In meiner Arbeit beschäftige ich mit der Novelle "Angst" von Stefan Zweig. Anhand dieses Werkes werde ich einerseits die dargestellten Emotionen vorstellen, anderseits die möglichen Emotionen des Lesers untersuchen. In dieser Untersuchung geht es mir um die Fragen, ob die dargestellten Emotionen gleich oder verschieden im Vergleich zu den Emotionen des Lesers sind, bzw. ob es Übereinstimmungen zwischen ihnen gibt. Welche Beziehung besteht zwischen der psychoanalytischen Darstellungsweise der Hauptfigur und der Textaufbaustrategie der Erzählung?
Stefan Zweig hat sein Werk Angst im Jahre 1910 geschrieben, also in einer Epoche, „in der man Psychologie sozusagen mit dem Zeitgeist einatmete” (Dittrich 2010, S. 43.) Deshalb halte ich die Darstellung der Epochenmerkmale für wichtig, und ebenso die Darstellung der Beziehung zwischen Stefan Zweig und der Psychologie, weil ich die im Werk dargestellten Emotionen anhand psychoanalytischer Theorien veranschauliche.
Bei der Darstellung der Emotionen des Lesers, ist eine komplexe wissenschaftliche Annäherung nötig. Dem gegenwärtigen Forschungsstand liegt keine empirisch geprüfte Methode zur Analyse der Rezeptionsemotionen vor, die in jeder Hinsicht zuverlässig wäre, und alle Anhaltspunkte umfassen würde. In diesem Sinne, ist meine Absicht in der Arbeit diese Vielfalt von Theorien und Anhaltspunkten darzustellen und bei der Analyse der Rezeptionsemotionen zu verwenden. Die Methoden und Konzepte der Forschungen, die sich mit den Rezeptionsemotionen beschäftigen, bilden die Grundlage für eine weit nicht abgeschlossene Debatte zwischen den Wissenschaftlern. Jede Theorie erklärt die Emotionen des Lesers aus einem anderen Standpunkt. Der Ausgangspunkt meiner Analyse, beruht auf der Behauptung von Simone Winko, dass die Emotionen nicht nur subjektiv, sondern auch intersubjektiv betrachtet werden können. Der Mensch ist nicht nur ein subjektives Lebewesen, sondern auch ein Teil der Gesellschaft bzw. der Kultur. Die subjektiven Faktoren wie Erinnerungen, Erfahrungen usw. spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Emotionen, aber ich werde im oben erwähnten Sinne die Emotionen aufgrund ihrer kulturellen und biologischen Faktoren in Betracht nehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtliche Hintergründe und die Literatur der Jahrhundertwende
3. Die dargestellten Emotionen in der Novelle Angst
3.1 Psychoanalytische Einflüsse auf Stefan Zweig und seine Novelle
3.2 Das Strukturmodell der Persönlichkeit
3.3 Analyse der Dargestellten Emotionen
4. Forschungsüberblick über die Emotionen der Rezipienten
4.1 Die Figurendarstellung als Mittel literarischer Emotionalisierung
4.2 Die textuellen Strategien als Mittel literarischer Emotionalisierung
5. Fazit
6. Ungarische Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Novelle "Angst" von Stefan Zweig unter einer doppelten Zielsetzung: Einerseits werden die im Werk dargestellten Emotionen der Hauptfigur mithilfe psychoanalytischer Theorien von Sigmund Freud analysiert, andererseits wird der Rezeptionsprozess beleuchtet, um die emotionalen Wirkungen auf den Leser zu erforschen. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Beziehung zwischen der psychoanalytischen Darstellungsweise der Protagonistin und den eingesetzten erzählstrategischen Mitteln des Autors.
- Psychoanalytische Interpretation der Novelle "Angst"
- Strukturmodell der Persönlichkeit nach Freud
- Kognitive Literaturwissenschaft und Rezeptionsemotionen
- Erzähltechnische Mittel der Emotionalisierung
- Interaktion zwischen Leserpräferenzen und Textstruktur
Auszug aus dem Buch
3.3 Analyse der dargestellten Emotionen
Der Titel der Novelle ist Angst, dieses Gefühl zieht sich durch die ganze Geschichte und kommt in verschiedener Weise zustande. Nach Freud gibt es drei Grundtypen der Angst: Realangst, neurotische Angst und moralische Angst. In seiner Theorie unterscheidet er Angst und Furcht voneinander, die in der Alltagssprache als Synonym verwendet werden. Unter Furcht versteht er das Gefühl einer konkret wahrnehmbaren, fassbaren Bedrohung, die meist rational begründbar ist, und sich auf die Außenwelt, d.h. auf ein bestimmtes Objekt oder eine Situation bezieht. Diese Reaktion des Bewusstseins kann ein Angstausbruch oder Schutzhandlung durch Flucht oder Kampf sein. Dagegen ist die Angst ein gegenstandsloses, unbestimmtes Gefühl, die sich auf den inneren Zustand bezieht und als Kombination mit anderen Gefühlen hervorkommt. (Freud 1980, S. 382) Die Realangst entspricht der Furcht. In diesem Sinne fürchtet sich das Ich vor den Konsequenzen der Realität. Irene hat konkrete Furcht vor „jede[m] fremde[n] Blick“. (Zweig 1957, S. 3.) wenn sie unter den Menschen ist. Ihre Furcht verkörpert die Erpresserin, die die Gefahr von der Entdeckung der Liebesaffäre bedeutet. Irene möchte ihre ruhige, bürgerliche Existenz bewahren und hat Furcht davor, „als geschiedene Frau, Ehebrecherin, befleckt vom Skandal, hinzuleben“ (S. 51). Nach jeder Konfrontation mit der Erpresserin brechen ihre Gefühle aus und sie „begann mit einem Male so zu zittern, daß es sie schüttelte. In der Kehle klomm etwas Bitteres empor, sie spürte Brechreiz und zugleich eine sinnlose, dumpfe Wut […]“ (S. 6). Auf die Wahrnehmung äußerer Gefahr reagiert sie mit einem Fluchtreflex, in dem sie der Erpresserin Geld gibt, um sich frei zu machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definition der Forschungsfrage zur Darstellung von Emotionen in Zweigs Werk und der Untersuchung des Rezeptionsprozesses.
2. Geschichtliche Hintergründe und die Literatur der Jahrhundertwende: Darstellung des krisenhaften Zeitgeists und der literarischen Strömungen unter dem Einfluss der aufkommenden Psychologie.
3. Die dargestellten Emotionen in der Novelle Angst: Anwendung psychoanalytischer Theorien zur Analyse von Irenes emotionalem Zustand und deren psychischer Konflikte.
3.1 Psychoanalytische Einflüsse auf Stefan Zweig und seine Novelle: Beleuchtung der Verbindung zwischen Stefan Zweig und Sigmund Freud sowie deren Niederschlag im Werk.
3.2 Das Strukturmodell der Persönlichkeit: Erklärung der Instanzen Es, Ich und Über-Ich im Kontext der Handlungen der Protagonistin.
3.3 Analyse der Dargestellten Emotionen: Differenzierung zwischen Realangst, neurotischer Angst und moralischer Angst bei der Figur Irene.
4. Forschungsüberblick über die Emotionen der Rezipienten: Einführung in die kognitive Literaturwissenschaft und die theoretischen Ansätze der Emotionsforschung beim Leser.
4.1 Die Figurendarstellung als Mittel literarischer Emotionalisierung: Untersuchung narrativer Techniken zur Generierung von Empathie und sozialen Gefühlen beim Leser.
4.2 Die textuellen Strategien als Mittel literarischer Emotionalisierung: Analyse der Spannungserzeugung durch Erzählweise und Leserwartungen.
5. Fazit: Zusammenfassende Bestätigung der Hypothese, dass Zweig psychoanalytische Konzepte erfolgreich zur Darstellung innerer Spannung und zur emotionalen Leserbindung einsetzt.
6. Ungarische Zusammenfassung: Zusammenfassung der gesamten Arbeit in ungarischer Sprache.
Schlüsselwörter
Stefan Zweig, Angst, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Literaturwissenschaft, Rezeptionsemotionen, Kognitive Narratologie, Empathie, Realangst, Neurotische Angst, Moralische Angst, Erzählstrategie, Jahrhundertwende, Modell-Leser, Spannungserzeugung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Novelle "Angst" von Stefan Zweig im Hinblick auf die dargestellten Gefühlszustände der Hauptfigur und die daraus resultierenden emotionalen Wirkungen auf den Lesenden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Psychoanalyse (speziell nach Freud), die kognitive Literaturwissenschaft, Erzähltheorie und die Emotionspsychologie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu klären, wie sich die psychoanalytische Darstellung der Hauptfigur zu den emotionalen Reaktionen des Lesers verhält und welche Erzählstrategien der Autor hierfür nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt, der psychoanalytische Theorien, narratologische Analysen und kognitiv-psychologische Modelle (wie die Modell-Leser-Theorie) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die epochenhistorischen Hintergründe und die Verbindung zwischen Freud und Zweig erläutert, gefolgt von einer tiefgehenden Analyse der Ängste der Protagonistin und der Erforschung der Wirkung dieser auf den Leser.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Psychoanalyse, Angst, Rezeptionsemotionen, Kognitive Narratologie, Erzählstrategie und Empathie.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen den Ängsten von Irene?
Die Arbeit differenziert nach Freud zwischen Realangst (Furcht vor konkreter Entdeckung), neurotischer Angst (Konflikt zwischen Es und Ich) und moralischer Angst (Konflikt zwischen Ich und Über-Ich).
Warum spielt die interne Fokalisierung eine wichtige Rolle für den Leser?
Die interne Fokalisierung ermöglicht es dem Leser, die Welt aus der Perspektive der Figur zu erleben, was die Empathie stärkt und eine parallele emotionale Erfahrung zur Protagonistin begünstigen kann.
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- Anonym (Author), 2015, Analyse der dargestellten Emotionen und Rezeptionsemotionen in der Novelle "Angst" von Stefan Zweig, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314676