Kafkas Durchbruch als Schriftsteller. Interpretation des paradoxen Ausgangs von "Das Urteil"


Hausarbeit, 2014
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paradoxie: Der Urteilsspruch und dessen Vollzug als metafiktionales Moment

3. Konsequenzen der metafiktionalen Betrachtung des Urteils
3.1 Georg als Autor, als Kafka
3.2 Der Freund als Adressat, als Leser
3.3 Der Vater als das Unbewusste, als das Sinnpotential
3.4 Georg gegen den Vater. Autor (-intention) gegen Rezeption

4. Fazit: Der Autor ist tot. Kafkas Offenbarung. Durchbruch und Geburt

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kafka selbst erkannte „Das Urteil“ als seinen Durchbruch in der Literatur,1 als „eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt [...]“.2 Doch was geboren, durch- brochen? Kaum verwunderlich erscheint das literaturwissenschaftliche Interesse an ebenjenem Werk, welches seinen Ausdruck in einer äußerst hohen Anzahl verschie- dener Deutungsansätze unterschiedlichster theoretischer Ausgangspunkte findet. Während aber - trotz des Verständnisses des Urteils als Durchbruch in der Literatur, im Schreiben Kafkas - zahlreiche Arbeiten diesen Durchbruch in etwa sozialgeschichtli- cher, autobiographischer3 oder psychoanalytischer Vorgehensweise auflösen wollen, ist die Anzahl ebenjener, die den Fokus explizit auf einen Durchbruch im literarischen Schaffen Kafkas, in seinem Schreibprozess, berücksichtigen, verhältnismäßig gering. Dies erscheint fragwürdig, ist die eigene Wertschätzung des Urteils in seinen Briefen als bedeutsamer Moment in der Schreibtätigkeit doch häufig wie erwähnt Anlass des literaturwissenschaftlichen Interesses. Warum wird also der nicht weniger interessante Aspekt des Durchbruchs in der Literatur dermaßen ignoriert? Die systematische Sus- pendierung bestimmter Aspekte Kafkas eigener Aussagen trotz direkten Bezugs in puncto Durchbruch indiziert eine ansatzdeterminierte Deutung mit Scheuklappen. Die- se Arbeit möchte einen anderen Weg gehen.

Aus ebenjenem Grund ist eine klare Zuordnung des Vorgehens zu einem bestimmten literaturwissenschaftlichem Ansatz weder möglich noch erwünscht, raubt dieses vor- geprägte Denken dem Text doch ein großes Maß an Bewegungsfreiheit und Kafka selbst forderte bereits „ganz freien Raum um [die Geschichte], wenn sie sich auswirken soll.“4.

Nichtsdestotrotz soll ein strukturiertes Vorgehen das Leserverständnis zum Fazit tra- gen. So wird zunächst der Urteilsspruch und dessen Vollzug durch den Sohn als inter- pretatorischer Wendepunkt aufgezeigt, davon ausgehend werden daraufhin bewusst gewählte Figuren im Text vor dem Hintergrund einer daraus resultierenden neuen Be- trachtungsebene analysiert und schließlich der Urteilsspruch sowie dessen Vollzug vor dem Hintergrund der Fragen nach dem Durchbruch und der Geburt ausgeführt.

2. Paradoxie: Der Urteilsspruch und dessen Vollzug als metafiktionales Moment.

Wodurch wird - abseits von Kafkas hervorhebender Äußerung - Das Urteil literatur- wissenschaftlich derart bemerkenswert? Der Beginn zeigt sich in der Tradition einer wenig abnormalen Erzählung: „Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Früh- jahr“.5 Auch im weiteren Verlauf der Geschichte entzieht sich kein Zustand in einem signifikant abweichendem Maße der textinternen Logik, selbst das eventuell verwirrend wirkende Verhalten des Vaters könnte durch die Unterstellung von Senilität im Plausi- bilitätsanspruch weitestgehend suspendiert werden. Spätestens jedoch das plötzliche Verurteilen „zum Tode des Ertrinkens“6 und der durch Georg nicht hinterfragte umge- hende Vollzug entzieht sich den kausalen Anknüpfungspunkten vorangegangener Zu- stände und steht demnach in keinem Verhältnis. Die vermeintlich einfache Lektüre wird zunehmend unverständlich (paradox), findet hier ihren Höhepunkt und provoziert inter- pretatorische Bemühungen.

Dieser Textstelle ist ein metafiktionales wie autoreferentielles Moment inhärent.7 Zum Einen wird „ein Bewusstsein des Lesers für das fiktionale Als-ob-Spiel [geschaffen]“,8 da „die strukturelle Einheit des fiktiven Geschehens durchbrochen [wird] durch mehrere paradox oder zumindest nicht stimmig aufeinander bezogene Ebenen des Erzählten [Urteil; Vollzug]“9. Eine findet sozusagen eine Sensibilisierung des Lesers für Metapho- risierungen statt, was bei erneuter Rezeption berücksichtigt werden kann.

Zum Anderen eröffnet sich durch dieses neue Bewusstsein auch der Blick auf die Verstehensproblematik des väterlichen Urteils als Repräsentant auf der Zeichenebene für die Verstehensproblematik des Urteils als Text, verweist also auf das mögliche Vorhandensein einer „autoreflexiven Schleife“.10

3. Konsequenzen der metafiktionalen Betrachtung des Urteils.

Während andere Arbeiten in dieser Betrachtungsweise nun jedoch Georg als Reprä- sentant des Lesers darlegen11 und in der Ausführung ebenjene ansatzdeterminierte Analyse mit Scheuklappen praktizieren, wird hier hingegen ein divergierender Weg vorgeschlagen, um das Urteil mehr als Kafkas schriftstellerischen Durchbruch in der Literatur zu verstehen.

3.1 Georg als Autor, als Kafka.

Kafka selbst erklärte, wie der Name des Protagonisten auf die eigene Person verweist: durch die gleiche Buchstabenzahl im Vornamen und die gleiche Vokalverteilung in „Bende“ und „Kafka“12 nämlich. Auch die Einführung des Protagonisten als Schreiben- den13 lässt sich als Verweisung auf die Autorentätigkeit Kafkas lesen.14 Die Repräsen- tation Kafkas in seinem Text durch den Protagonisten Georg scheint nun allzu verfüh- rerisch autobiographische oder psychoanalytische Ausführungen zu suggerieren, gleichwohl soll an dieser Stelle abermals auf den Fokus des Durchbruchs für Kafka in der Literatur verwiesen werden, welcher zunächst eine Weiterführung der Analogie intendiert.

3.2 Der Freund als Adressat, als Leser.

Georg schreibt seinem Freund in Russland, sein Freund in Russland ist der Adressat. Dieses zunächst trivial anmutende Analyseergebnis gewinnt erst durch das Einsetzen der Autoreninstanz auf Seiten Georgs an Bedeutung: Ist Georg der Autor, ist sein Freund der Leser, auf abstrakter Ebene Repräsentant der Rezipienten.15 Dieser Freund als Repräsentant des Lesers liefert weitere Anhaltspunkte zur Tran- skription der Textbasis in die abstraktere Autor-Leser-Ebene im Zuge der Analogie. Der Freund lebt in der Ferne, eine Kommunikation ist nur über das Medium Schrift (Brief) möglich, eine direkte Konversation in der Mündlichkeit nicht. Analog sieht sich der Autor demselben Problem gegenüber, der Leser ist nur über die Schrift erreichbar, durch die Ferne kann er über die eigentlichen Umstände (im Urteil: Georgs) nichts er- fahren, er ist allein auf das Schriftliche (im Urteil: die Briefe) angewiesen, möchte er Informationen über den Autor (im Urteil: Georg) erhalten.

Weiter hatte der Freund „sein Beileid [über den Tod Georgs Mutter] in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihren Grund nur darin haben konnte, daß die Trauer über ein solches Ereignis in der Fremde ganz unvorstellbar wird“,16 der Freund (Leser)

[...]


1 !Vgl. Hans Paul Fiechter: Kafkas fiktionaler Raum. Kasseler Diss. Kassel: Palm und Enke Erlangen 1980. S. 26. Oder auch: Axel Hecker: An den Rändern des Lesbaren. Dekonstruktive Lektüre zu Franz Kafka. Manz, Wien: Passagen Verlag 1998. S. 14.

2 Tagebücher 1910-1923. Hrsg. von Max Brod. Frankfurt am Main: S. Fischer 1975 (= Gesammelte Wer- ke). S. 296.

3 Zum Beispiel in: Heinz Politzer: Franz Kafka. Künstler. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1965. S. 91 f..

4 Briefe 1902-1924. Frankfurt am Main: S. Fischer 1975 (= Gesammelte Werke). S. 149.

5 Franz Kafka: Die Erzählungen. Und andere ausgewählte Prosa. Hrsg. von Roger Hermes. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag 2013 (= Fischer Klassik). S. 43.

6 Ebd., S. 55.

7 !Für weitere Informationen zu Kafkas gleitenden Metaphern und Paradoxien: Hans H. Hiebel: Franz Kafka: Form und Bedeutung. Würzburg: Könighausen und Neumann GmbH 1999. S. 13f..

8 [Art.] Metafiktion. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender, Burkhard Moennighoff. Weimar: Verlag J.B. Metzler 2007. S.493.

9 !Ebd.

10 Kafkas Urteil und die Literaturtheorie. Hrsg. von Oliver Jahrhaus, Stefan Neuhaus. Stuttgart: Philipp Reclam jun. Stuttgart 2012. S. 30.

11 Vgl. ebd., S. 244.

12 Kritische Ausgabe der Werke von Franz Kafka. Tagebücher. Textband. Hrsg. von Hans-Gerd Koch, Michael Müller, Malcolm Pasley. Frankfurt am Main: S. Fischer 1990. S 491f..

13 Vgl. Hermes, R.: Franz Kafka: Die Erzählungen. S. 43.

14 Weitere Ausführungen über Georg als Repräsentant Kafkas: Politzer, H.: Franz Kafka. Künstler. S. 91f..

15 Anmerkung: Eine ähnliche Analogie zwischen Adressat einer Nachricht in der Fiktion des Textes und dem Rezipienten des Textes an sich lässt sich auch in Deutungsversuchen „Eine[r] kaiserliche[n] Botschaft“ (ebenfalls von Kafka) beobachten

16 Hermes, R.: Franz Kafka: Die Erzählungen. S. 45.

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Details

Titel
Kafkas Durchbruch als Schriftsteller. Interpretation des paradoxen Ausgangs von "Das Urteil"
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V315623
ISBN (eBook)
9783668150072
ISBN (Buch)
9783668150089
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Das Urteil, Roland Bartes, Der Tod des Autoren, Literarische Autonomie
Arbeit zitieren
Marco Gierke (Autor), 2014, Kafkas Durchbruch als Schriftsteller. Interpretation des paradoxen Ausgangs von "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315623

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