Kooperatives Lernen an den Jenaplan-Schulen. Das pädagogische Konzept nach Petersen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

17 Seiten, Note: 1,7

Francesca Cavaliere (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Bedeutung der „Gruppe“ im pädagogischen Konzept Petersens
2.1. Begriffsbestimmung: Gruppe als Teil der Gemeinschaft
2.2. Vorteile des Gruppenarbeit laut Petersen

3. Rahmenbedingungen für kooperatives Lernen
3.1. Die Lernenden
3.1.1. Vorkenntnisse und Einstellung der Lernenden
3.1.2. Gruppenzusammensetzung
3.2. Leistungserfassung
3.2.1. Aufgabenstellung
3.2.2. Bewertung
3.3. Organisatorische Rahmenbedingungen
3.3.1. Räumliche Ausstattung
3.3.2. Zeitmanagement

4. Schlussfolgerung

Quellen-und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Jena-Planschulen spielt das Lernen und Arbeiten im Team eine große Rolle, denn Petersen, Gründer der Jena-Planschulen war überzeugt, dass sich Erziehung nur in und durch die Gemeinschaft vollzieht. Ebenso gilt kooperatives Lernen als wichtige Anforderung an die moderne Regelschule. So ergeht beispielsweise im Brandenburgischen Rahmenlehrplan für die Grundschule folgende Forderung an die Gestaltung von Unterricht:

„Gleichwertig neben der Berücksichtigung der Individualität jeder einzelnen Schüler und jedes einzelnen Schülers steht die Entwicklung zur Kooperation. In allen Fächern sind Formen der Partner- und Gruppenarbeit zu nutzen. Diese erhöhen die Lernfreude, vermitteln Sicherheit, stimulieren produktiven Wettbewerb, ermöglichen das Helfen und das Modell-Lernen. Den Schülerinnen und Schülern wird dabei bewusst, dass bei bestimmten Aufgaben bzw. Problemstellungen gemeinsames Arbeiten zu besseren Ergebnissen führt.“ (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg 2008, S. 8).

Trotz dieser offensichtlichen Vorteile sind viele Eltern skeptisch, inwiefern Gruppenarbeit zum effektiven Lernzuwachs ihrer Kinder beiträgt. Dazu kommt, dass viele Schüler/innen an der Regelschule negative Erfahrungen mit Gruppenarbeit gesammelt haben. So verbinden viele von ihnen Gruppenarbeit zu Unrecht mit chaotischen Arbeitsbedingungen und ungerechter Benotung, während wieder andere die Gruppenarbeit fälschlich als Einladung zum Nichtstun verstehen. Auch Lehrer/innen tendieren aus Angst vor Disziplinproblemen und Zeitdruck statt zur Gruppenarbeit lieber zum Frontalunterricht.

Um jedoch einschätzen zu können, ob eine schülerorientierte, kooperative Lernform zum Lernerfolg führt oder nicht, muss zunächst bestimmt werden, worin überhaupt das Lernziel dieser Lernform besteht. Da das Lernen in der Gruppe offensichtlich nicht per se zu positiven Lerneffekten führt, müssen zweitens die Bedingungen identifiziert werden, unter denen diese Lernziele erreicht werden können. Es ist folglich wichtig zu klären, welche Rahmenbedingungen im Allgemeinen als ideale Voraussetzung für erfolgreiches kooperatives Lernen angesehen werden können. Im Besonderen soll hier gefragt werden, welche dieser positiven Strukturmerkmale sich auch an den Jenaplan-Schulen identifizieren lassen und inwiefern sich diese von den üblichen Lern-und Lehrbedingungen an deutschen Regelschulen unterscheiden.

In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst zum Stellenwert der Gruppe im pädagogischen Konzept Petersens Bezug nehmen. Dabei soll vor allem das Verhältnis von Gruppe und Gemeinschaft in Abgrenzung zur Klasse bzw. Gesellschaft herausgestellt werden. Auch soll deutlich gemacht werden, welche Lernziele und Vorteile Petersen mit dem kooperativen Lernen verbindet. Dabei beziehe ich mich vor allem auf Petersens „Kleinen Jena-Plan“ selbst. Im zweiten Kapitel möchte ich die an Jena-Planschulen üblichen Rahmenbedingungen und ihre Relevanz für das kooperative Lernen erläutern. Dabei stütze ich mich neben der Literatur zur Jena-Planpädagogik auch auf zwei unabhängige Werke zum Thema kooperatives Lernen von Konrad & Traub sowie Klippert, welche wichtige Hinweise zu den notwendigen Rahmenbedingungen für kooperatives Lernen enthalten. In der abschließenden Schlussfolgerung sollen alle wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit in Hinblick auf die Ausgangsthese zusammengefasst werden.

2. Die Bedeutung der „Gruppe“ im pädagogischen Konzept Petersens

2.1. Begriffsbestimmung: Gruppe als Teil der Gemeinschaft

Dass das Lehren und Lernen in der „Gruppe“ an Jenaplanschulen eine besondere Rolle einnimmt, wird schnell klar, wenn man sich mit dem zugrundeliegenden Schulkonzept Petersens auseinandersetzt. So ist eins von insgesamt sechs Kapiteln aus Petersens „Der Kleine Jena-Plan“ dem Thema: „Das Gemeinschaftsleben der Gruppe“ gewidmet. Der Begriff der „Gruppe“ wird hier zunächst im Sinne der altersübergreifenden „Stammgruppe“ benutzt, d.h. in Abgrenzung zur herkömmlichen Einteilung der Schülerschaft in Jahrgangsklassen. Diese Unterscheidung zwischen „ Gruppe “ und „ Klasse “ vergleicht Petersen ferner mit dem Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft (Petersen 2001, S. 51).

Die traditionelle Aufteilung der Schüler in Schulklassen fügt sich demnach dem Begriff der Gesellschaft ein. Hierunter versteht Petersen eine „Sozialform“, die nur als „Mittel zum Zweck“ fungiert, da sie durch „äußere[n] Zwang“ und der „Befriedigung praktischer Bedürfnisse“ motiviert sei (Petersen 2001, 23 -24). Im Gegensatz dazu ordnet sich das Konzept der „Gruppe“ der Idee der Gemeinschaft ein. Darin sieht Petersen einen Kreis von Menschen mit gleicher Gesinnung, die „absichtslos füreinander da sind und tätig sind.“ (Petersen 2001, 26). Angesichts dieser Definition verwundert es zunächst, dass Petersen auch die „Stammgruppe“ als Sozialform definiert, welche „niemals Selbstzweck“ sein könne. Dies begründet er jedoch damit, dass jede Gruppe in der Jena-Planschule letztlich der übergeordneten „Idee der Schulgemeinde“ unterstellt sei, und somit als „bloßes Mittel“ der geistigen Gemeinschaft diene (vgl. Petersen 2001, S. 54). An dieser Stelle wird schließlich auch deutlich, dass die weitere Unterteilung der Stammgruppe in „Unter-Mittel- und Obergruppen“, innerhalb derer sich schließlich die „frei zusammentretende(n) Tisch- oder Arbeitsgruppen“ bilden, als Teile dieser Schulgemeinschaft zu verstehen sind (Petersen 2001, S. 52- 54).

Die Gemeinschaft grenzt sich gegenüber der Gesellschaft auch in Bezug auf den Stellenwert der einzelnen Mitglieder ab. Während das Individuum in der Gesellschaft nur nach der Zweckdienlichkeit einzelner Qualifikationen bewertet wird, kann sich innerhalb der Gemeinschaft jedes Mitglied als ganzer Mensch mit all seinen Eigenarten einbringen. Eine „wahre Erziehung“ eröffnet sich laut Petersen deshalb nur innerhalb einer solchen Schulgemeinschaft, einer „Menschenschule“. (vgl. Petersen 2001, S. 24-26.). In der „einseitigen Lernschule“ sehe man dagegen nur den „Schüler“, nicht das Kind (vgl. ebenda, S. 71).

Ein weiterer Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft liegt in dem Verhältnis ihrer Mitglieder zueinander begründet. Während die Gesellschaft vor allem durch eine „straffe, geschlossene Organisation“ und „Machtinteressen“ geprägt sei, unterliegt die Gemeinschaft „keinerlei soziale[r] Rangordnung“. Sie zeichnet sich stattdessen durch eine „freiere Dynamik des Zusammenstehens um die Idee“ aus. Innerhalb dieser Gemeinschaft sind die Rollen der „Aktiven“ und der „Aufnehmenden“ folglich im ständigen Wandel begriffen (vgl. Petersen 2001, 24-25). Auf der Ebene der einzelnen Tischgruppen bedeutet dies, dass sowohl die Gruppenzusammensetzung als auch die Rollenverteilung innerhalb der Gruppe eigenverantwortlich durch die Schüler je nach individuellen Begabungen, Interessen und Zuneigung durchgeführt wird (vgl. Petersen 2001, S. 54).

2.2. Vorteile des Gruppenarbeit laut Petersen

Die Gruppenarbeit bzw. das „gruppenunterrichtliche Verfahren“ zählt nach Petersen zu den grundlegenden „pädagogischen Situationen“ des Unterrichts, obgleich sie nur ca. 16% (Untergruppe) bzw. 23% (Obergruppe) der gesamten Schularbeit einnimmt (vgl. Dietrich 1986, S. 70). Dies entspricht am Tag etwa 100 Minuten Gruppenunterricht. Diesen relativ geringen Anteil am Gesamtunterricht begründet Petersen damit, dass nicht alle Lernziele durch kooperatives Lernen erreicht werden können. Zur Sicherstellung des Lernzuwachses seien daher auch andere „pädagogische Situationen“ als Ergänzung nötig (vgl. Dietrich 1986, S. 89).

Nichtsdestotrotz nimmt die Gruppenarbeit einen wichtigen Stellenwert im Jena-Plan ein. Ein Argument hierfür ist, dass sie, gemäß der Gemeinschaftsidee, jedem „einzelnen Gerechtigkeit widerfahren“ lässt, da sich die Lernenden hier als „ganze Person“ mit all ihren Fähigkeiten in die Gruppe einbringen können. Die Gruppenarbeit fördere vor allem die Entwicklung der Schüler zum eigenverantwortlichen und individuellen Lernen. Auf diese Weise wird sie den verschiedenen Lerntypen gerecht und verhilft jedem sein Lernpotenzial auszuschöpfen. Mehr als bei anderen Lernformen haben die Schüler/innen Zeit sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen und den Lernstoff besser zu verinnerlichen. Positiv für den Lernprozess ist auch die Tatsache, dass das Lernen in einer relativ entspannten Atmosphäre stattfindet und durch „Begleitinformationen“ unterstützt wird wie z.B. der Sitzplatz neben einem bestimmten Mitschüler oder die körperliche Bewegung während des Unterrichts. Bei der Recherche für ein bestimmtes Thema, erhalten die Gruppenmitglieder zudem mehr Informationen als sie zur Bearbeitung ihres Themas benötigen. Auf diese Weise werden sie z.B. zum weiterführenden Arbeiten an verwandten Themen angeregt. Dietrich bezeichnet diese zusätzlich ablaufenden Prozesse als „nebenhergehende(s) Lernen“ oder „Zwischenlernen“ (vgl. Dietrich 1986, S. 88).

Petersen macht in seinem kleinen Jena-Plan jedoch auch deutlich, dass Gruppenarbeit trotz der relativen Selbsttätigkeit der Schüler nicht mit pädagogischer Willkürherrschaft zu verwechseln sei, vielmehr sei die „freie Dynamik der Gruppe“ stets durch das Gruppengesetz begrenzt: „ im Raume darf nur geschehen, was alle gemeinsam wollen und was das Zusammenleben und die Schularbeit in Ordnung, Sitte und Schönheit allen in diesem Raume gewährleistet “ (Petersen 2001, S. 58). Dies impliziert die gegenseitige Einforderung der für alle Gruppenmitglieder in gleichem Maße geltenden „ Rechte und Pflichten “ (ebenda, S. 58). Durch die gegenseitige Hilfe und Verantwortung in der Gruppe erfahren die Schüler somit soziales Lernen.

Mit dem kooperativen Lernen ändert sich schließlich auch die Rolle des Lehrers, der nun mehr zum Lernbegleiter wird. Dies hat den Vorteil, dass er mehr Zeit zur Schülerbeobachtung hat und so „die Eigenart, Begabung, Arbeitstempo, ja auch die wirkliche Gesinnung eines jeden Kindes gründlich“ besser analysieren kann (Dietrich 1986, S. 88). Petersen betont in diesem Zusammenhang, dass die Lehrkraft bei dieser schülerzentrierten Lehrmethode auch besser ihrer erzieherischen Aufgaben nachkommen kann (Petersen 2001, 71).

3. Rahmenbedingungen für kooperatives Lernen

3.1. Die Lernenden

3.1.1. Vorkenntnisse und Einstellung der Lernenden

Gruppenarbeit fördert nicht nur die kooperativen Kompetenzen der einzelnen Gruppenmitglieder, sondern setzt diese auch voraus. Eine wichtige Voraussetzung für kooperativen Unterricht ist es daher, die Lernenden möglichst früh an die Arbeit in Gruppen und das Leben in der Gemeinschaft zu gewöhnen, um ihnen so die Vorteile dieser Lernmethode erfahrbar zu machen. Am besten geschieht dies schon in der Primarstufe z.B. in Form eines ritualisierten Montagmorgenkreises (vgl. Konrad/Traub 2005, S. 52 -55).

Ein eben solcher Gesprächskreis am Montagmorgen ist von Beginn an ein fester Bestandteil der Jena-Planpädagogik gewesen, denn das Gespräch zählt neben Arbeit, Feier und Spiel zu den vier Urformen des Lernens (vgl. Petersen 2001, S. 99). Das Kreisgespräch bietet zudem die Gelegenheit zur Metadiskussion über Ziele sowie Vor-und Nachteile der Gruppenarbeit. So kann beispielsweise das Kreisgespräch dazu genutzt werden, dass die Lernenden aufgetretene Konflikte während der Stammgruppenarbeit reflektieren. (Team der Jenaplan-Schule Jena, S. 13).

Eine unerlässliche Voraussetzung für effektive Gruppenarbeit ist es zudem die „soziale Kohäsion“ zwischen den Schülern zu fördern, d.h. das Solidaritätsgefühl der Schüler zu stärken, so dass sie einander gerne helfen (vgl. Konrad/Traub, S. 52). Um das zu erreichen, sollten die Lernenden möglichst auch außerhalb des Unterrichts Zeit miteinander verbringen, z.B. in Form einer Klassenfahrt oder eines gemeinsamen Essens. Ziel ist es dabei, eine positive Grundstimmung unter den Lernenden zu entwickeln, sodass sie sich „in der Gemeinschaft akzeptiert und ermutigt fühlen“. (vgl. Klippert 2009, S. 49).

All diese Forderungen spiegeln sich in Petersens Vorstellung von der Schule als „Familienschule“ wieder, in der die Schüler/innen möglichst lange Zeit zusammen lernen sollen, um so zu einer Schulgemeinschaft zusammenzuwachsen (Petersen 2001, S. 41/77). Dies wird auch dadurch gefördert, dass vielen Jenaplan - Grundschulen bereits eine Vorschule angegliedert ist. Zudem verhindert das System der altersgemischten Stammgruppe, dass Kinder ihre Bezugsgruppe im Fall von Hochbegabung oder Lernrückständen ändern müssen (Petersen 2001, S. 55). Auch die enge Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Elternhaus spielt hier eine wichtige Rolle. So werden die Eltern teilweise direkt in die Unterrichtsgestaltung eingebunden und bilden so gemeinsam mit den Lehrern eine „Erziehungsgemeinschaft“ (vgl. Heger/Höchtl 2000, S. 191). Nicht zuletzt zeigen auch die 4 Säulen des Lernens: Gespräch, Feier, Arbeit und Spiel, dass das Konzept der Jenaplan-Schule darauf bedacht ist, den Lernenden neben den Chancen und Problemen der Zusammenarbeit, vor allem auch das Zusammenleben mit anderen näher zu bringen (vgl. Petersen 2001, S. 99).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kooperatives Lernen an den Jenaplan-Schulen. Das pädagogische Konzept nach Petersen
Hochschule
Universität Potsdam  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Die Jenaplan-Schule
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V315222
ISBN (eBook)
9783668145405
ISBN (Buch)
9783668145412
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Petersen, Jenaplan, kooperatives Lernen, alternative Schulformen, Gruppenarbeit
Arbeit zitieren
Francesca Cavaliere (Autor), 2011, Kooperatives Lernen an den Jenaplan-Schulen. Das pädagogische Konzept nach Petersen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315222

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