Die Bedeutung des Produktionsfaktors Kapital für Industrialisierungsstrategien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Thematische Abgrenzung und Zielsetzung der Arbeit

2 Die Notwendigkeit des Kapitals für den Industrialisierungsprozess
2.1 Rostows Stadien wirtschaftlichen Wachstums
2.1.1 Die traditionelle Gesellschaft
2.1.2 Die Anlaufphase
2.1.3 Die Take-Off-Phase
2.2 Die gegenseitige Abhängigkeit von niedrigem Pro-Kopf-Einkommen und geringer Kapitalbildung
2.2.1 Eingeschränkte Spartätigkeit aufgrund niedriger Pro-Kopf-Einkommen
2.2.2 Eingeschränkte Investitionstätigkeit aufgrund niedriger Pro-Kopf-Einkommen
2.2.3 Niedrige Pro-Kopf-Einkommen aufgrund geringer Kapitalbildung

3 Kapitalentstehung und Kapitalvermehrung
3.1 Selbstfinanzierung
3.2 Zeitliche Raffung des Entwicklungsprozesses durch Finanzierung von außen
3.2.1 Die Rolle des Kredit- und Bankenwesens
3.2.2 Die Rolle des Staates

4 Findet Industrialisierung bei Vorhandensein von Kapital zwangs-läufig statt?

5 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen

6 Literaturverzeichnis:

1 Thematische Abgrenzung und Zielsetzung der Arbeit

Das Phänomen der wirtschaftlichen Entwicklung, beginnend mit der Industrialisierung und die sich daraus ergebende Zunahme des allgemeinen Wohlstandes, wurde schon zahlreiche Male zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. In dieser Arbeit soll die Rolle des Produktionsfaktors Kapital als Industrialisierungsstrategie näher beleuchtet werden. Kapital wird hier im Sinne von Schumpeter als „Mittel zur Güterbeschaffung“ und „…Durchsetzung neuer Kombinationen…“[1], beziehungsweise als zu Investitionszwecken verwendete Geldmittel[2], verstanden. Sollte der Begriff des Kapitals an bestimmten Stellen doch weiter gefasst werden und zum Beispiel auch Human-, Sozial- und/oder Sachkapital einschließen, so soll das explizit erwähnt werden. Im ersten Teil dieser Arbeit wird auf Basis von Rostows ersten drei Stadien der wirtschaftlichen Entwicklung, die Rolle des Kapitals für den Entwicklungsprozess untersucht. Des weiteren wird der Zusammenhang zwischen niedrigem Pro-Kopf-Einkommen und geringer Kapitalbildung dargestellt. Dabei gilt es die Notwendigkeit des Kapitals für den Beginn volkswirtschaftlichen Fortschritts zu betonen.

Punkt 3 befasst sich zunächst mit der Frage wie Unternehmer – quasi als Pioniere – aus eigener Kraft zur Kapitalentstehung beitragen und dieses Kapital vermehren können. Darüber hinaus wird untersucht, welche Rolle das Bankenwesen und der Staat bei einer nicht selbst geschaffenen Finanzierung, also einer Finanzierung von außen, einnehmen sollten, damit Industrialisierung ermöglicht wird.

Den letzten Teil bildet schließlich die Frage danach, ob Kapitaleinsatz alleine bereits ausreichend ist, um den Industrialisierungsprozess und damit ein Wohlstandswachstum, zu initiieren.

Gegenstand dieser Arbeit ist nicht eine bestimmte Volkswirtschaft, sondern es wird ganz allgemein die Rolle des Kapitals in Gesellschaften verdeutlicht, die noch nicht das Stadium industrieller Reife erlangt haben.

2 Die Notwendigkeit des Kapitals für den Industrialisierungsprozess

2.1 Rostows Stadien wirtschaftlichen Wachstums

Zur Charakterisierung volkswirtschaftlicher Stadien einer Gesellschaft, haben Wissenschaftler, wie von Hildebrandt, Marx, oder von Bücher, ihre eigenen Stufentheorien aufgestellt.[3] Auch Rostow definiert fünf Stadien wirtschaftlichen Wachstums. Dabei unterscheidet er die traditionelle Gesellschaft, die Anlaufperiode, den wirtschaftlichen Aufstieg (die sog. „Takel-Off-Phase“), das Reifestadium und das Stadium des Massenkonsums.[4] Im Rahmen dieser Arbeit sind allerdings lediglich die ersten drei Phasen von Bedeutung, da dabei eine „Industrielle Revolution“ im eigentlichen Sinne stattfindet.

2.1.1 Die traditionelle Gesellschaft

Die traditionelle Gesellschaft ist gekennzeichnet durch eine Obergrenze der Produktivität, die sich aufgrund der angewandten Produktionsmethoden ergibt und die somit durch die Natur vorgegeben ist. Technischer Fortschritt existiert so gut wie gar nicht, oder wird nicht umgesetzt. Auch ist das Klassendenken weit verbreitet, was vertikale Mobilität nur in Einzelfällen zulässt. Rostow bezeichnet dies als „langfristig wirksamen Fatalismus“. In der Landwirtschaft sind meist über 75% der Arbeitskräfte beschäftigt und das Feudalwesen verleiht den Landbesitzern großen Einfluss und politische Macht. Gleichzeitig sind sie meist die einzigen, denen Mittel zur Verfügung stehen, die über die unmittelbare Deckung des eigenen Bedarfs hinausreichen. Zwar ergeben sich immer wieder Schwankungen des Lebensstandards und der Bevölkerungszahlen durch Seuchen, Kriege und Ernteperioden,[5] allerdings ist Wirtschaftswachstum hier nicht zu beobachten, da keine bedeutenden Nettoinvestitionen getätigt werden.[6] Somit hat das Kapital während dieser Periode als reines Tauschmittel lediglich neutralen Charakter, da so gut wie keine Produktivgüter beschafft werden.[7] Als traditionelle Gesellschaften wurden zum Beispiel die europäischen Länder während des Mittelalters, oder die Dynastien Chinas angesehen.

2.1.2 Die Anlaufphase

In Westeuropa beginnt die Anlaufphase bereits während des 16. Jahrhunderts mit der Zunahme des Handels und dem allmählichen Aufkommen moderner Wissenschaften. Diese ermöglichen Neuerungen in der Landwirtschaft, den damals vorherrschenden Manufakturen und ebenso im Transportwesen. Damit setzt auch eine Vergrößerung der Märkte ein. Erstmalig entsteht durch die Zunahme der vertikalen Mobilität ein neuer Unternehmertyp, der gewillt ist, Kapital – hauptsächlich in der Landwirtschaft und im Handel – produktiv einzusetzen und entstehende Gewinne zu reinvestieren, was durch das aufkommende Bankenwesen unterstützt wird. Bereits in dieser Periode kann der Anteil der Investitionen am Volkseinkommen über 5% betragen, wie das in Kanada vor 1890, oder in Argentinien vor 1914 der Fall war. Hauptsächlich werden Investitionen durch Kapitalimporte zur Schaffung von Sozialkapital getätigt. Allerdings werden hier lediglich die ersten Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg geschaffen; somit darf nicht der Eindruck entstehen, der wirtschaftliche Aufstieg sei bereits im Gange. Traditionelle Strukturen werden erst nach und nach durchbrochen, während parallel dazu Neuerungen übernommen werden. Die Produktionssteigerungen übertreffen noch nicht das Bevölkerungswachstum.[8]

2.1.3 Die Take-Off-Phase

Für die Betrachtung dieses Stadiums ist die Entwicklung zweier Sektoren von Bedeutung; die der Landwirtschaft und die des Industriesektors. Allgemein gilt aber, dass die strukturellen Veränderungen und die damit verbundenen Investitionen, einen hohen Kapitalbedarf mit sich bringen.[9]

Da technische Neuerungen nun endgültig in der landwirtschaftlichen Produktion akzeptiert und angewandt werden, steigt die Produktivität stark an. Der primäre Sektor kann nun mit geringerem Arbeitsaufwand die Versorgung mit Nahrungsmitteln gewährleisten, was Arbeitskräfte für die Industrie freisetzt. Was aufgrund der Kommerzialisierung darüber hinaus allerdings von fast größerer Wichtigkeit ist, ist zum einen die Möglichkeit über steigende Exporte, u. a. höhere Nahrungsmittelimporte zu finanzieren, zum anderen die sich als Folge einstellenden Sekundäreffekte.

Die steigenden Exporte des primären Sektors ermöglichen nicht nur die indirekte Bedarfsdeckung mit Nahrungsmitteln, sie können auch dazu dienen, die in der vorangegangenen Phase durch Kapitalimporte entstandene Staatsverschuldung, zu reduzieren. Die erhöhte Produktivität führt zu steigendem Realeinkommen, was wiederum eine Erhöhung der landwirtschaftlichen Nachfrage nach Industriegütern auslöst. Unter anderem wird dadurch auch der technologische Fortschritt vorangetrieben. Der Staat profitiert durch höhere Steuereinnahmen ebenfalls von der Entwicklung des primären Sektors. Eine weitere Folge ist die Möglichkeit, das entstandene Kapital nun dem Industriesektor zur Verfügung zu stellen, wo es produktiv verwendet wird und durch Reinvestition zu Kapitalvermehrung führt.[10]

Der Industriesektor unterliegt währenddessen ebenfalls einem Wandel. Kennzeichnend dafür ist zunächst meist die Entstehung eines Führungssektors; einem Produktionssektor mit hohen Wachstumsraten, wie zum Beispiel der Stahl- oder Textilindustrie. Die Industrie hat großen Bedarf an Arbeitskräften und Vorprodukten, was die Entstehung weiterer Industrien nach sich zieht.

Das Take-Off ist die eigentliche Phase der „Industri­ellen Revolution“. Die Investitions­quote steigt auf über 10%, neue Finanzie­rungsquel­len werden erschlossen, eine neue unterneh­merische Elite bildet sich. Es ist eine rasche und kurze Expansi­onspha­se, die meist nur 20 bis 30 Jahre andauert. Rostow datiert sie beispielsweise für Eng­land von 1783 bis 1802, für Frankreich auf die Jahrzehnte nach 1860 und für Deutsch­land von 1850 bis 1875.[11]

2.2 Die gegenseitige Abhängigkeit von niedrigem Pro-Kopf-Einkommen und geringer Kapitalbildung

Es ist unbestritten, dass Kapitalbildung als eine der Grundvoraussetzungen für wirtschaftlichen Aufstieg angesehen wird[12]. Der Kapitalentstehung und –vermehrung muss allerdings eine Spartätigkeit vorangegangen sein. Damit ist gemeint, dass derjenige Teil des Einkommens, der nicht zur Befriedigung subsistenzieller Bedürfnisse benötigt wird, eine produktive Verwendung erfährt und nicht – wodurch auch immer – verschwendet wird. Somit steht das Sparen zwischen dem Einkommen und der Kapitalbildung. Der nächste logische Schritt ist das möglichst optimale Angebot des entstandenen Kapitals durch das Bankenwesen oder durch Direktkredite. Diesen Punkt behandelt die Arbeit unter 3.2.1. Schließlich spielt die Investitionstätigkeit eine bedeutende Rolle bei der Bildung von Kapital.[13] Im nächsten Abschnitt sollen Für und Wider der Spar- und Investitionsmöglichkeiten vorindustrieller Volkswirtschaften beleuchtet werden. Abschließend wird gezeigt, dass eine geringe Kapitalbildung nicht nur Folge, sondern auch Ursache niedriger Pro-Kopf-Einkommen sein kann.

[...]


[1] Vgl. SCHUMPETER, Joseph, 1987, S. 165-167

[2] TILLY, Richard, 1980, S. 65

[3] ELSNER, Kurt, 1975, S. 250

[4] ROSTOW, Walt, W., 1967

[5] ROSTOW, Walt, W., 1967, S. 18-20

[6] ELSNER, Kurt, 1975, S. 250

[7] SCHUMPETER, Joseph, 1987, S. 172ff

[8] ROSTOW, Walt, W., 1967, S. 20-22, 35-37, ELSNER, Kurt, 1975, S. 250

[9] SMITH, Adam, 1974, S. 283

[10] ROSTOW, Walt, W., 1967, S. 22f, 38-41, SMITH, Adam, 1974, S. 227f

[11] ROSTOW, Walt, W., 1967, S. 24

[12] HESSE, Helmut / SAUTTER, Hermann, 1977, S. 43-65

[13] SMITH, Adam, 1974, S. 278f

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Produktionsfaktors Kapital für Industrialisierungsstrategien
Hochschule
Universität Hohenheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V31533
ISBN (eBook)
9783638325134
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Produktionsfaktors, Kapital, Industrialisierungsstrategien
Arbeit zitieren
Thomas Constantin (Autor), 2004, Die Bedeutung des Produktionsfaktors Kapital für Industrialisierungsstrategien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31533

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