Im Vordergrund dieser Arbeit sollen der Unsagbarkeitstopos und dessen Umsetzung im Prolog der "Goldenen Schmiede" von Konrad von Würzburg stehen. Dabei analysiere ich die poetische Darstellung des Lobs Mariens, die das paradigmatische Paradox als Jungfrau und zugleich Gottesmutter hier darstellt. Ich möchte zeigen, dass Konrad auf einer ästhetischen Ebene, dem wilde[n] wunder Mariens mit wilder rede versucht nachzukommen, demnach eine poetische Sprache für eine paradoxe Gegebenheit anwendet. So schafft Konrad mit der Goldenen Schmiede einen Text, der Unsagbarkeiten sagbar macht und zugleich die oben erwähnte Dramatik der Poesie miteinschließt.
Am 14. Juni diesen Jahres (2013) gab der Autor und Übersetzer Raoul Schrott ein Interview im Bayrischen Rundfunk: Im Gespräch mit Annegret Arnold spricht Schrott über das Arbeiten an seinem neuen Werk Erste Erde Epos und die Schwierigkeiten, die es während dem Schreiben zu bewältigen gibt. So erläutert er unter anderem, warum er die Form des Epos als passend erachtet, wenn man über die „Entstehung der Erde“ schreiben möchte. Es geht ihm an dieser Stelle um die „poetische Formulierungskraft“, die nur damit zu finden sei. Mit dieser seien wir im Stande, „etwas auf den Punkt bringen“ zu können und „einer Sache Sinn zu verleihen“, vielmehr als es mit reiner Prosa der Fall wäre.
Er betont die „Genauheit“ und „Akribie der Worte“, die einer solchen poetischen Sprache innewohnen, und apostrophiert darüber hinaus die Möglichkeit Paradoxien, wie die „Entstehung von Leben“ oder den Urknall („Wo ja nichts wirklich geknallt hat“) darzustellen und beschreiben zu können. Zugleich sagt er, dass mit dem poetischen Sprachstil eine „Dramatik, eine Spannung“ entstehe, die als fähig für die Darstellung derartiger Ereignisse gelte. Auch „dafür ist die poetische Sprache wie geschaffen“.
Ebenso umriss er bei einem Vortrag, den er zu gleichem Thema in Erlangen hielt, Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten der Poesie gerade solche singulären wie paradoxen Ereignisse, wie den Urknall, passend zu erzählen.
Diese These benutze ich als Ausgangspunkt für diese Arbeit, in der es mir genau um dieses Potenzial der poetischen Sprache geht: Ich versuche zu zeigen, wie es mit bestimmten Kunstgriffen möglich ist, Unmögliches oder Paradoxien darzustellen, das eigentlich Unsagbare also sagbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Ausführung
1. Der Unsagbarkeitstopos in der Goldenen Schmiede
1.1. Gedoppelte Unsagbarkeit
1.2. Eine „vorsichtige Rhetorik der Unzulänglichkeit“
2. Faszination als Effekt der Unsagbarkeit
2.1. Metaphern und poetische Bildbereiche
2.2. Die Null und die Unsagbarkeit
3. Erkenntnistheoretische Funktion der Unsagbarkeit
3.1. Unsagbarkeit und Ästhetik
3.2. Unsagbarkeit und Erfahrung
4. Unsagbarkeit und Konvention
III. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das poetische Potenzial und die Funktion des Unsagbarkeitstopos im Prolog der „Goldenen Schmiede“ von Konrad von Würzburg. Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Autor durch spezifische rhetorische Strategien und die Verbindung von Paradoxien mit einer „vorsichtigen Rhetorik der Unzulänglichkeit“ das eigentlich Unbeschreibbare – das Lob der Jungfrau und Gottesmutter Maria – auf einer ästhetischen Ebene dennoch sprachlich greifbar und erfahrbar macht.
- Analyse des Unsagbarkeitstopos und der „Gedoppelten Unsagbarkeit“
- Wirkungsweise von Faszination durch poetische Metaphorik und Bildbrüche
- Erkenntnistheoretische Dimensionen der ästhetischen Formgestaltung
- Einordnung in die Tradition der Marienpreisdichtung unter Berücksichtigung metapoetischer Aspekte
Auszug aus dem Buch
1.1. Gedoppelte Unsagbarkeit
Um die komplexe Umsetzung dieses Topos‘ in der Goldenen Schmiede am besten herausarbeiten zu können, muss ich diesen Begriff in der Weise anpassen – und damit erweitern –, dass er dem Gebrauch im Text gerecht wird. Ich stelle dabei die Begriffe Bescheidenheit und Unsagbarkeit auf eine Wirkungsebene, da diese im Text, wie ich im Folgenden zeigen werde, parallel zueinander geschaltet sind und damit gleiche Effekte bewirken. Hinzu kommen ständige Übertreibungen, die sich in diese Wirkungsreihe gleichfalls einordnen. Dadurch entsteht ein Konstrukt, welches die Unsagbarkeit in doppelter Weise behandelt:
Konrad beginnt den Prolog der Goldenen Schmiede mit einer „Klage über die eigene Unfähigkeit“ in steter Betonung, „dem Stoff [nicht] gerecht zu werden“. Ich stelle mir dabei nicht die Frage, ob es sich dabei um tatsächliche Bescheidenheit oder doch um Arroganz handelt? Vielmehr interessiert mich, wie er das Problem der Darstellung des Undarstellbaren löst.
Er entwirft hierzu das Bild, in seiner hertzen smitten (V. 2) ein Ghe ticht van golde (V. 3) schmieden zu wollen. Jedoch sei er nicht bereyt (V. 11), der werdikeyt (V. 12) der himmel keyserin (V. 6) gerecht zu werden. Ihm fehle die Fertigkeit und Voraussetzung, ein passendes Lob für Maria formulieren zu können. Diese Aufgabe wird für ihn, als Dichterperson, unmöglich, mit anderen Worten: unsagbar.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung etabliert die These, dass poetische Sprache ein besonderes Potenzial besitzt, um Paradoxien darzustellen, und führt den Unsagbarkeitstopos als Analysegegenstand im Prolog der „Goldenen Schmiede“ ein.
II. Ausführung: Dieser Hauptteil analysiert die rhetorische Konstruktion der „doppelten Unsagbarkeit“, die Faszination durch Metaphorik, die erkenntnistheoretische Funktion des Lobes sowie die traditionelle Einbettung und Besonderheit von Konrads Dichtung.
III. Zusammenfassung: Das Fazit resümiert, dass Konrad das Paradoxon der Jungfrau und Gottesmutter durch ein System von Ein- und Ersetzen meisterhaft in ein sagbares Lob überführt und damit eine eigenständige poetische Kraft entfaltet.
Schlüsselwörter
Konrad von Würzburg, Goldene Schmiede, Unsagbarkeitstopos, Marienlob, Paradoxie, Poetik, Mittelalterliche Literatur, Metapher, Rhetorik, Ästhetik, Erkenntnistheorie, Bescheidenheitstopos, Unbeschreibbarkeit, Wildez wunder, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des Unsagbarkeitstopos im Prolog der „Goldenen Schmiede“ von Konrad von Würzburg und untersucht, wie der Dichter das paradoxe Lob der Maria sprachlich umsetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die rhetorische Darstellung von Unmöglichkeit (Adynata), die Wirkung von Metaphern auf den Rezipienten, die Verbindung von Ästhetik und Erkenntnis sowie die Einordnung des Werks in die Tradition der Marienpreisdichtung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den poetischen Mechanismus aufzudecken, durch den Konrad das eigentlich Unsagbare (das paradoxe Mysterium Mariens) durch gezielte sprachliche Kunstgriffe im Konjunktiv und mittels Überbietungslogik „sagbar“ macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische und textanalytische Herangehensweise, wobei sie sich auf literaturwissenschaftliche Konzepte (wie die von Curtius, Schnyder und Prica) stützt, um die poetische Technik und die erkenntnistheoretische Funktion der Unsagbarkeit zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Unsagbarkeitstopos (doppelte Unsagbarkeit), die Faszination durch Bildbereiche, die erkenntnistheoretische Bedeutung von Ästhetik und Erfahrung sowie die metapoetischen Bezüge und Konventionen der Marienpreisdichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Unsagbarkeitstopos“, „Paradoxie“, „Poetik“, „Marienlob“ und „Goldene Schmiede“ charakterisiert.
Wie geht der Autor mit der „Gedoppelten Unsagbarkeit“ um?
Konrad verdoppelt die Unmöglichkeit, indem er nicht nur die eigene Unfähigkeit als Dichter (Bescheidenheitstopos) betont, sondern zugleich die Gottesmutter selbst als ein grundsätzlich unbeschreibbares, paradoxes Phänomen inszeniert.
Welche Rolle spielt die „Gnade Marias“ für das Dichten im Prolog?
Die Gnade fungiert als metapoetische Lösung: Sie entbindet den Dichter von der Pflicht, den Inhalt aus eigener Erfahrung kennen zu müssen, und ermöglicht es ihm, das ansonsten unmöglich erscheinende Lob dennoch auszusprechen.
- Arbeit zitieren
- Jonas Schreiber (Autor:in), 2013, Ein "wildez wunder wild" erzählen. Das poetische Potenzial der ‚Unsagbarkeit' im Prolog der "Goldenen Schmiede" von Konrad von Würzburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314237