch Eichinger 2000: ͣhalb konkrete Lesart“, S͘ 12͘

6 vgl. de Beaugrande / Dressler (1981), S. 11 oder auch Fleischer / Barz 2012, S. 30: Es wird bisweilen bezweifelt, ob sehr kurze Texte kohärent, bzw. ob bei kurzen Texten semantische Zusammenhänge in Form von Isotopiesträngen repräsentiert sein können

7 Dies könnte z. B. anhand der Reply-Funktion untersucht werden, wobei ein klar abgegrenzter ‚Textbereich‘ vorliegt͘

8 Auszeichnung von de Beaugrande / Dressler 1981.

9 Die Kohärenz gilt in den meisten textlinguistisch-orientierten Analysen als notwendiges Kriterium für einen Text. (vgl. hierzu de Beaugrande / Dressler 1981, S. 3 f., Heinemann / Viehweger 1991, S. 27 f. und S. 76).

10 Auszeichnung von Duden 2009.

11 Zitieren hier Gortzki, B. u. a. (1971): Aspekte der linguistischen Behandlung von Texten. In: Textlinguistik. Dresden, S. 145.

12 Zitiert hier Schröder, Marianne (2000): Wortbildung in Textkomplexen. In: Barz, Irmhild / Fix, Ulla / Schröder, Marianne u. a.: Sprachgeschichte als Textsortengeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Gotthard Lechner. Frankfurt am Main, S. 385-405.

13 Zitiert hier: Schnotz, Wolfgang (1994): Aufbau von Wissensstrukturen: Untersuchung zur Kohärenzbildung beim Wissenserwerb mit Texte. Weinheim. Psychologie-Verlag-Union, S. 17.

14 Auszeichnung von Greimas (1971).

15 Jeder 11. Tweet der gegebenen Timeline wurde ausgewählt.

16 Obwohl einige der Wortbildungen im Korpus ohne Bindestrich vorliegen, wurden diese dennoch als Komposition und somit als Wortbildung erkannt und verzeichnet.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Kohärenz und Wortbildung in der hashtagbasierten Twitter-Kommunikation
Untertitel
#Kohärenz #Twitter #Wortbildung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
40
Katalognummer
V314234
ISBN (eBook)
9783668128927
ISBN (Buch)
9783668128934
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kohärenz, wortbildung, twitter-kommunikation
Arbeit zitieren
Jonas Schreiber (Autor), 2014, Kohärenz und Wortbildung in der hashtagbasierten Twitter-Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314234

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