Adornos Kritik der Normalitätskonstruktion und der Psychotherapie. Ihre Spiegelung in anderen Werken und in der Gegenwart


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Einführung
2.1 Theodor W. Adorno und die Kritische Theorie
2.2 Minima Moralia: Das Ganze ist das Unwahre
2.3 Aphorismus 36: Die Gesundheit zum Tode

3. Normalität und Psychotherapie
3.1 Definition der Begriffe: Normalität, Gesundheit und Krankheit
3.2 Normalität und Psychotherapie in anderen Werken
3.3 Normalität und Psychotherapie in unserer Gegenwart

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist Normal? Wer ist gesund und wer psychisch krank? Adorno beschäftigte sich in seinem Aphorismus „Die Gesundheit zum Tode“ eingehend mit diesen Fragen und kam zu dem Schluss, dass die „zeitgemäße Krankheit gerade im Normalen besteht“[1]. In diesem Zusammenhang kritisierte Adorno auch die Psychoanalyse, die versuche, den Menschen an diese kranke Normalität anzupassen. Auch in anderen Aphorismen tauchen die Themen Normalitätskonstruktion und Psychoanalyse immer wieder auf. Adorno schienen diese Themen ein wichtiges Anliegen zu sein und im Folgenden sollen seine Ansichten hierzu genauer dargestellt und in den Kontext seiner Denkschule – der Kritischen Theorie – eingeordnet werden. Der erste Teil dieser Arbeit ist demnach als eine Einführung in die relevanten Texte zu lesen.

Im zweiten Teil dieser Arbeit geht es dann um die Einordnung und Übertragbarkeit von Adornos Kritik. Die Texte entstanden vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus und Holocaust und es stellt sich die Frage ob die Überlegungen auch losgelöst von diesem Kontext Relevanz besitzen: Die Normalität in einem Diktaturstaat lässt sich ohne Zweifel als krank bezeichnen, aber wie steht es mit der Normalität in anderen Gesellschaften? Hatte das Infragestellen der Normalität auch in anderen Zeiten Konjunktur? Gibt es also Werke, die vor einem anderen Hintergrund ähnlich kritische Überlegungen anstellen und in denen ähnliche Gedanken zu finden sind? Und wie steht es mit unserer Gegenwart?

Um diese Fragen zu beantworten, wird zunächst eine Definition der Begriffe „Normal“, „Krank“ und „Gesund“ erfolgen. Daraufhin werden Werke vorgestellt, in denen sich ähnliche Gedanken finden bevor zuletzt geprüft wird, ob die Kritik auch auf unsere Gegenwart übertragbar ist.

Insgesamt soll die Arbeit Adornos Überlegungen in einen geistesgeschichtlichen Kontext einordnen und einen allgemeinen Überblick zum Thema Normalität und Psychotherapie schaffen. Dieses Ergebnis soll im Fazit zusammenfassend dargestellt werden.

2. Zur Einführung

2.1 Theodor W. Adorno und die Kritische Theorie

Um die in der Minima Moralia formulierten Überlegungen angemessen einordnen zu können, ist es wichtig, die Aphorismensammlung vor dem Hintergrund von Adornos Biographie und Gesamtwerk zu lesen. Wer war dieser Mann? Was ist der Kern seiner soziologischen Forschungen und philosophischen Überlegungen? Eine ausführliche Darstellung kann im Rahmen dieser Arbeit nicht gegeben werden, wohl aber ein Überblick zu jenen Teilen seines Leben und Werks die für das Grundverständnis der kritischen Theorie, in dessen Tradition auch die Minima Moralia steht, relevant sind.

Als einziges Kind des jüdischen Weinhändlers Oscar Wiesengrund und der Opernsängerin Maria Calvelli-Adorno wurde Theodor Wiesengrund 1903 in Frankfurt geboren.[2] Den Nachnamen der Mutter, unter dem er bekannt wurde, würde er später ergänzend annehmen.[3] Adorno besuchte das Gymnasium Sachsenhausen und bereits früh zeigte sich seine Begeisterung und Begabung für Musik und Philosophie.[4] Später schrieb er sich an der Frankfurter Universität für Soziologie, Psychologie, Musikwissenschaften und Philosophie ein.[5] Während seiner Zeit als Student lernte er Max Horkheimer kennen, der ihn erstmals an die marxistische Lektüre heranführte und der in Adornos weiterem Leben eine wichtige Rolle als Freund und Mentor einnehmen würde.[6]

Nach einem gescheiteten Versuch, sich in Wien als avantgardistischer Musiker zu behaupten, zog es Adorno zurück nach Frankfurt, wo derzeit das Institut für Sozialforschung eröffnete, an dem auch Horkheimer lehrte.[7] Das Institut knüpfte an den Marxismus an, wollte von dieser Grundlage ausgehend jedoch eine erweiterte Gesellschaftstheorie ableiten, die (vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise und Armut) vor allem die Frage stellt, warum die Menschen nicht rebellieren und wie es kam und wem es nütze, dass die Welt ist, wie sie ist.[8] Eine Frage, die bereits einen ungefähren Rahmen für Adornos spätere Überlegungen bildet.

1931 zwang die drohende Gefahr durch das nationalsozialistische Regime Adorno in die Emigration: Mit seiner späteren Frau Gretel ging er zunächst nach Oxford und folgte danach Horkheimer nach Amerika.[9] Horkheimer versuchte in New York das Institut neu aufzubauen, da aber die Forschungsarbeit des Instituts in Amerika nicht sonderlich erfolgreich war, löste Horkheimer dieses 1941 auf und zog von New York nach Kalifornien, wohin ihm Adorno folgte.[10] Mittlerweile waren Nachrichten über die Judenvernichtung nach Amerika gedrungen und die Frage wie es in einer Gesellschaft zu Faschismus und Holocaust kommen konnte, war ein Thema, dem Adorno sich seither zeitlebens widmete.[11] In diesem Zusammenhang verfasste er mit Horkheimer die Dialektik der Aufklärung, in welcher die Autoren versuchten, die gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit zu verstehen.[12] Angelehnt an marxistische Theorien sahen sie das Problem vor allem in der ökonomisierten und industrialisierten Welt, die den Menschen beherrsche und ihn zu einer profitbringenden Maschinen geformt habe, kalt, gefühllos und unfähig zu denken und sich daraus zu befreien.[13] Den Ursprung dieser Entwicklung wiederum sahen sie im „Selbsterhaltungsprinzip der Weltgeschichte“:

„Selbstdisziplinierung und Knechtung anderer, also Deformation der menschlichen Natur, zugleich ausbeuterische Unterwerfung der Natur – die Genesis des ’Ich’ und die der ’technischen Rationalität’ erweisen sich für Horkheimer und Adorno als Zeichen der Entfaltung des Menschen durch Herrschaft [...]“[14]

Mit diesen Erkenntnissen und dem Ziel einer Erziehung des Menschen zu Gerechtigkeit und Freiheit kehrten Horkheimer und Adorno Ende der 40er Jahre nach Frankfurt zurück.[15] Dort bauten sie das Institut für Sozialforschung wieder auf und lehrten dort ihre Thesen und Anschauungen, die zusammen jenes Konstrukt bilden, was seitdem als ‚Kritische Theorie’ bezeichnet wird.[16] Das Institut wurde zu einer hochgeschätzten Einrichtung und die Lehrenden (jener Kreis der später als ‚Frankfurter Schule’ in die Geschichte einging) fanden immense Anerkennung:[17] Die späteren 68er-Studenten begeisterte Adornos Kampf gegen das Vergessen und die Kritik an Kapitalismus und Kulturindustrie und Adorno wurde zu ihrer Ikone, zum Leiter des Instituts und durch zahlreiche Rundfunk- und Fernsehinterviews zu einer öffentlichen Figur. Am 6. August 1966 starb Adorno.[18] Die kritische Theorie wurde von nachfolgenden Generationen stets diskutiert und weiterentwickelt.[19]

2.2 Minima Moralia: Das Ganze ist das Unwahre

Die Max Horkheimer gewidmete Aphorismensammlung ‚Minima Moralia’ entstand, wie die Dialektik der Aufklärung, während Adornos Zeit im kalifornischen Exil.[20] Die Aphorismen wurden demnach unter denselben Eindrücken geschrieben und die darin entfalteten Reflexionen stehen so ebenfalls in der Tradition der Kritischen Theorie. Anlass zur Reflexion geben zwar verschiedenste Themen - die Emanzipation der Frau, die Psychoanalyse, die schönen Künste und die Philosophie können genauso Gegenstand sein wie Kindheitserinnerungen, Märchen oder auch nur Beobachtungen des Hotelbetriebes - aber immer wieder kommt Adorno auf seine zentralen Fragen und Thesen zurück: Die Entstehungsmöglichkeit von Faschismus und Holocaust sowie Herrschaft, Industrialisierung und Ökonomisierung als Erklärungsansatz und die Kälte der Menschen, Kulturindustrie, Konsum und Massengesellschaft als Folgen. Wie der Untertitel des Werks also bereits andeutet, geht es im Kern um „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ und somit um die Erkenntnis dass die Welt und das Leben so wie wir es vorfinden nicht unbedingt so intakt und richtig ist, wie es vielleicht zu sein scheint.[21] Er zeigt, dass es anders sein könnte und vielleicht anders sein sollte und dass man in einer verkehrten Welt nicht als mündiger Mensch leben kann: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“[22]

2.3 Aphorismus 36: Die Gesundheit zum Tode

Der Aphorismus 36 steht mit seiner radikalen Kritik an der „beschädigten“ Gesellschaft und den maschinenhafte agierenden Menschen („all ihre Bewegung gleicht den Reflexbewegungen von Wesen, denen das Herz stillstand“[23] ) besonders deutlich in der Tradition der Kritischen Theorie: In Aphorismus 36 beschreibt Adorno, dass jenes, was in der gesellschaftlichen Realität als normal und gesund gilt, in Wahrheit das Falsche und Kranke ist, „[...] dass die zeitgemäße Krankheit gerade im Normalen besteht.“[24] Sprich: Vielleicht ist nicht der Irre verrückt, sondern die Gesellschaft, denn, nach Adorno, unterdrückt die gesellschaftliche Normalität Begierden und Erkenntnisse des Einzelnen und zwingt ihn dazu sich widerstandslos der „rationalen Lebensführung“ unterzuordnen sich roboterartig in das Gegebene einzureihen.[25] Dieses Gegebene sieht Adorno als beschädigt und jene „Fröhlichkeit, Aufgeschlossenheit, Umgänglichkeit und gelungene Einpassung“ sind für ihn Symptome der „Deformation“ des Menschen.[26] Hinzu kommt, dass die Psychoanalyse die vielleicht hätte Abhilfe schaffen können „selber jenen Zuständen längst den Treueid geleistet [hat].“[27] So kann die Psychoanalyse der Ursache und der Entstehung der Krankheit nicht entgegen wirken, sondern ist stattdessen selbst ein Werkzeug zur Anpassung an das Falsche, ein „Stück Hygiene“.[28]

Insgesamt geht es darum zu erkennen, das Normalität ein gesellschaftliches Konstrukt ist und dass ’gesundes’ und ’krankhaftes’ Verhalten innerhalb der Logik dieses Konstrukts definiert wird. Der Aphorismus ruft dazu auf das Normalitätskonstrukt als ein solches zu erkennen und zu hinterfragen anstatt es blind zu übernehmen und sich einzureihen. Gerade im Bereich der Psychologie ist die Definition von gesund und krankhaft von folgenschwerer Wichtigkeit, da die Therapie sonst Gefahr läuft, den Menschen schlicht ans gängige Gesellschaftsideal anzupassen, ohne zu überlegen, ob nicht dieses selbst das Krankhafte ist, wie es Adorno hier beschreibt. Der Aphorismus ist also gleichzeitig als Kritik an den gesellschaftlichen Umständen als auch an Psychoanalyse und Therapie zu lesen.

Im Übrigen haben all diese Überlegungen nicht etwa den Umkehrschluss zur Folge, dass der psychisch Kranke in einem verqueren Normalitätskonstrukt der Gesunde ist, sondern dass dieser nur „das Schema des gleichen Unheils auf andere Weise vorstellt.“[29]

3. Normalität und Psychotherapie

3.1 Definition der Begriffe: Normalität, Gesundheit und Krankheit

Der lexikalischen Definition nach beschreibt ’Normalität’ eine „der Norm entsprechende Beschaffenheit, [einen] normaler Zustand“.[30] Und ’Normal’ wird definiert als „der Norm entsprechend, gewöhnlich, üblich, wie man es gewohnt ist, richtig“.[31] Normalität ist demnach zunächst einmal ein Term zur Beschreibung eines Zustands so wie er mehrheitlich auftritt, ein Durchschnittswert. Leider wird nicht selten angenommen, dass dieser Durchschnitt, das Normale, auch gleichzeitig das Richtige ist. Schon in der obigen Definition von Normal fällt das Wort ’Richtig’ und auch im allgemeinen Sprachgebrauch wird diese Bedeutung oft impliziert. So wird beispielsweise Kindern eingetrichtert, sie sollen ’normal sprechen’ oder sich gefälligst ’normal benehmen’. Genau hier beginnt das, was im Folgenden als Normalitätsproblem bezeichnet wird: Die irrtümliche Annahme, dass das Normale gleichzeitig das Normative ist – mit der Folge, dass Normalität zu Unrecht als Orientierungsmaßstab postuliert wird. Dieses Problem beschreibt auch Jürgen Link, der dem „Normalismus“ ein knapp 500-seitiges Werk gewidmet hat.[32] Der Begriff ist demnach mehr als komplex. Zum Verständnis dieser Arbeit reicht es jedoch, sich bewusst zu machen, dass die Benutzung der Begriff ’Normalität’ und ’Normal’ im Folgenden in ihrem eigentlichen Sinne benutzt werden: als eine deskriptive Bezeichnung für das Mehrheitliche, die nicht impliziert dass dieses gleichzeitig gut oder richtig ist.

[...]


[1] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Bibliothek Suhrkamp Bd. 236, Frankfurt am Main 1969. S. 69

[2] Vgl. Arte-/3Sat-Dokumentation: Theodor W. Adorno. Der Bürger als Revolutionär. 2003. TC 03.21

[3] Vgl. ebd., TC 03.56

[4] Vgl. ebd.,TC 08.45

[5] Vgl. ebd., TC 09.00

[6] Vgl. ebd., TC 11.30

[7] Vgl. ebd., TC 19.45

[8] Vgl. ebd., TC 20.50

[9] Vgl., ebd., TC 40.50

[10] Vgl. ebd., TC 44.00

[11] Vgl. ebd., TC 51.20

[12] Vgl. Kunstmann, Wilfried; Sander, Emil (Hrsg): Kritische Theorie zwischen Theologie und Evolutionstheorie. Beiträge zur Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule, München 1981. S. 8

[13] Vgl. Arte-/3Sat 2003, TC 48.40

[14] Kunstmann, Sander 1981, S. 14

[15] Arte-/3Sat 2003, TC 58.01

[16] Vgl. ebd., TC 01.20.03

[17] Vgl. ebd., TC 01.05.40

[18] Vgl. ebd.,TC 01.52.47

[19] Vgl. Kunstmann, Sander 1981, S. 7

[20] Vgl. URL: http://www.zeit.de/2001/19/200119_ka-philo-.xml

[21] Vgl. URL: http://www.youtube.com/watch?v=ZyAfmeHJnmE

[22] Adorno 1969, S. 42

[23] Ebd., S. 70

[24] Ebd., S. 69

[25] Vgl. ebd., S. 70

[26] Vgl. ebd., S. 69

[27] Ebd., S. 68

[28] Vgl. ebd., S. 68 f.

[29] Ebd., S. 71

[30] Der Brockhaus, F. A. Brockhaus GmbH, Leipzig 2005. S. 4435

[31] Ebd.

[32] Link, Jürgen: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Göttingen 32006. S. 33

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Adornos Kritik der Normalitätskonstruktion und der Psychotherapie. Ihre Spiegelung in anderen Werken und in der Gegenwart
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Theodor W. Adorno: Minima Moralia
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V314499
ISBN (eBook)
9783668130678
ISBN (Buch)
9783668130685
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adorno, Minima Moralia, Normalität, Normalitätskonstruktion, Psychologie, Die Gesundheit zum Tode
Arbeit zitieren
Natalja Fischer (Autor), 2012, Adornos Kritik der Normalitätskonstruktion und der Psychotherapie. Ihre Spiegelung in anderen Werken und in der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314499

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