Der Begriff der Biopolitik bei Nancy. Eine Kritik


Essay, 2008
7 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Der Begriff "Biopolitik" geht, so wie Jean-Luc Nancy ihn in seinem Buch Die Erschaffung der Welt oder Die Globalisierung einführt, zurück auf Michel Foucault. Foucault entwickelt einen Begriff der "Bio-Politik" in Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1 1 und stellt Bezüge her zwischen Leben, Körper, Sexualität, Tod und jener Macht, die Foucault stets einem Souverän zuordnet, und die die Mächtigkeit des Todes "überdeckt2 ". Er spricht auch von "Bio-Macht" (biopouvoir) und einer "regulierenden Kontrolle: [der] Bio- Politik der Bevölkerung3 ":

"Die alte Mächtigkeit des Todes, in der sich die Souveränität symbolisierte, wird nun überdeckt durch die sorgfältige Verwaltung der Körper und die rechnerische Planung des Lebens. Im Laufe des klassischen Zeitalters entwickeln sich rasch die Disziplinen: Schulen, Internate, Kasernen, Fabriken. Auf dem Felde der politischen Praktiken und der ökonomischen Beobachtungen stellen sich die Probleme der Geburtenrate, der Lebensdauer, der öffentlichen Gesundheit, der Wanderung und Siedlung; verschiedenste Techniken zur Unterwerfung der Körper und zur Kontrolle der Bevölkerung schießen aus dem Boden und eröffnen die Ära einer "Bio-Macht.4

Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch von Panoptismus 5 und entwickelt daraus seine Theorie der Disziplinargesellschaft.

Nancy verlangt nach einer Klarstellung des Begriffes "Bio-Politik", da seit Michel Foucault dieser Begriff von Theoretikern mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgefasst wurde. Besonders die Gleichsetzung von "Bio-Politik" mit "Bioethik" bezeichnet Nancy als falsch, da

"die "Bioethik" sich für jene moralischen Entscheidungen interessiert, die angesichts der neuen Möglichkeiten der biologischen Technik (oder der " Biotechnologie") getroffen werden müssen, und nicht behauptet, eine Ethik zu sein, die umfassend auf dem [sic] bios ausgerichtet ist. Der Sinn des Wortes "Biopolitik" geht heute oft nicht über eine Bedeutung dieser Art hinaus: »ethisch-sozio-politische Überlegung zu den Problemen, die die Lebenswissenschaften (technoscience de biologique) aufwerfen«6 ". "Biopolitik" bezieht sich für Nancy auf "die Ordnung einer Politik [...], die gänzlich durch das Leben bestimmt wird [...], keine Politik, die sich das Leben oder das Lebende zum Gegenstand macht, [sondern] das die Politik bestimmende Leben7 "

Nancy will zum Ausdruck bringen, dass seine Definition nicht jene Foucaults sei: Foucault versteht unter "Biopolitik" sehr wohl "die Kontrolle der Bedingungen des menschlichen Lebens8 " und beschreibt die Entwicklung juristischer Formen von der Antike bis zur Gegenwart, das Entstehen vieler Institutionen, die er als "Sequestrierungsinstitutionen" zusammenfasst, parallel zur Entstehung verschiedener Theorien des Strafrechtes. Besonders die "totalitären" Politiken, wie nationalsozialistische oder sozialistische sind für Foucault paradigmatische "Biopolitiken", für die das Ziel der Politik vielmehr die Beherrschung (maitrise) einer Bevölkerung, als die Herrschaft (domination) über einen Gegner war. Die Politische Massnahmen, die die Normen der Gesundheit und des Fortpflanzungsvermögens einer sogenannten "Rasse" oder eines "Volkes" bestimmen, basieren auf einer Katgeorie, die Foucault als Rassismus zusammenfasst.

Nancy geht aber nicht davon aus, dass die Begriffe "Rasse" oder "arbeitsame Menschheit" mit dem Begriff "Leben" gleichzusetzen seien :

"Die Reduktion dieser Figuren auf »das Leben« reicht nicht aus, um ihre politische und affektive Macht zu begründen9 ".

Nancy geht davon aus, dass der Begriff "Biopolitik" eine Ausweitung erfahren hat und schließt daraus, "dass die Politik (die man weiterhin wesentlich dem Staat zuschreibt) mehr und mehr die kontrollierte Verwaltung des natürlichen Lebens zu ihrem Gegenstand macht10 ".

Eine Präzisierung von "das Leben" scheint notwendig zu sein, um diesen Axiomen Sinn zu verleihen, zumal in Frage gestellt werden kann, was "das Leben" überhaupt sein könnte, ausser einem nominalisierten Verb. Stellt sich in Foucaults Thesen oft die Frage, was genau unter "Macht" zu verstehen sei, stellt Nancy an dieser Stelle nicht nur "das Leben", sondern auch noch "das natürliche Leben" zur Disposition. So manche/r ergreift an dieser Stelle vielleicht die Flucht und beendet die Lektüre. Die Verfasserin, also ich würde das im Normalfall tun, wäre die Arbeit an diesem Skript nicht schon so weit fortgeschritten.

Sehr einfach könnte man dieses Problem auflösen durch die Annahme, dass es überhaupt kein "natürliches Leben" gibt- alles ist Natur, auch die techne ist Natur, auch das Anwenden von techne ist Natur. Die Natur findet technisch und naturgemäß statt. Die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur hat in den Augen der Verfasserin noch nie zu sinnvollen Sätzen oder Einfällen geführt. Während sie dies schreibt, schlürft sie den Rest einer braunen erkalteten Sauce eines Fertiggerichtes, das von einer Person mit chinesischer Staatsbürgerschaft, die nicht nur mit Salz sondern auch mit Glutamat kocht, aufgetaut und in einen Styroporbecher gefüllt wurde. Die Verfasserin fragt sich, ob dies nun natürliche oder künstliche Nahrung sei, ob dies natürliche oder künstliche Lebensumstände seien, unter denen sie ihre Nahrung zu sich nimmt- und ob "künstlich" dann mit "kultiviert" oder "unkultiviert" gleichbedeutend wäre. Wäre das Leben der Verfasserin natürlicher, würde "Mutter" jeden Tag eine heisse Bouillon frisch zubereiten? Vielleicht sind "die Mütter" oder "die Frau" ganz allgemein das letzte oder einzig Natürliche auf der Welt? Ex utero- hier endet die Ironie.

Nancy trifft leider die Unterscheidung zwischen natürlichem und künstlichem Leben- er differenziert zwischen zoe und bios und befindet "dass dieses »menschliche Leben« nunmehr untrennbar ist von einer Gesamtheit von Bedingungen, die man als »technisch« bezeichnet und die das ausmachen, was man eher die Ö kotechnik nennen muss, in der sich für uns (und durch uns) jede Art von »Natur « entwickelt11 "

Nancy schließt daraus ganz folgerichtig "Auf diese Weise geht der bios - oder das Leben als »Lebensform«, als Einsatz eines Sinns oder eines »Seins« - in der zoe, dem schlicht lebendigen Leben auf, das jedoch in Wirklichkeit schon zur techne geworden ist. Folglich ist die Politik stillschweigend nichts anderes als die Selbstverwaltung der Ökotechnik, die einzig mögliche Form der »Auto«-nomie, der keine einzige der bisher möglichen Formen einer Politik mehr zur Verfügung steht12 ".

Problematisch daran ist für Nancy die Frage nach der Souveränität: keine der bisher möglichen Formen von Politik stünden mehr zur Verfügung, "weder die selbstbegründende Souveränität, da Gründen nicht mehr nötig ist, noch die Diskussion über die Gerechtigkeit eines aristotelischen Stadtstaates, da es keinen Stadtstaat gibt, nicht einmal das Bestreiten oder der Widerstreit- da das Lebende und die Macht in die gleiche Richtung gehen, einem gemeinsamen Konsens folgend und der Wahrheit beraubt sind".

Das Lebende und die Macht gehen in die gleiche Richtung? Leider erkennt die Verfasserin weder Sinn noch Bedeutung dieses Satzes. Ebenfalls unverständlich bleibt der Kausalsatz "da Gründen nicht mehr nötig ist". Auf wen oder was beruft sich Nancy hier? Wer bestimmt hier, was nötig ist, und was soll "Gründen" sein? "Gründen" im Sinne von "einen Verein gründen" oder im Sinne von "begründen"? Warum sollte das Begründen von Sinn oder Zweck und das Setzen auf "Identifikationsfiguren13 " seit (oder durch) die Erfindung der Demokratie unmöglich sein? Welchen teleologischen Überbau vermisst Nancy am Konzept der Demokratie?

Die Ökotechnik fördert das Problem "eines erkennbaren Zweckes14 ", das die Demokratie gestellt hat. Die Möglichkeiten des Lebenssinns oder der Politikform sind gemäß Nancy eine "trennbare Gestalt und ein erkennbarer Zweck", Lebenssinn oder Politikform spielt sich für Nancy "zwischen Gestalten und Zwecken ab, zwischen der Phänomenalisierung einer Teleologie und der Teleologie einer Phänomenalisierung15 ".

Mit dem Verweis auf Michael Hardt und Antonio Negri bemerkt Nancy man könne aus dem Begriff

"Empire nicht die paradigmatische Form von Biomacht (...) machen, weil sich die Macht als solche davon nicht mehr abhebt, wie im Staat, und weil »das Leben« ein sehr unzureichender Begriff ist, um die so geführte, regulierte oder deregulierte Totalität zu bezeichnen. Die »Welt« wäre ein genauerer Begriff: eine »Welt« als Rückseite eines »Kosmos« und als Bemühen (Trauer und Erwartung) um eine »Sinntotalität«16 ".

Das folgende Kapitel von Die Erschaffung der Welt oder Die Globalisierung widmet Nancy ganz der Vorstellung der Souveränität. Mit zahlreichen Metaphern erörtert, dreht und wendet er die Bedeutung des Wortes "Souveränität". Die Vorstellung eines Souveräns, einer Spitze (summum, supremus), die über einer Basis erhöht, ja absolut erhöht steht, lässt sich für Nancy schwer mit einer "Souveränität des Volkes" vereinbaren:

"Wenn die Souveränität keine gegebene Substanz ist, dann liegt das daran, dass sie die Realität ist, die sich das Volk geben muss, insofern es selbst weder gegebene Substanz noch gegebenes Subjekt ist. Ein Volk muss sich immer selbst erfinden, indem es sich entweder einen Souverän gibt, sich einem Souverän hingibt oder sich selbst die Souveränität gibt. [...] Das Schwierigkeit besteht darin, die Politik ohne Subjekt zu denken: nicht ohne Autorität oder Entscheidungsmacht - sondern ohne Sich-Sein, das letztendlich den Nutzen seiner Ausübung auf sich bezieht17 ".

Kurze Anmerkungen zur Lektüre

Leider fällt es mir relativ schwer, Jean-Luc Nancys Formulierungen und dem Duktus der Übersetzung zu folgen. Die vorwiegend sprachphilosophische Abhandlung des Feldes finde ich persönlich sehr unbefriedigend, da liegt mir Foucaults Herangehensweise näher, der mit einer Archäologie der Historie Zusammenhänge m. E. konkreter benennt, obwohl auch bei ihm der Begriff der "Macht" vieldeutig bleibt und seine Thesen unscharf hält. Nancy verwendet an keiner Stelle den Begriff "Wertepluralismus", stattdessen unterstellt er ein "Bemühen (Trauer und Erwartung) um eine Sinntotalität".

Das Postulat von Rationalität spielt in seiner Zusammenschau ebenfalls keine Rolle, dabei kann man durchaus von "auf Rationalität begründetem Profitstreben" sprechen, wenn sich globales Kapital akkumuliert. Das Optimieren von kapitalen Prozessen wird genau dann als rational bezeichnet, wenn es einen Gewinn, einen Profit als Ergebnis sozusagen als "summa an der Spitze" aufweist. Souverän wäre also der Staatshaushalt, der Profit macht. Eine nicht irrelevante Vorstellung innerhalb eines globalisierten oder globalen Blickes.

[...]


1. Titel der Originalausgabe: Histoire de la sexualite, I: La volonte de savoir. Editions Gallimard, 1976.

2. FOUCAULT, Michel: 1977. Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 135.

3. Ebenda, 135.

4. Ebd.

5. Vgl. FOUCAULT, Michel: 2002. Die Wahrheit und die juristischen Formen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 102.

6. NANCY, Jean-Luc: 2002. Die Erschaffung der Welt oder Die Globalisierung. Paris: Editions Galilee, 117.

7. Ebenda.

8. Ebd., 118.

9. Ebd., 119.

10. Ebd., 119.

11. Ebd., 119.

12. Ebd., 119f.

13. Ebd., 121.

14. Ebd., 121.

15. Ebd., 122.

16. Ebd., 144.

17. Ebd., 137.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Biopolitik bei Nancy. Eine Kritik
Hochschule
Universität Wien  (Philosophie)
Veranstaltung
Erschaffung der Welt oder Globalisierung
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
7
Katalognummer
V315522
ISBN (eBook)
9783668154148
ISBN (Buch)
9783668154155
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, biopolitik, nancy, eine, kritik
Arbeit zitieren
Sahra Gabriele Foetschl (Autor), 2008, Der Begriff der Biopolitik bei Nancy. Eine Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315522

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