Die Entstehung und Bedeutung der journalistischen Objektivtätsnorm


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist Objektivität?

3. Die Objektivitätsnorm
3.1 Entwicklung in Deutschland
3.2 Entwicklung in den USA
3.3 Die Relevanz der Objektivitätsnorm heute
3.4 Schwierigkeiten und Probleme der Objektivitätsnorm

4. Amerikanisierung der deutschen Presse?

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“[1]

So lautet der erste publizistische Grundsatz im Pressekodex des deutschen Presserats und den Presseverbänden. Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Objektivität und Fairness sind wichtige Bestandteile der journalistischen Berufsethik und sollten stets berücksichtigt werden. Doch trotzdem liest man in Zeitungen immer wieder empörte Leserbriefe, in denen sich Personen über Falschaussagen, subjektive Berichterstattung oder fehlende Objektivität beschweren und die Arbeitsweise von Journalisten kritisieren. Doch kommt ein Journalist überhaupt gänzlich ohne subjektive Deutungen aus und gibt es Kriterien und Regeln, die ihm seine Arbeit erleichtern können? Zu diesem Zweck und um hilfreiche Kriterien zusammenzufassen hat sich die Objektivitätsnorm im Journalismus entwickelt. Sie bietet Journalisten Orientierung und nimmt ihnen einen Teil der belastenden Verantwortung für ihre Arbeit.

Doch was macht die journalistische Objektivitätsnorm aus? Als erstes sollte man dazu den Begriff der Objektivität definieren. Weiterhin stellt sich die Frage nach der Herkunft dieser Norm und wie sie sich in der Vergangenheit entwickelt und bis heute verändert hat. In der folgenden Arbeit beschäftige ich mich mit diesen Themen und erläutere die aktuelle Relevanz der Objektivitätsnorm. Außerdem fasse ich Probleme und Schwierigkeiten, die Kritiker der Norm geäußert haben, zusammen. Da die Objektivitätsnorm aus den USA stammt, besteht ein weiterer Teil der Arbeit aus der Frage, inwiefern die amerikanische Kultur und Mediensysteme die deutsche Presse beeinflussen. Am Ende ziehe ich noch ein Fazit.

2. Was ist Objektivität?

Objektivität kann aus allgemeiner Sicht als „Unabhängigkeit einer wissenschaftlichen Aussage von subjektiven Einschätzungen und Bewertungen“[2] bezeichnet werden. Man könnte auch sagen, Objektivität ist die Darstellung der Wahrheit und Wirklichkeit. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass jede Person Wirklichkeit anders empfinden kann. Wichtig ist in der Berichterstattung besonders, dass man keine Lügen verfasst, subjektive Interpretationen außen vor lässt und Ereignisse nicht verzerrt, sondern korrekt beschreibt. „Die Objektivität bildet das oberste Ziel der Informationstätigkeit“[3], eine Norm, an der sich Journalismus orientieren sollte. Sie wird zur routinierten Handlung und hilft, „die Verantwortung des einzelnen Journalisten für das, was er schreibt, zu reduzieren und erhält so die Funktion eines „strategischen Rituals“[4] “. Außerdem ist das „deutlichste[…] Kennzeichen [journalistischer Objektivität] die formale Trennung von Nachricht und Meinung“[5]. In der Medienproduktion aber, also auf professioneller und ökonomischer Ebene, kann man nach der Soziologin Gaye Tuchman Objektivität als Methode betrachten, „die den Medien und ihren Journalisten Sicherheit und Arbeitsfähigkeit verschaff[t]“[6]. In dieser Methode wiederholt man stetig fünf Verfahren: „Die Präsentation von widerstreitenden Möglichkeiten“[7], man präsentiert also verschiedene Positionen und Quellen zu einem Thema, auch wenn diese sich widersprechen. Weitere Verfahren sind die „Präsentation stützender Fakten zu den Aussagen [und der] […] gezielte Einsatz von Anführungszeichen“[8], mit der man die Überzeugungen des Journalisten von denen anderer Personen trennt und die eigene Position objektiviert. Außerdem soll man Nachrichten strukturieren, indem man die wichtigsten Fakten an den Anfang stellt und so die sogenannten W-Fragen beantwortet. Die Entscheidung, was wichtig ist, liegt jedoch beim Journalist selbst. Die letzte Prozedur ist die „Trennung von Nachricht und Meinung“[9], Tuchman erläutert jedoch, dass man nur formal zwischen Analyse und Fakten unterscheidet und dass das eine ritualisierte Routineprozedur im Arbeitsalltag darstellt. Diese fünf Verfahrensweisen machen nach Tuchman journalistische Objektivität aus, beeinflusst durch Zwänge in der Organisation der jeweiligen Medieninstitution und dem Verstand des Journalisten selbst.[10]

Die Auffassungen von Theorie und Praxis unterscheiden sich in der modernen Zeit stark: In Pressegesetzen wird verlangt, dass Journalisten in ihrer Arbeit stets objektiv sind und in der Forschung geht man im Gegensatz davon aus, dass es unmöglich ist, objektiv zu berichten. Im Berufsalltag stützen sich Journalisten deshalb meist auf den Grundsatz der Deutschen Presse-Agentur: „Die Journalistinnen und Journalisten, die hören und sehen, recherchieren, urteilen und schreiben, sind Menschen in all ihren gesellschaftlichen, sozialen und persönlichen Bedingtheiten. Objektivität als Maßstab der Arbeit kann deshalb kein naturwissenschaftlich exakter Begriff sein. Aber diesen Begriff in einer erkenntnistheoretischen Diskussion völlig aufzulösen, hieße, zu jeder Verfälschung, Lüge und Manipulation einzuladen.“[11] Objektivität wird in dieser Definition als Ziel dargestellt, an dem sich Journalisten orientieren können und das kaum erreicht werden kann.

3. Die Objektivitätsnorm

„‘Objektivität‘ in der Nachrichtengebung steht historisch im Zusammenhang mit dem Aufkommen des kommerziellen Journalismus in den USA.“[12] Zur Entstehung der Objektivitätsnorm gibt es unterschiedliche Theorien.

3.1 Entwicklung in Deutschland

Der Beginn einer ersten objektiven Berichterstattung in Deutschland lässt sich relativ früh einordnen. Schon im 15. Und 16. Jahrhundert, als Flugschriften populär waren, gab es Unterschiede hinsichtlich ihrer Objektivität. Manche waren frei von subjektiven Deutungen, manche enthielten eine Tendenz und andere waren sehr subjektiv. Amtliche Teile der Flugschriften waren eher objektiv gehalten. Bereits in dieser Zeit existierten schon unterschiedliche Vorstellungen des journalistischen Selbstverständnisses. „Schriftliche Überlieferungen dieser Selbstverständnisse“[13] fand man allerdings erst später, beispielsweise in den Schriften von Kaspar Stieler, der sich früh mit den Problemen der Presse und der Zeitungswissenschaft auseinandergesetzt hat. Er schrieb 1695: „[…] dass [die Zeitungen] seyn: Gedruckte Erzählungen derer hin und wieder warhaftig oder vermeintlich vorgegangener Dinge ohne gewisse Ordnung und Beurteilung; zu ersättigung der Lesenden Neugierigkeit und Benachrichtigung der Welt-Händel erfunden.“[14] Stieler beschrieb schon die Notwendigkeit von Journalisten, Nachrichten ohne Bewertung an die Leser weiterzugeben. Auch das Vertrauensproblem der Bürger, ob sich Ereignisse wirklich so zugetragen haben, wie es in Zeitungen geschrieben steht, ist hier erkennbar. Weitere Werte, an die sich Journalisten halten sollen, erwähnt er in seinen Schriften. „[S]o soll für Stieler ein Journalist, ein „Zeitunger“ „unpartheyisch“ und „nicht alzuleichtgleubig“ sein, was die Nachrichtenquelle angeht, bei denen oft „die Parteylichkeit über die Warheit herschet“.“[15] Außerdem sollte eine Zeitung laut Stieler keine Meinungen oder Kommentare enthalten, sondern nur Nachrichten und damit einen reinen Vermittlungscharakter vorweisen. Damit etablierten sich schon in dieser Zeit Teile der späteren Objektivitätsnorm, es herrschte ein „reduzierte[s] Verständnis von Objektivität“[16].

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gab es eine Art Arbeitsteilung der Massenmedien: Zeitungen enthielten Nachrichten, Flugschriften dagegen längere Meinungsbeiträge. 1797 listete Johann Friedrich Cotta, Verleger der „Allgemeinen Zeitung“, die wichtigsten Punkte für seine Zeitung auf, darunter „Wahrheit, Vollständigkeit, Unparteilichkeit und Objektivität im Sinne einer unverzerrten, nicht gefühlabhängigen Darstellung der Realität [und] […] eine[…] explizit formulierte Trennungsnorm.“[17] Diese Punkte entsprachen bereits modernen Vorstellungen: Die „Programmatik dieser Zeitung […] umfasst viele jener Kriterien und Verfahrensweisen, mit denen auch heute noch versucht wird, im nachrichtlich orientierten Journalismus der Verwirklichung der konkreten Utopie „Objektivität“ möglichst nahe zu kommen.“[18] Jedoch war die Glaubwürdigkeit zu dieser Zeit noch ein kritisches Thema: Mit der örtlichen Entfernungen nahmen auch falsche oder nur teilweise richtige Meldungen zu, was aber für den Leser schwierig zu überprüfen war.

Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hielt sich das ursprüngliche Selbstverständnis der Presse, das jedoch durch die „Zensur des absolutistischen Staates und durch die Genehmigungspflicht auch teilweise erzwungen[…]“[19] war. Die Ideale der Aufklärung ermöglichten es aber dem Kommentar, sich in der Presse durchzusetzen. Argumentieren und Abwägen wurde immer wichtiger, besonders was innenpolitische Themen anging. Der Kommentar entwickelte sich nach dem französischen Vorbild des Räsonnements. „[N]ach 1815 wurden die Ansätze zu einer Meinungspresse immer stärker“[20], das Bürgertum erlangte mehr Macht und damit Mitspracherechte. Im Vormärz wurden die bürgerliche Parteipresse und damit die Meinungspresse immer stärker, da die Zensurbestimmungen gelockert wurden. Zuvor waren Meinungen oft zensiert worden.

Die Meinungspresse hatte aber auch eine Gegenbewegung: Die Generalsanzeigerpresse nach dem Vorbild der amerikanischen Penny Press. Sie kam etwa um 1880 auf und war fakten- statt meinungsorientiert. Ein Beispiel hierfür ist die „Tägliche Rundschau“, die Parteilosigkeit als etwas Positives präsentierte. Politisch waren aber auch die Anhänger der Generalanzeigerpresse nicht neutral, sie waren meistens von Interessengruppen abhängig. Neben dieser Bewegung gab es eine weitere Entwicklung – die Boulevardpresse. „Am 22.10.1904 erschien in Berlin zum ersten Mal die „B.Z. am Mittag“, die erste deutsche Straßenverkaufszeitung. Dieser Zeitungstyp, der sehr schnell erfolgreich war, erforderte aufgrund der Abhängigkeit von der Distributionsform (Straßenverkauf) und der damit ständig wechselnden Leserschaft nicht nur, dass die Inhalte parteipolitisch nicht allzu gebunden waren, sie erforderte auch eine neue Art von Journalismus.“[21] In der Boulevardpresse wurde das Layout neu geordnet, Überschriften und Platzierungen veränderten sich und gewannen an Wert.

[...]


[1] http://www.bjv.de/verband/publizistische-grundsaetze-pressekodex, 24.03.14, 16:50 Uhr

[2] http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/objektivitaet.html#definition, 01.03.14, 14:36 Uhr

[3] Wagner, Hans (Hg.): Objektivität im Journalismus. Baden-Baden: Nomos Verlag 2012.

[4] Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 107.

[5] Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1995. S. 163.

[6] Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1995. S. 165.

[7] Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1995. S. 165.

[8] Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1995. S. 166.

[9] Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1995. S. 166.

[10] Vgl: Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1995. S. 165-167.

[11] Neuberger, Christoph; Kapern, Peter: Grundlagen des Journalismus. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2013. S. 147.

[12] Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1995. S. 162.

[13] Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 82.

[14], Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 82.

[15] Stieler, Kaspar 1969 in Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 82.

[16] Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 83.

[17] Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 84.

[18] Neuberger, Christoph; Kapern, Peter: Grundlagen des Journalismus. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2013. S. 148.

[19] Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 85.

[20] Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 86.

[21] Bentele, Günter: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 87.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung und Bedeutung der journalistischen Objektivtätsnorm
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Kommunikationswissenschaft)
Note
2,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V315198
ISBN (eBook)
9783668144897
ISBN (Buch)
9783668144903
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pressekodex, Journalismus, Objektivitätsnorm, Objektivität, Medien
Arbeit zitieren
Lorena Rüppel (Autor), 2013, Die Entstehung und Bedeutung der journalistischen Objektivtätsnorm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315198

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