Analyse der dargestellten Emotionen und Rezeptionsemotionen in der Novelle "Angst" von Stefan Zweig


Diplomarbeit, 2015
34 Seiten, Note: 1
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtliche Hintergründe und die Literatur der Jahrhundertwende

3. Die dargestellten Emotionen in der Novelle Angst
3.1 Psychoanalytische Einflüsse auf Stefan Zweig und seine Novelle
3.2 Das Strukturmodell der Persönlichkeit
3.3 Analyse der Dargestellten Emotionen

4. Forschungsüberblick über die Emotionen der Rezipienten
4.1 Die Figurendarstellung als Mittel literarischer Emotionalisierung
4.2 Die textuellen Strategien als Mittel literarischer Emotionalisierung

5. Fazit

6. Ungarische Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Arbeit beschäftige ich mit der Novelle Angst von Stefan Zweig. Anhand dieses Werkes werde ich einerseits die dargestellten Emotionen vorstellen, anderseits die möglichen Emotionen des Lesers untersuchen. In dieser Untersuchung geht es mir um die Fragen, ob die dargestellten Emotionen gleich oder verschieden im Vergleich zu den Emotionen des Lesers sind, bzw. ob es Übereinstimmungen zwischen ihnen gibt. Welche Beziehung besteht zwischen der psychoanalytischen Darstellungsweise der Hauptfigur und der Textaufbaustrategie der Erzählung?

Stefan Zweig hat sein Werk Angst im Jahre 1910 geschrieben, also in einer Epoche, „in der man Psychologie sozusagen mit dem Zeitgeist einatmete” (Dittrich 2010, S. 43.) Deshalb halte ich die Darstellung der Epochenmerkmale für wichtig, und ebenso die Darstellung der Beziehung zwischen Stefan Zweig und der Psychologie, weil ich die im Werk dargestellten Emotionen anhand psychoanalytischer Theorien veranschauliche. Bei der Darstellung der Emotionen des Lesers, ist eine komplexe wissenschaftliche Annäherung nötig. Dem gegenwärtigen Forschungsstand liegt keine empirisch geprüfte Methode zur Analyse der Rezeptionsemotionen vor, die in jeder Hinsicht zuverlässig wäre, und alle Anhaltspunkte umfassen würde. In diesem Sinne, ist meine Absicht in der Arbeit diese Vielfalt von Theorien und Anhaltspunkten darzustellen und bei der Analyse der Rezeptionsemotionen zu verwenden. Die Methoden und Konzepte der Forschungen, die sich mit den Rezeptionsemotionen beschäftigen, bilden die Grundlage für eine weit nicht abgeschlossene Debatte zwischen den Wissenschaftlern. Jede Theorie erklärt die Emotionen des Lesers aus einem anderen Standpunkt. Der Ausgangspunkt meiner Analyse, beruht auf der Behauptung von Simone Winko, dass die Emotionen nicht nur subjektiv, sondern auch intersubjektiv betrachtet werden können. Der Mensch ist nicht nur ein subjektives Lebewesen, sondern auch ein Teil der Gesellschaft bzw. der Kultur. Die subjektiven Faktoren wie Erinnerungen, Erfahrungen usw. spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Emotionen, aber ich werde im oben erwähnten Sinne die Emotionen aufgrund ihrer kulturellen und biologischen Faktoren in Betracht nehmen. (Winko 2003, S. 13ff)

Im ersten Teil meiner Arbeit stelle ich das Zeitalter vor, in dem dieses Werk entstanden ist, mit besonderer Hinsicht auf die gesellschaftlichen Normen und die Entwicklung des wissenschaftlichen Lebens. In der Novelle Angst werden die damaligen gesellschaftlichen Beziehungen dargestellt, wobei die Frau eine untergeordnete Rolle spielt und in jeder Hinsicht von ihrem Ehemann abhängig ist. Die Familie, die der Keim jeder Gesellschaft ist, wird als eine Welt voller Spannungen dargestellt. Die Spannung ist nicht nur in der Familie, sondern auch zwischen den Gesellschaftsschichten fühlbar, zwischen Irene und der arbeitslosen Erpresserin. Eine weitere Charakteristik des Werkes ist, dass der emotionelle Zustand der Hauptheldin mit Hilfe von psychologischen Elementen dargestellt ist. Das lässt sich mit der Verbreitung psychologischer Erkenntnisse um die Jahrhundertwende erklären. Das literarische Leben und die literarischen Werke der Zeit standen unter dem starken Einfluss der Freudschen Lehren.

Im zweiten Teil meiner Arbeit stelle ich die Beziehung zwischen Freud und Zweig dar, und ich lege einen speziellen Akzent auf die Wirkung der Freudschen Lehre in der Novelle von Zweig. In diesem Punkt wird meine Hypothese formuliert, nach der die im Werk dargestellten Emotionen mit den Methoden der Psychoanalyse analysiert werden können. Danach folgt die kurze Darstellung von den Thesen Freuds, wie die Dreiteilung der menschlichen Psyche und die Angsttheorie. Aufgrund dieser Theorien versuche ich die dargestellten Emotionen im Werk vorzustellen.

Im dritten Teil beschäftige ich mich mit der Analyse von Emotionen des Rezipienten, welche ein durchaus junger Forschungsbereich in der Literaturwissenschaft ist. Die kognitive Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit dem Rezeptionsprozess, dabei dient sie als Verbindungselement zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen. Zuerst werde ich die Entwicklung der literarischen Emotionsforschung darstellen, danach beschäftige ich mich mit den wissenschaftlichen Erläuterungen von den Emotionen des Rezipienten. Zweitens, versuche ich die möglichen Emotionen des Lesers aufgrund der relevanten Figurendarstellungen in Zweigs Novelle zu bestimmen. Die Grundlage dazu ist die Darstellungsstrategie der Gestalten im Werk. Zuletzt beschreibe ich die Strategien, die bei der Darstellung der Handlung verwendet werden und im Zusammenhang mit den emotionellen Wirkungen des Erzählens stehen. Die Narratologie dient als Grund für die Analyse der Erzählerstrategie. Die kognitive Psychologie und die Evolutionspsychologie, die bei den emotionspsychologischen Forschungen eine wichtige Rolle spielen, helfen auch bei der Darstellung möglicher Emotionen bei der Rezeption.

2. Geschichtliche Hintergründe und die Literatur der Jahrhundertwende

Das Ende des 19. Jahrhunderts und der Anfang des 20. Jahrhunderts, die Epoche der Jahrhundertwende, ist durch Veränderung, Entwicklung und Modernisierung bestimmt. Obwohl in Deutschland und Österreich-Ungarn verschiedene soziale und politische Umstände waren, herrschte in beiden Territorien eine krisenhafte Zeitstimmung. Diese Jahrzehnte werden von Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, technische Aufschwung, Anwachsen der Städte bestimmt. Als Konsequenzen dieser Veränderungen galten zum Beispiel: die Entstehung der Arbeiterklasse, Urbanisierung, Verstärkung der sozialen Unterschiede zwischen den bürgerlichen und adeligen Lebensformen und der industriellen Massengesellschaft usw. (Žmegač 1985, S. 256ff)

„Trotz aller Veränderungen blieb jedoch die Verwurzelung der feudalen Traditionen gerade im Alltagsleben ungebrochen spürbar.“ (Žmegač 1985, S. 259) Die Gesellschaft wurde patriarchalisch organisiert und die Probleme tauchten auch in den persönlichen Beziehungen zwischen Männer und Frauen auf. Damals hatten die Männer solche Privilegien, wie Recht auf Bildung und Wahlrecht, worüber die Frauen nicht verfügten. Die zentrale Aufgabe der Frauen waren die Haushaltsführung, Kindererziehung und Erfüllung der Wünsche ihres Mannes. Bei den hochgestellten Frauen, die Dienstmagd und Gouvernante hatten, trat zusammen mit dem Lebensgefühl des Nichtstuns auch das Gefühl der Langeweile auf. Neben der Langeweile waren die Resignation, Entfremdung, Vereinsamung, Melancholie solche Merkmale, die für das Leben der Frauen charakteristisch waren. Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass sich die Emanzipationsbestrebungen der Frauen um die Jahrhundertwende verstärkt haben. Darauf reagierte unter anderem auch die Literatur und die Autoren beschäftigten sich mit der Darstellung der Frauentypen und Gesellschaftskritik.

Das Lebensgefühl der Epoche wird durch die Polarität zwischen Aufbruchsstimmung und Endzeitstimmung beeinflusst, das durch „Kraft und Verfall, Hoffnung und Verzweiflung, Lebensoffenheit und Lebensabgewandtheit geprägt ist.“ (Planz 1996, S. 20f). Diese Atmosphäre schuf günstige Bedingungen für die Entstehung verschiedener literarischer Strömungen. Alle Stilrichtungen der Literatur der Jahrhundertwende haben trotz der Unterschiede einen gemeinsamen Grundzug, die Abwendung von dem Naturalismus, der sich um die objektive und naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit bemühte. In den Fokus des Interesses rückten die Subjektivität, Seelenzustände, Wahrnehmung, Nerven und Neurosen, Innerlichkeit, Stimmungen und Gefühlen. Die literarischen Werke, die sich mit der Darstellung solcher Phänomene beschäftigten, wurden als „höhere Kunst“ bezeichnet. „Die „neue“ Kunst sollte subjektiv sein, aus dem „inneren Geist“, aus der „Seele“ kommen.“ (Balzer 1990, S. 351.)

Die literarischen Strömungen wurden nicht nur durch die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen beeinflusst, sondern auch durch Wissenschaftler wie Friedrich Nietzsche, Arthur Schoppenhauer, Sigmund Freud, Hermann Bahr, Ernst Mach usw. Besonders Sigmund Freud war die prägende Figur der Epoche mit seiner Psychoanalyse, Traumdeutung, damit ermöglichte er die Erforschung des Unterbewussten, und zog eine radikale Veränderung in der Auffassung und Denkweise der damaligen Gesellschaft und in der Psychologie des Menschen nach sich. Alle Autoren wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannstahl, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und auch Stefan Zweig, die in dieser Epoche wirkten, spiegelten Freuds Ideen in ihren Werken wider. (Balzer 1990, S. 355f) Deren neue Sicht der Wirklichkeit forderte von den Künstlern ein neues Konzept ihrer Werke ab. Die traditionelle Erzähltechnik wurde durch Verwendung des inneren Monologs, der erlebten Rede, Andeutungen, Ironie, ästhetischer Darstellungsform, innerer Stimmungen und psychologischen Vorgänge, des dramatischen Aufbaus usw. abgelöst. Die bevorzugten literarischen Gattungen waren die kurzen Formen wie Novelle, Einakter, Lyrik und Prosaskizze. In denen solche Themen wie Liebe, Leben, Tod, Kunst, Scheinwelt, Krise des Subjekts und Realitätsflucht in den Vordergrund gestellt wurden. (Žmegač 1985, S.270 ff)

3.Die dargestellten Emotionen in der NovelleAngst

3.1 Psychoanalytische Einflüsse auf Stefan Zweig und seine Novelle

Viele Literaturgeschichten und Kritiker beschäftigen sich mit der Erfassung von Stefan Zweigs Beziehung zu Sigmund Freud und seiner Wirkung auf Zweigs Novellen. Karin Dittrich fasst diese Forschungsergebnisse in ihrem Aufsatz Psychoanalytische Einflü sse in Stefan Zweigs Novellen eingehend zusammen. Ich möchte die relevanten Informationen aus ihrer Arbeit hervorheben. Die Entwicklung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud fällt in die Zeit der Jahrhundertwende. In dieser Epoche verhandelte das gesamte kulturelle Europa über seine Thesen und es gibt kaum einen Autor der literarischen Moderne, der sich nicht mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt hat. Neben Zweig wurde von Freuds Ideen Arthur Schnitzler, Thomas Mann, Hermann Hesse u.a. beeinflusst. Als Quelle für Forschungen, die sich mit der Beziehung zwischen Freud und Zweig befassen, gelten ihre Briefwechsel und Zweigs Werke, die er für bzw. über Freud geschrieben hat. Diese verweisen auf eine Bekanntschaft und in späteren Jahren eine Freundschaft zwischen ihnen, die von gegenseitiger Hochachtung gekennzeichnet ist. Aus dem Briefwechsel geht hervor, dass Zweig ein Bewunderer von Sigmund Freud war. Zweig verehrte Freud besonders wegen seiner innovativen Gedanken und seinem Mut, dass er sich mit solchen Themen beschäftigte wie Sexualität, Leidenschaft, Verdrängung und Motivationen menschlichen Handels. Diese psychoanalytischen Erkenntnisse sind in Zweigs Novellen auch auffindbar. In ihren Briefwechseln haben sie Gedanken über ihre Werke ausgetauscht. Außerdem widmete Zweig dem Psychologen Freud sein Werk mit dem Titel Der Kampf mit dem Dämon. Im Vorwort dieses Werkes hat er seine Stellungnahme zur Freudschen Lehre bekannt gemacht, als er die Bezeichnung „Psychologe aus Leidenschaft“ (Dittrich 2010, S. 44) für sich selbst verwendet hat. Er hat auch ein Essay über Freud und seine psychologischen Ideen verfasst, der in dem Band Die Heiligung durch den Geist erschienen ist. Was den psychoanalytischen Einfluss auf Zweigs Werke betrifft, stimmen die Studien darin überein, dass Freuds Ideen hauptsächlich in seinen Novellen eine große Rolle spielt. Zu dieser Feststellung fügt Ren hinzu, „dass [die psychoanalytische Tendenz] nicht als einzige angesehen oder auf Kosten der anderen Bestandteile wie des Literarischen und der literarischen Ansprüche überbetont werden darf.“ (Dittrich 2010, S. 51) Laut Ren, liegt die bisherige Kritik mehr Wert auf die psychoanalytische Perspektive bei der Analyse der Werke von Stefan Zweig, aber bei ihm geht es auch um die künstlerische Darstellung der menschlichen und gesellschaftlichen Probleme. Durch seine Novelle Angst bekommen wir auch ein Bild über die gesellschaftlichen Normen und Moral der Jahrhundertwende, wo die Frauen in jeder Hinsicht von ihren Eltern und später ihren Männern abhängig waren. Die Geschichte wurde aus Irenes Perspektive erzählt. Sie gehört zu dem Großbürgertum und ihr gesellschaftlicher Status erfordert von ihr die Enthaltung bestimmter Konventionen. Aus diesem Grund kann sie ihre Wünsche folgenlos nicht erledigen. Im Werk wird neben dem Konflikt zwischen Familienmitglieder, auch der Konflikt zwischen den sozialen Schichten, d.h. zwischen Irene und der arbeitslosen Erpresserin, dargestellt. In diesem Sinn geht es in der Angst um eine Gesellschaftskritik, in der die Psychoanalyse eher als eine Hilfe z.B. bei der Darstellung des psychischen Innenlebens der Figuren, betrachtet werden sollte. (Dittrich 2010, S. 44-51)

In meiner Analyse werde ich die psychoanalytische Perspektive auch als ein Mittel verwenden, um die dargestellten Emotionen im Werk zu erläutern, wozu eine nähere Betrachtung des Strukturmodells der Persönlichkeit und der Trieb- und Angsttheorie Freuds nötig sind. Freud teilt die menschliche Psyche in drei Instanzen ein, die teilweise integriert werden und teilweise in Konflikt miteinander geraten können. Aus diesen Konflikten kommen neben der Angst weitere Emotionen zustande.

3.2 Das Strukturmodell der Persönlichkeit

Die Persönlichkeit des Menschen besteht aus drei Instanzen: Es, Ich und Über-Ich. Das Es bezeichnet Freud als die Triebinstanz, dazu gehören der Sexualtrieb (Libido), Lebenstrieb (Eros), Todestrieb (Thanatos) und Aggressivität, die vom Lustprinzip gesteuert wird. Die Gemütsbewegungen werden durch diese Triebe ausgelöst. Im Es sind solche unbewusste Prozesse verwurzelt, wie die Motive des Handels, deren Ziele die Unlustvermeidung und die Befriedigung der Wünsche und Bestrebungen ohne Rücksicht auf die Selbsterhaltung sind. Das Ich steht zwischen dem Es und der Außenwelt. Es beinhaltet die strukturelle Einheit des Denken, Bewusstsein bzw. der Vernunft und ist für das Aufrechterhalten des inneren Gleichgewichts durch Entwicklung der Abwehrmechanismen verantwortlich. (Freud 1980, S. 510ff) Anhand der Novelle, wenn wir Irenes Verhalten in Betracht ziehen, können wir über den Zwiespalt der Psyche sprechen. Sie verfügt über zwei Instanzen, über das Es und das Ich. Der Konflikt zwischen den Triebkräften und dem Realitätsprinzip, das die Triebe zu verdrängen versucht, zieht sich durch die ganze Geschichte. Dieser Konflikt führt zur Auslösung der Emotionen und Verteidigungsmechanismen, die ich im nächsten Absatz analysieren werde. Hier möchte ich durch ein Beispiel meine Behauptung begründen, dass es in Irenes Fall um den Zwiespalt von der Psyche geht: Irene begann ein Abenteuer mit einem Pianisten aus „einer Art unruhigen Neugier.“ (Zweig 1957, S. 11.) Sie wollte sich „seit ihren Mädchentagen wieder in ihrem Innersten gereizt [fühlen].“ (S. 11). In Irenes Verhalten spielt das Lustprinzip, die Erfüllung ihres Begehrens, eine wichtige Rolle. Nach der Begegnung mit der Erpresserin kommt Irenes Bewusstes zum Vorschein. Sie versucht die Affäre zu beenden und ihr Unbewusstes zu verdrängen, um ihr inneres Gleichgewicht zu erhalten. Gemäß der Theorie von Freud ist das dritte System der Persönlichkeit das Über-Ich. Es besteht aus dem Gewissen und Ich-Ideal, präsentiert die Normen und Werte und vertritt das Moralitätsprinzip. Sein Ziel besteht darin, das Ich zu kontrollieren. (Freud 1980, S. 499f) In diesem Sinne lässt sich es zu Irenes Ehemann zuordnen, der als Rechtsanwalt tätig ist. Für Irene gelten die Normen des Ehemannes, der im weiteren Sinne die Werte der Gesellschaft repräsentiert.

3.3 Analyse der dargestellten Emotionen

Der Titel der Novelle ist Angst, dieses Gefühl zieht sich durch die ganze Geschichte und kommt in verschiedener Weise zustande. Nach Freud gibt es drei Grundtypen der Angst: Realangst, neurotische Angst und moralische Angst. In seiner Theorie unterscheidet er Angst und Furcht voneinander[1], die in der Alltagssprache als Synonym verwendet werden. Unter Furcht versteht er das Gefühl einer konkret wahrnehmbaren, fassbaren Bedrohung, die meist rational begründbar ist, und sich auf die Außenwelt, d.h. auf ein bestimmtes Objekt oder eine Situation bezieht. Diese Reaktion des Bewusstseins kann ein Angstausbruch oder Schutzhandlung durch Flucht oder Kampf sein. Dagegen ist die Angst ein gegenstandsloses, unbestimmtes Gefühl, die sich auf den inneren Zustand bezieht und als Kombination mit anderen Gefühlen hervorkommt. (Freud 1980, S. 382) Die Realangst entspricht der Furcht. In diesem Sinne fürchtet sich das Ich vor den Konsequenzen der Realität. Irene hat konkrete Furcht vor „jede[m] fremde[n] Blick“. (Zweig 1957, S. 3.) wenn sie unter den Menschen ist. Ihre Furcht verkörpert die Erpresserin, die die Gefahr von der Entdeckung der Liebesaffäre bedeutet. Irene möchte ihre ruhige, bürgerliche Existenz bewahren und hat Furcht davor, „als geschiedene Frau, Ehebrecherin, befleckt vom Skandal, hinzuleben“ (S. 51). Nach jeder Konfrontation mit der Erpresserin brechen ihre Gefühle aus und sie „begann mit einem Male so zu zittern, daß es sie schüttelte. In der Kehle klomm etwas Bitteres empor, sie spürte Brechreiz und zugleich eine sinnlose, dumpfe Wut […]“ (S. 6). Auf die Wahrnehmung äußerer Gefahr reagiert sie mit einem Fluchtreflex, in dem sie der Erpresserin Geld gibt, um sich frei zu machen.

Im Gegensatz zur Realangst bezieht sich die neurotische Angst nicht auf einen konkreten Sachverhalt, sondern bezeichnet den Konflikt zwischen dem Es und dem Ich. In diesem Fall soll das innere Gleichgewicht des Ichs erhalten bleiben und das Es verdrängen, wenn es nicht gelingt, entsteht diese Form der Angst. (Freud 1980, S. 517) Irene fühlte „die Wollust aller Angst“ (S. 12.) vom Anfang der Beziehung mit ihrem Geliebten an. „Den Schauer vor ihrer eigenen Schlechtigkeit, der sie in den ersten Tagen erschreckte, verwandelte ihre Eitelkeit so in gesteigerten Stolz.“ (S. 12). Bei der Erweckung ihres Realitätsprinzips spielt die Erpresserin eine wichtige Rolle. Nach der ersten Begegnung mit der Frauenperson möchte Irene ihrer Affäre ein Ende machen, aber ihre Wünsche, sich selbst wieder attraktiv zu fühlen, waren stärker als ihre Angst „vor irgendeiner Person, die sie gar nicht kannte“ (S. 15). Irene hat die Einladung ihrer Geliebten zu einer flüchtigen Begegnung angenommen, „weil diese Gier ihrer Eitelkeit schmeichelte und sie durch seine ekstatische Verzweiflung entzückte“ (S. 14). Sie fühlt sich sorglos und innerlich froh bis zum zweiten Zusammentreffen mit der Erpresserin, die nicht nur ihr Geheimnis aufdeckt, sondern ihren Namen und ihre Wohnadresse weiß. „Wehrlos fühlte sie sich gegen die nackte Brutalität dieser Gemeinheit, und immer wirbeliger faßte sie der Angstgedanke, […]. (S. 17-18.) Dieses Bewusstsein ist für sie unerträglich und sie spürt Ekel, Hoffnungslosigkeit und Schmerz. Irenes Unbewusstes reagiert auf diese Gefühle mit Abwehrmechanismen, sie hat das Haus drei Tage lang nicht verlassen, inzwischen hatte sie sich von ihr selbst entfremdet. Ihre innere Angst verwandelt in Nervosität und sie benimmt sich hysterisch. „Bei jedem Anruf des Telefons, jedem Klingeln an der Tür schrak sie zusammen […]. (S. 22.) Die Spannung, zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Ich und Es, wechseln sich stätig in Irenes Innenraum. Ihre Angst wird immer stärker und bringt andere Gefühle mit sich wie Ekel, Zorn, Nervosität, Erregung, Verzweiflung usw. Meines Erachtens, kann ihr Traum als Höhepunkt ihrer neurotischen Angst betrachtet werden, in dem, nach Freuds Traumtheorie, die unerfüllten Wünsche zum Ausdruck gekommen sind. (Freud 1980, S. 220) Nach der Ansicht einiger Kritiker, mit der ich einverstanden bin, geht es in dieser Novelle eher um einen Angsttraum als um einen Wunscherfüllungstraum.

In ihrem Angsttraum sieht sich die Frau halbnackt unter den Menschen, wie sie vor der Erpresserin flüchtet und schließlich in ihrem Haus anlangt, wo ihr Mann sie mit einem Messer bedroht. […] Es ist jedoch möglich, den Traum auch als Wunscherfüllung auszulegen, in dem Sinne, dass die Träumende sich die Entdeckung ihrer Tat herbeisehnt, um die verdiente Strafe zu erhalten. (Dittrich, S. 54.)

Die ständige psychische Belastung durch die Forderungen der Erpresserin und ihrer Umgebung, der sie ausgesetzt wird, wurde aufgelöst, als sie über das Verschwinden ihres Verlobungsringes lügen musste. Mit dieser Notlüge stellt sie eine Frist, um der „psychologische[n] Spürjagd“ (S. 32) ein Ende zu machen. Irenes Lebenstrieb wandelt in den Todestrieb. Sie fühlt Müdigkeit und „[d]ie Nervosität wich wunderbar einer geordneten Überlegung, die Angst einem ihr selbst fremden Gefühl kristallener Ruhe, dank der sie alle ihre Dinge ihres Lebens plötzlich durchsichtig und in ihrem wahrhaften Wert sah.“ (S. 51) Die Auflösung ihrer Angst, die ihr das Gefühl von innerem Frieden verleiht, wurde durch den Selbstmordgedanken hervorgerufen.

[...]


[1] Zwischen den Begriffen Angst (angor) und Furcht (timor) werden schon in der lateinischen Sprache Unterscheidung gemacht. Sören Kierkegaard hat auch in seinem Werk Der Begriff der Angst die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht erörtert, auf den allerdings Freud keinen Verweis macht. (Balzereit 2010, S. 60;62)

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Analyse der dargestellten Emotionen und Rezeptionsemotionen in der Novelle "Angst" von Stefan Zweig
Note
1
Jahr
2015
Seiten
34
Katalognummer
V314676
ISBN (eBook)
9783668133518
ISBN (Buch)
9783668133525
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, emotionen, rezeptionsemotionen, novelle, angst, stefan, zweig
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Analyse der dargestellten Emotionen und Rezeptionsemotionen in der Novelle "Angst" von Stefan Zweig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314676

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