Der 'totale Mensch' bei Henri Lefèbvre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Person: Henri Lefèbvre
2.1 Leben und Wirken Henri Lefèbvres
2.2 Henri Lefèbvres Werk „Der dialektische Materialismus“ im Kontext
2.3 Karl Marx als Anregung von Henri Lefèbvres Denken

3 Das Menschenbild der Gegenwart
3.1 Ausgehendes gegenwärtiges Menschenbild
3.2 Die Entfremdung

4 Der >totale Mensch< bei Henri Lefèbvre
4.1 Der >totale Mensch< ist im Prozess des Werdens
4.2 Der >totale Mensch< und die Natur
4.3 Der >totale Mensch< als Individuum
4.4 Der >totale Mensch< ist Individuum und Gemeinschaft

5 Der >totale Mensch< und der Humanismus

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Diskussion der Erziehung spielt sich heutzutage zunehmend in einem internationalen Kontext und Vergleich ab. Sie betrifft die Bildungspolitik und Bildungsreform und geht auch darüber hinaus. Dabei gewinnt die Durchleuchtung einzelner pädagogischer Theorien an Aufmerksamkeit.

In dieser Arbeit geht der Blick aus Deutschland hinaus und fällt auf die pädagogische Theorie des Franzosen Henri Lefèbvre. In seinen Gedanken über Mensch und Erziehung finden sich Gedanken des Klassikers (auch für die Pädagogik) Karl Marx wieder. Gerade Henri Lefèbvres humanistischer Ansatz macht ihn bekannt und für die Pädagogik auch im internationalen Kontext bedeutend. Er folgt dem Motto: „Zurück zu Marx und über Marx hinaus“[1], als grundsätzlich Oppositioneller den Widerstand und die Zerrissenheit des Menschen aufzuzeigen, um ihr entgegen zu wirken. Ziel seiner Anstrengung ist, dem Mensch zu seiner Vervollkommnung zu verhelfen. Sobald der Mensch als wirklicher menschlicher Mensch seine Totalität erreicht, ist er der >totale Mensch<. In dieser Idee werden Parallelen zu Karl Marx Gedanken deutlich.

Wie Henri Lefèbvre den >totalen Menschen< im Unterschied zum Gegenwärtigen denkt, sowie das Verhältnis des >totalen Menschen< als Individuum zu seinem Umfeld, der Gemeinschaft, ist Gegenstand der folgenden Arbeit. Dabei lässt sich die Vorstellung des >totalen Menschen< nicht von Humanismus und dem von Henri Lefèbvre benannten „dialektischen Materialismus“ trennen.

Zu Beginn dieser Arbeit wird ein Aufriss über Henri Lefèbvre, sein Leben und sein Denken, gegeben. Danach wird der Entstehungszusammenhang seines Werkes „Der dialektische Materialismus“, sowie der Einfluss von Karl Marx erläutert. Der 3. Abschnitt steht unter dem Titel „das Menschenbild der Gegenwart“, wobei sich der Inhalt auf die Zeit und Sicht von Lefèbvre bezieht. Dabei schließt Henri Lefèbvre an die „Theorie der Entfremdung“ von Karl Marx an. Im Gegensatz zu diesem Menschenbild steht das des >totalen Menschen< im anschließenden Kapitel, dem Hauptteil, im Vordergrund. Hierbei treten auch Bezüge und Unterschiede der beiden Menschenbilder hervor. Speziell wird auf den Menschen, der sich in einem dynamischen „Prozess des Werdens“ befindet, eingegangen, sowie die Beziehung und Bedeutung der Natur für den Mensch. Zusätzlich steht die Bedeutung der Praxis und die Dialektik von Henri Lefèbvre direkt mit seinem Menschenbild in Verbindung und ist somit ebenfals in diesem Abschnitt eingefügt. Der >totale Mensch< als Inbegriff des Individuums und die Rolle der Gesellschaft für den >totalen Menschen< werden gegen Ende dieser Arbeit behandelt. Die Bedeutung des Humanismus für den Menschen und das Eintreffen der „neuen menschlichen Epoche“ wird im 5. Abschnitt aufgezeigt, um dann mit dem Resümee als Zusammenfassung und Beantwortung der Eingansfrage(n) abzuschließen.

2 Zur Person: Henri Lefèbvre

Die „Zeit“ bezeichnet Henri Lefèbvre als einen der brillantesten Intellektuellen Frankreichs und als einen der Menschen, der den Weg zu einem neuen Marx - Verständnis weist.[2]

2.1 Leben und Wirken Henri Lefèbvres

Henri Lefèbvre wurde 1905 in Hagetmau in Südwestfrankreich geboren. Er studierte Philosophie in Aix-en-Provence bei Maurice Blondel. 1928-1930 wendete er sich dem Marxismus zu und trat in die Kommunistische Partei Frankreichs ein. 1929-1940 war er im Schuldienst als Lehrer für Philosophie tätig, wonach er 1941, aus dem Schuldienst entlassen, in einer Untergrundbewegung untertauchte. 1944-1949 übernahm er die künstlerische Leitung des Senders Toulouse. Danach legte er seinen Schwerpunkt auf agrarsoziologische Forschung und war 1961-1966 Professor für Soziologie an der Faculté des Lettres in Straßburg. Seit 1967 war Lefèbvre Vorsteher der Abteilung für Soziologie an der Fakultät Nanterre-Sorbonne in Paris. Er verstarb 1991.[3]

2.2 Henri Lefèbvres Werk „Der dialektische Materialismus“ im Kontext

Um 1930 setzt in Frankreich ein zunehmendes Interesse am philosophischen Aspekt des Marxismus ein. Gleichzeitig wird die Dialektik Hegels neu entdeckt. In dieser Bewegung entwickelt sich Henri Lefèbvre zu einem kritischen Marxisten. Politische und soziale Umstände der Nachkriegszeit, persönliche Probleme, die Psychoanalyse, die Moderne und die Bewegung des Surrealismus werden als Ursachen für sein Denken vermutet.

Zu der Zeit, in der Lefèbvre sein Buch mit dem Titel „Der dialektischen Materialismus“ verfasst, beschäftigt er sich mit den „Pariser Manuskripten“ von Marx. Im Gegensatz zu anderen „Marx-Kritikern“ haben für ihn gleichermaßen die philosophischen wie die ökonomischen Aspekte in Marx Schriften Bedeutung. Zudem trennt er nicht den Jungen von dem Reifen Marx, sondern sieht seine Entwicklung und Einheitlichkeit[4]

In der Schrift des „dialektischen Materialismus“ verbindet Lefèbvre den „Materialismus“ mit „Dialektik“. Der Mensch wird dabei nicht weiterhin, wie im „reinen Materialismus“ reduziert, sondern der dialektische Materialismus“ erlaubt es, den Menschen als Totalität zu sehen mit seinen eigenen Gesetzen und in Verbindung mit dem Ganzen.[5]

Henri Lefèbvre stellt sich bewusst gegen die Bewegungen seiner Zeit, schließt sich Widerstandbewegungen an und bezeichnet sich selbst als ein grundsätzlicher Oppositioneller[6]. Sein Buch „Der dialektische Materialismus“ entstand in dieser Zeit des philosophischen, theoretischen und kulturellen Widerstandes.

Lefèbvres Bemühungen um einen humanistischen Marxismus bzw. einen marxistischen Humanismus, in dem der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist, zielen auf die Aufhebung der Entfremdung und Dehumanisierung der Menschen, sowie die Wiedererlangung der Subjektivität des Individuums. Jede Reduzierung der Menschen soll durch die Entdeckung seine Einheit und Totalität ersetzt werden. Dabei muss sich die Erforschung des menschlichen Wesens, wenn sie wissenschaftlich sein möchte, der Analyse der geschichtlichen Wirklichkeit des Menschen zuwenden. Wenn die Historizität der Erforschung der Menschen dient, dient sie ebenfalls dem Denken über den Menschen in der Philosophie.

Henri Lefèbvre spricht sich gegen die vorherrschenden Status der Philosophie aus, die lediglich die Vorhallenstellung, auf dem Weg zu Naturwissenschaft und Ökonomie einnimmt. Ihre Bedeutung und Selbstständigkeit wird ihr abgesprochen und sie wird unterdrückt. Durch diese Reduktion wird sie laut Lefèbvre von den anderen Wissenschaften missbraucht. Die Philosophie kann sich aus ihrer unterdrückten Rolle befreien, sobald sie sich der Historizität als ihr wissenschaftliches Instrument bedient und so zu einer selbstständigen Wissenschaft wird.[7] Hier tritt die enge und nach Lefèbvre notwendige Verbindung von Wissenschaft und Historizität ein, indem die Historizität das Instrument der Wissenschaft wird.

2.3 Karl Marx als Anregung von Henri Lefèbvres Denken

Dem Marxismus, der aus Lefèbvres Sicht auf das Denken von Karl Marx zurückgeht, kommt bei Lefèbvre eine fundamentale Bedeutung zu. Lefèbvre weist auf zahlreiche Fehlinterpretationen und Missachtungen der Intention von Karl Marx hin. Für ihn ist der Marxismus „Ausdruck des gesellschaftlichen, praktischen und wirklichen Lebens, in seiner Gesamtheit und historischen Bewegung, mit seinen Problemen und Widersprüchen einschließlich der Möglichkeit die gegenwärtige Struktur aufzuheben[8] “.

Neben dem Christentum und der Individualität sieht Lefèbvre den Marxismus als eine Weltanschauung. Diese Weltanschauung macht, wie keine andere, nach Lefèbvre die Erscheinungsformen der Realität bewusst. Zu der Realität gehören 1. die Erscheinungsformen der natürlichen Wirklichkeit, wie die der Natur und die der äußere Welt, 2. die Erscheinungsformen der praktischen Wirklichkeit, wie die der Arbeit und die des Handelns und 3. die Erscheinungsformen der gesellschaftlichen und geschichtlichen Wirklichkeit.[9] So bietet Lefèbvre den Marxismus die von ihm geforderte Totalität und Gesamtsicht des Menschen und seiner Umgebung samt seinen Anregungen und Determinanten.

[...]


[1] Henri Lefèbvre: Der dialektische Materialismus. Titel der Originalausgabe: Le Matérialisme dialectique. Presses Universitaires de France, Paris 1940. Aus dem Französischen übersetzt von Alfred Schmidt. 3. Aufl. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1966.

[2] Vgl.: Die Zeit. Zitier nach Henri Lefèbvre: Der dialektische Materialismus. S. 2.

[3] Vgl.: Kurt Meyer: Henri Lefèbvre, ein romantischer revolutionär. Europa Verlag - AG, Wien 1973. S. 156.

[4] Vgl.: Alfred Schmidt: Nachwort. In: Der dialektische Materialismus. A.a.O. S. 161.

[5] Henri Lefèbvre: Der Marxismus. C.H. Beck, München 1975. S. 92f.

[6] Vgl.: Henri Lefèbvre zitiert nach Kurt Meyer: Henri Lefèbvre, ein romantischer Revolutionär. Europa Verlag – AG Wien 1973. S. 156.

[7] Vgl.: Winfried Böhm, Giuseppe Flores d`Arcais: Die Pädagogik der frankophonen Länder. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1980. S. 25f.

[8] Henri Lefèbvre: Der Marxismus. A.a.O. S. 17.

[9] Vgl.: Henri Lefèbvre: Der Marxismus. A.a.O. S. 12.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der 'totale Mensch' bei Henri Lefèbvre
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophische Fakultät III)
Veranstaltung
Die Pädagogik der frankophonen Länder im 20. Jahrhundert
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V31482
ISBN (eBook)
9783638324816
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Henri, Lefèbvre, Pädagogik, Länder, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Silke Reichert (Autor), 2004, Der 'totale Mensch' bei Henri Lefèbvre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31482

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