Mit „De rerum natura“ entscheidet sich Lukrez die Lehre Epikurs in der Form eines Lehrgedichts zu präsentieren. Die Verwendung mythologischer Stoffe ist untrennbar an die Gattung des Lehrgedichts gebunden: „Mythen repräsentieren, als eine privilegierte Form bildhafter Rede, den Schatz kollektiver Bilder, über die eine Kultur verfügt“. Mit der Wahl des Lehrgedichts stellt sich Lukrez sowohl in die Tradition Hesiods, als auch in die große Naturlehre des Empedokles und anderer Vorsokratiker wie Parmenides. Hesiod findet noch keinen Vorbehalt gegen den Mythos, das hellinistische Lehrgedicht hat sich bereits vom Wahrheitsgehalt des Mythos distanziert und verwendet ihn als ornatus.
"deinde vocet demens quos tentat perdere Divos/ immemor ipse sui."
Diesen Vorwurf äußert Kardinal Melchior de Polignac in seinem 1747erschienen Lehrgedicht „Anti-Lucretius sive de Deo et Natura“ aufgrund einer Diskrepanz, die sich in Lukrez‘ Proömium zu seinem Werk „De rerum natura“ auftut: Obwohl Lukrez in seiner Kosmologie jede göttliche Einflussnahme verbannen will, ruft er Venus als Inspirationsquelle und Friedensbringerin an. Nahm man auch von einer derart hämischen Beurteilung wie der Polignacs Abstand, so macht das Proömium nicht weniger Probleme. 1923 konstatiert Barwick: „Keine Partie an dem an Schwierigkeiten so reichen Lehrgedicht des Lukrez hat in den letzten Jahrzehnten den Philologen mehr Kopfzerbrechen bereitet als das Proömium des 1. Buches.“
Genau 80 Jahre später gilt das Proömium immer noch als „ein Dauerproblem der Lukrezforschung“. Das Problem um die Vereinbarkeit des Venushymnus mit dem philosophischen Inhalt des Gesamtwerkes fand in der Forschung breites Interesse, das Proömium selbst zählt „zu den am meisten interpretierten Stellen des Werkes“. Bevor aber das Proömium in das Blickfeld genommen wird, sollen einige allgemeine Bemerkungen zu Lukrez‘ Mythenverwendung zum besseren Verständnis verhelfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lukrez und der Mythos
2.1. Umgang mit mythologischen Stoffen bei Epikur und Lukrez
2.2. Mythenverwendung und –deutung in DE RERUM NATURA
3. Der Venushymnus
3.1. Gliederung und Analyse
3.2. Literarische Vorbilder
3.3. Deutungsansätze der Forschungsliteratur
4. Abschließende Diskussion
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der epikureischen Philosophie, die den Mythos ablehnt, und der Verwendung des Venushymnus im Proömium von Lukrez' Werk "De Rerum Natura". Ziel ist es, die didaktisch-rhetorische Funktion dieses Hymnus zu analysieren und zu klären, wie Lukrez die poetische Form mit seinem philosophischen Anspruch vereinbart.
- Die Rolle des Mythos im Kontext der epikureischen Lehre.
- Strukturelle Analyse des Venushymnus und seiner literarischen Vorbilder.
- Untersuchung der Forschungsdebatten über die Vereinbarkeit von Religion und Epikureismus.
- Die didaktische Strategie des Proömiums als "imposing doorway" zum Gesamtwerk.
- Die Ambivalenz der Venusfigur als Schöpferin, Lebensspenderin und Friedensbotin.
Auszug aus dem Buch
3.1. Gliederung und Analyse
Das Proömium erstreckt sich über die ersten 148 Verse und lässt sich wie folgt gliedern: Anrufung und Lobpreisung der Venus (V. 1 – 43), Beschreibung der epikureischen Götter (V. 44 – 49), Widmung an Memmius und kurze Inhaltsangabe (V. 50 – 61), Lob Epikurs‘ (V. 62 – 79), Gefahren der religio anhand des Iphigenie-Mythos (V. 80 – 135), Schwierigkeiten der Übertragung in die lateinische Sprache (V. 136 – 148). Der Venushymnus kann als eigenständiger Abschnitt gelten, Eller bezeichnet ihn sogar als „Proömium vor dem Proömium“.
Der Hymnus lässt sich wiederum in zwei große Abschnitte gliedern. Die Verse 1 – 28 umfassen den eigentlichen Lobpreis mit Anrede und Bitte in Form eines Hymnos kletikos. In den Versen 29 – 43 schließt die Mars-Venus-Episode mit einer zweiten Bitte an. Der Hymnos kletikos, ein alte Form, die sich bereits bei Homer findet, setzt sich traditionell aus mehreren Elementen zusammen: an erster Stelle steht die Epiklese im Vokativ, anhand von Polyptota wird die Gottheit apostrophiert. In Form von Attributen und Relativsätzen erfolgt die Prädikation. Daran schließt sich die Beschreibung der δυναµεις und τεχναι an. Abgeschlossen wird der Hymnos kletikos traditionell mit der Epiphanie und einer Bitte.
In seinen Grundstrukturen ist der Venushymnus der traditionellen Hymnus-Form stark verpflichtet. In Vers 1 – 2 erfolgt eine dreifache Vokation und bis Vers 5 die Prädikation. Besonders in den folgenden Versen, aber auch im weiteren Proömium lässt sich eine Häufung des Personalpronomens und Possesivpronomens der 2. Person Singular feststellen. Auch werden Venus‘ Wirkungsbereiche (V. 2-3, V. 6 – 9) und Aufgabenbereiche (V. 4 – 6, 20 – 23) genannt. Der Hymnus schließt mit einer Bitte ab, an die allerdings eine zweite angeschlossen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung thematisiert die Diskrepanz zwischen der epikureischen Kosmologie und der Anrufung der Venus als Inspirationsquelle durch Lukrez, was ein langjähriges Problem der Forschung darstellt.
2. Lukrez und der Mythos: Das Kapitel erörtert die notwendige, aber problematische Entscheidung Lukrez', Mythen als didaktisches Mittel im Rahmen seiner poetischen Darstellung der epikureischen Lehre einzusetzen.
2.1. Umgang mit mythologischen Stoffen bei Epikur und Lukrez: Hier wird der Gegensatz zwischen Epikurs strikter Ablehnung mythischer Stoffe und Lukrez' rhetorisch-motivierter Anwendung gegenübergestellt.
2.2. Mythenverwendung und –deutung in DE RERUM NATURA: Dieses Kapitel untersucht Lukrez' utilitaristischen Einsatz von Mythen und seine allegorische Methode, um die Lehre ansprechender zu gestalten.
3. Der Venushymnus: Dieser Abschnitt bietet eine detaillierte strukturelle Aufarbeitung des Proömiums und der Rolle der Venus.
3.1. Gliederung und Analyse: Untersuchung des Venushymnus als "Hymnos kletikos" und Analyse seiner internen Struktur und Anrufungspraxis.
3.2. Literarische Vorbilder: Darstellung der Reminiszenzen an Homer, Empedokles und den stoischen Zeus-Hymnus als Kontrastfolie für Lukrez' Venus-Konzeption.
3.3. Deutungsansätze der Forschungsliteratur: Ein Überblick über verschiedene Forschungsmeinungen, die von einem "echten Gebet" über eine didaktische List bis hin zur allegorischen Interpretation reichen.
4. Abschließende Diskussion: Diese Diskussion fasst zusammen, dass das Proömium eine rhetorisch-didaktische Funktion erfüllt, bei der der Leser zunächst abgeholt und anschließend in die epikureische Denkweise eingeführt wird.
Schlüsselwörter
Lukrez, De Rerum Natura, Venushymnus, Epikureismus, Mythoskritik, Didaktik, Rhetorik, Voluptas, Hymnos kletikos, Empedokles, Allegorese, Proömium, Literaturvorbilder, Antike Philosophie, Poeta doctus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Proömium von Lukrez' Werk "De Rerum Natura", insbesondere den Venushymnus, und wie der Autor versucht, die religiös konnotierte Anrufung einer Gottheit mit der epikureischen Philosophie zu vereinen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die antike Mythenrezeption, die didaktische Gestaltung von Lehrgedichten, das Verhältnis von Poesie und Philosophie sowie die Interpretationsgeschichte der Lukrez-Forschung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie Lukrez den Venushymnus trotz der prinzipiellen epikureischen Götter-Distanzierung in sein Werk integriert, ohne dabei seine philosophische Integrität zu verlieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche und philologische Untersuchung, die textimmanente Analysen mit einem Vergleich von Forschungsansätzen kombiniert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Mythenverständnisses bei Epikur und Lukrez, eine detaillierte Analyse der Struktur des Venushymnus, einen Vergleich mit literarischen Vorbildern wie Empedokles und eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Deutungsansätzen der Forschung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Lukrez, Epikureismus, Venushymnus, didaktische Rhetorik, Mythenkritik und Allegorese charakterisieren.
Inwieweit lässt sich die Venusfigur als "didaktische List" bezeichnen?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Lukrez die Venus nutzt, um den Leser "abzuholen" und die spröde epikureische Lehre durch eine ansprechende, poetische Form erst zugänglich zu machen, bevor er ihn zur eigentlichen Naturlehre führt.
Wie unterscheidet sich der Venushymnus von stoischen Zeus-Hymnen?
Während stoische Hymnen oft einen unerbittlichen, beherrschenden Gott als Weltvernunft stilisieren, setzt Lukrez die Venus als eine Macht ein, der die Natur "freiwillig und spontan" durch das Prinzip der "voluptas" folgt.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor über die Vereinbarkeit von Religion und Lehre?
Der Autor schließt, dass das Proömium als "imposing doorway" dient: Die Venus-Anrufung ist kein Widerspruch, sondern eine rhetorisch-didaktische Notwendigkeit, um den Leser für die philosophische Erkenntnis zu gewinnen, ohne ihn zu täuschen.
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- Anonym (Autor), 2014, Lukrez' Verwendung des Mythos im "Venushymnus", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315478