Die Verbrechen der Nationalsozialisten im besetzten Polen ab 1939 sind in der NS-Forschung häufig thematisiert worden. In diesem Zusammenhang erlangten die Einsatzgruppen der SS und das Polizeibataillon 101 besondere Aufmerksamkeit. Dies hängt zum einen mit den Verbrechen zusammen, die mit diesen beiden Instanzen in Verbindung gebracht werden, aber auch mit der teils exzellenten Quellenlage.
Die Frage, die Historiker und Soziologen in diesem Untersuchungskontext gleichermaßen beschäftigt, ist die nach den Erklärungen für das Verhalten der Soldaten. Betrachtet man diese beiden Organisationen, wird ein deutlicher Unterschied im Verhalten der Mitglieder offenbar, der in dieser Arbeit in seinen Ausprägungen untersucht werden soll. Während bei den Einsatzgruppen fast jeder bereit war, die Verbrechen an den polnischen Juden zu begehen, sah dies in Bezug auf das Polizeibataillon ganz anders aus. Dort gab es mehrere Fälle, in denen die Beteiligten vor der Tötungshandlung selbst zurückschreckten (Vgl. Browning 1998: S. 89).
Im Anschluss an diese Beobachtung stellt sich die Frage nach den Ursachen für ein solches Phänomen. Dem nachzugehen hat auch Bedeutung für die soziologische NS-Forschung. Es wird dadurch möglich, Strukturen des Systems im Ganzen zu analysieren. Der entdifferenzierte NS-Staat kann durch diesen Vergleich noch einmal mehr auf seine Gleichschaltung hin untersucht werden. Es können Differenzen aufgezeigt werden, die in diesem Staat vorhanden waren und somit ist es auch möglich, seine gänzliche Gleichschaltung anzuzweifeln.
Den theoretischen Rahmen für diese Untersuchung soll Luhmanns Systemtheorie bilden. Besonders werde ich mich hier auf seine Analyse zur formalen Organisation konzentrieren. Dieser Ansatz wurde von mir ausgewählt, da er eine hohe Chance der Abstraktion bietet, die in anderen historischen wie psychologischen Ansätzen häufig fehlt. Hier soll es nicht um konkrete Motive gehen, die für die Männer ausschlaggebend waren, um an den Aktionen in Polen teilzunehmen, sondern es soll einzig um die Form und den Aufbau der Organisation gehen, der sie angehörten.
Die Fragestellung, die dieser Arbeit zugrunde liegt, lautet demzufolge: Inwieweit ist das unterschiedliche Verhalten der Angehörigen des Polizeibataillons 101 und der SS-Einsatzgruppen durch die Unterschiede in der formalen Organisation zu erklären?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Kontext
3. Formale Organisation nach Luhmann
4. Analyse der Organisationstypen
4.1 Die SS-Einsatzgruppen
4.2. Das Polizeibataillon 101
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das unterschiedliche Verhalten von Soldaten in den SS-Einsatzgruppen und dem Polizeibataillon 101 während des Polenfeldzuges. Ziel ist es, durch die Anwendung von Niklas Luhmanns Systemtheorie zur formalen Organisation zu erklären, warum Mitglieder der Einsatzgruppen nahezu uneingeschränkt an Verbrechen teilnahmen, während im Polizeibataillon 101 Verunsicherung und Verweigerung auftraten.
- Vergleich der Organisationsformen im Nationalsozialismus
- Anwendung der systemtheoretischen Konzepte nach Niklas Luhmann
- Analyse der Mitgliederrolle und Führungsstruktur
- Untersuchung von Unsicherheitsabsorbation und Organisationszwecken
- Diskussion von Rollendistanz und institutionellen Zwängen
Auszug aus dem Buch
4. Analyse der Organisationstypen
Wir finden bei den Einsatzgruppen eine hohe Anzahl von Personen, die bereits in anderen Strukturen des NS-Staates fest eingehegt waren. So entstammten viele der Führungsoffiziere aus Verbänden des SD (Vgl. Krausnick 1981: S. 35). Sie durchliefen somit einen festen Rollenbildungsprozess, sowohl als Mitglieder als auch als Vorgesetzte. Dies bedeutet, um in der Theorie Luhmanns zu verbleiben, dass die an sie gerichteten Verhaltenserwartungen durch die Institutionen vorgeprägt waren. Des Weiteren verfügten die Gruppen unter diesen Voraussetzungen über einen klar definierten und vom Staat akzeptierten Organisationszweck, den sie durch ihre ideologische Prägung nicht in Frage stellten (Vgl. Ebd.). Dieser Zweck ist, wie bereits ausgeführt, entscheidend, um Verhaltenserwartungen zu definieren. Bei der Formierung der Einsatzgruppen war man darauf bedacht gewesen, organisatorisch penibel vorzugehen. Die Befehlsketten waren klar umrissen. Die Führer der jeweiligen Einsatzgruppen waren demnach also in ein komplexes Informationssystem gesetzt worden (Vgl. Ebd.: S. 37). Die Rolle des Vorgesetzten, die wir im Kapitel über die Organisation bereits besprochen haben, bekommt durch die komplexe Verbindung innerhalb des Systems eine ganz besondere Entlastung zu spüren, die in der Ausführung ihrer Tätigkeit unerlässlich ist.
Der Druck, welcher im Prozess der Mitgliederführung auf den Rolleninhaber ausgeübt wird, ist enorm. Dieser entsteht nicht einzig von der Führungsebene, die auf die Erfüllung ihrer Vorgaben drängt, sondern geht auch von den Untergebenen aus. Der Druck der Untergebenen kann jedoch in einem viel höheren Maße verteilt werden, wenn ein Aufbau vorliegt, der mehrere Führungsebenen beinhaltet (Vgl. Luhmann 1964: S. 213). Daran ist zu erkennen, dass es sich bei der Übernahme einer Führungsrolle um eine Doppelbelastung handelt. Denn der Rolleninhaber hat sowohl die Mitgliederrolle, in der er an Erwartungen des Vorgesetzten gebunden ist inne, als auch eine Führungsrolle, in der von ihm die Filterung von Informationen (Vgl. Ebd.: S. 214) als Leistung verlangt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach den Ursachen für das unterschiedliche Verhalten von Soldaten in NS-Organisationen vor und führt in den theoretischen Rahmen der Systemtheorie ein.
2. Historischer Kontext: Das Kapitel skizziert den zeitgeschichtlichen Rahmen des deutschen Angriffs auf Polen und die systematische Unterdrückung sowie Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.
3. Formale Organisation nach Luhmann: Hier werden die zentralen Begriffe der Luhmannschen Theorie, wie Mitgliederrolle, normative Verhaltenserwartungen und die Unsicherheitsabsorbation durch Vorgesetzte, erläutert.
4. Analyse der Organisationstypen: Dieser Hauptteil vergleicht die hochgradig funktionalen SS-Einsatzgruppen mit dem durch Unsicherheit geprägten Polizeibataillon 101 unter Anwendung der zuvor definierten Theorie.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass die unterschiedlichen Verhaltensweisen maßgeblich durch die formale Organisation und die Stabilität der Organisationsmechanismen erklärbar sind.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Polenfeldzug, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Formale Organisation, SS-Einsatzgruppen, Polizeibataillon 101, Unsicherheitsabsorbation, Rollendistanz, Holocaust, NS-Forschung, Organisationszweck, Soziologie, Verhaltenserwartungen, Totalitarismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht soziologisch, warum es in verschiedenen NS-Organisationen zu unterschiedlichen Verhaltensweisen von Soldaten bei der Durchführung von Verbrechen kam.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der formalen Organisation nach Niklas Luhmann, der NS-Geschichte während des Polenfeldzuges sowie der Analyse von Organisationsstrukturen und Mitgliederverhalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Inwieweit lässt sich das unterschiedliche Verhalten der Angehörigen des Polizeibataillons 101 und der SS-Einsatzgruppen durch Unterschiede in ihrer formalen Organisation erklären?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine soziologische Analyse auf Basis der Systemtheorie von Niklas Luhmann vorgenommen, ergänzt durch die Auswertung historischer Fachliteratur und Quellenberichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die SS-Einsatzgruppen als hochgradig auf den Zweck ausgerichtete Organisationen im Kontrast zu dem von Unsicherheit und Rollenproblemen geprägten Polizeibataillon 101.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Systemtheorie, formale Organisation, SS-Einsatzgruppen, Polizeibataillon 101 und Holocaust-Forschung definieren.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Vorgesetzten in den beiden Organisationen?
Während Vorgesetzte in den Einsatzgruppen durch klare Strukturen eine effiziente Unsicherheitsabsorbation leisteten, waren die Vorgesetzten im Polizeibataillon 101 selbst verunsichert, was die Funktionsweise der gesamten Einheit destabilisierte.
Warum konnte das Polizeibataillon 101 nicht so effizient wie die Einsatzgruppen agieren?
Laut der Analyse fehlten für die neuen, grausamen Aufgaben im Rahmen der Exekutionen institutionalisierte Handlungsabläufe, was zu einem Destabilisierungspotenzial führte, das die Organisation nicht abfangen konnte.
- Citar trabajo
- Malte Wittmaack (Autor), 2015, Das Verhalten von Soldaten in nationalsozialistischen Organisationen während des Polenfeldzuges 1939-1941. Ein systemtheoretischer Vergleich, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314880