Der Weinstock in der frühchristlichen Kunst. Die unsichtbare Welt hinter der Weinsymbolik

Uva eram, vino ero


Seminararbeit, 2013

13 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Herkunft und Verbreitung

2. „Weingötter“

3. Weinsymbolik im frühen Christentum
a) Volksbaum
b) Frucht der Verheißung
c) Der „wahre“ Weinstock
d) Kreuz-Lebensbaum
e) Gewächs der Erneuerung und der Prüfung

Abkürzungsverzeichnis

Summary

Literaturverzeichnis

Bildquellennachweis

1. Herkunft und Verbreitung

Botanisch gesehen ist der Weinstock ein holziges lianenartiges Klettergewächs mit verzweigten Ranken. Die Blätter sind herzförmig, drei bis fünffach geästelt und am Rand gezähnt. Als Weinbeeren bezeichnet man die Früchte der Weinrebe, die in Bündeln wachsen1.

Die Wildform des Weinstocks (lat. vitis sylvestris), welche laut dem Buch Genesis2 im Kaukasus „wieder“ angesiedelt wurde, fand ab ca. 5.000 v. Chr. im Mittelmeerraum seine Verbreitung. Mit dem Weinexport weiteten sich die Anbaugebiete im östlichen Mittelmeerraum aus, und so wurde spätestens um ca. 2.000 v. Chr. der Wein auch in Griechenland heimisch3. Die Bezeichnung für das Weingetränk wanderte mit und setzte sich in der jeweiligen Sprache fest. Sowohl das lateinische vinum, als auch das altgriechische οἶνος weist eine etymologische Gemeinsamkeit mit dem hebräischen Wort (yayin) auf. Dies zeigt beispielhaft, dass der Ursprung des Begriffes Wein – indogermanisch sowie semitisch – auf eine Quelle zurückgeht4. Ein Grund dafür ist, dass lange bevor der Weinstock in dem jeweiligen Gebiet domestiziert wurde, das Weingetränk bereits ein beliebtes Handelsobjekt war. Auch die Entwicklung eines eigenständigen Begriffs für die Pflanze lässt sich dadurch begründen. Im lateinischen wird die Weinrebe als vitis bezeichnet. Vitis vinifera definiert die Gesamtheit der Pflanze und kann – vereinfacht – mit edler Weinstock übersetzt werden. Selbige Bedeutung gilt für das griechische Wort ἄμπελος und die hebräische Bezeichnungגפן (gäpän) 5 .

2. „Weingötter“

Wein war seit jeher ein Mysterium, da es diejenigen veränderte, die davon tranken. Durch die bewusstseinsverändernde Wirkung des gekelterten Traubensaftes gelangte der Mensch in eine „andere Dimension“ und konnten dadurch in Kontakt mit dem Göttlichen treten.

Beweis dafür, dass dieser „göttliche Nektar“ in der Archaik bereits einen hohen Stellenwert hatte, ist die Aufnahme Dionysos6 in die Riege der olympischen Gottheiten. In der profanen Kunst waren es besonders die Abbildungen des Weingottes (Abb. 1), seines Thiasos und seiner Symposien, in denen weingefüllte Becher, Reben und Trauben Lebenslust und Sinnesfreuden wiederspiegelten. Eine Anspielung auf das Elysium offenbarte die Weinlese (Abb. 2), die oft in Katakomben, Mausoleen und auf Sarkophagen thematisiert wurde. Im Zuge der Expansion des Imperiums übernahmen die Römer diesen Kult und gaben ihrem „Gott des Weines“ den Namen Bacchus. Als Kaiser Theodosius die paganen Kulte im Jahr 392 n. Chr. verbannte, waren die Anhänger des Bacchus nur noch eine kleine Minderheit und repräsentierten eine „letzte Bastion“ zu den östlichen monotheistischen Bewegungen7.

3. Weinsymbolik im frühen Christentum

Auch in der frühchristlichen Kunst war die Weinsymbolik von hoher Relevanz, zumal sich das Thema Wein wie ein roter Faden durch die gesamte Bibel zieht. Da pagane Glaubenssysteme und das Christentum in der Antike nebeneinander existierten, gab es Überschneidungen, auf die der Verfasser anhand einiger ausgewählter Beispiele näher eingehen wird. Entscheidungskriterium für eine frühchristliche Zuweisung ist eine direkte Korrelation des Weinstocks bzw. der Weinranke, -blätter, -reben oder -trauben mit christlichen Szenen oder Symbolen, die sich im direkten Umfeld befinden. Wie schwierig sich eine eindeutige Zuordnung erweist, kann man am Goldmosaik mit „Christus als Helios“ (Abb. 3) im Julier-Mausoleum unter der Basilika S. Pietro erkennen. Obwohl die Darstellung mit Sonnenwagen, Nimbus und Weltkugel exakt der tradierten Sol-Ikonographie gerecht wird, spricht man ihr – durch die Begleitszene mit Jona an der Ostwand – einen christlichen Charakter zu8. Die Weinranken rund um die Abbildung verdoppeln die interpretatio als sterbender und wiederauferstehender Gott, die durch christliche Auslegung zur ascensio domini wird. Eine zweifelsfreie Identifikation pro christlich oder pagan kann jedoch nicht vorgenommen werden.

Aufgrund der Komplexität hat der Verfasser versucht die Weinsymbolik in Typen zugliedern, um dadurch eine Sinnverschiebung chronologisch fassbar zu machen.

a) Volksbaum

Begonnen wird mit einer nur mittelmäßig erhaltenen Exodusdarstellung aus dem 4./5. Jh. n. Chr. in der Nekropole von Bagawat. Betrachtet man das gesamte Bildprogramm in der Auszugskappelle so legt sich der Zug der Israeliten wie ein Band um die Kalotte des Bauwerks. Trennendes Element zwischen den Israeliten und Ägyptern ist ein Weinstock, der inmitten der beiden Lager empor wächst. Dieser steht als Allegorie für Israel, das Volk das aus Ägypten „weggetragen“9 wird und sofort bei seiner Ankunft im gelobten Land mit der Besiedelung beginnt10. Das große Gebäude mit Arkaden (Abb. 4), zu dem eine Treppe hinaufführt, scheint das himmlische Jerusalem11 zu repräsentieren, und durch die beigefügten Kreuze mutiert das Volk Israel zum Gottesvolk des neuen Bundes: der Ecclesia. Der hl. Ambrosius formulierte dazu den Kehrschluss: „Das Volk der Kirche gleicht einem Weinstock“12. Ein weiteres Indiz dafür, dass es sich hier um frühchristliche Malerei handelt, kann man in der Gegenüberstellung13 zwischen dem Hirten an der Ostseite im mittleren Register und dem darunter abgebildeten Opfer des Abrahams erkennen (Abb. 5). Isaak symbolisiert das Christenvolk, das durch den Opfertod des Widders – sprich Jesu14 – ewiges Leben erlangt.

Neben der Fülle an alttestamentlichen Szenen wird in der Auszugskappelle auch das pagane Jenseitsbild des Elysiums aufgegriffen. Zwischen den Weinranken erkennt man an Trauben pickende Vögel, welche die Seelen der Verstorben symbolisieren und ewige Seligkeit trinken. Im christlichen Sinn stehen die Vögel für die Gemeinde, die von der Eucharistie lebt. Näheres dazu wird weiter unten abgehandelt.

[...]


1 LÄ 6 (1986) 1169 s. v. Wein (C. Meyer).

2 Vgl. Gen 8, 4 und 9, 20. Nach der Sintflut landete Noah mit seiner Arche im Ararat Gebirge und wurde zum ersten Ackerbauer, der einen Weinberg pflanzte.

3 DNP 12,2 (1996) 423 f. s. v. Wein (K. Ruffin).

4 R. Fröhlich, Die Zisterzienser und die Weinberge in Brandenburg. Berlin 2010. Die genaue Herkunft des Wortes konnte bisher noch nicht eindeutig nachgewiesen werden. Etymologen nehmen an, dass sich Wein – georgisch gwino – auf eine altkaukasische-pontische Sprache zurückführen lässt.

5 H. Genaust, Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3Basel - Bosten - Berlin - Birkhäusern 1996, 688 f.

6 DNP 3 (1996) 651-664 s. v. Dionysos (R. Schlesier).

7 M. Prollius - I. Sigarida, Der historische Jesus, das frühe Christentum und das Römische Reich. Norderstedt 2002, 128-134.

8 Näheres bei M. Wallraff, Christus verus Sol. Sonnenverehrung und Christentum in der Spätantike. JbAC Erg.-Bd. 32. Aschendorff 2001, 158-162 und D. Knipp, ‘Christus Medicus’ in der frühchristlichen Sarkophagskulptur. Ikonographische Studien des späten vierten Jahrhunderts. Supplements to Vigiliae Christianae 37. Leiden 1998, 41-45.

9 Ps 80, 9-10: »Einen Weinstock hast du aus Ägypten weggetragen, du hast Völker hinausgeworfen und ihn eingepflanzt; du hast vor ihm einen Weg bereitet, und du hast seine Wurzeln eingepflanzt und das Land wurde erfüllt. Sein Schatten bedeckte die Berge und seine Ranken die Zedern Gottes. Er streckte seine Zweige aus bis zum Meer und bis zum Fluss die Triebe«.

10 A. Cordes, Die Asafpsalmen in der Septuaginta. Der griechische Psalter als Übersetzung und theologisches Zeugnis. Herders biblische Studien 41. Freiburg im Breisgau 2004, 182. Die Zeitspanne zwischen dem »Wegtragen« und »Einpflanzen« – also 40 Jahre – stellt sich im göttlichen Maßstab gering dar.

11 Offb 21, 2: »Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat«.

12 A. Heilmann (Hrsg.), Texte der Kirchenväter. Eine Auswahl nach Themen geordnet. Bd. 4. München 1964, 38.

13 Nach M. Zibawi, Koptische Kunst. Das christliche Ägypten von der Spätantike bis zur Gegenwart. Regensburg 2004, 25-31.

14 Joh 10, 11:» Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe«.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Weinstock in der frühchristlichen Kunst. Die unsichtbare Welt hinter der Weinsymbolik
Untertitel
Uva eram, vino ero
Hochschule
Universität Wien  (Klassische Archäologie)
Veranstaltung
Pflanzen in der frühchristlichen Kunst
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V316004
ISBN (eBook)
9783668165595
ISBN (Buch)
9783668165601
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weinstock, kunst, welt, weinsymbolik
Arbeit zitieren
Alexander Schobert (Autor:in), 2013, Der Weinstock in der frühchristlichen Kunst. Die unsichtbare Welt hinter der Weinsymbolik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316004

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