Eingeborenenpolitik im System Leutwein. Grundzüge, Motive und Tendenzen


Seminararbeit, 2001

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wunsch und Wirklichkeit – Voraussetzungen
2.1. Aus der Sichtwarte Berlins
2.2. Die Situation im Schutzgebiet

3. Ideelles Rüstzeug – Leutweins Analysen
3.1. Entwicklungsziele
3.2. Staatlichkeit und persönliche Führung
3.3. Die Logik des Friedens

4. Pragmatische Lösungen – Die Umsetzung
4.1. Anstrich der Legalität
4.2 Divide et impera – Teile und herrsche
4.2.1.Militärische Eingrenzung
4.2.2.Stabilität auf dem Thron
4.2.3.Disziplin und Gewaltbereitschaft

5. Grenzen des Erfolgs – Die Hererofrage
5.1. Umstrittene Hierarchie
5.2 Kooperation als politisches Mittel
5.3. Linienführung mit doppeltem Boden
5.4. Die Eigendynamik der Stammespolitik

6. Fazit

7. Bibliographie
7.1. Quellen
7.2. Darstellungen

1. Einleitung

Jede historische Betrachtung des kolonialen Südwestafrika ähnelt sich in einem Punkte. Ganz gleich welchen Themenaspekt sie aus dem nur 30-järigen Intermezzo deutscher Herrschaft erarbeitet, früher oder später muss sie sich mit dem Herero- und Namaaufstand der Jahre 1904-1907 beschäftigen – ein unbestrittener Wendepunkt in der Geschichte Namibias.

In einer sozialen Explosion brachte dieser „erste Krieg des Wilhelminischen Deutschland“[1] ein bereits in zahlreichen Aufständen bewährtes politisches System zu Fall.

Gouverneur Theodor Leutwein war es nach seinem Dienstantritt 1894 binnen weniger Jahre gelungen, die bis dato rein nominelle Schutzherrschaft in eine „tatsächliche“[2] zu verwandeln. Begründet lag dieser Erfolg in einer ausgefeilten Strategie politischer Balance den eingeborenen Stämmen gegenüber, bei deren Ausgestaltung sich der Major besonders Elementen britischer Kolonialherrschaft bediente.

Nicht erst mit Ausbruch des „Krieges“ mehrte sich jedoch Kritik an seiner Vorgehensweise. Der expansionswilligen Siedlerschaft galt Leutwein als „Kaffernfreund“[3], ließ in seiner Politik „übelangebrachte Sentimentalität“[4] erkennen.

Auch nach dem Verlust der Kolonie, 1919 im Versailler Friedensvertrag fixiert, blieb die offensichtliche Milde des Landesvaters im Mittelpunkt der Debatten: Nun diente sie den Apologeten der deutschen Weltmachtambitionen als Feigenblatt:

„[Das] seltene Beispiel einer europäischen Schutzherrschaft, welche durch vertragliche Mittel zur Herrschaft im Lande gekommen war, Frieden und Ordnung zwar mit militärischer Macht herbeiführte und aufrechterhielt, die Selbstständigkeit des Stammeslebens der Eingeborenen aber nicht angriff und auch nicht antasten wollte.“[5]

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung möchte die vorliegende Arbeit politisch-taktische Leitbilder des Gouverneurs im Umgang mit den Eingeborenen aufzeigen. Welche Motive leiteten Leutwein bei der Konzeption seines Systems, das zumindest in der deutschen Kolonialgeschichte ohne gleichen blieb? Gleichzeitig sollen aber auch Tendenzen und Probleme in der praktischen Umsetzung herausgestellt werden. Fraglos können sie nicht allein den großen Aufstand provoziert haben – es bleibt aber zu analysieren, inwiefern sie zur Instabilität des System Leutwein beitrugen.

Um diese Fragen zu klären, soll zunächst einmal die theoretische Seite der deutschen Schutzherrschaft beleuchtet werden. Angefangen bei Ansprüchen und Erwartungen, die den Major auf seinen Weg nach Südwestafrika begleiteten, geht es hier vor allem um die grundsätzliche Konzeption von Staat und Herrschaft, so wie sie Leutwein für das Schutzgebiet vorschwebte.

Im Anschluss folgt der Blick auf die Anwendung der Theoreme – Welche Methoden wandte Leutwein tatsächlich an? Schließlich gilt es, die dabei auftretenden Schwierigkeiten am Beispiel der Hererofrage 1894-96 darzustellen.

Damit ist ebenfalls der Zeitraum umrissen, der dieser Arbeit zu Grunde liegt: In den ersten beiden Jahren Leutweinscher Regierung kamen bereits alle bedeutsamen Strategien der Herrschaftssicherung zum Einsatz.

2. Wunsch und Wirklichkeit – Voraussetzungen

2.1. Aus der Sichtwarte Berlins

Auch wenn das Deutsche Reich unter Bismarck nur widerwillig in den Kreis der Kolonialmächte eingetreten war, den Rahmen, innerhalb dessen Politik vor Ort betrieben werden konnte, steckte die Metropole stets selbst ab.

Für das erste der deutschen Schutzgebiete wurde die politische Marschrichtung 1893 festgelegt. In einer Rede vor dem Reichstag erteilte Bismarcks Nachfolger Caprivi allen Plänen zur Aufgabe der Kolonie eine endgültige Absage:

„Wir wollen keinen Krieg führen, wir wollen auf unblutige Weise uns immer mehr zu Herren dieses Landes machen und unsere Herrschaft befestigen. Wir haben Südwestafrika einmal, jetzt ist es deutsches Land und muss als deutsches Land erhalten bleiben.“[6]

Hinter diesem Interesse an einer friedlichen Entwicklung stand nicht etwa der Glaube an die Souveränität der eingeborenen Stämme und ein konfliktloses Nebeneinander von Schwarz und Weiß. Vielmehr war die „unblutige“ Eroberung Deutsch-Südwests innenpolitischen Konstellationen geschuldet.

Jede Truppenverstärkung zur Niederwerfung von Aufständen musste unausweichlich die Leistungsbilanz der überseeischen Besitzungen verschlechtern. Zudem hatte die Bewilligung des dafür notwendigen Nachtragetats über den Reichstag zu erfolgen. In den damit verbundenen Debatten sah die Opposition meist eine willkommene Gelegenheit, die Kolonialpolitik der Regierung zu attackieren. Erste Priorität war also, die Kosten für staatliche Interventionen auf ein finanzielles Minimum zu beschränken.[7]

In gleicher Weise liest sich denn auch die Instruktion, die Leutwein vor seinem Dienstantritt in Südwestafrika erhielt[8]. Neben dem Auftrag, sich ein Bild über die Verhältnisse in der Kolonie, vor allem über den bisher erfolglos verlaufenen Krieg gegen die Nama zu machen, finden sich darin größtenteils Hinweise auf das knappe Budget. So solle „tunlichst vermieden werden“, „[g]rößere Mittel als die im Etatentwurf [...] vorgesehenen in Anspruch zu nehmen“; und auch von einer „wünschenswerte[n] Verminderung der Truppe in absehbarer Zeit“ war die Rede.

Gleichwohl blieb die Etablierung des deutschen Herrschaftsanspruches oberstes Ziel. Dem Landeshauptmann in spe wurde unmissverständlich klargemacht, „daß [die eigene] Machtstellung den Eingeborenen gegenüber unter allen Umständen [...] mehr und mehr befestigt werden [müsse].“

In der Auswahl der Mittel war Leutwein demnach freie Hand gegeben – ausschlaggebend sollten hier die Kolonie selbst werden.

2.2. Die Situation im Schutzgebiet

Europa hatte nicht erst mit Erscheinen der Deutschen Einfluss auf die Strukturen Südwestafrikas gewonnen. Schon im späten 18. Jahrhundert bestanden wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Eingeborenen und der Kapkolonie, vornehmlich in Form eines regen Viehhandels. Spätestens aber seit die Rheinische Missionsgesellschaft ihre Aktivität im Lande aufgenommen hatte - immerhin knapp fünfzig Jahre vor der „Ära Lüderitz“ - waren den Stämmen Grundbegriffe europäischen Denkens bekannt.[9]

Dem deutsche Anspruch auf Oberhoheit standen mit rund 80.000 Herero im Zentrum des Schutzgebietes und 20.000 Nama im Süden Bevölkerungsgruppen gegenüber, die einen routinierten Umgang mit modernen Schusswaffen und christlichen Herrschaftsbegriffen pflegten.[10]

Zu diesem Problem rein politischer Natur traten äußere Faktoren: Fehlende Infrastruktur[11] und chronischer Wassermangel schlossen militärische Aktionen größeren Formates nahezu aus.

An dieser Situation waren bereits Leutweins Vorgänger gescheitert: Heinrich Göring, noch 1889 lediglich gestützt durch eine Schutztruppe von 21 Mann[12], hatte mit rein diplomatischen Mitteln nicht vermocht, „die Fiktion einer deutschen Kolonie aufrechtzuerhalten.“[13] Und auch dessen Nachfolger v. François war es mit seiner Politik der Konfrontation unmöglich gewesen, die Verhältnisse zu stabilisieren. Leutwein entschied sich nun, beide Methoden zu vereinen: Ohne auf Gewalt zu verzichten, bevorzugte er das diplomatische Arrangement.[14]

3. Ideelles Rüstzeug – Leutweins Analysen

3.1. Entwicklungsziele

„Das Endziel jeder Kolonisation ist von allem idealen und humanen Beiwerk entkleidet, schließlich doch nur ein Geschäft!“[15] – Wie die Kolonialregierung in Berlin, so verstand auch Leutwein sich ausdrücklich als Diener im Interesse der Wirtschaft.[16]

In nicht all zu ferner Zukunft sollte Südwestafrika sich zu einem global konkurrenzfähigen Viehzuchtbetrieb in Landesgröße entwickeln.[17] Impulse in diese Richtung schienen umso effektiver, als die klimatischen und geographischen Begebenheiten nur einen sehr geringen Teil an europäischen Siedlern zuließen.[18] Verbunden mit diesem Prozess war selbstredend der „[allmähliche] Uebergang des nicht bewirtschafteten Landes [und Viehbesitzes, d. Verf.] aus den Händen der arbeitsscheuen Eingeborenen in diejenigen der Europäer.“[19]

Aktueller Handlungsbedarf bestand zunächst in der Durchsetzung der deutschen Oberherrschaft. Vorrangiges Ziel in den ersten Jahren: die Etablierung eines allgemeinen Landfriedens und, darauf aufbauend, Rechtsicherheit als Grundlage jeder modernen Privatwirtschaft.[20]

Wie dies zu geschehen hatte, sah Leutwein in der Kolonialpolitik des British Empire vorgezeichnet: „Nicht mit Blut und Eisen nach der Art des Tartarenchans [sic!] sollte sie betrieben werden, sondern mit Verständnis für die historisch gewordene Eigenart der vorgefundenen Bevölkerung.“[21] Die taktische Vorgehensweise des „größten Kolonisationsvolkes“[22] war dem Rechtswissenschaftler und langjährigen Kriegsschullehrer wohl bekannt[23]. So nimmt es kaum wunder, dass gerade in Leutweins Argumentation die typisch rassistischen Begrifflichkeiten des Imperialismus fehlen.[24]

[...]


[1] Helmut Bley: Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914, Hamburg 1968, S. 195.

[2] Zu diesem Vokabular vgl. Theodor Leutwein: Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika, Berlin 31908, Kapitel II „Aufrichtung der deutschen Schutzherrschaft, S. 13-96.

[3] Zitiert nach Helga und Ludwig Helbig: Mythos Deutsch-Südwest. Namibia und die Deutschen, Weinheim/Basel 1983, S. 124.

[4] Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 430.

[5] Alfred Neubert: Die Schutzherrschaft in Deutsch-Südwestafrika 1884-1903. Eine Untersuchung zum Wandel kolonialer Herrschaftsformen im Zeitalter des heraufkommenden Imperialismus (Diss. JMU Würzburg), Würzburg 1954, S. 147. Auch die noch zu zitierende Arbeit Gert Sudholts zählt ohne Zweifel zu dieser Fraktion.

[6] Zitiert aus Bley: Sozialstruktur, S. 18.

[7] Wolfgang Mayer/Franz Metzger/Jürgen Wilhelmi: Schwarz-Weiß-Rot in Afrika. Die deutschen Kolonien 1883-1918, Puchheim 1985, S.176; vgl. auch Albert Wirz: „Die deutschen Kolonien in Afrika“; in: Rudolf von Albertini: Europäische Kolonialherrschaft 1880-1940, Stuttgart 41997, S. 302-27; hier S. 306f.

[8] Im Folgenden zitiert aus Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 16f.

[9] Zum Vorgehen der Mission vgl. Helbig: Mythos Deutsch-Südwest, S. 22ff.

[10] Demographische Verhältnisse von 1892 (ferner: 4.000 Bastards, 40.000 Bergdamas und 100.000 Ovambos); Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 11; zum intellektuellen Habitus vgl. Bley: Sozialstruktur, S. 22.

[11] Erst 1902 war der Bau einer Bahnstrecke von Swakopmund nach Windhoek abgeschlossen, vorher wurde der gesamte Warentransport zwischen Zentrum und Hafen mit zwölfspännigen Ochsenkarren abgewickelt; eine telegraphische Verbindung zum Heimatland existierte indes nur ein Jahr früher. Hierzu Oskar Hintrager: Südwestafrika in der deutschen Zeit, München 21956, S. 39f.

[12] Denkschrift über Eingeborenenpolitik und Hereroaufstand; in: Beilage zum Deutschen Kolonialblatt (DKB) 25 (1904), S. 5.

[13] Horst Drechsler: „Südwestafrika 1885-1907“; in: Helmuth Stoecker (Hg.): Drang nach Afrika. Die deutsche koloniale Expansionspolitik und Herrschaft in Afrika von den Anfängen bis zum Verlust der Kolonien, Berlin 21991, S. 36-58; hier S. 42.

[14] Ebenda.

[15] Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 541.

[16] Wirz: Die deutschen Kolonien, S.313.

[17] Vgl. Bley: Sozialstruktur, S. 143.

[18] Vgl. Ders.: „Social Discord in South-West Africa. 1884-1904”; in: Prosser Gifford/W. M. Roger Louis(Hgg.): Britain and Germany in Africa. Imperial Rivalry and Colonial Rule, London/New Haven 1967, S. 607-30., hier: S. 609.

[19] Leutwein über die Strafexpedition nach Omaruru, November 1894; in: DKB 6 (1895), S. 80.

[20] Bley: Sozialstruktur, S. 23.

[21] Leutwein: Elf Jahre Gouverneur, S. 542.

[22] Ebenda., S. 545.

[23] Zur Biographie Leutweins: Paul Leutwein: Afrikanerschicksal. Gouverneur Leutwein und seine Zeit, Stuttgart 1929, S. 179.

[24] Vgl. Hanna Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 61998, S. 405.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Eingeborenenpolitik im System Leutwein. Grundzüge, Motive und Tendenzen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Neuere und Neuste Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar (A): Vernichtungspolitik in Afrika zur Zeit des Imperialismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V3149
ISBN (eBook)
9783638119047
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eingeborenenpolitik, System, Leutwein, Grundzüge, Motive, Tendenzen, Proseminar, Vernichtungspolitik, Afrika, Zeit, Imperialismus
Arbeit zitieren
Geoffrey Schöning (Autor), 2001, Eingeborenenpolitik im System Leutwein. Grundzüge, Motive und Tendenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3149

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Eingeborenenpolitik im System Leutwein. Grundzüge, Motive und Tendenzen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden