Musik als Erlösung? Die Bedeutung der Musik für die Figur des Hannes Buddenbrook


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite

2. Die Bedeutung der Musik in den Buddenbrooks Seite

3. Hannos Hinwendung zur Musik Seite
3.1. Hannos Erbe Seite
3.2. Anforderungen des Vaters Seite
3.3. Einfluss der Mutter Seite
3.4. Prägung durch Edmund Pfühl Seite

4. Hannos Phantasien und deren Charakter als Erlösung Seite
4.1. Hannos Realität Seite
4.1.1. Symptome mangelnder Vitalität Seite
4.1.2. Zwang der Realität Seite
4.1.3. Zunehmende Isolierung Seite
4.1.4. Zwang der Repräsentation Seite
4.2. Musik als Flucht vor der Realität Seite
4.3. Musik als Todessehnsucht Seite

5. Fazit Seite

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Er lauschte auf ihr Spiel und auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß (…) er der Musik als einer außerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde.1

Es ist die Rede von Hanno Buddenbrook. Ob wirklich nur das Lauschen die Ursache seiner Hinwendung zur Musik ist und was sich hinter der ‚ernsten und tiefsinnigen Sache‘ letztlich verbirgt, soll im Folgenden hinterfragt werden.

2. Die Bedeutung der Musik in den Buddenbrooks

Bevor geklärt wird, welche Faktoren Hannos radikale Hinwendung zur Musik bedingen und fördern, ist ein Blick auf die musikalische Entwicklung innerhalb der Familie Buddenbrooks äußerst aufschlussreich2. Als Inbegriff der dialektischen Form der Dekadenz3 zeigt die zunehmende Musikergriffenheit die Ambivalenz des Verfalls: mit ihr gehen nicht nur der Verlust an Lebenskraft, Vitalität und bürgerlichem Kaufmannssinn einher, sondern eben auch die Zunahme der seelisch-psychischen Verfeinerung, geistigen Sensibilität, Selbstreflexion, Ästhetisierung und Entbürgerlichung. Dies ist im Wesentlichen in zwei Prozessen zu sehen, die sich innerhalb der Familie abspielen.

Zunächst ist damit die sich verändernde Einstellung gegenüber der Musik gemeint: Während für Johann Senior die Musik als Repräsentationskunst unverbindlich4 und Verschönerung des Lebens war, erhält sie für Jean eine stark gefühlsbetonte Komponente und wird mit seiner religiösen Schwärmerei in Verbindung gesetzt. Johannes Flötenspiel ist jedem leicht zugänglich, unterhaltsam und unbeschwert. Jean aber, der als erster seiner Familie „unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und gepflegt hatte“ (259), fällt es bereits schwer, seinen Pflichten nachzugehen, wenn er stattdessen beim Flötenspiel des Vaters seinen Träumen nachhängen könnte (36). Für Thomas, der zunächst von dem Geigenspiel Gerdas sehr angetan ist (vgl. 288), wird die Musik zur „feindlichen Macht“ (508), der jede Unverbindlichkeit abgeht. Musik bedeutet für ihn letztlich Entfremdung von Gerda und Hanno, welcher schließlich dem Ausschließlichkeitsanspruch der Musik unterliegt. Machte sich der Mensch zu Beginn die Musik dienstbar, so steht jetzt der Mensch in ihrem Dienst. Die einst nüchtern-rationale Einstellung ihr gegenüber weicht einer enthusiastischen und lebensfremden5, die Gerda mit in die Familie hineinbringt. Die Musik wird zu einer Sphäre, zu der nur Auserwählte Eintritt erlangen (vgl. 510).

Mindestens so bedeutsam ist der zweite Prozess, der sich ebenfalls konsequent durch die vier Generationen zieht: Johann, der in seinem ganzen Wesen und Dasein Kaufmann ist, verkörpert durch seine metaphysische Anspruchslosigkeit eine gewisse Naivität. Jean wird das Kaufmannsdasein zur Pflicht. Er muss sich zwingen, seinen Geschäftsinn gegen in ihm aufkommende Gefühlsseligkeit und religiöse Schwärmerei durchzusetzen. Thomas, der gleichsam nur als Schauspieler seinen Beruf ausübt, lässt die Religion hinter sich. Zunehmende Unsicherheit und Selbstreflexion steigern sein Interesse an ästhetischen und philosophischen Fragen. In den Neigungen von Hannos Vorfahren wird damit ein Prozess der Erkenntnissteigerung von Naivität über Religion hin zur Philosophie deutlich. Je weiter aber dieser Prozess fortgeschritten ist, desto größer ist die Abnahme der Lebensvitalität und die Entfernung vom bürgerlich-kaufmännischen Leben. Diese Entwicklung findet in der vierten Generation, in Hanno, ihren Höhepunkt und Abschluss. Die vierte Stufe nach Naivität - Religion - Philosophie ist hier - ganz im Sinne Schopenhauers - die Musik6. Dass sich Hanno also gerade der Musik zuwendet, ist darin begründet, dass Schopenhauer in der Musik die höchste Form der Erkenntnis sieht. Wie sich aber Hanno im Roman der Musik konkreten zuwendet, soll im Folgenden untersucht werden.

3. Hannos Hinwendung zur Musik

3.1 Hannos Erbe

„Ein Erbe! Ein Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet?“(396)

Hanno ist das einzige und langersehnte Kind der etwas kühlen, aber äußerst respektvollen Ehe Thomas und Gerda Buddenbrooks. Schon in Hannos Namensgebung-Justus Kasper Johann - drückt sich der Wunsch aus, das kleine Kind, das den Namen des Bürgermeisters und des Urgroßvaters trägt, möge der Familie und Firma zu neuem Glanz verhelfen und wichtige, öffentliche Ämter bekleiden. Ob Hanno dazu überhaupt fähig oder gar gewillt ist, wird von keinem der Familienangehörigen je in Frage gestellt. Bei seiner Geburt spricht seine Tante Tony aus, was sich die ganze Familie erhofft: „jetzt ist mir, als ob noch einmal eine ganz neue Zeit kommen muß“ (402). Von Geburt an ruhen alle Erwartungen und Hoffnungen auf dem Kind, das „so sonderbar lautlos zur Welt kam“ (397). Hanno zeigt sich von Beginn an äußerst schwächlich und wenig resistent, besonders die Beschreibung seiner Augen gestaltet sich eindringlich:

„In diesen Augen (…) ist das Hellblau der väterlichen und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten, unbestimmten, nach der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden; die Winkel aber, zu beiden Seiten der Nasenwurzel, sind tief und liegen in bläulichen Schatten.“ (396)

Die vorangestellte Frage zu Beginn erscheint in einem ganz neuen Aspekt7: Hanno ist eben das Kind seiner Eltern, was ihm aber „etwas vorzeitig Charakteristisches“ gibt und ihn „nicht zum besten“ kleidet (396). Die bläulichen Schatten, die leitmotivisch für den ambivalenten Verfall stehen, sind schon im zarten Alter Hannos dominant8. Die Frage, was es für Hanno bedeutet ‚Erbe‘9 zu sein, wird unweigerlich mit der Frage nach Hannos Hinwendung zur Musik korrespondieren.

3.2. Anforderungen des Vaters

„War er ein praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?“(470)

Oberflächlich betrachtet, scheint Hannos Vater der Einfluss auf die musikalische Entwicklung seines Sohnes geradezu entzogen zu sein. Von der Musik - so Gerda - wird er „niemals etwas verstehen“ (509). Er empfindet sie als „feindliche(n) Macht“ (508), die seinen Sohn nicht nur ihm, sondern auch „dem praktischen Leben entfremdet(e)“ (522). Thomas erhofft sich dennoch im Sohn weiterleben zu können. Er erwartet, dass Hanno nach dem Bilde des Urgroßvaters die Firma und Familie zu neuem Glanz führt. Doch schon hier zeigen sich die ersten Widersprüche: Thomas legt ein Idealbild an seinen Sohn (vgl. 522), an dem er selbst gescheitert ist. Leidet Thomas nicht selbst unter der Brutalität des Geschäfts? Empfindet er nicht selbst geradezu Ekel vor dieser Wirklichkeit? (vgl. 470) Ist er es nicht, der unter der höchsten Anspannung seine Rolle aufrechterhalten muss? Gerade hier ergibt sich aber das entscheidende Problem: Der Vater kann seinem Sohn in keiner Weise Vorbild sein10. Ihm ist es nicht möglich - auch nicht zum Schein - seinem Sohn, das „jovial[e], einfach[e], homuristisch[e] und stark[e]“ (522) Kaufmannsbild des Urgroßvaters vorzuführen. Vielmehr durschaut Hanno die verzerrte Maske seines Vaters und wird dadurch von dessen Beruf und Leben noch mehr abgeschreckt, als dies schon in seiner Veranlagung war. Er erkennt den Kampf des Vaters, den er gerade in dessen Schwäche liebt. Dies wird in dem einzigen Berührungspunkt der beiden deutlich, wenn sich Thomas in seiner Unsicherheit und Leidensfähigkeit zeigt11. Aber genauso, wie Thomas brutal und grausam gegenüber dem „Christian in sich selbst“ ist12, so erbarmungslos ist er gegen den Thomas in Hanno. Denn genau das ist es: Hanno konnte vom Vater den rationalen Geschäftssinn, der beim Vater selbst kaum noch vorhanden ist, nicht erben. Thomas ist nicht mehr der naive Kaufmann, ja er ist eigentlich noch nicht einmal mehr Bürger (vgl. 451). Seine Reflexionsfähigkeit und Sensibilisierung sind gegenüber der seines eigenen Vaters erheblich gesteigert und so wundert es nicht, dass sie in Hanno ihren Höhepunkt und Abschluss finden.

[...]


1 Das Zitat stammt aus: Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie 1901. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag 2001, S. 500. Alle Zitate, die im Folgenden nur durch eine Seitenzahl gekennzeichnet sind, beziehen sich auf diese Auflage und werden direkt im Text vermerkt.

2 Die hier angerissenen Themen können nur im kurzen und deshalb unvollständigen Rahmen angerissen werden. Wesentlich sind zum Verständnis hier keine einzelnen Details, sondern der Gesamtzusammenhang.

3 „Der Verfall ǁird als positiver Wert deŵ FortsĐhritt gegeŶüďergestellt, der Tod deŵ LeďeŶ, die KüŶstliĐhkeit der NatürliĐhkeit, das Nutzlose der NützliĐhkeit“ ;E. KoppeŶ: Der WagŶerisŵus - Begriff und Phänomen, in: Richard-Wagner-Handbuch, S.617)

4 Auf den Aspekt der (Un)verbindlichkeit verweist K. Moulden: Die Musik, in: K. Moulden: BuddenbrooksHandbuch, S. 307.

5 Diese Entwicklung wird beispielsweise ausführlich bei K.Moulden: Die Musik, in K. Moulden:Buddenbrooks-Handbuch, S. 305ff, bei V. Mertens: Thomas Mann und die Musik, S. 17ff und bei C. Reinke: Musik als Schicksal, S.128 ff besprochen.

6 Diese Entwicklung ǁird ausführliĐh dargestellt ďei: E. Keller: Die FigureŶ uŶd ihre StelluŶg iŵ ‚Verfall‘, in: Buddenbrooks-Handbuch, S. 173ff; bei P. Pütz: Die Stufen des Bewußtseins bei Schopenhauer und den Buddenbrooks, in: Stationen der Thomas Mann Forschung , S. 15ff; bei E. Lämmert: Buddenbrooks,S. 200ff; M. Neumann: Thomas Mann, in: Klassiker- Lektüren, S. 27ff und bei: W. Li: Das Motiv der Kindheit und die Gestalt des Kindes in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende, S. 36 ff.

7 Dieser Aspekt wurde von K. Max: Niedergangsdiagnostik, S. 199 übernommen.

8 Die bläulichen Schatten treten bei Gerda, Thomas und Hanno vor allem dort auf, wo ihr Interesse an Literatur und Musik zum Ausdruck gebracht wird. Blau wird aber auch mit dem Tod in Verbindung gebracht. (aus: E. Keller: Leitmotive und Symbole, in: Buddenbrooks-Handbuch, S. 135ff).

9 Auf die ǁiĐhtige BedeutuŶg ‚HaŶŶos Erďe‘ ŵaĐheŶ ŶeďeŶ Madž ;s. AŶŵ. ϳͿ J. Vogt: Thoŵas MaŶŶ ‚BuddeŶďrooks‘, S.ϵϯ uŶd ďei I. DierseŶ: UŶtersuĐhuŶgeŶ ďei Thoŵas MaŶŶ, S. ϰϭ.

10 M. Zeller macht darauf aufmerksam, dass Thomas in den Tagen der Pöppenrader Geschäfte, jeden ‚MäŶŶliĐhkeit uŶd Festigkeit‘ verŵisseŶ lässt, die er ďei seiŶeŵ SohŶ fordert. ;M. )eller: Selle uŶd Saldo, S.29ff)

11 Hanno trifft auf seinen Vater, als dieser unschlüssig, verzagt und verletzt vor dem Musikzimmer steht, in dem Gerda mit Throta musiziert, vgl. 649.

12 H. Wysling: Buddenbrooks, in: Thomas Mann Handbuch, S. 36ff. Auf die unbarmherzige Strenge mit sich selbst macht auch J. Düffel: Bürgerdämmerung, S. 157ff aufmerksam.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Musik als Erlösung? Die Bedeutung der Musik für die Figur des Hannes Buddenbrook
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Universität)
Veranstaltung
Seminar: Buddenbrook
Note
1,0
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V315264
ISBN (eBook)
9783668142213
ISBN (Buch)
9783668142220
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buddenbrook, Hanno Buddenbrook, Musik, Literatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Musik als Erlösung? Die Bedeutung der Musik für die Figur des Hannes Buddenbrook, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315264

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