Wenn man Šklovskijs Isskustvo kak prijem (1917) liest, mag es den Eindruck erwecken, als hätte er das in Worte gefasst, was schon vielen Schriftstellern und Kunstliebhabern vor ihm auf der Zunge lag: die Verfremdung ist das, wodurch sich die Kunst definiert. Einer dieser Künstler war der Theatertheoretiker- und Praktiker Vsevolod Ė. Mejerhol’d.
Elf Jahre zuvor wurde ein Stück aufgeführt, welches all diese Ausdrücke vereinen sollte und als ein Wendepunkt im russischen Theater verstanden werden kann: Balagančik – inszeniert von Mejerhol’d und geschrieben von einem (genauer: von dem) Symbolisten der späteren Generation, Aleksandr Blok. Es war Theater über das (realistische) Theater im Kostüm der Commedia Dell‘arte-Tradition, welches in den Literaturwissenschaften auf viel Resonanz stieß und einen Übergang vom realistischen zum symbolistischen Drama Russlands darstellt. In Über das Theater, stellt Mejerhol’d die seiner Ansicht nach für das Theater wesentlichen Begriffe in den Vordergrund: Stilisierung und Groteske.
Das Ziel dieser Arbeit ist es nun, die beiden Begriffe und ihre gegenseitige Relation auf theoretischer Ebene zu untersuchen und am Ende zu diskutieren, ob sie dem Verfremdungsbegriff Šklovskijs nahekommen. Balagančik wird dabei als Bei-spiel dienen. Das Problem vorhergehender Schriften zu diesem Thema ist nämlich, dass die Systematik Mejerhol’ds niemals genau erfasst worden ist. Kandinskaia schreibt diesbezüglich in ihrer Dissertation: „Mejerhol’d stellt keine systematische Theorie auf, sein Den-ken ist vielmehr assoziativ.“ – doch selbst wenn Mejerhol’ds Werk auf Assoziationen beruht, kann es ein strukturierendes Prinzip dahinter geben, welches in dieser Arbeit aufzuzeigen versucht wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Mejerhol’ds Theorie
3 Stilisierung
4 Groteske
5 Kirillov und Rjaposov
6 Stilisierung – Groteske – Verfremdung
7 Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die theoretischen Konzepte von Vsevolod Mejerhol'd, insbesondere die Begriffe „Stilisierung“ und „Groteske“, und analysiert deren gegenseitige Relation sowie ihre Nähe zum Verfremdungsbegriff von Viktor Šklovskij.
- Analyse der theoretischen Schriften Mejerhol'ds
- Untersuchung der Begriffe Stilisierung und Groteske
- Vergleich der Konzepte mit der formalistischen Verfremdung
- Diskussion der Positionen von Kirillov und Rjaposov
- Herausarbeitung der Synthese und des Prinzips des Widerspruchs
Auszug aus dem Buch
3 Stilisierung
Wie Kandinskaia in ihrer Dissertation trefflich formulierte, entwickelte Mejerhol’d „seine Theorie des stilisierten Theaters als einen Gegenentwurf zum naturalistischen Theater.“ Das naturalistische bzw. realistische Theater, von dem Mejerhol’d sich 1905 trennte, versuchte die Realität möglichst detailgetreu wiederzugeben. Dahinter verbarg sich die Auffassung, dass der Zuschauer nur dann wahrlich mitfühlte, wenn er sich in die Situation auf der Bühne hineindenken konnte. Mejerhol’d rief nun zur Stilisierung des Theaters auf, in welchem dem Zuschauer bewusst werden sollte, dass was er auf der Bühne sah, nicht echt, sondern ‚Theater‘ war. Außerdem wollte er durch das mit der Stilisierung verbundene Symbolhafte dem Zuschauer die Möglichkeit geben, mitzudenken. Seine Kritik: „Das naturalistische Theater spricht dem Zuschauer offensichtlich die Fähigkeit ab, weiterzuzeichnen und weiterzuträumen, wie er es beim Anhören von Musik tut.“
Formal definierte Mejerhol’d die Stilisierung folgendermaßen: „Unter Stilisierung verstehe ich nicht die fotografische Kopie des Stils einer Epoche oder einer gegebenen Erscheinung. Mit dem Begriff der Stilisierung verbindet sich meiner Meinung nach unlösbar die Idee der Konvention, der Verallgemeinerung und des Symbols. Eine Epoche oder eine Erscheinung zu stilisieren bedeutet, mit allen Ausdrucksmitteln die ihr innewohnender Synthese bloßlegen, verborgenen charakteristischen Züge rekonstruieren, wie sie in dem tief verborgenen Stil eines jeden Kunstwerks vorhanden sind.“
Etwas zu stilisieren bedeutet also, die Quintessenz wiederzugeben. Das Format der Commedia dell’arte für Balagančik – und dabei muss man noch nicht einmal auf den Inhalt des Stücks zurückgreifen – ist nicht nur tief mit den praktischen Ansichten Mejerhol’ds über das Theater verbunden, sondern in mehrfacher Hinsicht ein Beispiel für die Stilisierung. Der wichtigste gemeinsame Nenner ist wohl die ‚Maske‘ der Commedia (Dell’arte) – ein Paradebeispiel für das Symbol.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in Mejerhol'ds Theaterbegriff ein und definiert das Ziel, die Begriffe Stilisierung und Groteske im Kontext der Verfremdung zu untersuchen.
2 Mejerhol’ds Theorie: Das Kapitel betrachtet die zentralen Aufsätze zur Theorieentwicklung und legt den Grundstein für die begriffliche Abgrenzung von Stilisierung und Groteske.
3 Stilisierung: Hier wird der Begriff der Stilisierung als bewusster Gegenentwurf zum Naturalismus definiert, der auf Konvention, Verallgemeinerung und Symbolik basiert.
4 Groteske: Dieses Kapitel arbeitet die Groteske als zweite wesentliche Methode Mejerhol'ds heraus, die mit dem Prinzip des Widerspruchs und der Synthese arbeitet.
5 Kirillov und Rjaposov: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur von Kirillov und Rjaposov zur Entwicklung von Mejerhol'ds theoretischem Nachlass.
6 Stilisierung – Groteske – Verfremdung: Das Kapitel führt die bisherigen Analysen zusammen und diskutiert das Kausalverhältnis der Methoden unter Bezugnahme auf den Verfremdungsbegriff.
7 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Mejerhol'd durch die Instrumentalisierung der Groteske das Theater seiner Zeit revolutionierte.
Schlüsselwörter
Mejerhol'd, Theater, Stilisierung, Groteske, Verfremdung, Symbol, Synthese, Naturalismus, Widerspruch, Commedia dell'arte, Balagančik, Theorie, Inszenierung, Formalismus, Wirklichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die postnaturalistische Theater- und Kunsttheorie von Vsevolod Mejerhol'd.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition und Anwendung der Begriffe Stilisierung und Groteske im frühen 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die theoretische Relation zwischen Stilisierung und Groteske zu untersuchen und deren Nähe zu Šklovskijs Verfremdungsbegriff zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Mejerhol'ds theoretischen Aufsätzen sowie eine Auseinandersetzung mit einschlägiger Forschungsliteratur angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe Stilisierung und Groteske definiert, durch Beispiele wie die Commedia dell'arte illustriert und anhand von Forschungspositionen (Kirillov/Rjaposov) kritisch hinterfragt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Mejerhol'd, Stilisierung, Groteske, Verfremdung, Symbol und Theatertheorie.
Wie unterscheidet Mejerhol'd zwischen Stilisierung und Groteske?
Die Stilisierung ist primär ein analytischer Prozess, um die Quintessenz darzustellen, während die Groteske eher synthetisch arbeitet und Widersprüche zuspitzt.
Warum ist das Stück "Balagančik" für die Theorie von Bedeutung?
Es dient als praktisches Beispiel für die Umsetzung der Stilisierung und bietet den Ausgangspunkt für Mejerhol'ds theoretische Reflexionen.
- Arbeit zitieren
- Ernest Krychmar (Autor:in), 2015, Mejerhol‘ds postnaturalistische Theater- und Kunsttheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315330