Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Identität. Hierbei werden Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung betrachtet, wenn eine Herauslösung aus der muttersprachlichen Umgebung stattfindet – wie sie von Menschen im Kontext von Migrationserfahrungen erlebt wird.
Verlässt ein Mensch seine Heimat, so hat dies vielfältige Auswirkungen auf sein Handeln, Denken und Fühlen. Er sieht sich konfrontiert mit einer fremden kulturellen Umgebung. Die Werte und Ideen, Sitten, Bräuche und Glaubenssysteme der Aufnahmegesellschaft offenbaren sich den Menschen durch und mittels sprachbasierter Kommunikation. So wie Kultur in Sprache kommuniziert wird, so wirkt die Sprache nicht nur in gesellschaftlichen Zusammenhängen sondern hat – wie im Verlauf dieser Arbeit gezeigt wird – eine Schlüsselrolle bei der Identitätsentwicklung. Sie kann zur Stigmatisierung des Einzelnen durch die Mehrheitsgesellschaft beitragen, aber auch als Mehrsprachigkeit den Weg zu einer Erweiterung der Perspektiven bahnen und zur Entwicklung einer komplexen Persönlichkeit beitragen.
Um diese Möglichkeiten zu erforschen, ist es in einem ersten Schritt notwendig, die zentralen Begriffe zu klaren. Zu diesem Zweck werden zunächst der Begriff der Migration und der der Sprache eingeführt, um anschließend auf verschiedene theoretische Modelle zur Identitätsentwicklung einzugehen. Anschließend wird eine Synthese der verschiedenen Begriffsfelder angestrebt, um ihr Zusammenwirken herauszustellen und so schließlich Folgerungen für die praktische Arbeit im Bildungswesen anhand des Koala-Projektes aufzuzeigen.
Gliederung
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Zum Begriff der Migration
2.2. Zum Begriff der Sprache
2.3. Zum Begriff der Identität
2.3.1. Goffmann: Stigma
2.3.2. Krappmann: Balancierende Ich-Identität
2.3.3. Postmoderne Identität
2.3.4. Soziale Identität/ nationale Identität
3. Synthese der Ansätze
4. Implikationen für die praktische Bildungsarbeit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Sprache und Identitätsentwicklung bei Menschen mit Migrationserfahrung. Dabei wird analysiert, wie sich der Verlust des muttersprachlichen Kontexts auf das Selbstkonzept auswirkt und welche Rolle die Mehrheitsgesellschaft sowie schulische Konzepte hierbei spielen.
- Zusammenhang von Sprache und Identitätsbildung im Kontext von Migration.
- Soziologische Identitätstheorien (Goffmann, Krappmann, postmoderne Ansätze).
- Stigmatisierungsprozesse und die Funktion der sozialen Identität.
- Das "Koala-Projekt" als Beispiel für sprachliche Förderung und Integration.
- Die Notwendigkeit eines transkulturellen Verständnisses in der Bildungsarbeit.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Goffmann : Stigma
Neben seinem dramaturgischen Ansatz und seinen Überlegungen zum Image-Selbst entwirft Goffmann eine Theorie, die sich mit dem Stigma-Selbst befasst. Ziel dieser Arbeit ist es auf der Folie der Abnormalität, Erkenntnisse über die Normalität zu gewinnen (Kresic 2006, S. 88).
Goffmann unterscheidet zu diesem Zweck verschiedene Aspekte von Identität, die das Individuum in sich vereint. So erlaubt uns der erste Anblick eines Menschen, ihn in eine soziale Kategorie einzuordnen und ihm bestimmte Eigenschaften zuzuordnen. Goffmann spricht hier von der sozialen Identität. Hierbei handelt es sich jedoch erst einmal um Zuschreibungen. Die Eigenschaften, über die ein Individuum dann real verfügt, werden unter dem Begriff der aktualen sozialen Identität gefasst (Goffmann 1979, S. 10). Negative Vermutungen über Eigenschaften einer Person können sich im Auge des Betrachters auf die gesamte Persönlichkeit eines Menschen ausweiten und werden so zu einem Stigma. Die Lücke zwischen der antizipierten Identität und der tatsächlichen Identität eines Menschen klafft dann weit auseinander (Goffmann 1979, S.11).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Identitätsentwicklung unter Migrationsbedingungen ein und stellt die zentrale Rolle der Sprache als Schlüsselmoment für die Selbstkonstruktion heraus.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel erläutert grundlegende Begriffe wie Migration und Sprache und stellt verschiedene theoretische Modelle zur Identität vor, insbesondere von Goffmann und Krappmann.
3. Synthese der Ansätze: Die Kapitelinhalte werden zusammengeführt, wobei die Bedeutung der Interaktion und die Herausforderungen einer postmodernen, multiplen Identität im Kontext von Migration betont werden.
4. Implikationen für die praktische Bildungsarbeit: Basierend auf der Theorie werden konkrete Ansätze für die Schule diskutiert, wobei das Koala-Projekt als Beispiel für die Förderung von Mehrsprachigkeit analysiert wird.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, Bildung von einem homogenen Kulturverständnis hin zur Anerkennung von Hybridisierung weiterzuentwickeln.
Schlüsselwörter
Migration, Identität, Sprache, Mehrsprachigkeit, Stigmatisierung, Identitätsentwicklung, soziale Identität, Interaktion, Koala-Projekt, Transkulturalität, Hybridisierung, Bildung, Kommunikation, personale Identität, Mehrheitsgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beleuchtet die Auswirkungen von Migrationserfahrungen auf die Identitätsentwicklung, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Bedeutung von Sprache und dem Prozess der Identitätskonstruktion liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die theoretischen Konzepte von Identität, die Rolle der Sprache als Kommunikationsmedium sowie die Auswirkungen von Stigmatisierung und Mehrsprachigkeit auf das Selbstbild von Migranten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel besteht darin, aus theoretischen Modellen der Identitätsforschung Folgerungen für eine inklusive, praktische Bildungsarbeit abzuleiten, die dem Phänomen der Migration gerecht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Autorin wählt einen theoretisch-analytischen Ansatz, bei dem bestehende Identitätstheorien (u.a. Goffmann, Krappmann, Welsch) miteinander verknüpft und auf den pädagogischen Kontext übertragen werden.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden zunächst Identitätstheorien dargelegt, eine Synthese dieser Ansätze gebildet und schließlich das "Koala-Projekt" als schulpraktisches Beispiel kritisch diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch für die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Stigma, soziale Identität, Hybridisierung und Transkulturalität aus, die das Spannungsfeld zwischen Anpassungsdruck und multipler Identität beschreiben.
Wie bewertet die Arbeit das Koala-Projekt?
Das Projekt wird grundsätzlich positiv als Ansatz zur Förderung von Mehrsprachigkeit gewürdigt, wobei die Autorin kritisch anmerkt, dass es noch zu sehr in einem traditionellen, national orientierten Kulturbegriff verhaftet bleibt.
Welche Rolle spielt die "Fiktion des Nationalstaats"?
Die Autorin argumentiert, dass das Leitbild "eine Kultur, eine Sprache" als veraltetes Paradigma wirkt, das Identitätsbildung durch Ausgrenzung erschwert und die Anerkennung hybrider Identitäten behindert.
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- Sarina Wippermann (Author), 2015, Sprache und Identität. Auswirkungen der Herauslösung aus dem muttersprachlichen Kontext auf die Identitätsentwicklung von Migranten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315745