Mejerhol‘ds postnaturalistische Theater- und Kunsttheorie


Hausarbeit, 2015
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mejerhol’ds Theorie

3 Stilisierung

4 Groteske

5 Kirillov und Rjaposov

6 Stilisierung - Groteske - Verfremdung

7 Fazit

Quellenverzeichnis

Literatur

Intemetquellen

1 Einleitung

Wenn man Sklovskijs Isskustvo kakprijem (1917) 1 liest, mag es den Eindruck erwecken, als hätte er das in Worte gefasst, was schon vielen Schriftstellern und Kunst­liebhabern vor ihm auf der Zunge lag: die Verfremdung ist das, wodurch sich die Kunst definiert. Einer dieser Künstler war der Theatertheoretiker- und Praktiker Vsevolod È. Mejerhoľd.

Elf Jahre zuvor wurde ein Stück aufgeführt, welches all diese Ausdrücke ver­einen sollte und als ein Wendepunkt im russischen Theater verstanden werden kann: Balagančik 2 - inszeniert von Mejerhoľd und geschrieben von einem (genauer: von dem) Symbolisten der späteren Generation, Aleksandr Blok. Es war Theater über das (realistische) Theater3 im Kostüm der Commedia Delľarte-Tradition, welches in den Literaturwissenschaften auf viel Resonanz stieß und einen Übergang vom realistischen zum symbolistischen Drama Russlands darstellt. In Über das Theater4, stellt Mejer­hoľd die seiner Ansicht nach für das Theater wesentlichen Begriffe in den Vorder­grund5: Stilisierung und Groteske.

Das Ziel dieser Arbeit ist es nun, die beiden Begriffe und ihre gegenseitige Relation auf theoretischer Ebene zu untersuchen und am Ende zu diskutieren, ob sie dem Verfremdungsbegriff Sklovskijs nahekommen. Balagančik wird dabei als Bei­spiel dienen. Das Problem vorhergehender Schriften6 zu diesem Thema ist nämlich, dass die Systematik Mejerhol’ds niemals genau erfasst worden ist. Kandinskaia schreibt diesbezüglich: „Mejerhoľd stellt keine systematische Theorie auf, sein Den­ken ist vielmehr assoziativ.“7 - doch selbst wenn Mejerhol’ds Werk auf Assoziationen beruht, kann es ein strukturierendes Prinzip dahinter geben, welches in dieser Arbeit aufzuzeigen versucht wird.

2 Mejerhol’ds Theorie

In Über das Theater sind es insbesondere zwei Aufsätze, die Aufschluss über die beiden Kernbegriffe der Theatertheorie Mejerhoľds geben: Zur Geschichte und Technik des Theaters (1907) s und Balagan (1912)8 9. Bereits im Vorwort wird der Ein­fluss von Balagančik auf die beiden theoretischen Aufsätze betont: den wich­tigsten Anstoß zur Bestimmung meines Weges in der Kunst gab mir das beglückende Entwerfen von Plänen zu dem wundervollen Balagantschik Alexander Bloks.“10 Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Merkmale von Mejerhol’ds Theorie hervorragend an Balagančik nachvollzogen werden können. Die Relevanz von Gro­teske und Stilisierung in Mejerhol’ds Theorie liegt darin begründet, dass sie alles um­fassen, was er praktisch von der Ästhetik und Technik des Theaters erwartete11. Es ist für ihn gewissermaßen das, was das Theater ,im Innersten zusammenhälť.

Dabei führte er den Begriff der Groteske erst im zweiten Aufsatz und in einem gewissen Kontrast zur Stilisierung ein. Dies wurde für einige Mejerhol’d-Forscher zum Anlass, nach dem Verhältnis zwischen den beiden Methoden zueinander zu fra­gen. Der erste Schritt wird es also sein, den Begriff der Stilisierung im ersten Aufsatz herauszuarbeiten, um dann seine Relation zur Groteske unter Einbezug anderer For­scher, vor Allem Kirillov und Rjaposov, zu ermitteln.

3 Stilisierung

Wie Kandinskaia in ihrer Dissertation trefflich formulierte, entwickelte Mejer- hol’d „seine Theorie des stilisierten Theaters als einen Gegenentwurf zum naturalisti­schen Theater.“12 Das naturalistische bzw. realistische13 Theater, von dem Mejerhol’d sich 1905 trennte, versuchte die Realität möglichst detailgetreu wederzugeben. Dahin­ter verbarg sich die Auffassung, dass der Zuschauer nur dann wahrlich mitfühlte, wenn er sich in die Situation auf der Bühne hineindenken konnte. Mejerhol’d rief nun zur Stilisierung des Theaters auf, in welchem dem Zuschauer bewusst werden sollte, dass das was er auf der Bühne sah, nicht echt, sondern ,Theater‘ war. Außerdem wollte er durch das mit der Stilisierung verbundene Symbolhafte dem Zuschauer die Möglich­keit geben, mitzudenken. Seine Kritik: „Das naturalistische Theater spricht dem Zu­schauer offensichtlich die Fähigkeit ab, weiterzuzeichnen und weiterzuträumen, wie er es beim Anhören von Musik tut.“14 Formal definierte MejerhoTd die Stilisierung folgendermaßen:

„Unter Stilisierung verstehe ich nicht die fotografische Kopie des Stils einer Epoche oder einer gegebenen Erscheinung. Mit dem Begriff der Stilisierung verbindet sich meiner Meinung nach unlösbar die Idee der Konvention, der Verallgemeinerung und des Symbols. Eine Epoche oder eine Erscheinung zu stilisieren bedeutet, mit allen Ausdrucksmitteln die ihr innewohnender Synthese bloßlegen, ihre verborgenen charakteristischen Züge rekonstruieren, wie sie in dem tief verborgenen Stil einesjeden Kunstwerks vorhanden sind.“15

Etwas zu stilisieren bedeutet also, die Quintessenz wiederzugeben. Das For­mat16 der Commedia Dell’arte für Balagančik - und dabei muss man noch nicht einmal auf den Inhalt des Stücks zurückgreifen - ist nicht nur tief mit den praktischen Ansich­ten Mejerhol’ds über das Theater verbunden17, sondern in mehrfacher Hinsicht ein Beispiel für die Stilisierung. Der wichtigste gemeinsame Nenner ist wohl die ,Maske‘ der Commedia (Dell’arte) - ein Paradebeispiel für das Symbol. Das typische an der Commedia ist nämlich, dass sämtliche Figuren zwar variabel aussehen können, stets jedoch ein und denselben Habitus haben. Die Sprechakte und Bewegungen sind dem Habitus entsprechend improvisiert und es wird keine Charakterentwicklung angestrebt - wenn der Zuschauer den Harlekin sieht, sieht er nicht nur einen, sondern alle Harle­kins, die er je angetroffen hat.18 Ein weiterer Punkt wäre der Verzicht auf Details in der Commedia: da sie in ihrer italienischen Tradition ursprünglich auf das Wirtschaf­ten ausgerichtet war und nicht am Hofe, sondern dem gemeinen Volk auf Jahrmärkten vorgeführt wurde, wären ausgefallene Requisiten nicht ökonomisch, sinnwidrig und überflüssig.

Das Format der Commedia entspricht also Mejerhol’ds Idee der Konvention, Verallgemeinerung und des Symbols. Wird der Faktor in die Überlegung miteinbezo- gen, dass in Balagančik Autor, Regisseur und Schauspieler zusammen am Spiel auf der Bühne beteiligt sind, dann kann gar von der Offenlegung der Synthese des Theaters gesprochen werden - alle dem Theater innewohnenden Elemente werden exempla­risch an Balagančik ,vorgeführt‘ (den Pierrot spielte der Regisseur: Mejerhol’d selbst).

Besonders interessant bei der Definition der Stilisierung Mejerhol’ds ist der Begriff des Symbols. Da das Theater nicht die Realität abbilden kann, ist es in einem gewissen Maße immer stilisiert und symbolhaft - deshalb unterscheidet Mejerhol’d zwischen bewusster und unbewusster Stilisierung.19 Er trifft eine Formulierung, in der die (unbewusste) Stilisierung gar auf die ganze Kunst ausgeweitet wird: „Wo Kunst ist, ist auch stets Stilisierung.“20 - wenn die Kunst nicht imstande ist, die Realität zu replizieren, sollte sie es sich auch nicht zum Ziel setzen. Vor Allem die Methode der Stilisierung ist dementsprechend dafür verantwortlich, dass wenigstens der ,frühe‘ Mejerhol’d, von dem hier die Rede ist, gemeinhin als Symbolist bezeichnet werden kann. Es wäre aber ein Fehlschluss zu sagen, Symbolisierung und Stilisierung wäre dasselbe: die Stilisierung arbeitet analytisch - die bewusste Symbolisierung ebenfalls synthetisch.21

Was heißt das? Etwas (bewusst) zu stilisieren bedeutet im Prinzip, vom Großen auf das Wesentliche, das Kleine, zu kommen. Das Stilisieren ist ein Prozess und das Produkt der Stilisierung ein Symbol, welches dem ursprünglich stilisierten in mindes­tens einer Eigenschaft gleicht, mit ihm allerdings nicht identisch ist. Diese wichtige Unterscheidung zwischen Prozess und Produkt bekräftigt Mejerhol’d:,,[...] was er bei ihnen sah vermochte er nicht zur Synthese zu bringen, zu stilisieren, sondern fotogra­fierte er [der Naturalist] nur.“22 Das ,Fotografieren‘ heißt hier, dass derNaturalist alle Eigenschaften der Realität übernehmen wollte - es fand weder ein bewusster Prozess der Stilisierung statt, noch kam es zu einem Produkt im Sinne eines synthetischen Symbols. Der Prozess besteht nicht aus einer Synthese, in der Dinge vermischt werden, um etwas Neues hervorzubringen, sondern es ist gewissermaßen ein deduktiver, ana­lytischer Vorgang. Das Produkt an sich ist in jedem Fall synthetisch und in diesem Sinne ,neu‘, da es mehrfach kodiert ist23 und in mindestens einer Eigenschaft dem ursprünglich Stilisierten nicht gleicht (mit ihm nicht identisch ist).

Weiterhin gibt es natürlich verschiedene Grade der bewussten Stilisierung bzw. Vereinfachung. So beschreibt Mejerhol’d die Inszenierung von Hauptmanns Schluck und Jau anhand von zwei verschiedenen dekorativen Ausarbeitungen des Bühnenbild­ners Uljanow: i) [erster Akt] großes Tor mit einer Drehtür, die mit einer Bronzefigur des Amors versehen ist, Bosquet-Gruppen (Baumgruppen, die eine Art Wandschrim bilden)24, ii) „[...] kein Tor, kein Ziergitter, nur noch Arkaden mit geflochtenen Kör­ben, dahinter Blumenbeete.“25 Deutlich wird an diesem Beispiel, dass der Zweck der Stilisierung praktischer Natur ist und darin besteht, dass der Zuschauer eine Epoche, einen Gegenstand oder irgendein anderes Ding stets noch wiedererkennt. Das heißt, dass nicht irgendwelche Eigenschaften ausgewählt werden, sondern die zweckdien­lichsten und damit meist auch die wichtigsten - die Quintessenz eben. Der Zweck der bewussten Stilisierung ist ein gänzlich anderer als der, der Groteske.

Um den Prozess der (bewussten) Stilisierung zu veranschaulichen kann die Pappbraut aus Balagančk verwendet werden. Nehmen wir an, das zu Stilisierende war eine echte Braut und das Produkt eine Braut aus Pappe. Der eine Grund dafür, dass eine Pappbraut entstanden ist, ist der, dass mindestens eine Eigenschaft der Braut mit der Pappbraut übereinstimmt. Der andere Grund ist der, dass die Pappbraut eine ver­einfachte Form der Braut ist, d.h., es ist bei der Stilisierung sinnwidrig ,nach-oben-zu- stilisieren‘ bzw. zu verkomplizieren - aus einer Pappbraut beispielsweise eine echte Braut zu machen.26 Der Prozess der Stilisierung bestand also darin, die Braut zu ana­lysieren, die wesentlichsten und damit zweckdienlichsten (damit der Zuschauer noch eine Braut im Pappmaschee erkennt) Eigenschaften auszuwählen und auf die Bühne zu übertragen. Im gleichen Atemzug wurden auch die Eigenschaften der Pappe analy­siert und den ausgewählten Eigenschaften der Braut angepasst. Die zuvor rechteckige

[...]


1 Sklovskij, V.: Die Kunst als Verfahren in Bd. Texte der russischen Formalisten. Band 1, hrsg. von Jurij Striedteru.a., 1969,München. S. 2-35.

2 Blok, A.: Balagančik in Bd. Teatr, hrsg. von Slovo [Verlag], 1922, Berlin. S. 5-26.

3 Vgl. Schahadat 1995, S. 88.

4 Mejerhoľd, V. É.: Über das Theater inBd. Schriften. Aufsätze, Briefe, Reden, Gespräche. Erster Band 1891-1917, hrsg. von A. W. Fewralski, übers, von Marianne Schilow u.a., Berlin, 1979. S. 95-275.

5 Dabei wird von der frühen Konzeption Mejerhol’ds, also bis zur Biomechanik, ausgegangen. Diese Vorgehensweise legitimiert sich durch die zeitlich bedingte Fragestellung in Bezug auf Sklovskijs Ver­fremdung.

6 Vgl. beispielsweise Abschnitt 5 dieser Arbeit: „Kirillov und Rjaposov“.

7 Kandinskaia 2012, S. 125.

8 Mejerhol’d 1979, S. 97-135.

9 Mejerhol’d 1979, S. 196-220.

10 Mejerhol’d 1979, S. 95.

11 Damit ist nicht die Gesamtheit des Theaters gemeint, da beispielsweise die Theorie des Theaters der Geraden, in der beschrieben wird, wie Autor, Regisseur und Schauspieler Zusammenarbeiten sollen, (vgl. Mejerhol’d 1979, S. 122-123) nicht unter die Methode der Stilisierung oder der Groteske fällt, sondern auf einer anderen Ebene fungiert.

12 Kandinskaia 2012, S. 118.

13 Zwischen ,Naturalismus‘ und ,Realismus‘ gibt es sicherlich einige kleine, semantische Unterschiede. Für diese Arbeit sind diesejedoch nicht relevant.

14 Mejerhoľd 1979, S. 108.

15 Mejerhol’d 1979, S. 101. Hervorhebung von mir.

16 Die These, Balagančik wäre Commedia Dell’arte an sich, ist diskutabel - wenigstens aus traditioneller Sicht dieser. Man kann gar behaupten, dass Mejerhol’d die Tradition der Commedia umformte, da sie seit ihrer Entstehung im 16. Jahrhundert stets im Wandel war. Vgl. dazu Krömer 1976, S. 20.

17 Das theoretische Konstrukt der Stilisierung wird in dieser Arbeit in den Vordergrund gerückt. Es soll aber nicht der Eindruck erweckt werden, dass Mejerhol’d reiner Theoretiker war. Im Gegenteil: der Inhalt beider Aufsätze ist größtenteils praktischer Natur. Mit Mejerhol’ds praktischen Ansichten über das Theater ist u.a. gemeint: Gestik, Mimik, Bewegung (Pantomime, Tanz), Autonomie der Schauspie­ler (Stilisierung der Bewegung und des Gesprochenen - keine Dominanz des Scripts bzw. Regisseurs). Diese praktischen Ansichten’ flössen später in MejerhoPds Theorie der Biomechanik ein.

18 Vgl. Mejerhol’d 1979, S. 208-209.

19 Er legt die Betonung auf die „bewusste Stilisierung“ bzw. „die mit Absicht geschaffene Stilisierung“ (Mejerhol’d 1979, S. 118 und 120, Hervorhebungen von Mejerhol’d). Diese Unterscheidung ist wesent­lich für die Groteske in Abschnitt 6.

20 Mejerhol’d 1979, S. 120.

21 Die Betonung liegt hier auf ,bewusst‘, da eine Symbolisierung im weitesten Sinne immer vorhanden ist: die Deutung des Rezipienten ist uneingeschränkt (und) willkürlich. Unter (unbewusste) Symboli­sierung würde dann alles fallen, was das Symbol als leere Hülle offenbaren würde.

22 Mejerhol’d 1979, S. 107, Hervorhebungen von mir.

23 Vgl. Schahadat 1995, S. 49.

24 Vgl. Mejerhol’d 1979, S. 101.

25 Ebd.

26 Wobei natürlich noch geklärt werden müsste, wann genau etwas verkompliziert wird bzw. was „Ver­zicht auf Details“ exakt bedeutet. Intuitiv ist dasjedoch, denke ich, erstmal einleuchtend.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Mejerhol‘ds postnaturalistische Theater- und Kunsttheorie
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Symbolismus, Romantik und ihre Inszenierungen um 1900 (Blok, Gogol’ und Mejerchol’d)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V315330
ISBN (eBook)
9783668145665
ISBN (Buch)
9783668145672
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mejerhol'd, Mėherol'd, Blok, Balagancik, Russischer Symbolismus, Postrealismus, Deutsch-Russisch, Russisch, Übersetzung, Analyse, Synthese, Zur Geschichte und Technik des Theaters, Balagan, Belyj, Theatertheorie, später Symbolismus, Russland, Meyerhold, postnaturalistisch, Kunsttheorie
Arbeit zitieren
Ernest Krychmar (Autor), 2015, Mejerhol‘ds postnaturalistische Theater- und Kunsttheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315330

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