Das Deutschlandbild in der britischen Kinderliteratur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

31 Seiten, Note: 1,25


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Deutschlandbild in der britischen Kinderliteratur seit 1870
1.1 Stereotype und Imagologie. Eine kurze Einführung
1.2 Die Bücher im Korpus von O‘Sullivan
1.3 Der „Deutsche“ in der Kinderliteratur (Handlungsorte)
1.4 Das Aussehen
1.5 Der Charakter
1.6 Die Sprache (Namen für Deutsche)
1.7 Die Kriege, Spione und berühmte Deutsche

2. Das Deutschlandbild in der britischen Kinderliteratur: Eine aktuelle Stichprobe
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Deutsche Figuren, Deutsche Sprache
2.3 Die Analyse des Deutschlandbildes

3. Didaktische Überlegungen zur Auseinandersetzung mit deutschen

Stereotypen in britischer Kinderliteratur und Fazit

Quellen und verwendete Literatur

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit einem in der Wissenschaft bislang wenig untersuchten Problem: Das Deutschlandbild in der britischen Kinder- und Jugendliteratur.

Viele Arbeiten zur Imagologie im Hinblick auf das Bild Deutschlands in der englischen Literatur insgesamt Hinsind bislang schon verfasst worden. Eine genaue Auseinandersetzung mit der Literatur jüngerer Leser gibt es aber erst seit 1990.

Emer O‘Sullivan hat in ihrer Untersuchung 245 Bücher britischer Herkunft auf das in ihnen publizierte Deutschlandbild hin bewertet und dabei interessante Ergebnisse erhalten.

Ziel dieser Hausarbeit soll es zum einen sein, diese Forschungsergebnisse in einer Übersicht darzustellen und wichtige Punkte herauszustellen, sowie Beispiele für Detailanalysen zu geben.

Im zweiten Abschnitt dieser Arbeit werde ich mich mit einem aktuellen englischen Kinderbuch auseinandersetzen und dieses entlang der Interpretationslinien von O‘Sullivan auf sein Deutschlandbild hin analysieren.

Im dritten und letzten Teil der Hausarbeit werde ich versuchen, einen didaktischen Weg zu finden, Literatur, die Stereotype vermittelt oder unterbewußt mit ihnen arbeitet, entsprechend sinnvoll und neutral in den Englischunterricht einzubringen. Ziel soll es sein, den Schülern das Auffinden bestimmter Muster, wie sie zum Beispiel im Korpus von O‘Sullivan zu finden sind, näher zu bringen und diese zu hinterfragen.

Vor Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema lege ich die Vermutung nahe, dass das Bild Deutschlands in der britischen Kinderliteratur stark vom jeweiligen Zeitgeist geprägt ist und wahrscheinlich, durch die Erfahrungen der Weltkriege geprägt, eher negativ besetzt ist.

Ob diese Hypothesen richtig sind, werde ich in der Folge überprüfen.

1. Das Deutschlandbild in der britischen Kinderliteratur seit 1870

Zu Beginn dieser Arbeit erachte ich es für wichtig, darauf hin zu weisen, dass mit dem „Deutschlandbild in der britischen Literatur“ tatsächlich nur britische Literatur gemeint ist. Es werden keine Werke von amerikanischen, kanadischen oder australischen Autoren untersucht. Im gesamten Korpus von O‘Sullivan finden sich demnach an Autoren neben Engländern, Schotten, Walisern und Nordiren lediglich vereinzelt andere Nationalitäten. Und bei diesen Ausnahmefällen handelt es sich in der Regel auch um aus Deutschland nach England emigrierte Personen.

Daher wird diese Hausarbeit ein Bild Deutschlands liefern, wie es in England und Schottland vorherrscht. Es steht außer Frage, dass in anderen englischsprachigen Ländern ähnliche Muster zum Beispiel in der Frage des Zweiten Weltkrieges gezogen werden können (z.B. USA). Dennoch gibt es gewisse Nuancen und Unterschiede und diese Problematik wird deshalb ausgeblendet.

1.1 Stereotype und Imagologie. Eine kurze Einführung

Zu Beginn möchte ich kurz die Begriffe Stereotyp und Imagologie einführen, da diese Grundlage sind, das nachfolgende theoretisch wissenschaftlich zu begründen.

Als Stereotype werden in der Regel Vorurteile verstanden. Dies rührt daher, dass in der Sozialpsychologie früh Stereotype negativ besetzt wurden. In den USA hatte man sich bereits vor 1945 mit Rassismus und Stereotypen auseinandergesetzt, nach dem zweiten Weltkrieg folgte sodann eine noch deutlichere Fokussierung auf Faschismus und Antisemitismus in der Vorurteilsforschung: „[...] stereotype became more or less synonymous with prejudice and thus exclusively negative.“[1]

Was allerdings bedeutet jetzt Stereotyp in der Literatur? Dieser Sachverhalt ist nicht ganz einfach zu klären und es gibt leider auch nur wenig Referenzliteratur, in denen das Wort im literarischen Kontext erklärt wird. Bei Shaw im „Dictionary of Literary Terms“ heißt es:

„In literature, stereotype may refer to a cliché (a worn out expression); to a stock character, situation or response; to a fixed and firmly held custom or tradition. A formula story, for example is a stereotype. A literary convention is usually a stereotyped technique or pattern. A flat character is a stereotype. In short, stereotype may be applied to anything which is fixed and settled (but not necessarily lifeless, stale and dull)”[2]

Für den Kontext dieser Arbeit ist besonders der „flat character” in der Definition hervorzuheben. Da in der Analyse des Deutschlandbildes notwendigerweise die Analyse deutscher Figuren einen Kernpunkt einnimmt, kann man folgern, dass ein „flacher Charakter“ ideal erscheint, bestimmte deutsche Eigenschaften undifferenziert zu präsentieren.

Im Gegensatz zu Stereotypen, die im Text auf einzelne Personen angewendet werden, beschäftigt sich die Imagologie mit nationalen Stereotypen. Diese nationalen Stereotype generalisieren und reduzieren, indem sie bestimmte Charaktereigenschaften einer ganzen Gruppe von Menschen oder einem ganzen Volk zuschreiben.[3]

Inwieweit diese Stereotype dabei ein Wirklichkeitsbild wiedergeben bleibt in der Regel sehr fraglich.

Firchow definiert Imagologie folgendermaßen:

„Imagology goes beyond mere categorizing and cataloguing, not only by problematizing its subject but by focusing on the ways in which the images of others help to define the group/national identity/solidarity of the author and his primary audience.”[4]

Interessant ist das Ende des Satzes. Hierin wird Imagologie und die im Text enthaltenen Stereotype definiert als eine Art Spiegel oder Folie, vor der sich die eigene Nation und Wirklichkeit besser erkennen lässt.[5] Daher ist es durchaus möglich, Werte und Ideale der Nation des Autors in der porträtierten Gruppe zu erkennen. Die Stereotype haben also eine kontrastierende Funktion.

Neben der Absicht des Autors ist es zudem wichtig, die Erwartung des Lesers zu berücksichtigen. „Intertextual knowledge“[6] bedeutet, dass es nicht möglich ist, einen Text zu lesen, ohne dass gewisse Erwartungen und Erfahrungen einfließen:

„Every character (or situation) of a novel is immediately endowed with properties that the text does not manifest and that the reader has been programmed to borrow from the treasury of intertextuality.”[7]

Das bedeutet, dass in dem Moment, in dem der Autor einen Fremden, einen Ausländer auftreten lässt, beim Leser ein ganzes “Assoziationsbündel”[8] aktiviert wird.

Vor dem Hintergrund dieses Erfahrungsschatzes des Lesers ist es dem Autor möglich, Beschreibungen anderer Nationen aufzubauen und Charaktere entsprechend gegen oder mit den Assoziationen der Leserschaft zu zeichnen und mit den verschiedenen Facetten zu spielen.[9]

1.2 Die Bücher im Korpus von O‘Sullivan

Emer O’Sullivan hat in ihrer Detailanalyse des Deutschlandbildes in der britischen Kinderliteratur 245 Bücher aus 120 Jahren untersucht. Als Grenze dienen zum einen die Jahre 1870/71. Dies ist sinnvoll gewählt, da vorher eher von Preußen als von Deutschland die Rede war und mit der Gründung des deutschen Reiches 1871 und damit auch in der Geschichte Deutschlands und Englands eine Zäsur stattfand. Als weitere Grenze muss man das Jahr der Publikation der Monographie, 1990, ansehen. Es ist daher, so denke ich, unerlässlich, dass ich im zweiten Teil dieser Arbeit ein aktuelles Buch zusätzlich zur Interpretation hinzuziehe.

Die 245 Texte verteilen sich, wenn man sie nach Gattungsarten aufteilt, wie folgt: 72%, also knapp drei Viertel des gesamten Korpus sind Romane, die übrigen Kurzgeschichten (8%), Fabeln und Märchen (10%), sowie Anthologien (7%).[10]

Die jeweiligen Publikationsdaten der Bücher sind von besonderem Interesse. Vielfach ist nämlich festzustellen, dass das Jahr des Erscheinens einen großen Einfluss darauf hat, ob Deutschland positiv oder negativ dargestellt wird.

Oftmals finden sich Bücher mit gleichem Thema (z.B. 2.Weltkrieg), die aber aufgrund der unterschiedlichen Erscheinungsdaten sehr verschieden bewertet werden müssen in ihrer Aussage.

Etwa 19% der Werke sind zwischen 1870 und 1913 erschienen, 20% zwischen 1914 und 1919. 15% zwischen 1939 und 1946 und 24% nach 1967.[11] Der Rest verteilt sich ungefähr gleichmäßig. Natürlich ist es fraglich, ob solche Einteilungen richtig und sinnvoll sind.

Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, die beiden Kriege zwischen 1914 und 1945 zusammenzufassen. Dann würde die Zahl der im Krieg erschienen Literatur sogar 35% betragen. (Und dies bei einem Zeitraum von nur 12-14 Jahren). Chronologisch besser zu verstehen sind sicherlich aber die von O’Sullivan gewählten kleineren Einheiten. Auch werden in England geschichtliche Zäsuren, die in Deutschland selbstverständlich scheinen (wie z.B. 1933), teilweise nicht so streng genommen.

Wenn nun die Einteilung der Publikationsdaten strittig ist, so kann doch kein Zweifel über die Verteilung der Themen oder des „Setting“ der einzelnen Geschichten bestehen.

Über die Hälfte der Geschichten spielen entweder im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg. Wenn man dazu noch den Dreißigjährigen Krieg und den Französisch-Preußischen Krieg 1870 nimmt, fallen sogar 60% der Lektüren in einen Kriegsrahmen.[12]

Weiterhin ist im Korpus auffällig, dass gut die Hälfte der Handlungen in der Zeit spielen, in der sie auch vom Autor verfasst worden sind. Hierbei dominieren die Kriegsromane sogar mit über 90% anteilsmäßig. Das bedeutet, dass, gerade in Zeiten des Krieges, von britischen Autoren die Notwendigkeit gesehen wurde, sich mit dem Feind (in der Regel Deutschland) literarisch auseinander zu setzen.[13]

Auf der anderen Seite ist es aber nicht möglich, aus diesen empirischen Daten allein einen Eindruck zu gewinnen, welchen Einfluss das Publikationsdatum auf den Inhalt des Werkes nimmt. Ablesen lässt sich lediglich, dass z.B. nach 1967 erneut „Settings“ aufkamen, die sich mit den Weltkriegen beschäftigen. Man könnte daraus schließen, dass erst einige Zeit unmittelbar nach dem Krieg verstreichen musste, bevor es den Autoren wieder möglich wurde, mit Abstand und nüchtern, dieses Thema aufzugreifen. O’Sullivan vermutet:

„The writers of these retrospective stories about the Second World War, unlike authors writing during that period who felt, perhaps, that they had to keep their young reader’s spirits up to help them to believe that the British cause was just and that the Germans were evil, could describe the war from the tranquility of peacetime and could allow themselves to present a more complex and differentiated picture of events.“[14]

Interessant bei der Vorstellung des Gesamtkorpus ist auch die Frage, welche Einstellungen des Autors gegenüber Deutschen in der Statistik zu erkennen sind. O’Sullivan hat die Bücher in drei Kategorien unterteilt, zum einen diese, die eine positive Einstellung wiedergeben, dann diejenigen, die eher negativ über Deutschland berichten und schließlich die, die eher neutral bleiben: Negativ berichten 40% der Bücher über die Deutschen, positiv 29% und eine neutrale Haltung nehmen 31% der Autoren ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn man nun hinterfragt, in welche Zeiträume sich diese Einstellungen verteilen (jeweils auf das Publikationsdatum bezogen), wird deutlich, dass in der Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine eher positive Haltung zu finden ist, mit Ausbruch des Krieges dies sich aber verändert und während des Zweiten Weltkrieges der Höhepunkt der negativen Einstellungen bei über 90% liegt. Seit Ende des Krieges kehrt sich dies wieder um und ab 1967 überwiegen dann eindeutig die neutralen Texte. Man könnte anders formulieren: Ab 1967 überwiegen mit über 90% die Nicht-Negativen Texte.[16]

Ähnliche Ergebnisse erhält O’Sullivan bei der Untersuchung der jeweiligen Handlungsräume in Bezug auf die Autoreneinstellung. Resümieren lässt sich, dass seit Ende der 60iger Jahre Deutschland in den englischen Kinderbüchern seinen festen Platz hat als etwas natürliches und zum täglichen Leben gehört.

Bei der Einteilung der 245 Bücher nach verschiedenen Typen zeigt sich erneut die Dominanz der Kriegsjahre. 85 Texte sind als „War-Stories“ zu bezeichnen, weitere 65 als „Historical- Stories“ mit teilweise auch klarem Bezug zu Gewalt und Krieg. Es folgen Abenteuergeschichten und „Boys-Stories“. Eine Erklärung scheint hier einfach. Für Marshall bedeutet die Kombination zwischen Krieg und Geschichte eine ideale Möglichkeit für den Autor, Probleme der porträtierten Jugendlichen in einer historischen, und damit bekannten Umgebung, aufzuzeigen:

„The fact that the majority of historical works for children are based on war or conflict reflects one of the reasons given by many historical writers for choosing the past rather than the present time. The past offers a range of situations in which a child was pitted against misfortune or enemy and could show bravery, cunning, achievements, loyalty and even love. Many authors feel better able to portray the social history of the past correctly than to understand and correctly define the present, so the two aspects of subject content and author inclination combine to produce the genre known as the historical novel for children.”[17]

Die Hauptthemen des Korpus sind, ähnlich wie bei den Typen, Krieg und Geschichte.[18] „War“ taucht im Kontext 151 mal als Thematik auf, geschichtliche Ereignisse in 72 Fällen. Insofern scheint eine genauere Analyse hinfällig. Einen empirisch wichtigen Punkt gilt es aber dennoch zu erwähnen: 11,5% der Texte haben als Thema Natur und Tiere. Aufschlussreich für diese Arbeit ist dabei, dass in negativen Texten die Deutschen oftmals als wenig tierlieb oder sogar als bösartig und grausam gegenüber Tieren dargestellt werden. Das typisch Deutsche ist in diesem Fall aber nicht die mangelnde Tierliebe. Im Gegenteil. Hier wird ein Charakteristikum dazu benutzt, wie eingangs erwähnt, für eine tierliebe Leserschaft, durch Umkehrung des Attributes „Tierliebe“ ein Feindbild zu schaffen.[19] Dieses wird dann mit den Deutschen gleichgesetzt, die ja der Feind sind. Man kann also in diesem Fall nicht von einem Stereotyp im herkömmlichen Sinne sprechen.

[...]


[1] O’Sullivan, Emer. „Friend and Foe – The image of Germany and the Germans in British children’s fiction from 1870 to the present“ Gunter Narr Verlag, Tübingen, 1990. S.17

[2] Shaw. S.357 in O’Sullivan. S.14

[3] vgl. O’Sullivan. S.19

[4] Firchow. S.184 in O’Sullivan. S.27

[5] vgl. Stanzel. S.73 in O’Sullivan. S. 40

[6] O’Sullivan. S.33

[7] Eco. S.21 in O’Sullivan. S.33

[8] Stanzel. S.69 in O’Sullivan. S.34

[9] vgl. O’Sullivan. S.43

[10] vgl. ebd. S.56+57

[11] vgl. ebd. S.64

[12] vgl. O’Sullivan. S.66

[13] vgl. ebd. S.69

[14] O’Sullivan. S.85

[15] O’Sullivan. S.77

[16] vgl. O’Sullivan. S.79f

[17] Marshall. S.64 in O’Sullivan. S.92

[18] vgl. O’Sullivan. 103f

[19] vgl. O’Sullivan. S.109

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Das Deutschlandbild in der britischen Kinderliteratur
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Anglistisches Institut)
Veranstaltung
Deutschlandbilder in englischsprachiger Literatur
Note
1,25
Autor
Jahr
2004
Seiten
31
Katalognummer
V31440
ISBN (eBook)
9783638324502
ISBN (Buch)
9783638651271
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschlandbild, Kinderliteratur, Deutschlandbilder, Literatur
Arbeit zitieren
Sebastian Goetzke (Autor), 2004, Das Deutschlandbild in der britischen Kinderliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31440

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