Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Texte veröffentlichen, Rundum-Service genießen
Zur Shop-Startseite › Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Die Wandlung des Protagonisten David Hohl im Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss

Titel: Die Wandlung des Protagonisten David Hohl im Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss

Hausarbeit , 2011 , 21 Seiten

Autor:in: Olaf Breithecker (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

David Hohl, Protagonist aus dem Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss, kommt als Entwicklungshelfer nach Ruanda und will voller Idealismus helfen. Doch gerade seine Idealismus, der bei ihm in besonderem Maße ausgeprägt ist, verhindert, dass er sich kritisch mit den Menschen vor Ort und der Arbeit der Schweizer Direktion auseinandersetzt. Als David Hohl 1990 als Entwicklungshelfer nach Ruanda kommt, ist er davon überzeugt, dass er mithilfe seiner Kollegen wichtige Arbeit für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes leistet. Dabei sind ihm moralische Werte wie Ehrlichkeit und Fleiß besonders wichtig. Deshalb möchte er seinen Beitrag zum ‚Sieg der Gerechtigkeit‘ beitragen. Dies bedeutet für ihn vor allem, dass er mit seiner Arbeit die Menschheit im Allgemeinen weiterentwickelt.

Weil er von der Richtigkeit seines Denken derart überzeigt ist, kommt es ihm erst gar nicht in den Sinn, dass er mit seiner Unterstützung für die herrschenden Hutu die Unterdrückung der Tutsi weiter vorantreibt. Dabei geht er so gar so weit, dass er in der ruandischen Diktatur die Grundlage für Frieden und Sicherheit im Land sieht.

Im Laufe des Romans durchlebt David Hohl jedoch eine Wandlung. Durch die Beziehung zu Agathe muss er zunächst erleben, dass die ruandische Mentalität nicht verstehen kann – Sex bleibt die einzige Gemeinsamkeit der beiden.

Zum anderen bringt ihn der Realist und Egoist Missland, der der idealistischen Einstellung Davids diametral entgegensteht, zum Nachdenken. Des Weiteren zeigen ihm die moralische Verwerflichkeit des kleinen Paul und die selbstgerechte Haltung der Schweizer im Allgemeinen, wie oberflächlich sein Engagement für Ruanda gewesen ist.

Doch erst als der Völkermord an den Tutsi beginnt, gibt David sein idealistische Sichtweise völlig auf. Erst nach der Aufgabe seiner ‚Verblendung‘ kann er die Verlogenheit der Schweizer Direktion und die der Europäer im Allgemeinen durchschauen. Deshalb lautet meine Zielthese: Durch das Verhältnis zu Agathe, sowie durch das Dilemma der Entwicklungspolitik und durch den Völkermord verliert er seinen Idealismus und deckt die Fehler des europäischen Denkens auf.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. David Hohl als Idealist

1.1 David setzt sich für Schwächere ein – Szene am Flughafen

1.2 Idealisierung der ruandischen Bevölkerung und der Diktatur

2. Die Entwicklung des Idealisten durch die Realität

2.1 Die Beziehung zu Agathe

2.2 Sex als Bindeglied zwischen David und Agathe

2.3 Die Schweizer als vermeintliche Heilsbringer und die Rolle des Radios

2.4 Die Sprache als Werkzeug des Genozids

2.5 Missland als Gegenpol

2.6 Erste Veränderungen in der idealistischen Haltung Davids

2.7 Missland als Realist

2.8 Die moralische Verwerflichkeit des kleinen Paul

2.9 Die selbstgerechte Haltung der Schweizer

3. Fazit

3.1 Aufgabe der idealistischen Sichtweise Davids

3.2 David durchschaut die Verlogenheit der Europäer

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die psychologische und moralische Wandlung des Entwicklungshelfers David Hohl im Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss vor dem Hintergrund des Völkermords in Ruanda. Dabei wird analysiert, wie sein anfänglicher, naiver Idealismus in einer Konfrontation mit der brutalen Realität kollabiert und ihn zur Erkenntnis über die Fehler des europäischen Denkens führt.

  • Die Entlarvung des idealistischen Weltbildes durch politische Krisen.
  • Der Einfluss von zwischenmenschlichen Beziehungen auf die politische Wahrnehmung.
  • Die Rolle der Entwicklungshilfe als unbeabsichtigter Unterstützer von Gewaltstrukturen.
  • Die Dekonstruktion europäischer Überlegenheit und Arroganz im postkolonialen Kontext.

Auszug aus dem Buch

2.4 Die Sprache als Werkzeug des Genozids

Dass David selbst entscheidende Fehler gemacht hat, will er sich jedoch nicht eingestehen. So macht er sich nicht einmal die Mühe, die Sprache der Einwohner zu lernen, da sie seiner Meinung nach viel zu unbedeutend sei: „Wir glaubten nicht, dass sich die Mühe des Lernens [der Sprache] lohnte, dass diese Sprache irgendein Geheimnis bewahrte, etwas, das man verstehen musste, um hinter die Maske dieses Landes zu blicken. Nein, es waren liebe und brave Kerle, pünktlich, folgsam, ungebildet, einfach, misstrauisch, kleinkariert, sie konnten nicht tanzen, sie mochten keine lauten Feste, wenn sie tranken, dann schlossen sie sich dazu in ihre Häuser ein31.“

An dieser Stelle wird erneut die Überheblichkeit Davids deutlich, der möglicherweise das europäische Stereotyp vom ungebildeten, aber edlen Wilden aufgreift. Festhalten kann man, dass er europäisch denkt und davon überzeugt ist, dass seine Sichtweise richtig ist. Dabei überträgt er die Verhaltensweisen der Afrikaner auf europäische, bekannte Verhaltensmuster: „In dieser Genügsamkeit und Ordnungsliebe erkannten wir Schweizer uns wieder.32“

Erst als die Vorbereitung des Genozids in vollem Gange ist, begreift David, wie falsch seine Einschätzung gewesen ist: „Wie begriffen nicht, wie verführerisch die Angst ist, wir hatten keine Ahnung von ihrer rasenden Verbreitung, denn sie bewegte sich in diesem Bantuidiom, in dem alle Zeitungen abgefasst waren, alle politischen Versammlungen abgehalten und die Sendungen im Radio gesprochen wurden. Die Sprache der Vernunft war Französisch und hielt sich an die Bürozeiten von neun bis siebzehn Uhr, Montag bis Freitag. Die übrige Zeit, abends und an den Wochenenden, herrschte die andere Sprache, die mir gerade so geläufig war, dass ich den Hass verstand, das Grauen, die Hetze… Ich verstand den Zweck dieser anderen, neuen, unbekannten Sprache, und ihr Zweck hieß Schrecken, ein Schrecken, der sich von Tag zu Tag tiefer in die Gesichter der Menschen eingrub33.“

Die Schweizer erkennen viel zu spät, dass das Bantuidiom zur Verbreitung von Angst dient und zum Völkermord aufruft. Die französische Sprache dient hingegen nur dazu, um die Europäer zu täuschen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. David Hohl als Idealist: Beleuchtet Davids Ankunft in Ruanda und seine von idealistischen Vorstellungen geprägte, jedoch naive Weltsicht.

1.1 David setzt sich für Schwächere ein – Szene am Flughafen: Analysiert eine Schlüsselszene, in der Davids Engagement als übertrieben und weltfremd dargestellt wird.

1.2 Idealisierung der ruandischen Bevölkerung und der Diktatur: Zeigt auf, wie David die politische Situation durch eine idealisierte Brille rechtfertigt.

2. Die Entwicklung des Idealisten durch die Realität: Beschreibt den Prozess, in dem die harte Realität Davids Idealismus sukzessive untergräbt.

2.1 Die Beziehung zu Agathe: Untersucht die Beziehung als Spiegelbild für die Unfähigkeit zur kulturellen Verständigung.

2.2 Sex als Bindeglied zwischen David und Agathe: Analysiert die Rolle der Sexualität als zeitweiliges Ablenkungsmanöver von politischen Spannungen.

2.3 Die Schweizer als vermeintliche Heilsbringer und die Rolle des Radios: Kritisiert die Rolle der Schweizer Direktion bei der unbewussten Förderung von Propaganda.

2.4 Die Sprache als Werkzeug des Genozids: Erläutert, wie Sprachbarrieren zur Verblendung beitrugen und wie Sprache instrumentalisiert wurde.

2.5 Missland als Gegenpol: Kontrastiert Davids Idealismus mit dem pragmatischen und zynischen Ansatz der Figur Missland.

2.6 Erste Veränderungen in der idealistischen Haltung Davids: Dokumentiert den Beginn der Desillusionierung durch den Kriegsausbruch.

2.7 Missland als Realist: Beschreibt Misslands Handlungsweise als einzig wirksame Hilfe während des Genozids trotz moralischer Ambivalenz.

2.8 Die moralische Verwerflichkeit des kleinen Paul: Zeigt Pauls moralischen Zusammenbruch nach der Erkenntnis der Sinnlosigkeit seiner Arbeit.

2.9 Die selbstgerechte Haltung der Schweizer: Hinterfragt die arrogante Selbstwahrnehmung der Schweizer Entwicklungshelfer.

3. Fazit: Fasst zusammen, wie David durch das Miterleben des Genozids seinen Idealismus verliert und die Fehler westlicher Denkweisen erkennt.

3.1 Aufgabe der idealistischen Sichtweise Davids: Beschreibt den finalen Verlust der Ideale während der Ermordungen.

3.2 David durchschaut die Verlogenheit der Europäer: Analysiert Davids letzte Reflexion über die Symbiose zwischen westlicher "Tugend" und ruandischem Verbrechen.

Schlüsselwörter

David Hohl, Lukas Bärfuss, Hundert Tage, Ruanda, Genozid, Idealismus, Entwicklungshilfe, Postkolonialismus, Agathe, Missland, moralische Verwerflichkeit, europäisches Denken, Völkermord, Kulturzusammenstoß, Selbstgerechtigkeit.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die psychologische Transformation des Entwicklungshelfers David Hohl im Roman "Hundert Tage" während des Völkermords in Ruanda.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Zu den Schwerpunkten zählen der Verlust von Idealismus, die Kritik an europäischer Entwicklungspolitik und das Versagen westlicher Akteure in Krisengebieten.

Was ist die primäre Zielsetzung der Hausarbeit?

Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie David Hohl seinen Idealismus durch die Konfrontation mit der Realität verliert und letztlich die Verlogenheit des europäischen Denkens demaskiert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Untersuchung basiert auf einer textnahen Interpretation des Romans unter weitgehendem Verzicht auf Sekundärliteratur, ergänzt durch Fachliteratur zum historischen Kontext.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Davids idealistischer Ausgangslage und seiner sukzessiven Wandlung durch Beziehungen und politische Ereignisse im Vorfeld und während des Genozids.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?

Die wichtigsten Begriffe sind David Hohl, Idealismus, Genozid, Ruanda, europäische Überlegenheit und das Versagen der Entwicklungshilfe.

Warum ist die Figur "Missland" als Gegenpol so wichtig für David?

Missland verkörpert den Realisten, der das Land ungeschönt wahrnimmt, und führt David durch seine moralische Ambivalenz seine eigene Naivität und moralische Verwerflichkeit vor Augen.

Welche besondere Bedeutung hat das Kapitel zur Sprache im Genozid?

Es verdeutlicht, dass die Missachtung der lokalen Sprache und die Unfähigkeit, die Hetzsprache der Hutu rechtzeitig zu interpretieren, maßgeblich zur Blindheit der Schweizer Direktion beitrug.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Die Wandlung des Protagonisten David Hohl im Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss
Hochschule
Universität Trier
Autor
Olaf Breithecker (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V314471
ISBN (eBook)
9783668130753
ISBN (Buch)
9783668130760
Sprache
Deutsch
Schlagworte
100 Tage Lukas Bärfuss Genozid Ruanda Tutsi Hutu Völkermord Protagonist David Hohl Wandlung Entwicklungshilfe Schweiz Kriegsverbrechen Gewalt Propaganda
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Olaf Breithecker (Autor:in), 2011, Die Wandlung des Protagonisten David Hohl im Roman "Hundert Tage" von Lukas Bärfuss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314471
Blick ins Buch
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
Leseprobe aus  21  Seiten
Grin logo
  • Grin.com
  • Versand
  • Kontakt
  • Datenschutz
  • AGB
  • Impressum