Abstieg im Aufstieg? Die 'Neue Mittelschicht' im Informationszeitalter


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die neue Mitte
2.1. Wo ist die Mitte?
2.2. Die Professional-Managerial-Class
2.3. Antagonismus der Klassen – Das Machtpotential der Mittelschicht

3. Die neue Mittelschicht Im Informationszeitalter
3.1. Die kapitalistische Offensive
3.2. Die Informatisierung der Arbeitswelt
3.3. Die Erosion der Mittelschicht

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die subjektive Identifikation mit der Mittelschicht hat in den letzten 20 Jahren tendenziell zugenommen (vgl. Statistisches Bundesamt 2013). Gleichzeitig ist der Zeitgeist aber durch ein omnipräsentes Krisenbewusstsein gekennzeichnet. Finanz- und Wirtschaftskrisen schaffen Ängste vor sozialem Abstieg, die sich nicht nur am unteren Rand der Ressourcenverteilung bemerkbar machen, auch die Mitte der Gesellschaft ist betroffen. Die erschöpfte Mitte (Heinze 2011), Ausplünderung der Mittelschicht (Beise 2009), Mittelschicht unter Druck? (Burkhardt, et al. 2013), Arm und Reich in Deutschland: Wo bleibt die Mitte? (Niehues, et al. 2013) und Die Zerstörung der Mittelschichten (Bologna 2006) sind nur einige der erfolgreichen Sachbücher und sozial-wissenschaftlichen Publikationen der letzten Jahre, welche die Basis der modernen Gesellschaft in Gefahr sehen. Eine breite, wohl integrierte, wachsende Mittelschicht gilt als Merkmal der modernen Wohlfahrtsgesellschaften. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer rapiden Expansion dieses Gesellschaftssegments. Doch das neue Jahrtausend hat mit zunehmender Technologisierung und Informatisierung auch neue Bedingungen am Arbeitsmarkt geschaffen, die auch die Machtpotentiale der neuen Mittelschicht verändern. Der gesellschaftliche Diskurs zeigt, dass das Bestehen des Fundaments der modernen Wohlstandsgesellschaft in Frage gestellt wird. Aber wie lässt sich dieses Segment der Gesellschaft wissenschaftlich fassen? Was ist die Mittelschicht? Wie kommt es dazu, dass es der Mittelschicht möglich ist sich zwischen die Dualität von Arbeiterklasse und Bourgeoisie zu drängen? Läuft der Mittelstand Gefahr durch die Fortschritte von Wissenschaft und Technik seine besondere Stellung zu verlieren?

Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst darauf eingegangen werden, was die Mittelschicht ist und wie sie sich zur Arbeiterklasse abgrenzt. Im nächsten Schritt sollen die Machtpotentiale eben jener Gesellschaftsgruppe näher untersucht werden um zu verstehen, wie es möglich ist, dass die Mittelschicht ihre Position im Klassenspektrum einnimmt. Schlussendlich soll mithilfe der gewonnenen Erkenntnisse versucht werden zu erkennen, ob die Mittelschicht durch einen Verfall ihrer Machtpotentiale in Gefahr steht ihre privilegierte Position innerhalb der Gesellschaft zu verlieren.

2. Die neue Mitte

Eine breite Mittelschicht[1] gilt als integraler Bestandteil moderner Gesellschaften. Ein Großteil der Bevölkerung industrieller Nationen identifiziert sich mit der Mittelschicht. Im folgenden Abschnitt soll beleuchtet werden, was die Mittelschicht von anderen Klassen abgrenzt und wo sie sich innerhalb des gesellschaftlichen Spektrums definitorisch verorten lässt. Mithilfe theoretischer Grundlagen soll untersucht werden wer die Mittelschicht ist und was ihre Stellung innerhalb von Arbeitsbeziehungen ausmacht.

2.1. Wo ist die Mitte?

Nahezu jeder Politiker sieht sich selbst gerne als Verteidiger der Mittelklasse. Doch was ist die Mittelklasse? Eine allumfassende, allgemein anerkannte und unumstrittene Definition gibt es nicht. Es gibt grundsätzlich verschiedene Arten mit Hilfe derer die Schichtzugehörigkeit bestimmt wird. Zum einen mit empirischen, ökonomischen Daten. Die europäische Kommission bestimmt relative Einkommensarmut über einen oberen Schwellenwert von 60% über dem Median, bzw. relativer Einkommensreichtum über eine Untergrenze von 200 oder 300 Prozent des Medians, jeweils bezogen auf die Verteilung des bedarfsgewichteten Nettoeinkommens (vgl. Niehues et al. 2013: 5). Die Verteilung kann jedoch stark abweichen. Grabka/Frick bestimmen die Mittelschicht durch Haushalte, die über ein Einkommen von 70% bis 150% des mittleren Einkommens verfügen (vgl. Grabka/Frick 2008). Selbst mit klaren Zahlen über die Höhe des Einkommens lässt sich also keine einheitliche Definition finden. Darüber hinaus wird argumentiert, dass nicht allein finanzielle Ressourcen die Lebenslage bestimmen, sondern insbesondere Qualifikation und berufliche Tätigkeit Indikatoren für Lebenschancen, Zugehörigkeit, Handlungsorientierung und Konfliktfähigkeit sind (vgl. Burzan et al. 2014: 13f.). Deshalb wird oft auf soziokulturelle Einflussfaktoren zurückgegriffen. Bildungs- und Berufsmerkmale sind hier von besonderer Bedeutung. Müller/Werding bestimmen drei Kriterien: mindestens ein Realschulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung, eine Stellung im Beruf als Angestellter, Beamter, kleiner Freiberufler oder kleiner Selbstständiger und drittens durch den Dienstleistungscharakter der ausgeübten Tätigkeit (vgl. Müller/Werding 2007: 26f.). Die Bertelsmann-Stiftung definiert die Mittelschicht durch mittleres Einkommen, mindestens eine Berufsausbildung oder mittlere Reife, Berufe oberhalb der un- und angelernten manuellen Arbeit und nach oben abgegrenzt durch Einkommen und einen Hochschulabschluss in Kombination mit einem Beruf in der oberen Dienstklasse (vgl. Burkhardt et al. 2013: 55f.). Eine weitere Möglichkeit zur Bestimmung der Mittelschicht ist über Mentalität und Werte. Beispielsweise gehören Gruppierungen, die sich durch Leistungsbewusstsein und individuelles Konkurrenzdenken auszeichnen, also „die mittelschichttypische Mentalitäten aufweisen, unabhängig davon, welcher Berufsgruppe, welchem Sektor und welcher Tätigkeit sie zuzurechnen sind“ (Hradil/Schmidt 2007: 168), zu der mittleren Klasse. Andere Forscher beziehen auch Attribute wie Sozialkapital, Lebensplanung, Interesse an Bildung, Disziplin und Toleranz mit ein (vgl. Nolte/ Hilpert 2007: 31f.). Die Vielfalt der Herangehensweisen zeigt, dass sich die Mittelschicht nicht sehr einfach klassifizieren lässt. Insbesondere an den Rändern sind eindeutige Definitionen schwierig. In dieser Arbeit sollen jedoch primär die Idee der neuen Mittelschicht und die Gefahren mit denen sich dieser Gesellschaftsteil konfrontiert sieht, näher beleuchtet werden. Einer eindeutigen Definition, welche an den Rändern jedoch ausfranst oder andere Einflussfaktoren unterschlägt, ist deshalb eine Vorstellung von der Idee der Mittelschicht vorzuziehen. Festzuhalten ist demnach, dass sich die Mittelklasse zum einen durch Einkommen, welches sich im Bereich des durchschnittlichen Verdiensts bewegt auszeichnet und zum anderen durch sozioökonomische Faktoren wie Bildung und Beruf, aber auch soziokulturelle Faktoren, wie Sozialkapital, Interessen und Werte charakterisiert ist.

2.2. Die Professional-Managerial-Class

Eine Möglichkeit, die keine Eingrenzung durch Einkommen oder Werte benötigt, die ‚neue Mitte‘ gedanklich zu begreifen, ist ihre Entstehung theoretisch zu fassen. In den 70ern haben Barbara Ehrenreich und John Ehrenreich genau das mit ihrer Idee der Professional-Managerial-Class (PMC) versucht. Im Kapitalismus des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts wurde keine Managerklasse benötigt. Oft brachte der Besitzer selbst die Mittel zur Finanzierung des Unternehmens auf und leitete den Betrieb persönlich. Er fungierte als Finanzier, Eigentümer, Chefingenieur und oberster Betriebsleiter in einer Person (vgl. Ehrenreich 2013: 3). Im 19. Jahrhundert konnten Einzelpersonen jedoch nicht mehr mit dem Wachstum der Unternehmen mithalten. Es wurde mehr Kapital benötigt und Leistungsaufgaben wurden komplexer. „Es bedurfte stabilerer Arbeitsbeziehungen, als Polizei oder auch angeheuerte Schläger herzustellen vermochten; und schließlich auch stabilerer Märkte, als bloßes Unternehmerglück schaffen konnte“ (ebd.: 4). Gleichzeitig ermöglichte aber auch die Konzentration und Zentralisierung des Kapitals es den Besitzern, Experten anzustellen, die für die Rationalisierung der Produktionsprozesse zuständig sind. Die Herausbildung des landesweiten Konsumgütermarktes zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte dazu, dass Verbrauchsartikel, wie Kleidung nicht mehr zu Hause hergestellt wurden, sondern als standardisierte Erzeugnisse in Massenproduktion. Auch der Konsum selbst musste besser gemanagt werden, wofür neben Ingenieuren und Managern auch in sämtlichen Aspekten der Gesellschaft Experten ausgebildet wurden. Man benötigte Schul- und Hochschullehrer, Journalisten, Entertainer, Sozialarbeiter, Ärzte, Rechtsanwälte, Werbefachleute, akademische Hauswirtschaftslehrer, sowie Experten für Kindererziehung, Liebe, Ehe und nahezu jeden Aspekt zwischenmenschlicher Beziehungen oder der Alltagsgestaltung (vgl. ebd.: 4). In Bezug auf das Aufkommen dieser neuen angestellten Experten und Managern wurde schließlich von der new middle class gesprochen.

Doch diese neue Art von Arbeit stellte für die Klassentheoretiker der 70er Jahre Probleme dar. Orthodoxer Marxismus beschreibt die kapitalistische Gesellschaft zwischen den zwei Polen der Bourgeoisie und des Proletariats. Über die Mittelklasse aus höher gebildeten Arbeitern wird wenig gesagt, manchmal wird sie jedoch als petty Bourgeoisie beschrieben. Ehrenreich kritisiert jedoch: „Some leftists […] describe students, professionals, and other educated workers as ‚petty bourgeois‘ though more as a pit-down than as a defensible analysis“ (Ehrenreich 1978: 8). Das Kleinbürgertum wird im klassischen Sinne als Überbleibsel angesehen, welches sich langsam, aber sicher, proletarisiert. Alternativ wird komplett auf eine Mittelklasse verzichtet und jeder, der nicht seine eigenen Produktionsmittel besitzt, als Arbeiter klassifiziert. Dadurch wird die working class aber so allgemein, dass sie wenig theoretischen Nutzen bietet (vgl. ebd.: 8). Doch gleichzeitig wurde eine „unbridgeable objective class destinction“ (ebd.: 10) zwischen professionellen, technischen sowie managerialen Arbeitern und klassischen Produktionsarbeiter diagnostiziert. Barbara und John Ehrenreich argumentieren, dass die Mittelklasse eine distinktive Klasse ist, welche aus den gut ausgebildeten Arbeitern, der oben beschriebenen Professional-Managerial-Class besteht. Die PMC wird definiert als „salaried mental workers who do not own the means of production and whose major function in the social division of labor may be described broadly as the reproduction of capitalist culture and capitalist class relation” (ebd.: 13).

[...]


[1] Klasse und Schicht werden synonym verwendet und soll Menschen in ähnlicher sozioökonomischer Lage zusammenfassen, wobei der Fokus auf einem marxistischen Verständnis des Begriffs liegt, also den Besitz oder Nichtbesitz von Produktionsmitteln in die Mitte der Untersuchung stellt.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Abstieg im Aufstieg? Die 'Neue Mittelschicht' im Informationszeitalter
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie der Mittelschichten
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V315930
ISBN (eBook)
9783668153608
ISBN (Buch)
9783668153615
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie der Mittelschichten, Mittelschicht, Information, Informationszeitalter, Abstieg, Aufstieg, PMC, Professional Managerial Class, Arbeit, Arbeitswelt, Klasse, Schicht, Kapitalismus, MArx, Ehrenreich, Kämpf, bourgeois, Wright, Akademiker, Kontrolle, Klassenkampf
Arbeit zitieren
Stefan Raß (Autor), 2016, Abstieg im Aufstieg? Die 'Neue Mittelschicht' im Informationszeitalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315930

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