Die betriebswirtschaftlichen Folgen der Implementierung einer Finanztransaktionssteuer


Akademische Arbeit, 2012
28 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Auswirkungen auf das Verhalten der Marktteilnehmer

3. Steuerinzidenz und Verteilungseffekte

4. Möglichkeiten der Steuervermeidung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit dem 28. September 2011 liegt ein Richtlinienvorschlag der Europäischen Kommission zur Einführung eines gemeinsamen Finanztransaktionssteuersystems in der Europäischen Union vor.[1] Der Vorschlag wurde und wird in Fachkreisen, Politik und Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Mit Keynes, Tobin und Stiglitz, die zu ihrer Zeit eine Finanztransaktionssteuer (abgekürzt „FTS“) forderten, hat sie bereits prominente Fürsprecher gefunden.[2] Die Befürworter erwarten, dass die Finanztransaktionssteuer die Effizienz und Stabilität der Finanzmärkte erhöhen kann, den Finanzsektor substanziell an den Krisenkosten beteiligen würde und ein hohes Steueraufkommen generiert. Die Gegner warnen dagegen vor den negativen Folgen für die Wirtschaft, den unvorhersehbaren Auswirkungen auf den Finanzmarkt und wesentlichen Verlagerungen von Finanztransaktionen in das außereuropäische Ausland.

Diese Arbeit zeigt die betriebswirtschaftlichen Folgen einer FTS auf die Wirtschaft und auf Privathaushalte auf. Inwiefern verändert sich das Verhalten der Marktteilnehmer durch die Einführung einer FTS? Gibt es Möglichkeiten und Tendenzen, die FTS zu umgehen?

2. Auswirkungen auf das Verhalten der Marktteilnehmer

Die Einführung einer FTS erhöht die Transaktionskosten um den jeweils anfallenden Steuerbetrag und verteuert somit den Handel mit Finanzprodukten. Die Steuer wirkt sich dadurch direkt und indirekt auf das Verhalten der Marktteilnehmer aus. Grundsätzlich ist abhängig von der Elastizität des gehandelten Produkts und den Marktbedingungen von einer Reduzierung des Handelsvolumens auszugehen.

Die von der EU vorgeschlagene FTS belastet als Bruttoumsatzsteuer jeden Kauf und Verkauf eines Finanzprodukts ohne den Abzug vorher gezahlter Steuern. Fließt die gezahlte FTS nun mit in den Transaktionspreis ein, entwickelt sich eine Kaskadenwirkung, die umso stärker ausfällt, je häufiger das Produkt weiterverkauft wird. Darüber hinaus kumuliert sich die FTS über die Anzahl der Handelsstufen, da bei jeder Transaktion Steuern anfallen. Häufig gehandelte Finanzprodukte werden daher stärker belastet. Das hat den Effekt, dass der kurzfristige Handel durch die höhere steuerliche Belastung an Profitabilität einbüßt und sich die Handelsvolumina entsprechend vermindern würden. Folgerichtig wird die Eindämmung von kurzfristigen Spekulationsgeschäften und des Hochfrequenzhandels erwartet, der auf dem massenhaften Handel mit geringen Gewinnmargen basiert. Von diesem Rückgang sind allerdings auch kurzfristige Handelsgeschäfte betroffen, die für das Finanzsystem und die Realwirtschaft nützlich und sinnvoll sind. Daher kann man Transaktionen nicht pauschal in nützliche, langfristige und in schädliche, kurzfristige Transaktionen trennen. Es gibt gewiss auch Finanzinstrumente mit langen Haltedauern, die der Effizienz und Stabilität des Finanzmarktes nicht zuträglich sind, und die infolge der vergleichsweise geringeren steuerlichen Belastung an Attraktivität hinzugewinnen könnten.

Die EU geht in ihren Schätzungen zum Steueraufkommen der FTS davon aus, dass sich die Handelsvolumina von Wertpapieren um 15 % und von Derivaten um 75 % reduzieren werden. Der Rückgang auf dem Derivatemarkt wird deshalb so hoch eingeschätzt, weil der Handel meist kurzfristig ist und mit Anpassungseffekten in Bezug auf die Nominalwerte (=Bemessungsgrundlage) gerechnet wird.

Es ist anzunehmen, dass die Finanzinstitute versuchen würden, die fällige FTS auf ihre Kunden zu überwälzen.[3] Sollte dies gelingen, sind nicht nur die Finanzinstitute selbst, sondern auch andere Unternehmen und Privatpersonen von der FTS betroffen. Das Verhalten der betroffenen Unternehmen würde sich vermutlich dahingehend verändern, dass die Investments in das Finanzvermögen langfristiger und nachhaltiger ausgestaltet werden. Es wird darauf ankommen, welche steuerlichen Belastungen der Handel mit verschiedenen Finanzinstrumenten nach sich zieht. Einige Instrumente laufen nach kurzer Zeit aus, wie zum Beispiel die meisten Derivate.[4] Staats- oder Unternehmensanleihen laufen häufig mehrere Jahre lang und werden am Ende der Laufzeit beglichen. Andere Finanzinstrumente haben keine Ablaufzeit und können dauerhaft gehalten werden, wie zum Beispiel Aktien. Der steuerliche Vorteil lang haltender Investments geht gleichwohl verloren, wenn entgegen der ursprünglichen Intention bereits nach kurzer Zeit wieder verkauft wird oder das Finanzvermögen einer hohen Umschlaghäufigkeit unterliegt. Die steuerliche Belastung ist am geringsten, wenn die Finanzinstrumente möglichst lange Nutzen bringen können und bis zum Ende der Laufzeit gehalten werden.

Das Verhalten der betroffenen Unternehmen und Finanzinstitute wird sich aber nur verändern, sofern die FTS bei einer Transaktion ins Gewicht fällt bzw. als wesentliche Belastung angesehen wird. Wenn die FTS nur einen sehr geringen Teil der Kosten einer bestimmten Transaktion ausmacht, werden sich die Anpassungen auf diese Art von Transaktionen in Grenzen halten.

Nach der Einführung einer FTS würden sich voraussichtlich einige Geschäftsmodelle in der Finanzbranche verändern. Gegenwärtig ist das sogenannte Proprietary Trading vorherrschend.[5] Das bedeutet, dass jedes Finanzinstitut in einer Transaktionskette in seinem eigenen Namen und auf eigene Rechnung handelt und das Finanzinstrument in der Zeit vom Kauf bis zum Verkauf im Eigentum des jeweiligen Instituts steht. Häufig werden Finanzprodukte über solche Transaktionsketten an den Endabnehmer weiterverkauft. Bei der gegenwärtig üblichen Praxis des Proprietary Trading würde jeder Kauf und Verkauf in dieser Kette als einzelne Transaktion betrachtet und dementsprechend FTS anfallen.

Dazu ein anschauliches Beispiel: Ein Privathaushalt möchte über seine Privatkundenbank ein Wertpapier für sein Depot erwerben. Das Wertpapier wird dabei über drei Finanzinstitute (Broker, Großbank und Privatkundenbank) bis zum Privathaushalt weiterveräußert. Nach der von der EU-Kommission vorgeschlagenen FTS würde bei jeder Transaktion zwischen den Instituten zweimal FTS anfallen und bei der Transaktion mit dem Privathaushalt einmal, insgesamt also fünfmal. Bei einem Steuersatz von 0,1 % pro Kauf/Verkauf entspräche das einem effektiven FTS-Satz von 0,5 %. Die steuerliche Belastung ist damit fünfmal höher, als wenn das erste Institut der Kette direkt an den Privathaushalt verkauft hätte. Aufgrund der hohen FTS-Belastung des Proprietary Trading in Transaktionsketten könnte sich die Praxis dahingehend ändern, dass wie beim klassischen Brokering im Namen und/oder auf Rechnung anderer Finanzinstitute vermittelt wird. Da solche Transaktionen von der FTS nicht erfasst werden, würde die steuerliche Belastung so ausfallen, als hätte das erste Finanzinstitut der Kette direkt an den Privathaushalt verkauft, nämlich 0,1 %. Der wirtschaftliche Zweck der Transaktion, also der Erwerb des Wertpapiers durch den Endabnehmer, bliebe erhalten. Das steuerpflichtige Handelsvolumen würde durch die Änderung der Geschäftspraxis entsprechend zurückgehen.

Ein weiterer Anpassungseffekt, der von den Marktteilnehmern zu erwarten ist, bezieht sich auf den Derivatehandel. Die geplante EU-FTS bezieht sich bei Derivaten auf den Nominalwert als Bemessungsgrundlage. Aus diesem Grund haben die Marktteilnehmer den Anreiz, den Nominalwert ihrer Derivatgeschäfte zu verringern.

Der Nominalwert spiegelt nicht immer den ökonomischen Wert eines Derivatkontraktes wider.[6] Er ist um ein Vielfaches höher als der Kapitaleinsatz bzw. die zu zahlenden Prämien. Um eine übermäßige Belastung von Derivatkontrakten zu vermeiden, wurde ein Steuersatz von 0,01 % vorgeschlagen - ein Zehntel des Steuersatzes, der für alle anderen Finanztransaktionen gilt. Bei Derivaten spielt der Hebeleffekt eine große Rolle: Der Hebel ist das Verhältnis von Nominalwert zu Kapitaleinsatz. Für die Marktteilnehmer sind nun solche Derivate steuerlich vorteilhaft, bei denen der Hebeleffekt weniger als 10 beträgt, das heißt bei denen der Kapitaleinsatz mehr als 10 % des Nominalwerts ausmacht, da die FTS im Vergleich zum Kapitaleinsatz geringer ausfällt. Im Umkehrschluss sind Derivate dann weniger attraktiv, wenn der Hebeleffekt größer als 10 ist und der Kapiteleinsatz damit weniger als 10 % des Nominalwerts beträgt.

Für die Unternehmen werden in erster Linie solche Derivate aus steuerlicher Sicht unattraktiver, die sehr kleine Risiken absichern und daher nur einen sehr geringen Kapitaleinsatz im Vergleich zum Nominalwert erfordern. Hauptsächlich mit diesen Derivaten wird häufig Spekulation betrieben: Ein Investor kann durch sie mit wenig Kapitaleinsatz, aber geringer Wahrscheinlichkeit sehr hohe Summen gewinnen. Aufgrund der steuerlichen Benachteiligung könnten solche spekulativen Derivate an Attraktivität verlieren und das Handelsvolumen zurückgehen. Dies wäre ein positiver Effekt auf die Stabilität der Finanzmärkte und würde das im Finanzsystem inhärente Risiko vermindern.

Die FTS würde aber nicht nur den Handel mit Wertpapieren und die Nutzung von Derivaten beeinflussen, sondern auch die Finanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen. Die durch die Steuer gestiegenen Transaktionskosten würden sich voraussichtlich in gestiegenen Finanzierungskosten niederschlagen.[7] Zum einen könnte die Fremdfinanzierung für Unternehmen teurer werden. Zum anderen ist anzunehmen, dass die Aktienkurse sinken und die Ausgabepreise von Aktien generell niedriger werden. Die Finanzierung würde sich für Unternehmen also erschweren und hätte damit negative Effekte auf die Investitionstätigkeit der Realwirtschaft. Davon ist insbesondere die Finanzierung über Aktien und Anleihen, indirekt aber auch die Kreditfinanzierung betroffen, weil die Banken versuchen könnten, die Steuer über höhere Zinsen zu überwälzen.

Der Effekt auf Aktienkurse und Anleihen lässt sich dadurch erklären, dass die Marktteilnehmer die Steuerzahlungen zukünftiger Transaktionen beim Handel berücksichtigen und den Nettobarwert der Steuer vom Wert des Wertpapiers abziehen. Folglich sinken die Preise auf den Wertpapiermärkten bzw. die Marktteilnehmer fordern höhere Renditen, um die Steuerzahlungen auszugleichen. Für Unternehmen, die sich über Wertpapiere finanzieren, steigen daher die Kapitalkosten, entweder weil sie höhere Dividenden zahlen müssten, um den Aktienkurs konstant zu halten oder weil sie einen Kursverlust erleiden. Das würde sich dann u. a. durch einen niedrigeren Ausgabepreis am Primärmarkt ausdrücken, wenn ein Unternehmen neues Kapitel aufnehmen möchte.

Die Erhöhung der Finanzierungskosten betrifft natürlich auch die Staatsfinanzierung. Die am Finanzmarkt geforderten Zinsen von Staatsanleihen würden steigen, weil die Investoren die Kosten der Steuer einberechnen. Das ist zurzeit insbesondere für einige Staaten der Eurozone kritisch zu sehen, die am Finanzmarkt Schwierigkeiten haben, neue Finanzmittel zu ertragbaren Zinsen zu bekommen.

In einer Studie hat Matheson (2011) den Effekt einer Wertpapier-Transaktionssteuer (securities transactions tax) auf Aktienpreise und Kapitalkosten analysiert. Die Ergebnisse sind auf die hier besprochene FTS übertragbar.[8] Danach wirkt sich die Steuer für Unternehmen wie eine dauerhafte Erhöhung des Diskontierungssatzes aus. Das heißt, sie führt zu einer Verminderung der Wertpapierkurse bzw. zu einer Erhöhung der Kapitalkosten. Der Effekt auf die Wertpapiere ist umso geringer, je länger die Haltedauer ist. Die Preise häufig gehandelter Aktien und Anleihen mit kurzen Haltedauern sinken stärker und die Kapitalkosten steigen dementsprechend stärker an. Da Unternehmensanleihen gewöhnlich weniger häufig gehandelt werden als Aktien, könnte die Fremdfinanzierung über Anleihen vergleichsweise günstiger werden. Im Vergleich könnte besonders die Kreditfinanzierung an Attraktivität gewinnen, weil diese nicht durch die FTS belastet wird.

Eine empirische Studie zur britischen Stempelsteuer, einer Transaktionssteuer auf die Aktien britischer Unternehmen, zeigt, dass die Verminderung des Steuersatzes um 50 % im Jahre 1986 zu höheren Aktienpreisen führte, insbesondere bei häufig gehandelten Aktien.[9] Die Autoren prognostizieren, dass die Aktienkurse um 2,5 bis 6,3 % steigen würden, wenn die zurzeit bestehende Stempelsteuer von 0,5 % abgeschafft wird. Die Werte häufig gehandelter Aktien würden überdurchschnittlich stark steigen. Eine Studie von Oxera (2007) zeigt darüber hinaus, dass die Kapitalkosten der gelisteten Unternehmen bei Wegfall der Stempelsteuer um 0,66 bis 0,8 Prozentpunkte sinken könnten.[10] Schwert und Seguin schätzen in einer weiteren Studie, dass die Einführung einer Wertpapiertransaktionssteuer in den USA mit einem Steuersatz von 0,5 % die Kapitalkosten um 0,1 bis 1,8 Prozentpunkte erhöhen würde.[11] Die empirischen Ergebnisse decken sich also mit den theoretischen Überlegungen.

3. Steuerinzidenz und Verteilungseffekte

Nach dem Willen der EU-Kommission soll die FTS die Transaktionstätigkeit der Finanzinstitute belasten. Diese sollen die Steuer tragen und abführen. Andernfalls ließe sich das Ziel der Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der Krise nicht erreichen. Die rechtliche Inzidenz kann aber von der ökonomischen Inzidenz abweichen, wenn die Steuerdestinatare die Möglichkeit haben, die Steuer auf ihre Kunden zu überwälzen. In diesem Fall könnten entgegen der ursprünglichen Intention nicht nur die Finanzinstitute, sondern auch andere Gruppen mit der Steuer belastet werden.

Die Steuerinzidenz hängt im Wesentlichen von der Elastizität der Steuerobjekte und den Marktbedingungen ab. Eine hohe Preiselastizität bedeutet, dass die Nachfrage nach einem Produkt infolge einer Preiserhöhung stark abnimmt. Die Möglichkeit zur Steuerüberwälzung ist dann sehr begrenzt. Geringe Elastizitäten erleichtern den Finanzinstituten die Überwälzung der Steuer auf ihre Kunden. Die Elastizitäten der besteuerten Finanzinstrumente hängen u. a. von der Nachfrage auf dem jeweiligen Markt ab. Die Steuerinzidenz kann deshalb in Bezug auf die Region unterschiedlich ausfallen. Eine empirische Studie zum Aktienhandel auf dem Spotmarkt zeigt, dass die Elastizitäten in den untersuchten Staaten sehr variieren: Die Bandbreite der Elastizitäten reicht von 0,5 in Großbritannien bis zu 1,3 in Finnland.[12] Es wird erwartet, dass die Elastizitäten in Staaten mit bedeutenden Finanzzentren geringer sind, weil der Vorteil der Agglomerationseffekte überwiegt und die Ausweichung auf andere Märkte unattraktiver wäre.

Die Elastizitäten von Finanzprodukten unterscheiden sich auch unabhängig von dem jeweiligen Markt, auf dem sie gehandelt werden. So zeigen empirische Untersuchungen, dass der Devisenhandel weniger elastisch ist als der Aktienhandel.[13] Der Handel mit Finanzinstrumenten, die nur geringe Gewinnmargen haben, würde sich durch die Implementierung einer FTS stärker vermindern als der Handel mit hoch profitablen Finanzinstrumenten. Letzterer reagiert also weniger elastisch und bietet für die Finanzinstitute daher Spielräume zur Steuerüberwälzung. Das gilt auch für den langfristig orientierten Handel, da dieser durch die Steuer weniger belastet wird und sich dementsprechend weniger vermindert als der kurzfristig orientierte Handel.

Es ist wahrscheinlich, dass die Finanzinstitute die Steuer - abhängig vom Produkttyp, der Region und den Marktbedingungen - zumindest teilweise überwälzen, wenngleich man aufgrund fehlender empirischer Erkenntnisse keine genaueren Aussagen darüber treffen kann. Angesichts des erwarteten Einbruchs beim Derivatehandel (75 %) und des bedeutsamen Rückgangs im Wertpapierhandel (15 %) scheinen sich die Möglichkeiten der Vollüberwälzung aufgrund der hohen Elastizitäten aber in Grenzen zu halten. Zur Beurteilung der Verteilungseffekte der FTS ist eine Analyse dahingehend notwendig, welche Gruppen von einer möglichen Steuerüberwälzung betroffen sein könnten. Dafür sollte zunächst untersucht werden, inwieweit Akteure außerhalb des Finanzsektors am Finanzmarkt handeln.

ie Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat für diese Untersuchung nützliche Daten veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass etwa 87 % des gesamten globalen Devisenhandels von Finanzinstitutionen getätigt wird.[14] Nur 13 % des Handelsvolumens machen Transaktionen mit nicht-finanziellen Unternehmen aus. Betrachtet man noch weitere Produktgruppen auf den Finanzmärkten, kommt man zu dem Ergebnis, dass etwa 11-13 % des Handels von Akteuren aus dem Nicht-Finanzsektor getätigt wird. Das bedeutet, dass die Überwälzungsmöglichkeiten der Finanzinstitute auf Kunden außerhalb des Finanzsektors vergleichsweise gering sind, wenn man einzig den Handel am Finanzmarkt betrachtet. Die Steuer könnte größtenteils nur auf andere Finanzinstitute überwälzt werden, was durchaus zur Zielerreichung der FTS beitragen würde.

Die folgende Abbildung zeigt Beobachtungen am Aktienmarkt aus dem Jahre 2007. Daraus geht hervor, dass Finanzinstitute 27 % des Aktienvermögens der in Europa gelisteten Unternehmen halten. Unter den Investoren außerhalb Europas, die 37 % halten, können sich ebenfalls noch Akteure aus der Finanzbranche befinden. Daneben hält der öffentliche Sektor 5 %, Privatleute und Haushalte 14 % und private nicht-finanzielle Unternehmen 17 % des Aktienvermögens (insgesamt 36 %).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Verteilung der Aktien von in EUropa gelisteten Unternehmen, ENDE des Jahres 2007[15]

Wenn letztgenannte Gruppen mit diesen Aktien handeln, dann wohl überwiegend über Finanzinstitute. Für diese bietet sich dann die Gelegenheit, die FTS bei jeder Transaktion zu überwälzen. Auf diesem Wege könnten Marktteilnehmer außerhalb des Finanzsektors bereits mit FTS belastet werden.

In der Regel wird argumentiert, dass eine FTS progressiv wirkt, weil sie eher einkommensstärkere Haushalte und Finanzunternehmen belastet, da diese den Finanzmarkt stärker in Anspruch nehmen.[16] Mittlere und niedrige Einkommensgruppen beteiligen sich gewöhnlich nicht oder nur geringfügig am Handel mit Finanzprodukten, sodass sie kaum von der Steuer betroffen sein sollten. Die Überwälzung der FTS auf diese Gruppen über deren Transaktionstätigkeit scheint daher keine große Rolle zu spielen. Allerdings besteht das Geschäftsmodell von Finanzinstituten, insbesondere Banken und Versicherungen, nicht einzig im Handel am Finanzmarkt. Folglich bieten sich für diese Institute noch andere Möglichkeiten der Steuerüberwälzung, zum Beispiel im Versicherungs- und Kreditgeschäft mit Privat- und Firmenkunden.

Banken nehmen mit ihrer Transformationsfunktion, das heißt der Umwandlung von kurzfristigen Einlagen in langfristige Kredite, in der Wirtschaft eine zentrale und essentielle Rolle ein. Um diese Funktion zu erfüllen, tätigen die Banken zahlreiche Transaktionen im Interbankenmarkt. Die FTS könnte die Transformationsfunktion daher verteuern und auf diese Weise auch Haushalte mit geringem oder mittlerem Einkommen sowie kleine und mittlere Unternehmen belasten - zum Beispiel über höhere Kreditzinsen, niedrigere Sparzinsen oder allgemein höhere Preise für Dienstleistungen. Versicherungen könnten als Folge der FTS-Belastung beispielsweise ihre Prämien erhöhen. In diesen Fällen sind auch solche Unternehmen und Haushalte von der Steuer betroffen, die selbst gar nicht am Finanzmarkt handeln.

[...]


[1] Europäische Kommission, KOM(2011) 549.

[2] Die drei genannten Ökonomen forderten die Einführung einer FTS aus unterschiedlichen Gründen, siehe hierzu Keynes 1936, Tobin 1978, Stiglitz 1989.

[3] Vgl. hierzu die Ausführungen in Kapitel 3.

[4] Vgl. hierzu und im Folgenden Schulmeister, WIFO 2009, S. 13.

[5] Vgl. hierzu und im Folgenden Europäische Kommission (2012), Technical Fiche - Relocation, Substitution and other Market Reactions, S. 4.

[6] Vgl. hierzu und im Folgenden Europäische Kommission (2012), Technical Fiche - Relocation, Substitution and other Market Reactions, S. 6.

[7] Vgl. hierzu und im Folgenden Hemmelgarn, IFSt 2011, S. 41.

[8] Vgl. hierzu und im Folgenden Matheson, IMF 2011, S. 14-16.

[9] Vgl. hierzu und im Folgenden Bond/Hawkins/Klemm, IFS 2004, S. 15-18.

[10] Vgl. Oxera (2007), Stamp Duty: Its impact and the benefits of its abolition, S. 15.

[11] Vgl. Schwert/Seguin, FAJ 1993, S. 31.

[12] Vgl. hierzu und im Folgenden Europäische Kommission, SEC(2011) 1102 Vol. 10, S. 55 f.

[13] Vgl. hierzu und im Folgenden Europäische Kommission, SEC(2011) 1102 Vol. 10, S. 57-61.

[14] Vgl. hierzu und im Folgenden Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (2010), Triennal Central Bank Survey, S. 9; Europäische Kommission, SEC(2011) 1102 Vol. 13, S. 3 f.

[15] Quelle: Federation of European Securities Exchanges (2008), Share Ownership Structure in Europe, S. 8.

[16] Vgl. hierzu und im Folgenden Hemmelgarn, IFSt 2011, S. 43 f.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die betriebswirtschaftlichen Folgen der Implementierung einer Finanztransaktionssteuer
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Autor
Jahr
2012
Seiten
28
Katalognummer
V315202
ISBN (eBook)
9783668135239
ISBN (Buch)
9783668136496
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
folgen, implementierung, finanztransaktionssteuer
Arbeit zitieren
Michael Handwerk (Autor), 2012, Die betriebswirtschaftlichen Folgen der Implementierung einer Finanztransaktionssteuer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315202

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